Prosa

Korana Serdarević: Etwas Vertrautes

KORANA SERDAREVIĆ wurde 1982 in Zadar geboren, wo sie auch die Grundschule und das Gymnasium besuchte. An der Philosophischen Fakultät in Zagreb machte sie ihren Diplomabschluss in Kroatistik und Vergleichenden Literaturwissenschaften. Sie war als Kulturjournalistin beim Tagesblatt Večernji list und der Wochenzeitschrift Forum tätig, des Weiteren Mitarbeiterin bei mehreren Wochenjournalen und Internetportalen. Seit 2013 un­terrichtet sie am Gymnasium und übersetzt freiberuflich aus dem Englischen. Im Jahr 2013 erhielt sie zweimal den ersten Preis für ihre Kurzgeschichten: den Ranko-Marinković-Preis for die Kurzgeschichte Kravosas ("Vierstreifennatter") und den Zlatko­- Tomičić-Preis für Ptice ("Vögel"). Mit dem Ranko-Mainković-Preis für Kurzgeschichten wurde sie ein zweites Mal 2016 ausgezeich­net. Ihre Texte wurden in allen relevanten Literaturzeitschrif­ten veröffentlicht sowie im Dritten Programm des kroatischen Rundfunks.



 
KORANA  SERDAREVIĆ
 
 
Etwas Vertrautes
 
 
Dichter Schnee ist gefallen. Ich gehe nur selten alleine spa­zieren, heute aber hat mich mein Bruder angerufen. Er hat mich zum Essen eingeladen. Andrija lebt etwa fünfzehn Straßen weiter und ich fahre stets mit der Straßenbahn zu ihm. Heute allerdings, wo der Schnee unter den Füßen knirscht und sich wie Schaumgebäck im Mund zusam­menzieht, habe ich den Wunsch, einen Spaziergang zu machen.
In die Tiefparterrewohnung mitten im Zentrum bin ich vor zehn Jahren gezogen. Ich lebe in einer gemieteten Einzimmerwohnung und arbeite als Verkäuferin in einem Bio-Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wäh­rend mein Diplom am Boden des Kleiderschrankes liegt, in einer Kiste voller Skripten zu den Themen Genetik von Industrie-Organismen und Evolutionsmechanismen. Ich bewahre diese Skripten immer noch auf, weil sie mich an Ideen erinnern, die mich einst fasziniert haben. Alle ande­ren Skripten habe ichweggeworfen. Ich brauche Platz in der Wohnung. Sie muss groß genug sein für jede gewünschte Veränderung. Diese Veränderungen sind meist winzig klein und unbedeutend, entstehen durch den Lauf der Zeit oder vorhersehbare Ereignisketten. Ich lebe alleine und gehe nur selten weg. Manchmal bin ich einsam, aber alleine schlafe ich am besten.
 
"Falls es dir nicht zu spät ist, dann komm auf einen Sprung vorbei", hat mir Leo gestern Abend am Telefon gesagt, sowie bereits vorgestern und beinahe alle Abende zuvor. Leo ist vorhersehbar und das ist stets beruhigend. Ich bin ein Gewohnheitsmensch und liebe ruhige Tage, an denen alle anstehenden Verpflichtungen und Termine an­genehm über den Tag verteilt sind. Ich gebe mich dem Le­ben in einem klar strukturierten Rhythmus hin und neige nicht zu großen Veränderungen. Ich möchte sie nicht. In unbekannten Situationen verhalte ich mich kindisch, unvernünftig. Und die Vernunft ist die Hand an die ich mich am festesten klammere. Und genau deswegen packt mich ja auch die Angst, wenn ich merke, dass ich vergesslich ge­worden bin. Ich schaue ein altes Foto von mir an, auf dem ich lache und mein ganzes Gesicht scheint zu strahlen, kann mich aber absolut nicht mehr erinnern, was mich in diesem Moment so glücklich gemacht hat. Und dennoch habe ich bisher wegen meiner Vergesslichkeit noch keinen Arzt aufgesucht. Nur Leo habe ich davon erzählt und zwar gestern.
"Wer kann sich denn schon an alles erinnern", hat er da­rauf gesagt. "Duwirst dir doch wohl deswegen keine Sorgen machen", hat er hinzugefügt und sich dabei eine volle Hand Trockenfrüchte in den Mund geschoben.
Leo ist gut gebaut, hat schöne Schultern und einen mar­kanten Kiefer. Wenn er kaut, dann tut er dies mit seinem gesamten Körper und hinterlässt dabei den Eindruck von einem viel kühneren Mann, als er es tatsächlich ist. Er hat gütige, braune Augen und trägt eine ganz einfache Frisur, für die er so wenig ausgibt, wie nur möglich. Er arbeitet als Sportlehrer, und wir haben uns in dem Laden kennen­gelernt, in dem ich arbeite. Leo ernährt sich gesund und kocht stets nach Rezepten. Nachdem ich mich bereits zum fünften oder sechsten Mal über den Kassenpult zu ihm hin­übergelehnt hatte, damit er seine Rechnung unterschreibt, hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, mal mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. "Irgendwann, wenn Sie mal Zeit haben", er lächelte den Boden an, nervös. Ich antwortete:
"Heute ware es mir recht".
 
Es war Winter, die Menschen hatten es eilig, von einem Innenraum in den nächsten zu gelangen, unsichtbar unter den riesigen Stoffmengen, mit denen sie ihre gesamten Körper verdeckten, mit Ausnahme ihrer Köpfe, die durch die Straßen glitten und dabei weiße Spinnweben nach sich zogen. Eigentlich war es an dem besagten Tag zu kalt für diesen leisen Schnee, der mir über das Gesicht fiel, während ich zu unserem Treffpunkt schritt. Leo wartete bereits vor dem Café, die Hände in den Taschen seiner Sportjacke. Er hatte nicht alleine das Café betreten, ein Getränk bestellen und inmitten fremder Leute sitzend auf mich warten wol­len. Seine Nase war wegen der Kälte bereits blau angelaufen. Wer weiß, wie viel zu früh er gekommen war. So zittrig und unsicher wie er war, reichte er mir seine Hand und wir konnten hineingehen.
 
Als ich ihn an diesem ersten Tag durch die dicke Glastür führte, wusste ich, dass ich mich niemals in ihn verlieben würde. Unsere gesamte Beziehung stand vor mir, in diesen wenigen Schritten von der Türschwelle bis hin zum letzten Tisch in der Ecke rechts, einem Tisch, den ich ausgewählt hatte. Es war verraucht, und die Belüftungsanlage über uns surrte hysterisch, es gab zu viele Menschen, alle unterhielten sich und lachten und ich hatte den Eindruck, ich sei irgendjemand, irgendwo.
Auch wenn es draußen bereits dunkel war, bestellte sich Leo einen Kaffee, stellte mir weder viele Fragen, noch erzählte er viel über sich selbst, genauso, wie ich es auch erwartet hatte. Weder damals noch sonst irgendwann später überraschte er mich. Anfangs glaubte ich noch, ich sei zu jung, um das Ganze zu genießen, aber ich blieb in der Beziehung aus Faulheit, die Zärtlichkeit abzuweisen, selbst wenn diese ganz alltäglich war. Mit der Zeit gewann ich ihn lieb, im Bewusstsein, dass man eine jede Person mit der Zeit liebgewinnen kann, wenn man nur lange genug mit ihr zusammen bleibt. Eine solch natrliche Anpassung des Menschen an ein gemeinsames Leben, eine solche ru­hige Liebe erleichtert einem das Erdulden des Anderen, eines wenig beeindruckenden, gewöhnlichen Anderen, der nichtsdestotrotz nachts warm ist, dein ist, mit dem man teilt und plant. Leo hätte im Grunde genommen jeder gute und intelligente Mann sein konnen, klar. Ich blieb mit ihm zusammen, aus demselben Grund, aus dem man auch eine Hose behält, die zwar deiner Figur nicht schmeichelt, aber bequem ist und zu der die meisten T-shirts in deinem Schrank durch Farbe oder Textur passt. Und dennoch ist eine solche Hose niemals das, was dich schön aussehen lässt. So geht es mir mit Leo.
Heute ist ein herrlicher winterlicher Sonntag und ich bin zu Fuß unterwegs zu meinem Bruder. Auf den Straßen befinden sich nur wenige Autos und sobald ich in die Sei­tenstraßen abbiege, verschwinden sie gänzlich. Kaum ein Gebäudeeingang ist bereits vom Schnee geräumt, es schneit immer noch in winzigen Flocken, die die Farbe meines Mantels verändern. Die hohen Gebäude in der Ferne tauchen ihre Betondächer ins Grau.Nur ein Mann ging an mir vorbei, er trug eine feuchte Zeitung unter dem Arm und hatte es eilig. Ich blicke var mich hin. Es ist still und schön, auch wenn ich spüre, dass ich nicht ganz ruhig bin. Ich bin schon lange nicht mehr entlang dieser Straßen spazieren gegangen.
Vor einem mir bekannten zweistöckigen Gebäude, in dem ich während meiner Studienzeit ein Zimmer gemietet hatte, steht ein großgewachsener Mann und kratzt mit einer Schaufel den Schnee vom Boden und kehrt ihn anschlie­ßend zur Seite. Etwas an seinen Bewegungen hypnotisiert mich. Seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr eine solche Ent­schlossenheit bei einer solch banalen Arbeit gesehen. Als er sich umdreht, kann ich erkennen, class er einen dunklen Teint hat, dass seine Gesichtszüge ebenmäßig und scharf sind und dass seine Augen ganz auf die Aufgabe fokussiert sind, die er gerade erledigt. Ich fühle mich van ihm ange­zogen. Ich bleibe stehen vor dem Haus, das ich kenne, vor ihm, den ich nicht kenne.
Links und rechts vom Eingang hat sich bereits ein schmutziger Schneehaufen angesammelt, der braun ist von Erde und Katzenkot. Ich möchte den Mann näher be­trachten, aber die Umgebung zieht mich in einen Sog der Erinnerung.
Ich stelle mir vor, wie ich, wenn ich jetzt durch den Hof gehen und durch das linke Fenster hineinblicken würde, dort wieder den verrückten Halid sehen würde, wie er mit zerzaustem Bart und in einem grauen Hausmantel, der immer viel zu fest um die Taille gebunden war, auf einem Holzstuhl var dem Fernseher hockt. Pausenlos zog er den Gürtel mit beiden Händen fester zusammen , als ob sein Leben davon abhinge, dass der schmutzige Mantel nicht auf den Boden fiel, um seinen Körper gebunden blieb und ihn in der Mitte abschnürte. Würde ich mich noch weiter durch das Fenster lehnen, so könnte ich bestimmt auch jene verfluchten Tiere sehen, wie sie aus Halids allen Sachen herauslugen: von der ausgeleierten Couch, von der Kom­mode und vom Tisch, auf dem graue, weiße und gelbe Kat­zenschwänze Teller mit Überresten von Nudeln, Eiern und Polenta umschifften. Ununterbrochen schlängelten diese stinkenden dürren Aale überall herum und streiften sowohl Menschenbeine als auch Tisch- und Bettbeine. Hundertmal hatte ich dieses Zimmer betreten, um von der Schwelle aus die entlaufenen Katzenviecher wieder hineinzuwerfen, aus deren Fellen die Flöhe wie verrückte Funken heraus­sprühten, um sich anschließend überall auf den Wänden zu verstreuen und sich am Ende unter der Fußmatte meiner Zimmertür anzusammeln. Es war unmöglich, den alten Halid davon zu überzeugen, die Tiere loszuwerden oder sie zumindest sauber zu halten . Sie vermehrten sich unkont­rolliert im Eckschrank seiner Küche, es gab von ihnen im­mer mehr und mehr, sie wurden immer magerer, und ihre Felle wurde immer hässlicher. Immer und überall waren diese knochigen Vierbeiner, sie miauten und sabberten die Teppiche, Böden und Schränke voll. Sie sahen wie eine Krankheit aus, und ich begann sie zu hassen. Wegen Halids Katzen war mein ganzes Zimmer mit giftigem Flohpulver eingesprüht und ich bewegte mich auf diesem weißen Boden und verfluchte den alten Wahnsinnigen und seine Obsession, die mit der Zeit auch zu meiner wurde.
Erst nach knapp zwei Jahren kam endlich meine Mutter, um mir beim Umzug in ein neues Zimmer zu helfen. Ich erinnere mich, wie ich sie vom Fenster aus näherkommen sah. Als sie das Eingangstor öffnete, schlich sich eine gelbe Katze davon und flüchtete auf die Straße. Nur noch dieses eine Miststück war mir noch übrig geblieben.
Ich stehe immer noch auf dem kalten weißen Boden, di­rekt vor dem Fenster des alten Halids, es sind mittlerweile über fünfzehn Jahre vergangen, seitdem ich das letzte Mal einen Floh an der Wand gesehen habe. Der Mann hat bereits fast den gesamten Schnee weggeräumt, der Weg vom Tor bis zur Tür ist sauber, umgeben von Schneemauern. Damals, als ich noch hier lebte, hinter dem Fenster rechts von seinen Schultern, konnte niemand im Haus den Schnee so ordentlich räumen. Wir haben nur abwechselnd wie wahnwitzige Häftlinge mit den Schaufeln herumgefuchtelt und dabei stets zu wenig aufgeladen. Dieser Mann hier allerdings weiß, was er tut, und seine Schaufel ist voll. Während er sie in die weißen Schneeberge rammt, hört man den Klang reiner Kraft. In mir wird es warm, ich kann nicht aufhören, ihn anzusehen . Wenn ich bloß immer noch hier wohnen würde, ich würde hinausgehen und ihm für seine geschick­ten Hände danken. Ich würde ihm Kaffee und Kuchen anbie­ten. Korn men Sie herein und wärmen Sie sich ein bisschen, wiirde ich sagen und die Tür hinter uns schließen.
Am Fenster meines einstigen Zimmers bewegten sich leichte weiße Gardinen, doch niemand zeigte sich.
 
Ich beschloss, näher heranzugehen. Der durchquerte Schnee war an einigen Stellen bereits zu einer Wasserlache geworden und ich machte so große Schritte wie ich konnte, um nicht hineinzutreten. Ich blieb vor dem Eingangstor stehen. Ich weiß nicht, woher dieser Wunsch in mir aufge­kommen ist, gerade jetzt, in diesem Moment, so spontan etwas zu unternehmen. Es muss an diesem Ort, diesem Gebäude und seinen Fenstern liegen.
Mit der Handfläche entfernte ich den Schnee vom roten Briefkasten. Mein Handschuh war sofort nass.
Der Mann war mit seiner Arbeit fertig, er lehnte die Schaufel an die Tür, zog seine Handschuhe aus und drückte den Türgriff nach unten. Die Tür quietschte. Die weißen Gardinen bewegten sich erneut. Es schien beinahe so, als seien sie auf die Bewegungen des Mannes abgestimmt, als ob das verdammte Haus lebendig wäre und mich wegen meiner Unentschlossenheit  auslachen würde.
Gerade als ich mich in Bewegung setzen wollte, konnte ich nicht mehr. Ich spürte plötzlich meine Finger in den Handschuhen nicht mehr, meine Zähne klebten aneinander, ich atmete schwer und hatte das Gefühl, meine Gesichtshaut könnte jederzeit platzen, so wie die dicke Eisschicht eines Sees, jenes Sees, den sie heute Morgen in einer Doku gezeigt haben. In Dokumentarfilmen hat der Erzähler immer eine samtige und gefasste Stimme und ich versuchte mir so eine herbei zu beschwören, damit sie mich beruhigt, ich dachte an die Vögel, die in Schwärmen vom Wasser aus abheben und schloss die Augen.
"Hallo? Hören Sie mich?"
Vor mir stand ein wunderschöner Mann, bestreut mit Schnee, als sei er gezuckert. Ich habe nicht geantwortet. In meiner Brust hatte sich ein Tier eingenistet, es hätte auch eine Katze sein können, ja, eine Katze mit langen scharfen Krallen, die sie in meine Lungenflügel bohrt. Ich spürte, dass mein Mund geöffnet war, trotzdem konnte ich weder durch die Nase noch durch den Mund Luft holen. Vor die­sem Mann erstarrte ich vor Angst. Meine Augen suchten nach jemandem Bekannten, wie eine Ertrinkende gaffte ich umher, um mich an etwas Eigenes festzuklammern, etwas, um das ich mich schlingen konnte, wie ein Kind um die kurz davor wiedergefundene Mutter. Ich verfiel in reine Panik, wusste nicht einmal mehr, wohin ich ursprünglich unterwegs war. Der Mann sah mich weiterhin an, wieder­holte mehrmals seine Worte, wartete und ich traute mich irgendwie, ihm direkt in die Augen zu sehen. Es gab etwas Warmes in ihnen. Er runzelte die Stirn und lächelte gleich darauf. Obwohl, vielleicht war das auch nur ein Zucken, denn es war kalt und die Gesichter verkrampften sich wie Fäuste im Kampf.
"Mir geht es gut. Verzeihen Sie", brachte ich gerade noch heraus.
"Möchten Sie kurz hereinkommen..."
Ich schüttelte den Kopf und ging in Richtung Ende der Straße. Mein Herz raste. Der Mann öffnete das Eingangstor und holte mich in wenigen Schritten ein.
"Lassen Sie mich Sie bis zum Ende der Straße beglei­ten", sagte er.
Wir gingen nebeneinander. Ich tat so, als ob alles wie­der in Ordnung mit mir sei, und er fragte auch nicht mehr nach. Er holte eine Zigarette hervor, leckte sie ab, zündete sie an, blies eine Rauchwolke und zog sie anschließend erneut ein.
Ein Auto fuhr an uns vorbei, auf dessen Dach der gesam­ten Länge nach ein Weihnachtsbaum befestigt war. Dieser Anblick hatte etwas Rührendes an sich.
"Der Herbst ist die schönste Jahreszeit in dieser Stadt, aber der Winter ist auch nicht schlecht", lächelte er, die­ses Mal lächelte er mich ganz sicher an. Dankbarkeit ent­spannte meine Schritte, ermutigte mich und hob meinen Kopf. Der Fremde, dieser große dunkle Körper unter einem Tweedmantel sagt, er heiße Ensar. In seiner Stimme höre ich etwas Vertrautes.
"Leben Sie schon lange hier? ,,, fragte ich ihn.
"Etwa zehn Jahre. Das Haus gehört eigentlich meinem Vater".
"Ich wollte schon immer in einem dieser Häuser leben", sagte ich.
Ensar blickte mich an und lächelt erneut. In ihn könnte ich mich definitiv verlieben. Und dann, als wir gerade dabei waren, die Straße zu überqueren, schüttelte er mit bloßer Hand einige gelbe Katzenhaare von seinem Mantel ab.
 
 
Aus dem Kroatischen von Katarina Matić
 
 
 
 
KORANA SERDAREVIĆ
 
 
Zu viel schwarzer Sud
 
 
Heute stehen wir über den Herd gebeugt und betrachten den Kaffeetopf voll mit schwarzem Kaffee. Er ist pudding­glatt, sagst du. Schwarz so wie auch heute, wie auch gestern, wie auch morgen, denkst du, während du auf meine Bemerkungen antwortest. Du lachst, fängst schnell den geistreichen Moment ein. Das Lachen verfängt sich zwischen uns, strampelt wie ein kitzliges Ki nd.
Ich habe einen neuen Kaffeetopf für türkischen Mokka gekauft, glänzend und modern, zwei Portionen Schlaflosig­keit. Ganz ähnlich wie der kleine alte, in dem ich noch meine feuchten Studentenmorgen ertränkt habe. Ich habe einen Kaffeetopf für zwei Portionen gekauft, für dich und für mich, damit wir wie Kerzen gemeinsam über ihm stehen. 
Der Kaffee duftet und schwärzt sich, doch wir wun­dern uns, dass die unter ihm glimmende Feuerhitze ihn nicht emporschäumen lässt. Wie du und ich, denkst du und umfängst meine Taille und lachst über meine Fi nger, die am Herd herumpurzeln wie eine Zunge bei schweren Reimen. Deine Augen sind dunkel und feucht.
Ich kenne dich aus einer Geschichte. Du hast den Na­men, das Gesicht und den Gang einer der Hauptfiguren. Du bist diese Figur. Streust mit der einen Hand Parmesan über die fein angerichtete Pasta, und mit der anderen löschst du deine Zigarette in dem überquellenden Aschenbecher. Ich sitze am anderen Ende der Terrasse und spiele die Rolle mei­nes Lebens. Wenn du dein Mittagessen aufgegessen hast, werden wir uns treffen.
Der Kaffee ist gut, so dickflüssig und heiß (so unehrlich und verlogen, wirst du hinzufügen), ich werde dir bis zum Rande eingießen, damit Platz für nur einen Tropfen Milch bleibt. Du suchst im Regal nach dem Glas, das du mir im Supermarkt gekauft hast, damals, als ich dir etwas erzählt und gesagt habe, ich sei so wütend, ich müsse etwas zerschlagen. "Ich kaufe dir ein Glas, Mäuschen, hier, dieses schöne, teure, aber nur eines. Zerschlag es gut, später, hinter dem Geschäft, zerschlag es gut."
Du verstehst mich. Niemals beendest du meine Sätze, und deine schweben immer länger in der Luft. Die Worte, die du sprichst, türmen sich manchmal zu Säulen zwischen uns auf. Deinetwegen laufe ich mit dem Kopf durch die Wand, mit bloßen Händen und gelöstem Haar. Aber das ist nur manchmal so, es passiert mir wie schlechtes Wetter, eine kurze Krankheit.
Jetzt ist es gut, glaube ich. Jetzt ist dieser heiße Kaffee hier, der nach Morgen duftet, aber es ist schon später Nach­mittag und du wirst denken, jeder Morgen sei nur der Sud schwarzen gestockten Blutes, der nach deinen Nächten übrigbleibt.
Dennoch wirst du sagen, ich bin dir wichtig. Sagst, ich sei vielleicht die Bedeutendste überhaupt. Ich betrachte deine Knie, ich könnte schwören, ich erkenne sie wieder.
Ich nehme einen Schluck. Die Tasse klirrt über die Un­tertasse, die Finger glätten das Tischtuch, ein Bein schlägt sich über das andere.
Einmal saßen wir in einem Café, es war spät und die Musik war laut. Wir sprachen über eine verstorbene Schrift­stellerin, die du kanntest und dann machten wir Fotos und du fastest mich allzu fest um den Hals. Du hast gute Hände und lange Finger, an ihnen zog ich dich hinter mir her zum Tanzen. Später hast du mir ein Gedicht darüber geschrie­ben. Darüber, wie glücklich wir waren. Darüber, wie nur wir auf dieser Welt glücklich waren. Du hast es geschrieben. Eines Nachts, in einem Augenblick, der schnell verging, so wie das Leben vergeht.
 
Du möchtest noch Kaffee, ich spüre die Nervosität, die in deinen Bewegungen liegt , während du deine Ärmel bis zu den Ellenbogen hochschiebst. Dein Handy läutet, deine Mutter ruft an, du sprichst mit ihr, und deine Stimme ist zärtlich, freundschaftlich, vertraut.
Deine Mutter liebt dich. Deine Mutter liebt mich. Sie mag die Grübchen, die sich auf meinen Wangen bilden, wenn ich !ache. Ich nenne dich "Bärchen" und sie lauscht in ihrem Zimmer. Deine Mutter ist stark und aufrichtig, dein Vater die rote Wunde, die du mit weichen Kissen zudeckst und auf die linke Seite des Bettes schiebst.
Am Ende gibt es zu viel schwarzen Sud. Ich habe Lust, meinen Zeigefinger in dieser Dunkelheit zu versenken und so lange zu wühlen, bis sich mir ein Wunsch erfült. Ich erzähle es. Du nickst, aber drehst dich zum Fenster, möch­test zu deiner Jacke greifen, möchtest aufstehen, möchtest vorbeigehen. Sagst, Wünsche können sich erfüllen. Aber nicht so, nicht in Schwärze getaucht, nicht von ausgelaug­ten Geschichten, von müden Gestalten fremder Romane, fremder Folterkammern, fremder Lebensamputationen besudelt.
Du hast zu schreiben begonnen, schon vor einiger Zeit. Du erzählst mir von diesem Text schon Tage, Monate, Jahre lang. Von diesen Menschen, die einander gegenübersitzen und sich mit zersprungenen Tellern bewerfen, auf denen einst ihre Kinder Fleisch aufschnitten. Ein Bekannter hat mir gesagt, du hättest vor kurzem eine Biographie eingeschickt, in der du einen anderen Namen trägst und sagst, du seist Vater zweier Kinder.
Ich stelle die Tassen ins Spülbecken, sie ergeben sich und kippen um und aus ihnen quillt diese dickflüssige Schwärze. Meine Frage bleibt mir im Halse stecken. Hinter mir ertönt ein lauter Knall. Ich drehe mich um. An meinem Tisch steht ein großer Fremder mit feuchten Augen und die Scherben des feinen Glases knistern unter seinen Füßen.
 
 
Aus dem Kroatischen von Anna Sophie Schwendinger
 

 

o nama

Nagradu Sedmica i Kritična masa za mlade pisce dobila je Marina Gudelj

Pobjednica ovogodišnje Nagrade Sedmica i Kritična masa za mlade autore je Marina Gudelj (1988.) iz Splita.
Marina Gudelj nagrađena je za priču "Lee".
U užem izboru Nagrade za 2017. bili su: Alen Brlek, Katja Grcić, Marko Gregur, Marina Gudelj, Mira Petrović, Iva Sopka i Ana Rajković.
Ovo je treća godina Nagrade koju sponzorira cafe-bar Sedmica (Kačićeva 7, Zagreb).

intervju

Marina Gudelj: Mi smo generacija koja je dobila ostatke neke ranije i uljuljala se u pasivnost

Predstavljamo uži izbor Nagrade Sedmica&Kritična masa

proza

Marina Gudelj: Lee

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" 2017 - UŽI IZBOR

Marina Gudelj (1988., Split) diplomirala je hrvatski jezik i književnost na Sveučilištu u Zadru. Objavljivala je u Zarezu i na portalu KSET-a.

proza

Elena Ferrante: Genijalna prijateljica

Romani Elene Ferrante s razlogom su postali svjetske uspješnice i jedan od književnih fenomena ovog desetljeća, kako po odazivu publike u različitim zemljama, tako i po sudu kritike.
"Genijalna prijateljica" – prvi je dio romaneskne tetralogije o Eleni i Lili, pronicljivim i inteligentnim djevojkama iz Napulja koje žele stvoriti život u okrilju zagušujuće, nasilne kulture.
Ovdje donosimo uvodna poglavlja romana, a knjigu u cjelini - što preporučujemo - možete pročitati u izdanju "Profila".
Roman je s talijanskog prevela Ana Badurina.

proza

David Szalay: Duge rute

Pročitajte priču izvrsnog Davida Szalaya koji je bio sudionik Lit link festivala 2017 u Puli, Rijeci i Zagrebu.

David Szalay rođen je u Montrealu (1974.) u Kanadi odakle njegovi uskoro sele u Veliku Britaniju. Objavio je četiri prozne knjige, dobitnik je više književnih nagrada, a 2016. njegov je roman All That Man Is bio u užem izboru za Bookerovu nagradu. Szalay je uvršten u prestižni dekadni izbor najboljih mlađih britanskih romanopisaca časopisa Granta, kao i sličan izbor novina Telegraph. David Szalay pisac je minucioznog stila, naoko distanciranog, sa suptilnim i vrlo individualnim pomakom u tretiranju prozne događajnosti. Roman All That Man Is ono je što preporučamo za dulje upoznavanje, a za ovu priliku smo odabrali kratku priču Long Distance koju je napisao lani za radio BBC.

poezija

Ognjen Obradović: Oticanja

Ognjen Obradović (1992., Užice, Srbija) diplomirao je dramaturgiju na FDU u Beogradu, a trenutno je na poslijediplomskom studiju Teorije dramskih umjetnosti, medija i kulture na istom fakultetu. Izvedene su mu drame i radio drame: Nedelja: juče, danas, sutra (2013., BDP), Put u Lisabon (2015., Radio Beograd), Da mi je da spustim ovu suzu (2016., Radio Beograd).
Donosimo nekoliko pjesama iz zbirke poezije Oticanja (2016.), za koju je Obradović dobio nagradu Mladi Dis.

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