Prosa

Renato Baretic, Der achte Beauftragte. Dittrich Verlag, Berlin 2013.

Der kroatische Nachwuchspolitiker Sinisa Mesnjak fällt einer Intrige zum Opfer. Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, versetzt der Premierminister ihn auf die abgelegene Adriainsel Drittchen. Dort wird er mit der Aufgabe betraut, eine funktionierende Lokalverwaltung und Wahlen zu organisieren. Eine Herausforderung an der zuvor schon sieben Beauftragte gescheitert waren. Der intrigante Machtmensch stößt mit seinem Vorhaben auf Unverständnis, welches noch verstärkt wird durch den eigenartigen Dialekt, den die Inselbewohner sprechen. Als Assistent steht ihm der ortskundige Tonino zur Seite. Sehr bald realisiert Sinisa, dass er es auf Drittchen mit einer Welt zu tun hat, die nach eigenen Gesetzen funktioniert.

Der Roman ist im Original bereits 2003 erschienen und wurde mit den wichtigsten kroatischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung stammt von der kroatischen Literaturwissenschaftlerin Alida Bremer.



Am schmalen Uferstreifen standen vor einer kleinen Reihe betagter, niedriger Steinhäuschen ungefähr zwanzig Menschen unter Regenschirmen. Einer trennte sich von der Gruppe, Tonino warf ihm das Seil zu, das dieser geschickt auffing und um die alte Steinsäule legte. Siniša wusste nicht so recht, was er tun sollte, und hob seine Bierdose ein wenig in die Höhe, als wolle er jemandem zuprosten. Wie vor einem Dirigenten angeleitet hoben sich im selben Augenblick alle schwarzen Regenschirme am Ufer ein wenig in die Höhe. Angenehm überrascht hob Siniša seine Dose noch einmal hoch, dieses Mal sogar ein wenig höher, doch dieses Mal erwiderte niemand seine Geste.

-   Tonino, lebt ihr alle in den paar Häuschen? – fragte Siniša leise.

-   Nein, um Gottes willen, das ist doch der Hafen und das Dorf liegt oben, dahinter.

-   Dahinter?

-   Langsam, du wirst schon alles begreifen. Jetzt geh von Bord und pass auf, dass du nicht ausrutschst.

Siniša trat auf die Bugspitze, stieß sich mit dem linken Bein ab und sprang geschickt auf das nasse Ufer, direkt neben den Mann, der aus der Gruppe herausgetreten war, um ihnen zu helfen. Er klopfte ihm souverän auf die Schulter und lächelte ihn an, um sich dann mit demselben Lächeln an die anderen zu wenden:

-   Guten Tag, gute Leute!

-   Benvenuot, Signor Beautrotto – antwortete einer von ihnen ohne zu zögern und andere nickten mit ihren Köpfen. – Benvenuot auf dos Drittchen, diesos Stonerd, diese Lacrima dolla Pietra!

Obwohl er kaum etwas verstand, begriff er aufgrund des Tonfalls, dass es sich um einen höflichen Willkommensgruß handelte.

-   Besten Dank – sagte er, und ließ einen schelmischen Blick über alle Versammelten wandern. – Ich habe den Eindruck, dass wir uns ausgezeichnet verstehen werden... Ich werde freilich etwas Zeit brauchen, um Ihren Dialekt und Ihre Sitten kennenzulernen, aber ich verspreche Ihnen, dass ich fleißig und schnell sein werde. Natürlich wird das kaum ohne Ihre Hilfe gehen, aber ich denke, dass es im beidseitigen Interesse liegt, diese Situation schnellstens zu lösen... Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich sofort anfangen... Zum Beispiel, warum nennen Sie mich alle „Beautrotto“? Schon Tonino während der Fahrt und jetzt auch Sie. „Beautrotto“ hört sich irgendwie Italienisch an, aber es klingt auch etwas von einem schönen Trottel mit. Warum halten Sie mich eigentlich für einen Trottel?

Die Inselbewohner begannen sich ernst anzublicken und Tonino, der mit seinem Zeitungsbündel aus dem Boot heraussprang, sagte:

-   Langsam, Herr Beauftragter, es handelt sich offensichtlich um ein Missverständnis. Beautrotto hat mit einem Trottel nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Wir haben nur das Wort „Beauftragter“ ein wenig verkürzt, das war für uns alle ein neues Wort, und so wurde daraus „Beautrotto“, doch sehen Sie sich das Wort genauer an, dass ist der Beauftragte im Dialekt von Drittchen, ohne irgend eine böse Absicht.

Siniša blickte tief in seine Augen, aus denen nur Unschuld und Ehrlichkeit sprachen. Allerdings überraschte ihn der offizielle Ton Toninos. Offenbar wollte auch er ein wenig Autorität behalten. Sei es ihm gegönnt, der wird hier sowieso viel mehr als ein gewöhnlicher Dolmetscher sein. Die Stille dauerte zu lange an und Siniša spürte, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Er wusste, dass er etwas sagen musste, und er wusste auch, dass davon, was er sagen würde, das weitere Verhalten dieser durchnässten Heuchler abhängen würde.

-   Nun gut, dann bin ich erleichtert – sagte er endlich und bemühte sich, sein Lächeln nicht aus dem Gesicht weichen zu lassen. – Und, sind wir mit dem Protokoll zu Ende? Was hast du gesagt, wo ist das Dorf?

Er wandte sich per „Du“ an Tonino, um dem bisschen Autorität nicht zu erlauben anzuwachsen.

-   Da oben... Wie soll ich sagen, hm, hinter der Anhöhe da...

-   Wunderbar, lass uns vor Anbruch der Nacht dort sein.

-   Wollens Osolo? – fragte ihn im selben Augenblick einer aus der Gruppe, der dabei mit der linken Hand an einem Esel zog und mit der Rechten auf ihn zeigte. Aus dieser Pantomime erschloss sich Siniša der Sinn der Frage.

-   Nein danke, ich kann zu Fuß. Es ist doch nicht so weit...

Keiner antwortete.

Der Weg führte am Meer entlang und war nur auf dem ersten kurzen Abschnitt mit Steinen gepflastert, danach wurde er zum Pfad und war haargenau so breit, dass zwei Menschen dicht nebeneinander laufen konnten. Siniša, vor dem nur noch der mit seinem Gepäck beladene Esel lief, drehte sich einmal um und überlegte, dass dieses Empfangskomitee, das paarweise hinter ihm herlief, wie eine Schulklasse aussah, die sich auf dem Pflichtteil ihrer Abiturfahrt befand. Aber wer war der Klassenlehrer? Er selbst oder der Esel? Oder er selbst – der Esel? Oder dieser Bauer, der neben dem Esel lief und seinen Regenschirm über den Sattel und seine Tasche hielt?

-   Beachte die Macchia und die niedrigen Büsche auf unserer rechten Seite – überraschte ihn das Geflüster von Tonino. – Gewiss wirst du bemerken, dass sie sich in einer logischen Ordnung befinden und dass sie sorgfältig gepflegt sind. Sie versperren nämlich dem Unbefugten den Blick auf diesen Pfad.

Zwei, drei Schritte später blieb Siniša zum ersten Mal stehen und sah sich gründlich um. In der Tat, das niedrige Gebüsch am Wegesrand, in dem nur hin und wieder ein verkümmertes Bäumchen stand, verdeckte von der Meerseite vollständig den Blick auf den Pfad. Doch noch neugieriger machte ihn die Bucht selbst. Vom Boot blickend hatte er das nicht wahrgenommen, aber von hier aus sah die Bucht von Drittchen wie ein Binnensee aus, vollständig von Land umgeben. Dort wo das Land am flachsten war, im Nordwesten, wenn es überhaupt Nordwesten war, konnte man unter den niedrigen Wolken den gleichmäßigen blass rötlichen Widerschein des weit entfernten Leuchtturms sehen.

-   Du meine Güte! Ihr habt euch fein versteckt, was? – fragte Siniša Tonino, der nur mit den Schultern zuckte und den Mund zu einem etwas dümmlichen Grinsen verzog.

Ist das dort das Licht von einem Leuchtturm? – Siniša zeigte mit dem Finger in die Richtung. Tonino starrte auf den Widerschein an den niedrig hängenden Wolken und zuckte ein wenig mit seinem Kopf nach hinten. Sein Gesicht bekam augenblicklich den Ausdruck eines Kindes, das zum ersten Mal ein faszinierendes Bild sieht.

-   Siehst du es? Das rötliche Licht hinter dem Berg – fragte Siniša weiter. - Hallo, Tonino, hier spricht die Erde... Hej!

-   Lossense, Beautrotto, Tonino issscho... Es wirdscho, wie immor – wandte sich der an ihn, der ihn am Ufer begrüßt hat.

Siniša holte tief Luft und stieß sie kräftig heraus, bevor er sagte:

-   Mein Herr, ich verstehe kein Wort. Wie ich sehe, ist mein Dolmetscher zu einem Fels erstarrt. Ich erinnere daran, dass ich seit zehn Stunden unterwegs bin und dass ich zu müde bin, um mich an den heiteren Inselbräuchen zu beteiligen. Was zum Teufel geschieht hier eigentlich?

Das Gesicht des Bauern verkrampfte sich zu einer angestrengten Grimasse, ein Anstrengung, die nötig war, um etwas zu sagen, was dieser Beautrotto verstehen konnte:

-   Allen Tag... geht es... Tonino... so. Duoch in five Minutes ist passe. Nating!

-   Wie, er erstarrt für fünf Minuten? Er erstarrt und schaltet sich sozusagen ab?

-   Jes.

-   Und dann, kommt er zu sich und alles ist beim Alten?

-   Pasitiv.

Die anderen Bauern bestätigten mit heftigem Kopfnicken jeden Satz ihres Sprechers.

Zum ersten Mal nach beinahe zwanzig Jahren erinnerte sich Siniša an einen Jungen, der ungefähr in der fünften Schulklasse in sein Wohnviertel zog und schon im nächsten Sommer wieder umgezogen war. Auch mit ihm geschah etwas ähnliches, und beim ersten Mal war es am schlimmsten: sie spielten Fußball vor der Schule und stellten den Ankömmling ins Tor. Er erstarrte genau in dem Augenblick, in dem er ein wenig nach vorne hätte laufen sollen. Die ganze Mannschaft schrie ihn an, weil der Ball an ihm vorbei ins Netz rollte, doch er bewegte sich keinen Millimeter. Ein verrückter Junge, den wir Fisch nannten und der für die Gegner gespielt hatte, begriff als Erster die Lage und begann um den Ziegelstein, den wir als Pfosten verwendeten, herum zu dribbeln. „Tor... Tor... Tor... Und noch ein Tor...„ Alle anderen Jungen waren erschrocken, nur der Fisch kickte den Ball, und nach seiner Rechnung stand es schon 32:1, als der Kleine unter die Lebenden zurückkehrte. Er stand verwirrt da, blickte alle an und wiederholte nur „Wat is passiert? Wat is passiert?“ Der Arme, seitdem begann er ein bis zwei Mal in der Woche in diese seine autistischen Gruben hinein zu stürzen, später sogar jeden Tag. Gerade als sich sowohl er wie auch die ganze Schule daran gewöhnt hatten, kam der Sommer und der Kleine zog mit seinen Eltern fort, man sagte nach Slowenien, des Klimas wegen. Siniša hatte sich seitdem vielleicht zwei oder drei Mal an ihn erinnert, und nun war ausgerechnet sein Doppelgänger seine einzige Verbindung mit der mehr oder minder logisch geregelten Welt.

-   Was tun wir jetzt? Wird er wirklich in fünf Minuten zu sich kommen, oder wird er eine Lungenentzündung abwarten?

-   Mia konnen go, er kommscho hinter mia...

-   Und was, wenn er zu schlafwandeln beginnt und ins Meer fällt?

-   Duont bi afrejd. Er muovt nie, nichmol for en Haar.

-   Hmm... Wenn ich Sie richtig verstanden habe, schlagen Sie vor, dass wir weiter gehen, und er wird hinterher kommen, wenn die Starre vorbei ist?

-   Pasitiv!

Siniša versuchte das Zeitungsbündel von Toninos Schulter zu nehmen, um wenigstens diesen seinen Schatz vor dem Regen zu retten, doch die Finger des Unglücklichen umklammerten - blau vor Kraft - die Schnur.

-   Nun gut, dann lass uns gehen – sagte Siniša.

Hundert Meter weiter bog der Pfad hinter dem Berghang nach links ab. Toninos Platz neben Siniša und hinter dem Esel übernahm der suspekte Chef des Empfangkomitees. Er war vielleicht schon siebzig, klein und breit, mit unverhältnismäßig großen Händen, in einem einigermaßen gut erhaltenen schwarzen Anzug und mit abgenutztem Hut – er wirkte auf Siniša wie ein sizilianischer Don der alten Schule. Wer weiß, dachte er, vielleicht hat der Alte innen an der Haustür zwei abgesägte Doppelflinten hängen, gesichert, aber immer geladen... Der Regen ließ nach und der Wind wurde, nachdem er die Richtung gewechselt hatte, immer kälter. In der Kurve blieb Siniša noch einmal stehen und drehte sich um. Tonino stand genauso wie vorher, einem Denkmal ähnlich, dem Denkmal eines legendären Helden, der für alle Zeiten über den Frieden und die Sicherheit der Bucht wacht.

-   Du lieber Gott... – murmelte Siniša mehr für sich selbst und warf dann dem Sizilianer einen Blick und ein Lächeln voller Mitleid zu. Dieser antwortete mit einem identischen Lächeln und mit einem kurzen, schwachen Schulterzucken, legte dann seine dicke Hand auf Sinišas Schulter und schob ihn behutsam nach vorne.

-   Go...

Siniša erwartete, dass hinter der Kurve die ersten Häuser zu sehen sein würden, doch da war nur die Fortsetzung des Pfades, der nun in einen engen Pass zwischen zwei Hügeln eingehauen war. Er führte nur bis zur nächsten Kurve, leicht ansteigend. Siniša verspürte plötzlich das starke Bedürfnis, sich diese hundert Meter zu unterhalten, wenn es sein musste, auch auf Suaheli.

-   Hat dieser Pfad einen Namen? Eine lokale Bezeichnung?

-   Pfad no - antwortete der Eingeborene, blieb kurz stehen und zeigte mit einer Armbewegung auf den linken, höheren Hügel, den sie gerade hinter sich gelassen hatten. – Abuer hieris Vorder Mur und dortis, ouf dieser Soite, Hinter Mur. Frant Uol – Sekend Uol...

-   Ah so! Aha, das hier ist also die Vordere Mauer und das ist die Zweite Mauer... Entschuldigen Sie... Aber Sie sprechen auch eine Art Englisch, oder nicht?

-   Stralisch.

Stralisch, Stralisch, wiederholte der Regierungsbeauftragte für sich, und versuchte sich zu erinnern, wo er das schon gehört haben konnte und was es bedeutete.

-   Ah, Australisch! Stralisch – Australisch! Hab ich Recht? Sehen Sie, ich bin nicht einmal eine halbe Stunde hier und mache schon Fortschritte! – quasselte er und wunderte sich selbst über sein Brabbeln. Der Alte nickte ernst mit dem Kopf, und das ermutigte Siniša munter weiter drauf los zu plappern.

-   Aj Siniša! – er schlug sich auf die Brust und legte dann seine Hand auf den Schulter seines Gesprächspartner, - end ju?

-   Mi Bartul – antwortete dieser auf der Stelle. – Bart.

-   Bart! Bart Simpson! - scherzte Siniša laut und bereute es im selben Augenblick. Bartuls Gesicht versteinerte sich, als hätte er ein plötzliches Donnern gehört.

-   Negativ. Bart Naßfuß – nuschelte er und beschleunigte seinen Schritt.

Den Rest des Weges erklommen sie schweigend. Und dort, wo sich die Vorder Mur und die Hinter Mur wie zwei Riesenlippen zu vereinigen begannen, erstarrte Siniša so wie vor kurzer Zeit Tonino. Rechts unterhalb der Biegung des Pfades erstreckte sich ein Tal wie auf einer kitschigen Postkarte. Eine breite Dorfstraße zog sich dadurch, mit Steinen gepflastert und glänzend vom Regen. An den sanften Berghängen entlang dieser Straße standen Steinhäuser in zwei-drei geordneten Reihen, rechts und links jeweils ungefähr dreißig vorwiegend einstöckige Häuser. An beiden Enden der Hauptstraße befand sich je eine kleine Kirche ohne Turm, nur mit kleinen, niedrigen Glockentürmchen über den Portalen. Das ganze Dorf war von Steinmauern umgeben, und vor diesen Mauern wuchsen alle möglichen Pflanzen. Auf dem linken Abhang, der nach Süden lag, gab es Weinreben, und...

-   Uff, ihr seid ja nicht viel weiter gekommen – hörte der erstarrte Siniša eine bekannte Stimme in bekannter Sprache hinter seinem Rücken. Ganz durchnässt und außer Atem lächelte ihn Tonino wie ein Kind an. Eine nasse Haarsträhne hing über seiner Nase und klebte an ihr.

-   Und, was sagen Sie, Herr Beauftragter? Beeindruckend, nicht wahr?

-   Ja, ja... Es sieht wunderbar aus. Und du? Geht es dir gut?

-   Kein Problem, kein Problem – beeilte sich Tonino verlegen. – Ich werde es Ihnen schon erklären, aber glauben Sie, es gibt wirklich kein Problem... Und das Dorf sieht so aus, nicht wahr?

Tonino warf das nasse Zeitungsbündel auf den Boden und legte seine leicht gekrümmten Handflächen zusammen, als wolle er sein Gesicht waschen.

-   Ihr habt zwei Kirchen? – fragte Siniša, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte.

-   Ja – antwortete Tonino prompt; alle Anzeichen seiner Benommenheit waren verschwunden. – Der Heilige Eusebius und der Heilige Polion, wie in der nordkroatischen Stadt Vinkovci. Nur dass die beiden dort eine gemeinsame Kirche haben, und hier hat jeder seine eigene. Heileusebi und Heilopoli.

-   Heileusebi und Heilopoli... – wiederholte Siniša nach einigen Sekunden der Stille. Er verspürte, wie ihn eine plötzliche Müdigkeit überwältigte, begleitet von einem inneren, unsichtbaren Schüttelfrost, wie jedes Mal nach einer langen und anstrengenden Reise.

-   Ich glaube, dass ich für heute genug habe – sagte er. – Wo werden Sie mich unterbringen? Ich muss mich gut ausschlafen, damit wir uns morgen an die Arbeit machen können.

-   Bei mir natürlich, wie einen echten Beauftragten. Sie werden gut zu Abend essen, es sich gemütlich machen...

-   Nein, werde ich nicht, Tonino. Ich werde mich nur hinlegen und schlafen. Bring mich einfach hin, und erzähl mir nichts mehr, bitte.

Die letzten Worte sprach Siniša langsam aus, kalt und warnend. Er spürte, wie „der wahre Siniša“ von ihm Besitz ergriff. Mit diesem Namen bezeichnete Željka seine Anfälle schrecklicher Nervosität und Wut, die ihn manchmal überkamen, plötzlich und intensiv. „Der wahre Siniša“ hatte ihm nie besondere Sorgen gemacht, bis ihm Željka diesen Namen gegeben hatte, eine halbe Stunde nachdem er das Hemd zerrissen hatte, das sie ihm bügeln wollte, aber er hatte es ihr nicht erlaubt. Er begann über diesen Dämon in ihm nachzudenken, er suchte nach der Stelle, an der sich das Glöckchen befand, das ihn herbei rief, aber alles, was er mit seinem Verstand begreifen konnte, war die Erkenntnis, dass „der wahre Siniša“ im Augenblick seines Erscheinens mit dem irrationalen und starken Verlangen verbunden war, sofort und ehe man noch mit den Fingern schnippen konnte allein zu bleiben. Angesichts der Gestalten, mit denen er in den letzten Jahren zusammen gewesen war, war das nicht weiter verwunderlich. Verwunderlich war nur, dass „der wahre“ von ihm Macht ergreifen konnte, auch wenn er sich in angenehmer Gesellschaft befand. Mit der Zeit lernte Siniša „den wahren“ zu erkennen und zu kaschieren, bis zu dem Moment, in dem es ihm gelang, allein zu bleiben, doch dann war er in der Regel zu erschöpft, um den Sieg auf den beiden Kampfplätzen zu genießen.

Jetzt und hier erschien es ihm so, als würde er sich auf dieser sinnlosen, überflüssigen Insel mitten in der Adria ganz allein besser fühlen, als in der Gesellschaft dieser immer düstereren Gestalten und ihrer verhängnisvollen Begrüßungszeremonie. Er beschleunigte entschlossen seine Schritte auf dem leichten Abhang und überholte den Esel und seinen Führer, während der langbeinige Tonino schweigend versuchte Schritt zu halten. Nachdem er den glatt polierten Stein, den ersten von den vielen, mit denen die ganze Hauptstraße gepflastert war, betreten hatte, rutschte er leicht aus und blieb stehen. Rechts von ihm lag das Kirchlein und vor ihm die kleine Loggia. Er drehte sich auf seinen Fersen um, und noch in der Drehung sagte er mit entschlossener Stimme:

-   Meine Herren...

Die Herren waren jedoch ganze fünfzig Schritte hinter ihm und Tonino zurück geblieben. Sie wurden nicht von einem „wahren Siniša“ getrieben und liefen weiter in ihrem eintönigen Rhythmus. Von hier unten gesehen, undeutlich unter dem dunkel gewordenen Himmel, sahen sie aus wie ein dicker schwarzer Wurm, der langsam in seine Richtung kroch und vor sich die Steinchen auf dem Pfad zermalmt. Ein riesiger, träger Wurm mit einem winzigen Eselsköpfchen...

-   Meine Herren – begann er von neuem, als der Esel zahm stehen blieb, den Kopf hängen ließ und einen Meter von ihm entfernt einmal geschnaubt hat. – Morgen ist Sonntag. Wann ist bei Ihnen hier der Gottesdienst? Ich frage deshalb, weil ich gerne alle nach dem Gottesdienst hier...

Tonino hüstelte direkt neben seinem Ohr.

-   Hm... Es gibt keinen Gottesdienst – sagte er leise.

„Der wahre Siniša“ zielte auf ihn mit einem irren Blick.

-   Ihr habt keinen Gottesdienst? Sonntags habt ihr keinen Gottesdienst?

-   Haben wir nicht – zuckte Tonino mit dem Schultern, als wäre es ihm peinlich.

-   Zwei Kirchen habt ihr in diesem... Zwei Kirchen, aber keinen Gottesdienst? Und was macht Euer Pfarrer?

-   Wir haben keinen. Ich werde es dir erklären.

„Der wahre Siniša“ trompetete zum Angriff und seine Kavallerie stürmte im Galopp von allen Seiten. Der achte Beauftragte der Regierung rief seine Truppen mit gespieltem Mut zusammen:

-   Okay, ihr habt keinen Gottesdienst! Morgen um elf möchte ich, dass alle hier erscheinen, in dieser Loggia oder meinetwegen davor! Wir haben viel zu tun, und ich glaube, dass es am besten wäre, sofort zu beginnen. Morgen um elf. Und... Danke für den Empfang. Ich weiß, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Gute Nacht.

Die Kolonne begann im selben Augenblick auseinander zu gehen, begleitet von kurzen, murmelnden Abschiedsgrüßen.

-   Wo schlafe ich? – fragte Siniša Tonino.

-   Bei mir, wie ich schon gesagt habe.

-   Führ mich hin, mein Vergil!

proza

Iva Sopka: Moje pravo, nezaljubljeno lice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista „Ranko Marinković“ 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade „Sedmica & Kritična Masa“ 2016. i 2017. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je i drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine. Trenutno živi u Belišću i radi kao knjižničarka u osnovnoj školi.

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Mira Petrović: Bye bye baby bye; Zana

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Mira Petrović rođena je 1989. u Splitu. Predaje engleski jezik iako bi više uživala s talijanskim. Piše prozu, ponekad odluta u poeziju. Objavila priče i pjesme na raznim portalima i u časopisima. Bila je u užem izboru za nagradu Sedmice i Kritične mase 2017. Jedna od deset finalista međunarodnog natječaja Sea of words 2016. Dobitnica Vranca – 2015. i Ulaznice 2016.

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Ivana Pintarić: Priče

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Ivana Pintarić (1988., Zagreb) je po zanimanju edukacijski rehabilitator. Piše poeziju i kratke priče. Ulomkom iz romana „Gorimo (ali ne boli više)“ ušla je u finale izbora za nagradu "Sedmica & Kritična masa" 2015. godine. Ulazi u širi izbor nagrade "Sedmica & Kritična masa" 2017. ulomkom iz romana "Ovo nije putopis o Americi". Bila je polaznica Booksine radionice pisanja proze pod mentorstvom Zorana Ferića. Objavila je radove na kultipraktik.org i booksa.hr. Objavila je i priču u časopisu Fantom slobode. Članica je književne grupe ZLO.

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Marin Ivančić: Karijatida

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Marin Ivančić (1991., Karlovac) diplomirani je pravnik na stručnom usavršavanju u Hrvatskoj komori ovlaštenih inženjera geodezije. Od zala birokracije dušu spašava čitanjem, županijskim nogometom, a odnedavno i pisanjem. Igra zadnjeg veznog u NK Dobra-Novigrad na Dobri, ima dobar udarac i pregled igre. Čitalački ukus mu je hipsterski eklektičan. Ovo mu je prvi objavljeni rad.

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Jelena Petković: Japan

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jelena Petković (1984.) diplomirala je povijest i engleski jezik i književnost na Filozofskom fakultetu u Osijeku. Živi i radi u Vukovaru.

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Luiza Bouharaoua: Zvučni zid

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luiza Bouharaoua (1985., Split) diplomirala je kroatistiku i anglistiku na Filozofskom fakultetu u Splitu. Radi u Skribonautima. Prevodi i piše. Prevela je roman Rachel Kushner "Bacači plamena" (Profil, 2017.). Kratke priče objavljivala je u The Split Mindu, Fantomu Slobode i na portalima Kritična masa i Nema. Priče su joj izvođene u na Trećem programu hrvatskog radija. Uvrštena je u regionalni zbornik "Izvan koridora - najbolja kratka priča" (VBZ, 2011.) i antologiju hrvatske mlade proze "Bez vrata, bez kucanja" (Sandorf, 2012.). Finalistica je natječaja Festivala europske kratke priče u 2016. i 2017. godini. Dobitnica je nagrade Ulaznica za kratku priču te nagrade Prozak za najbolji prozni rukopis autora/ica do 35 godina. U 2019. izlazi joj Prozakom nagrađeni prvijenac.

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Valerija Cerovec: Hotel Horizont (ulomak iz kratkog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Valerija Cerovec (1993., Čakovec) je vizualna umjetnica i spisateljica. Završila je preddiplomski studij modnog dizajna na Tekstilno-tehnološkom fakultetu i studij komparativne književnosti na Filozofskom fakultetu, a diplomirala na Odsjeku za animirani film i nove medije na Akademiji likovnih umjetnosti. Dobitnica je nagrade “Franjo Marković” Filozofskog fakulteta. Sudjelovala je u nizu skupnih izložbi i jednoj samostalnoj naziva “23. rujna, dan kad se ništa naročito nije dogodilo”. Članica je HDLU-a.

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Jan Bolić: Mrtvi kanal (ulomak iz neobjavljenog romana)

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Jan Bolić (1995., Rijeka) je autor koji boluje od progresivne bolesti spinalne mišićne atrofije tip 2 zbog koje ne može pomaknuti gotovo nijedan dio tijela, no i dalje, bez obzira na progresiju bolesti, uspijeva pisati s dva prsta koja još uvijek može pomaknuti i s njima stvara književna djela. Dosad je objavio dvije knjige: zbirku poezije „Trenutci“ (2016.) i zbirku poezije i proznih zapisa „Može biti lijepo“ (2017.). Jedna pjesma objavljena je i u zbirci poezije skupine autora iz cijele RH naziva „Petrinjske staze“ iz Petrinje. Povremeno objavljuje svoje radove na književnim portalima i svom Facebook profilu U trećoj knjizi odlučio se pozabaviti žanrom krimića.

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Andrea Bauk: Kult užarene krune

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Andrea Bauk (1985., Rijeka) je završila stručni studij vinarstva u Poreču nakon kojeg je radila razne poslove. Teme njezinog pisanja su SF, međuljudski, pogotovo obiteljski odnosi i tabu teme, a njezini likovi redovito su autsajderi i mizantropi. Nekoliko njezinih priča i pjesama objavljene su u sklopu književnih natječaja.

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Luka Katančić: Papirnati poljubac

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luka Katančić (1996., Zagreb) student je Pravnog fakulteta u Zagrebu. 2014. i 2015. godine osvojio je treće nagrade: „Stanislav Preprek“, „Joan Flora“, „Pavle Popović“, „Janoš Siveri“, „Rade Tomić“ te drugu nagradu „Duško Trifunović“ u Novom Sadu za poeziju u kategoriji do 30 godina.

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Dalen Belić: Ispovijed serijskog samoubojice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Dalen Belić rođen je 1997. godine. Živi u Pazinu, a studira engleski i njemački jezik na Filozofskom fakultetu u Rijeci. Objavljivan je u istrakonskoj zbirci Apokalipsa laži te zbirkama Priče o manjinama i Priče o Pazinu u sklopu Festivala Fantastične Književnosti. Osvojio je drugo mjesto na Riječkim perspektivama 2017. godine i prvo mjesto 2018. Jednu njegovu priču teškometalne tematike možete pročitati na portalu Perun.hr.

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