Lyrik

Olja Savičević: Gedichte

Prosagedichte aus dem Band Mamasafari, übersetzt von Blažena Radas, erschienen in der Zeitschrift "Neue Rundschau".



 

ZWEI

T. zeigt mir ein Graffito an einer Hauswand, sie sagt, jemand habe einmal die ganze Stadt voll geschrieben mit: Ich flehe dich an, komm nicht zurück.

 

Das ist Leidenschaft, sagt T.

 

Woher weißt du, dass es keine Botschaft für einen Fußballtrainer ist? Oder einen Politiker?

 

Frage ich.

 

Meinst du? Ach nein, ich glaube nicht. Aber mir ist eingefallen, dass das vielleicht an Orhan Pamuk adressiert war, als er aus der Türkei fortging.

 

Wir schweigen eine Weile und gehen auf den steilen Istanbuler Straßen. Ich denke immer noch, dass es um Fußball geht, doch ich poche nicht darauf, es ist immerhin ihre und nicht meine Stadt.

 

T. geht mir voraus und sagt mehr zu sich selbst: Das ist etwas zwischen zwei Menschen.

 

DER TEUFEL & DIE FREIHEIT

Um acht traf ich mich mit dem Teufel vor der Moschee in Galata, und er begann sofort über die Freiheit zu reden, weshalb ich dachte, er sei Redakteur einer Zeitung oder Diplomat.

 

Du bist in einer Stadt, in der es wirklich alles gibt und dich niemand kennt, bist du bereit, das alles zu nehmen, fragte er.

 

Aber ich bin nie richtig bereit und mich hat nie alles interessiert.

 

Der Teufel verdrehte die Augen, zog mich in die erste Schenke und stopfte die Delikatessen vom Menü in sich hinein: Lamm- und Geflügel­kebab, gefüllte Auberginen, gefüllte Weinblätter, Anisschnaps, Ananas am Spieß, Paprika mit Walnüssen, Schwarztee und Mandeln auf Eis, Muscheln, Eintöpfe, heißer Hummus, marinierte Makrelen, Böreks und Baklavas, Rindersalami und Schoko-Soufflé, Schafskäse mit Naanbrot, Leber und ein paar Würfel Zucker.

 

Du bist wohl sehr hungrig?, fragte ich vorsichtig. Und der Teufel griff nach dem staksigen bebrillten Kellner, tunkte ihn in Joghurt und biss hinein, spuckte die Brille aus, stieß zufrieden auf und sagte: Nimm alles, was dir das Leben bietet.

 

Aber ich bin nie richtig bereit und mich hat nie alles interessiert.

 

ICH SCHLIESSE DIE AUGEN, HÖRE DIE STADT

Orhan Veli Kanık

 

Morgens ist es das leise Saxophon von der Terrasse der nahe gelegenen Bar, hier oben auf der letzten Etage; Möwen, andere Vögel und das häufige Tuten des Schiffs vom Goldenen Horn, Straßenlärm, Gesprächs­fetzen vom Treppenhaus, eine fremde Sprache. Die übermenschliche Stimme vom Minarett begleitet das kollektive Gemurmel der Moschee, und später melden sich schreiende kleine Katzen von der Straße, niedlich aus der Nähe und mit kleinen Köpfen, dann östliche Rhythmen, eine Sängerin mit trauriger Stimme, Fisch- und Gewürzverkäufer, Performer mit Instrumenten, deren Namen ich nicht kenne. Auf der Istiklalstraße singt ein Alter und stirbt, sein Enkel hält das Mikrophon. Ich höre nicht die Straßenbahn klingeln und ein Junge mit weißen Zähnen, fast noch ein Kind, reißt mich von den Schienen weg. Seine Freunde lachen heiter, als ich sage: Du hast mein Leben gerettet. Taxifahrer, Kellner und Händler springen aus ihren Schachteln, bieten alles für ein paar Lira: Madame, Lady, nehmen Sie die Brille ab, Lady, damit ich Ihre Augen sehe. Menschen und Hunde und Autos, der Lärm der Fans. Und das Herz voller Blut, das in die Ohren pocht, das Ohr, das wie ein Auge blinzelt: Die Stadt ist ein DJ und hat mindestens 50 Millionen Hände, mit denen sie Platten auf vergoldeten Pulten dreht, auf Metzgerpulten, auf Händlerpulten, auf heiligen Pulten und mindestens 50 Millionen Menschen-, Hunde-, Katzen-, Gummibeine, Beine, die tanzen, als brann­ten ihre Sohlen und Pfoten, als entziehe sich der Boden, als entziehe sich alles dem Verstand.

 

DIE FRAU UNTER DEM HUT

Auf der bunten Straße durch den Beşiktaş habe ich mich nach Ortakoj aufgemacht.

 

Dieses Ortakoj ist ein unwirklicher Ort, aber drei Stunden schnelles Gehen – davon war nie die Rede. Hier gelten andere Verhältnisse.

 

An der Straße gehen Millionen Frauen vorbei, doch einen Hut hat keine.

 

Die Fischer im Hafen, die Taxifahrer in den Taxis, die Gläubigen vor den Moscheen, die Wächter mit den Gewehren, Mädchen neben Brunnen: eine Fremde unter einer breiten Hutkrempe.

 

Auf dem Rückweg, bin ja nicht verrückt, erwische ich einen Bus bis Taksim, der Schaffner sagt: Lire oder Kleingeld. Mir scheint, wir stecken in einer von drei endlosen Kolonnen fest und niemand verflucht einen anderen, die Reisenden betrachten das Geschehen durchs Fenster. Ich starre sie an (vielleicht wissen sie etwas), sie mich (unter Hutkrempen). Eine halbe Stunde bedeutet nicht viel. Die Verhältnisse sind wohl anders.

 

Und auf dem Taksim Millionen Frauen, doch einen Hut hat keine.

 

KLEINE STRASSE FÜR SEX

Ich lebe im Shopping Center der Welt, geöffnet von 0 – 24 Uhr. Es gibt Straßen für Leuchtkörper, spitzenbesetzte Lampenschirme, Kronleuch­ter, Glühbirnen aller Art, Leuchten überall und kein Ende in Sicht; dann Straßen mit Schrauben und Schraubenmuttern und endlose Reihen Fischrestaurants, eine Gasse, in der man Schafsköpfe kaufen kann und Innereien, die auch in keinen Anatomieatlanten vorkommen. Nicht weit entfernt ist eine rot-schwarze Straße mit Jazzklubs, und Teppichen, Teppichen, Teppichen, und jeder fliegt, Alleen mit Baklava und Lokum, Schaufenster, in denen Fleisch und Honig fließen und so weiter, bis die Beine schmerzen und der Verstand aufgibt.

 

Die Straße für Sex ist unansehnlich und steil, eine von vielen, auf der man zum Strand und den Docks hinuntergehen kann, wo die Schiffe zum Bosporus und nach Asien angebunden sind. Links an der Straße offene Schachteln mit losen Kondomen. Männer, die meisten jung, sitzen in Gruppen, auf Mauern und Treppeneingängen, rauchen und reden, warten, bis sie an der Reihe sind. Rechts keine Schaufenster, nur eine große Metalltür. Ein Flügel ist geöffnet und gibt den Blick auf ein kleines Haus an der Einfahrt frei: zwei Polizisten verlangen Personalausweise und überprüfen die Kunden, bevor sie sie in das Bordell lassen.

 

Frauen trifft man hier eigentlich nicht an, außer sie verirren sich und außer uns zwei.

 

T. sagt zu mir: Glotz nicht wie eine Bäuerin und nein, fotografiere sie nicht, ein Polizist könnte kommen. Wenn du sehen könntest, wie es am Tag nach dem Ramadan aussieht, die Schlange ist länger als die Straße.

 

Warum soll ich nicht glotzen, sage ich, sie glotzen uns auch an.

 

Ich führe Flaubert ins Feld, der hier einige Wochen verbracht hat und auch ein Bordell aufsuchte, genau das hier im Galata. Und an diesen Tagen entdeckte er – schrieb Flaubert an seinen Freund Bouilhet – sieben kleine Wunden am Penis, oh je. (Der Beginn einer Syphilis, die er sich wohl in Beirut geholt hatte, wie die Quellen berichten, was ihn aber nicht sonderlich daran hinderte herumzuhuren. Für mehr Informationen den etwas bissigen O. Pamuk konsultieren, Istanbul, Hauser, S.331)

 

Am Ausgang, Richtung Galatabrücke, wo die Winde vom Schwarzen und Marmarameer aufeinander treffen und die meisten Fischer Sardinen oder ähnliche Fische fangen, stoßen wir auf eine Kolonne verhüllter türkischer Teenager und viele Frauen unter Hidschabs: Sie tragen Trans­parente und palästinensische Flaggen. Während unser Blick sie begleitet, wandern die Augen der Fischer auf dem nackten Rücken einer Touristin umher, die gerade über die Brücke geht.

 

BRIEF AN MEINEN EHEMANN

Ich bin nicht beim Erdbeben umgekommen und die Bombe, die gestern in Istanbul wegen einer Wahlkampfveranstaltung explodierte, hat mich nicht getötet. Ich weiß, die Zeitungen bringen keine Nachrichten über Schattierungen von Türkis und Purpur in dieser Stadt, denn wen würde so etwas interessieren, das sind Sachen für Hausfrauen. Der Tod ist eine Nachricht, und von den lebendigen Sachen ist nur das Politische eine.

 

Liebster, du hast vergessen, wir haben Angst von beiden Seiten des Visiers überlebt, das war zu Hause.

 

Die Ungerechtigkeit, die der Körper bringt, muss einmal aufhören, sagt die Wahrheit.

 

Alle Henker kommen hinter Gitter, der Boden, der bebt, wird sich beruhigen, doch Befriedigung, die wir Gerechtigkeit nennen, wird nicht kommen. Dennoch: Es gibt viele Freuden, es lohnt sich, darauf zu bauen.

 

Die einzige Angst, die ich behalten werde, ist die, dass eine überra­schende Programmunterbrechung, eine idiotische Katastrophe mich hindert, deine Hände zu fassen und jene anderen, kleinen, die mich unvorbereitet erwischten, kämmten und hartnäckig an die Luft drängten.

 

Weder heute noch morgen gibt es, wie man es dreht und wendet, für die ganze Menschheit keine wichtigere Nachricht als die, dass du gerade gestern, in Split, unserer Kleinen das Radfahren beigebracht hast.

 

LISTANBON

Vier Zimmer habe ich in Galata, zehn Fenster, acht Stühle.

 

Mindestens drei Zimmer sind immer leer, neun Fenster, sieben Stühle.

 

Ich habe auch einen Balkon, in jeder Stadt ist die Aussicht dieselbe auf den Bairro Alto. Auf diesem Balkon, in irgendeiner Stadt, schaust du über das Geländer,

 

an deiner Schulter steht eine große Frau mit Bobfrisur, redet und inha­liert den Rauch aus der Shisha.

 

Du hörst nicht aufmerksam zu, siehst den Berg hinab, entlang der Straße, in der Trommeln verkauft werden. Auf der Straße singt ein Mann einen Refrain, der geht ungefähr so: Es ist nicht am schlimmsten, vor dem Tod zu sterben, am schlimmsten ist, danach wieder zu leben, am schlimmsten ist, danach wieder zu leben.

 

Es ist sonnig und Sonntag: Menschen und Katzen fühlen sich wohl in ihrer Haut. Die Katzen beäugen die Vögel. Vom Platz zum Balkon fliegen die Vögel. Auf dem Balkon drehst du dich zu mir, tief im Hinter­grund, im Traum: In einem der vier Zimmer sitze ich auf einem der acht Stühle an einem der zehn Fenster. Du sagst: Wach auf, wir müssen hinunter gehen. Endlich in Listanbon ankommen.

 

 

STANDARDLEBEN

Kaffee und Wasser. Nachrichten auf die Schnelle durchgesehen, nasse Wäsche aufgehängt, einkaufen gegangen. Ich liebe Routine, sie hat Rhythmus.

 

Ein Standardleben ist ein angenehmer Tag ohne Fabel.

 

Ich ziehe die Vorhänge auf und bin schon unter den ersten Gästen oben im Restaurant, es sieht aus, als würden wir auf dieser Terrasse frühstü­cken.

 

Im Vorbeigehen klopfe ich ans schmutzige Fenster der Taube auf dem Abflussrohr und gebe ihr Brot. Die Spaziergänge sind lang und ich bringe immer etwas Neues in die Wohnung, Dinge, die ich aufschreiben und so behalten werde: ein Buch oder ein türkischer Film auf DVD mit englischen Untertiteln und Lebensmittel.

 

Dann: Fotografien von Passanten, denn in der Stadt sind Menschen das, was in der Natur das Wasser ist.

 

Der Fremden ist manchmal das Lächeln der Händler ein Trost (das sind Umarmungen zwischen Unbekannten).

 

Wenn die Stadt aufatmet und die Terrassen sich leeren und die Nacht voller weißer Vögel hängt, öffne ich die Fenster, zähle die Flügelschläge. Ich liebe die Routine, den Rhythmus.

 

PRINZEN

Der sorglose Friedhof über dem Eyüp mit dem Spazierweg zwischen den Grabsteinen. Hier ist der Tod kein schreckliches und mystisches Land.

 

Es sind Jungen in weißen Umhängen und glänzenden Schuhen, die die breiten Treppen hinabgehen und dabei merkwürdige Käppchen festhalten. Die Stufen im Friedhof steigen zum Berg Pierre Loti wie Pfeile hinauf: Sie gehen neben alten und neuen Toden direkt zum Leben. Auch wir sind heute mit ihnen auf einem endlosen Spaziergang.

 

Oben auf dem Hügel ist ein kleines Café im französischen Stil: Dort lebte der Schriftsteller Pierre Loti, der Istanbul liebte: Er gab Liebe und schmeichelte und bekam dafür einen Berg.

 

Frauen in langen beigefarbenen Mänteln und seidenen Kopftüchern gehen mit ihren Babys spazieren. Frauen in langen beigefarbenen Mänteln und seidenen Kopftüchern rauchen Shisha.

 

Ich suche Jungen in Prinzengewändern und finde sie unten auf dem Platz. Sie sind stolz und funkeln. Sie sind sehr schön geworden. Es ist ihr Auftritt. Heute ist Tag der Beschneidung.

 

Ein Vater tritt an mich heran und bietet mir lächelnd Lokum an. Wenn ich es annehme, kommt er vielleicht in den Himmel.

 

MAMASAFARI

Manche Menschen leben und sterben schäbiger als ihre Kühe.

 

Die Kühe muhten bis zum Tod auf den Feldern, als man die Menschen wegbrachte.

 

Wenn ich Bekannten davon erzähle, drehen sie sich weg, als sei ich verrückt.

 

Wie soll man darüber auf Konferenzen sprechen? Für Konferenzen ist das zu viel Praxis.

 

Das ist sogar für Dichtung zu viel Praxis.

 

Mir fällt die Wiese ein, auf der ich weine,

 

weil ich vor dem kleinen Hund Angst habe, vor dem Wald, in dem ich mich verliere, doch der Hund findet mich.

 

Auf Fotografien, die man uns brachte, wuchs auf der Brandstätte ­struppiges junges Gras und Bärlauch.

 

Mama ist heute Ausländerin und geht auf einen Ausflug, auf eine Safari in ihr Land.

 

Gibt es dort, wohin wir mit dem Mietwagen Gianni reisen, Blumen aus dem unreifen Wirbel meines Onkels. Oder ragen Pflanzenstäbe für Tomaten von jemandem aus Großmutters zahnlosem Mund.

 

Wir werden im nahegelegenen Städtchen eine Wohnung mieten.

 

Wenn wir eines Tages auf unseren Berg gehen.

 

Wir planen diese Safari zwanzig Jahre, jeden Frühling.

 

SOZIALISMUS

Wir waren glücklich, Mutter, Schwester, ich, zu Hause und auf Aus­flügen. Auch unser Vater, ein Berg von einem Mann war er, mit Schnurr­bart und Zigarette, Pullover, Remarque, Benzinkanister, blaues Auto und Lieder im Radio.

 

Golden ist das Postament zwischen dem Gerümpel, du musst dir nur April in einem Industrievorort vorstellen.

 

Darum schimpfe ich nie auf die Dunkelheit, ich singe aus der Dunkelheit.

 

Mit Licht und Gold begieße ich die tauben Gefäße auf den Hängeschrän­ken aus der Zeit des späten Sozialismus. Ich rette Kaffee, Mehl, Salz, Semmelbrösel, Zucker.

 

BERGTANTE

Wohin ist unsere Tante gegangen mit dem schwarzen Gesicht und den blauen Augen, fragten wir uns.

 

Sie war schon alt, doch sie hatte nie zuvor das Dorf und den Hof mit den Schneerosen und dem Bienenstock verlassen.

 

Eigensinnig, schnell und mager, trug sie den Hahn auf der Schulter, zum Frühstück trank sie Schnaps, sie konnte ein Schwein in Speckschwarten aufschneiden und fluchte viel, ihre Geschichten waren glanzvoll und ihre Augen funkelnd.

 

 

Wohin ist diese eigensinnige Tante gegangen, sie roch nach saurem Euter und Wolle, und wir flohen vor ihren Umarmungen, doch jetzt tut es uns leid.

 

Man sagt, man hat sie in die Stadt gebracht, wir fanden sie in einer Turnhalle mit anderen Alten, krank auf einer Schulmatte. Sie fragte: Ist das ein Gefängnis, und wenn nicht, warum darf ich nicht gehen?

 

Sie fragte: Was ist mit meinen Tieren?

 

Dorthin ist unsere Bergtante mit den Schafsträhnen im schwarzen Haar gegangen. Und ich bin zum Waldbrunnen gegangen und schrie das Geheimnis hinaus: Schert euch alle zum Teufel.

 

Sie nahm ihr Haus, die Wiese, den Berg, den Hund mit und mich. Man sagt, ein junger Soldat habe sie weggebracht. Sie nahm ihre Scheune, den Hammel, den Pflaumengarten, den Schnee und den Som­mer mit und mich.

 

Dorthin ist unsere Bergtante gegangen, sie kam nicht wieder. Man sagt, mein Liebster habe sie weggebracht oder jemand Ähnliches.

 

Später kam auch die dritte Armee und brannte das Haus bis zum Grund nieder. Die Wiese, den Berg, den Hund und mich. Den Hammel, den Pflaumengarten, den Schnee und den Sommer und mich.

 

DER KÖRPER MEINER MUTTER

Das Kind ist nicht anständig, das Kind merkt sich, was ihr Körper genommen hat: ein im Zorn vorenthaltener Kuss und wenn sie mich leicht, aber entschlossen unter dem Kleid von sich schiebt. Später erin­nere ich mich, was ich ihr gab, absichtliche Überfälle und große herzliche Umarmungen. Ihr Körper ist eine Saite und bereit nachzugeben. Außen weich, Sepien und Schulp, innen Knochen für Knochen gebrochen.

 

Mit Stirn und Wangen befühle ich meine Mutter: ihren sehnigen Hals, die dünne Energie. Mutterschaft ist selbstverständlich und so unnötig wie Feuerwerk; Schüsselchen und Schaufeln, zu große Brüste für einen so mageren Körper und große weiße Zähne für ein großes Lachen. Der magere Körper meiner Mutter ist wie ein Fragebogen gekrümmt, ein Kollateralschaden. Innen ist sie Puder, Asche und Schneesturm.

 

Sie vergisst die knochigen Kämme tief in meinem Haar und sagt: Wo sind denn meine Finger. Sie legt ihre Hände auf meinen Kopf, den Kopf auf meine Hände. So, genau so. Duftet ein Mädchen, das gute Schwestern pflegen.

 

DIE ENKELIN

Hundertmal sage ich zu mir: Antica Milica, wärst du doch gestorben.

 

Deine Söhne sind tot oder unglücklich.

 

Worum geht es hier? Zu viel Schicksal für eine Familie.

Und ein unangenehmes Wesen.

 

Ich weiß alles über dich, was ich früher nicht wusste, als du mich in einer ungewöhnlichen Schachtel aufbewahrtest in deiner Wohnung.

 

Poliert und duftend, ohne jeden Fleck auf dem Boden oder in der Spüle.

 

Unter dem Fenster deines Zimmers rasten Autos und trugen unseren Schlaf tief in die Nacht, in die Städte der Welt.

 

Das Gemüse ist roh, die Fischsuppe ungesalzen, der Hase kalt, die Fransen am Teppich ungekämmt. Als wärst du nie da gewesen.

 

Nein, eigentlich noch schlimmer.

 

NACHBARSCHAFT

Dies ist mein armes und verkommenes Land, dies ist meine schmutzige Straße mit den hässlichen Häusern, dies ist die Halbwelt, mit der ich groß geworden bin, meine Rückkehr in ein Zuhause, das im Sommer heiß und im Winter kalt ist, mein zurückgebliebenes Provinzstädtchen am Meer und meine Flucht.

 

Dies ist meine schlechte Herkunft, der Weinstock der Lasterhaften und kleinen Habgierigen, der Vertriebenen, der Getöteten und Selbstmörder, der Familientyrannen, der Zuckerkranken und Weisen mit Grundschul­abschluss.

 

Dies ist mein Haus und meine Nachbarschaft, und dies bin ihr ich.

 

DAS ATTENTAT

fragst du dich jemals, was jetzt deine revolutionärin macht. für wen sie bänder auf den barrikaden knüpft. wen sie verrät. wen sie hinter dicken fahnen entkleidet.

 

man hat sie bemerkt, als neue suffragetten in die versammlungen stürm­ten:

gegen fleisch, gegen pelz, gegen kuhmilch, gegen truppen. für recht und gerechtigkeit und für unsere stadt.

 

sie trafen sie auf einer parade, als sie einen glatzköpfigen stereotyp von beiden seiten verführte. schon immer war sie subversiv und schwor: in letzter zeit gibt es keine echte revolution.

 

sie zog ihre dunklen wimpern in die wälder zurück wie eine traurige guerilla. diese satte la pasionara, die ihre beine mit der klinge deines mannes rasierte. und flüsterte: mein schöner, großer, schöner.

 

ganz sicher wird sie dir eine bombe unter die rippen legen. sie wird den schlüssel umdrehen, wenn du schon denkst, dass eine zeit des friedens angebrochen ist. und der privilegien.

 

STILLER WEISSER MANN

in den ersten ehejahren träumte ihr mann, dass ihn granaten zerfetzten. sein kriegsjahr, ist das das kapitel, das ihn erklärt.

 

manchmal spürt sie über ihm einen einfachen stern, der ihn in den schlaf wiegt. im übrigen

 

tauschen sie kaum worte aus und auch keine küsse.

 

er hat einen wohlgeformten torso, seine härchen sind dicht und samtig und er hat keinen orden und keinen duft, außer wenn er wie ein erschro­ckener junge stinkt.

 

wenn er im schlaf aufschreit, zieht seine frau seinen grauen kopf zu ihrem unsicheren herz.

 

SOMMER ’91

Da war etwas Aufregendes an jenem Juli am Strand voller Baumaterial.

 

Kriegsschiffe warteten auf Befehle. Die Espignole konnte unsere Herzen durchbohren

 

wie bei rumänischen Gymnastinnen. Biegsam und leer.

 

Außer diesem langweiligen Krieg passierte nichts, und du heiratetest bald darauf, um vor dem strengen Gottvater zu fliehen.

 

Damals am Strand ’91 warteten wir, dass die Jungs aus dem Krieg nach Hause kamen, doch sie kamen tot und wahnsinnig wieder. Wir träum­ten, wir seien zwei reiche Plastikschlampen in weißen Badeanzügen und unter uns war Kalifornien. Und Matrosen kamen und jeder hatte die kräftige Diktion eines Dean Martin und eine Geltolle im Haar. Im militärischen und politischen Sinne gab es uns nie.

 

Deshalb betrachte die flammende Kreuzfahrt und stell dir vor, Matrosen kämen.

 

Alles wird gut. Du musst nur aufseufzen und die Schultern zurück­schieben.

 

NEUER HELD DER STRASSE

Mann, du bist ein Held der Straße und des Platzes und Stadions. Deine Kameraden klopfen dir auf die Schulter, ein paar ältere Männchen spenden Beifall, ein paar Mädchen kreischen, hysterisch glücklich. Du bist nass und erregt, du hast etwas Wichtiges getan. Du hast einen Stein auf eine Schwuchtel geworfen. Du hast einen Stein auf einen Zigeuner geworfen. Du hast einen Stein auf einen Serben geworfen. Du hast die Mutter des Juden verflucht. Du hast den Lesben was auf die Fotzen gegeben. Du hast die Geschlagenen geschlagen, die Verbrannten ver­brannt, du hast den Gekennzeichneten ein Zeichen verpasst, die Gestei­nigten gesteinigt, die Vertriebenen vertrieben und du bist wach und erfrischt, denn sie werden wieder irgendwoher auftauchen, mit ihren kranken Liedern über Liebe, mit ihren verrückten Liedern von Schönheit, mit ihren abartigen Liedern von Freiheit.

 

Mann, du bist ein Held, du bist in der Menge und sie betet dich an, du wirst stillschweigend unterstützt vom Kanal bis zum Sessel, auf dich hoffen sie an den Altären, du bist ein Goldjunge, du bist ein Kind des Systems, im schlimmsten Fall tolerieren sie dich. Du bist siebzehn und hast an der Mauer unterschrieben: TOD.

 

MANCHE MENSCHEN

manche menschen werden geboren und von glücklichen familien nach hause gebracht. sie umarmen und streicheln sie, und manchmal tadeln sie sie und kaufen ihnen so viele dinge, wie sie können, und pflegen sie, wenn sie krank sind, waschen sie mit milder seife und bringen sie ans meer und passen auf sie auf, wenn sie etwas vermasselt haben. sie haben freunde, sie beenden die schule, arbeiten in ihrem fach etwas aufregendes oder fröhliches und finden liebe und dann bekommen sie vielleicht kinder, zwei, drei, gesunde, ein wenig übermütig. sie lieben sich und hören musik, dann kleinere finanzielle probleme, hier und da ein streit, vielleicht auch untreue, weniger wahrscheinlich, nichts lebensgefährliches und auch die verwandtschaft mischt sich nicht allzu sehr ein. aus allem treten sie als bessere menschen hervor. wenn es krieg gibt oder eine katastrophe, unglück, werden manche menschen verschont. später, im alter, sterben ihre eltern am alter, die kinder ereilen ihre kinder, und manche menschen sind noch immer gesund, dann kleinere probleme mit den augen, vielleicht eine gastritis, arthritis, dann langsam, aber sicher machen sie fröhlich schiffsreisen im mittelmeer mit gleichgesinnten, weißhaarigen und mit zerbrechlichen knochen, oder mit dem bus in mitteleuropa, und wenn sie zu hause sind, passen sie auf ihre enkel auf, blasen ins feuer und schmücken den weihnachtsbaum. manche menschen backen kuchen, bis sie sterben.

 

KOLJA

kolja hat ein problem mit den augen und sieht die, die ihm direkt begeg­nen, und sieht aber nicht jene, die sich ihm von der seite nähern oder an ihm vorbeigehen.

 

wegen dieser probleme tröpfelt er sich tropfen in die augen, beim mittag­essen in der mensa, im freien und sieht nach oben in die baumkronen oder den himmel.

 

in dieser zeit erzählte ein mann an unserem tisch von einem araber, der an einem strand in montenegro war und einen kelim aufrollte, einen echten teppich aus dem wohnzimmer. und die ganze verwandtschaft des arabers, und sie war zahlreich, badete im meer und saß auf diesem großen kelim. ausgebreitet auf dem gelben sand, zwischen den sonnen­schirmen.

 

einige an unserem tisch schwiegen, andere staunten, jemand lachte.

 

kolja fragte, noch immer in den himmel schauend: welche farbe hatte dieser kelim?

 

ich weiß nicht, wahrscheinlich bunt, ein kelim ist ein kelim.

 

aber welche farbe überwog, rot, gold, türkis, blau? kolja ließ nicht locker und sah immer noch in die baumkronen und den himmel.

welche farbe überwog. und wie war das muster. das ist am wichtigsten, wenn wir über kelim sprechen.

 

über gabbeh, hereke, us˛ak, täbris, kazak, kaschan, saruk, nain, bidjar, mir, isfahan, schiras, kerman... und andere.

 

ANIKA

Anika erschien in der Tür mit Blumen, und hinter ihr kam ihr Vater herein, ein kräftiger Mann mit ein paar grauen Haaren im dichten schwarzen Haar.

 

Ich bin mit ihr aufgewachsen, wir waren unzertrennlich, aber wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen, seit Beginn des Krieges.

 

Und jetzt also, Anika (4).

 

Sie kam mit einem Kranz aus gelbem Löwenzahn, vor dem Haus gepflückt, für mich.

 

Draußen ist Frühling, draußen ist der Bus, mit dem ich wegfahren werde, der am Fluss entlang fährt und die Häuser ohne Augen, die ich kannte, die Felder, an denen ich nur vorbeigehen werde, und die Hunde ohne Menschen.

 

Aber das ist morgen oder vielleicht gestern.

 

Jetzt spricht Anika, klein und süß wie Zucker: Ich habe dir Blumen gepflückt, und im nächsten Augenblick ist sie oben an meiner Brust. Ich bin glücklich, sagt das Kind, ich bin wirklich glücklich.

 

Mit einer Stimme, mit der wir früher Geheimnisse erzählten, flüstere ich ihm leise zu: Du darfst es ihr niemals sagen. Ihr Vater setzt sich an meine Seite.

 

SIE SCHRIEBEN BÜCHER

Sie gebaren Kinder. Die Körper flogen in die Luft, Tsunamis schrien, überall Erdbeben, Ebola, Kriegslager, nukleare Aufrüstung, Armut, ­Kapitalismus, Ungerechtigkeit, bittere Ungerechtigkeit, und dann auch die Überbevölkerung der Erde. Und sie wissen alles und bringen Kinder auf die Welt.

So dass diese unerwiderte Liebe, dieses ewige Schlachten hundertmal mehr schmerzt.

 

Optimismus heißt dieses verantwortungslose Verhalten. Vernünftigere, Stärkere, Bessere und Zyniker haben sich Nachkommen versagt. Dass sie Bücher schrieben, entlarvte sie. So dass dieses unerwiderte Leben noch ein bisschen mehr schmerzte.

 

Denn Menschen sind Dummköpfe, voll unbegründeter Hoffnung, sinnlosen Mutes, verzweifelten Glaubens, lächerlicher Liebe.

 

Dennoch kann man nicht leugnen:

 

Die Menschen sind voller Hoffnung, Mut, Glauben und Liebe.

 

 

Aus dem Kroatischen von Blažena Radas

o nama

Nagradu Sedmica i Kritična masa za mlade pisce dobila je Marina Gudelj

Pobjednica ovogodišnje Nagrade Sedmica i Kritična masa za mlade autore je Marina Gudelj (1988.) iz Splita.
Marina Gudelj nagrađena je za priču "Lee".
U užem izboru Nagrade za 2017. bili su: Alen Brlek, Katja Grcić, Marko Gregur, Marina Gudelj, Mira Petrović, Iva Sopka i Ana Rajković.
Ovo je treća godina Nagrade koju sponzorira cafe-bar Sedmica (Kačićeva 7, Zagreb).

intervju

Marina Gudelj: Mi smo generacija koja je dobila ostatke neke ranije i uljuljala se u pasivnost

Predstavljamo uži izbor Nagrade Sedmica&Kritična masa

proza

Marina Gudelj: Lee

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" 2017 - UŽI IZBOR

Marina Gudelj (1988., Split) diplomirala je hrvatski jezik i književnost na Sveučilištu u Zadru. Objavljivala je u Zarezu i na portalu KSET-a.

proza

Elena Ferrante: Genijalna prijateljica

Romani Elene Ferrante s razlogom su postali svjetske uspješnice i jedan od književnih fenomena ovog desetljeća, kako po odazivu publike u različitim zemljama, tako i po sudu kritike.
"Genijalna prijateljica" – prvi je dio romaneskne tetralogije o Eleni i Lili, pronicljivim i inteligentnim djevojkama iz Napulja koje žele stvoriti život u okrilju zagušujuće, nasilne kulture.
Ovdje donosimo uvodna poglavlja romana, a knjigu u cjelini - što preporučujemo - možete pročitati u izdanju "Profila".
Roman je s talijanskog prevela Ana Badurina.

proza

David Szalay: Duge rute

Pročitajte priču izvrsnog Davida Szalaya koji je bio sudionik Lit link festivala 2017 u Puli, Rijeci i Zagrebu.

David Szalay rođen je u Montrealu (1974.) u Kanadi odakle njegovi uskoro sele u Veliku Britaniju. Objavio je četiri prozne knjige, dobitnik je više književnih nagrada, a 2016. njegov je roman All That Man Is bio u užem izboru za Bookerovu nagradu. Szalay je uvršten u prestižni dekadni izbor najboljih mlađih britanskih romanopisaca časopisa Granta, kao i sličan izbor novina Telegraph. David Szalay pisac je minucioznog stila, naoko distanciranog, sa suptilnim i vrlo individualnim pomakom u tretiranju prozne događajnosti. Roman All That Man Is ono je što preporučamo za dulje upoznavanje, a za ovu priliku smo odabrali kratku priču Long Distance koju je napisao lani za radio BBC.

poezija

Ognjen Obradović: Oticanja

Ognjen Obradović (1992., Užice, Srbija) diplomirao je dramaturgiju na FDU u Beogradu, a trenutno je na poslijediplomskom studiju Teorije dramskih umjetnosti, medija i kulture na istom fakultetu. Izvedene su mu drame i radio drame: Nedelja: juče, danas, sutra (2013., BDP), Put u Lisabon (2015., Radio Beograd), Da mi je da spustim ovu suzu (2016., Radio Beograd).
Donosimo nekoliko pjesama iz zbirke poezije Oticanja (2016.), za koju je Obradović dobio nagradu Mladi Dis.

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