Prosa

Mima Simić: Zerbrochene Töpfchen

Mima Simić, Jahrgang 1976, erwarb an der Universität Zagreb einen Abschluss in Komparatistik und Englischer Philologie. Sie absolvierte außerdem an der Budapester Central European University (CEU) einen Master-Studiengang in Gender Studies. Simić ist Autorin, Übersetzerin sowie Kultur-, Gender- und Filmtheoretikerin. Bisher sind von ihr erschienen: der KurzgeschichtenbandAdventures of Gloria Scott (AGM, Zagreb, 2005) und zahlreiche Kurzgeschichten in kroatischen und internationalen Literaturzeitschriften. Einige ihrer Geschichten wurden ins Deutsche, Englische, Polnische und Slowenische übersetzt. Sie ist Redaktionsmitglied von Sextures: E-journal for Sexualities, Cultures and Politics und gehört zur Redaktionsleitung von Ekviva‐ the regional women’s web portal (aktuell offline). 2008 wurde sie als beste kroatische Filmkritikerin ausgezeichnet.



Alida Bremer Objektiv betrachtet, aus einer bestimmten zeitlichen Entfernung, begreife ich erst jetzt die wirkliche Bedeutung des Ereignisses, das ich ihnen hier so glaubwürdig wie möglich darzustellen versuchen werde. Es musste dennoch einige Zeit vergehen, bis mir überhaupt seitens Scotland Yard, aber auch der berühmten Detektivin, meiner guten Freundin Gloria Scott, erlaubt wurde, die Öffentlichkeit mit den Einzelheiten des erwähnten Falles bekannt zu machen – und mich dabei der richtigen Namen zu bedienen, ohne Unterschlagungen, Pseudonyme, Initialen oder ähnliche niederträchtige Tricks, die die heutigen sogenannten literarischen Künstler zunehmend gebrauchen (s. F. Kafka, Gesammelte Werke).

Unmittelbar vor Glorias Geburtstag besuchte ich das Hippodrom mit dem Ziel, meine Augen an kräftigen, muskulösen Körpern vollblutiger Wesen zu weiden. Aber als ich auf der Bahn nur die Pferde vorfand, folgerte ich daraus, dass die Jockeys im Club sein müssten. Leider war der Eintritt nur Mitgliedern erlaubt, was Frauen natürlich ausschloss.

Ich weiß nicht, womit wir diese untergeordnete Stellung verdient haben, aber es ist nicht meine Sache, mich den strengen Vorschriften unserer puritanischen Gesellschaft zu widersetzen, die in dieser Form und sicher mit gutem Grund schon eine Million Jahre besteht. Deshalb verließ ich den Komplex mit einer Spur Bedauern und Bitterkeit, und auf meiner Zunge hatte sich ein Klümpchen gebildet. Sie können auch selbst erkennen, dass mir also dieser ganze Tag sozusagen zerstört war. Meine Unzufriedenheit hielt ich auch Menschen gegenüber nicht zurück, sodass auch Gloria etwas von den Früchten meines Unglücks abbekam. Auf die Frage, wo ich meinen Vormittag verbracht hätte, erhielt sie zur Antwort einen bösen Witz auf Kosten ihres Gesichtes, der vor allem an dessen seltsamer Form nicht sparte, an der jeder aufmerksame Anthropologe oder Reisender des Schiffes Beagle seine Freude hätte. Heute weiß ich: Wenn es diese Bemerkung nicht gegeben hätte, wären wir vielleicht nie in dieses Unglück geraten, aus dem wir gerade noch lebend herausgekommen sind, Gott stand uns bei!

 

Ich werde trotzdem noch ein wenig weiter ausholen, um so gut wie möglich die ausweglose Situation zu schildern, in der sich unser Klient befand; eine Situation, in der sich Scotland Yard wieder einmal als machtlos erwiesen hatte und Gloria Scott wiederholt die Kastanien für den guten (aber dummen) Inspektor Jennings aus dem Feuer geholt hatte. Ich muss ebenfalls erwähnen, dass in dieser Zeit in ganz Großbritannien, und so auch in London, die sogennante Große Wirtschaftskrise herrschte, hervorgerufen durch den Kurseinbruch an der Börse, sodass viele Familien ohne Dach über dem Kopf blieben und manche sogar ohne Abendessen. Jeden Morgen musste ich mich auf dem Weg zu meiner Praxistür durch eine Fleischmasse wühlen, die laut mit den Zähnen knirschte, verschiedene Parolen brüllte und Steine an die Fenster der umliegenden Wohnblöcke warf.

Glücklicherweise unterschied ich mich äußerlich nicht von diesen heruntergekommenen, armen, stinkenden und ansteckenden Menschen, sodass es mir fast immer gelang, unbemerkt nach drinnen zu entfliehen, in mein kleines Reich in der Kennedy Street.

Und wie es so oft der Fall ist, wurden einige Gesellschaftsschichten nicht von der schrecklichen Depression getroffen, und so lebten Gloria und ich in Fülle und Wohlstand, die ein reicher Tisch mit sich bringt. Aber unser Glück versetzte uns nicht in einen Zustand der Lethargie und Gleichgültigkeit, sondern wir bemühten uns noch mehr, unseren unglücklichen Mitbürgern zu helfen, und das auf eine Weise, die uns bisher die meiste Anerkennung verschafft hatte – mit dem Aufklären von Morden, Diebstählen und anderen gesetzeswidrigen Taten, besonders solchen, deren gelungener Abschluss nicht in der Macht von Scotland Yard lag.

 

„Ich schlage vor, dass wir durch Londons Straßen streifen“, sagte Gloria eines Morgens zu mir. „Die Krise hat eine Welle des Verbrechens ausgelöst, die von Tag zu Tag wächst und sich ausbreitet! Wir dürfen nicht zu Hause warten. Lass uns losgehen und diese Stadt von den monströsen Ungeheuern befreien!“, schrie sie mit einem Lächeln im Gesicht und zog ihren schottischen Zylinder tief über die Augen. Wir gingen los, ohne zu ahnen, was uns erwartete.

Tatsächlich waren die Straßen von arbeitslosen Menschen überflutet; vom Hunger und dem Mangel grundlegender menschlicher, zivilisatorischer Merkmale ausgezehrt, irrten sie auf der Suche nach etwas herum, womit sie auch diesen Tag überstehen konnten. Die Mütter wühlten in den schwarzen Müllbeuteln vor den Eingängen der reicheren Häuser und gaben den brüllenden Kindern das, was sie selbst nicht verdauen konnten. Ihre Gatten, durch ihre eigene Ohnmacht erniedrigt, ihre Familien zu schützen, standen mit gesenktem Kopf da, das Gesicht hinter schwieligen Händen verborgen, durch die Tränen der Scham tropften.

Aber Gloria und ich waren in zu großer Eile, um das zu bemerken. Wir sorgten uns nur darum, noch rechtzeitig einen Schlag in das ziemlich stark blutende Gesicht der Gerechtigkeit zu verhindern. „Mary“, erinnerte sich Gloria, und richtete diese Worte an mich: „Ich habe eine seltsame Vorahnung im Magen. Was würden Sie sagen, wenn wir zum Restaurant des alten Su S, nicht weit von hier, gehen würden?“

Mit den Achseln zuckend zum Zeichen des Einverständnisses, eilte ich schneller hinter Gloria her, die heiter voranschritt und uns in die gewünschte Richtung führte. Aber der Anblick, der uns erwartete, als wir das bescheidene Restaurant betraten, bestürzte mich wirklich, und ich stand einige Zeit wie angewurzelt da, die Augen vor Entsetzen aufgerissen! Ein kostbares Set Vasen und Töpfchen, im Besitz des alten Su Shi, das noch aus der Zeit der Sung Dynastie stammte, lag in Scherben auf dem Boden des bescheidenen Restaurants, während daneben der alte Su Shi, seine Frau und die Angestellten wehklagten.

„Was um Gottes Willen ist passiert?“, fragte ich, als ich zu mir gekommen war.

„Ich bin ruiniert, vollkommen ruiniert!“, lamentierte der Alte, ohne seine Aufmerksamkeit auf Glorias und meine Anwesenheit zu lenken.

„Beruhigen Sie sich, Mary!“, sagte Gloria zu mir. „Ich weiß schon, um was es geht!“, und sie nahm einen jungen Chinesen beiseite, einen von den drei Köchen, die uns, seit ich mir meiner bewusst bin, erfolgreich sinnliche Genüsse zubereitet haben.

„War hier jene verdammte Einwandererbehörde, hm …?“, begann Gloria verächtlich. Der junge Mann sah sie an und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber sie unterbrach ihn mit einer strengen Handbewegung.

„Ich weiß alles! Haben Sie keine Angst, wir werden das schon klären! So gehen wir also mit Bürgern anderer Nationalitäten um … Chauvinismus, Rassismus und Repression! Nichts Ungewöhnliches für eine Stadt wie London!“, fügte sie hinzu, mehr zu sich selbst. „Aber dieses Mal ist das Maß überschritten! Einem alten Mann so das Leben zu zerstören! Eine Schande! Das wird nicht unbestraft bleiben, nicht heute und nicht jetzt! Wir gehen!“

Der junge Chinese versuchte uns etwas zu erklären, aber Gloria warf ihm kurz zu:

„Vielleicht verstehe ich deine Sprache nicht, junger Mann, aber ich verstehe das Leiden deines Volkes, und ich werde dir beweisen, dass es immer noch Menschen gibt, denen fremdes Unglück nicht egal ist!“, sagte sie und rannte auf die Straße, und ich hinterher.

 

Glorias agitatorische Fähigkeiten verschafften uns in kurzer Zeit einige hundert Anhänger, die mit Gloria an der Spitze die Einwandererbehörde in der Blackfriars Road demolierten.

„Sie sollen auch ein wenig zu spüren bekommen, wie es ist, unglücklich zu sein!“, sagte Gloria zufrieden.

Dieser erfolgreich gelöste Fall verbesserte unsere schlechte Stimmung, die durch den Schock ausgelöst worden war, der sich am Morgen ereignet hatte und uns den Großteil der Möbel und des Hausinventars zerstört hatte.

 

 

Übersetzung: Alida Bremer

 

proza

Iva Sopka: Moje pravo, nezaljubljeno lice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista „Ranko Marinković“ 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade „Sedmica & Kritična Masa“ 2016. i 2017. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je i drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine. Trenutno živi u Belišću i radi kao knjižničarka u osnovnoj školi.

proza

Mira Petrović: Bye bye baby bye; Zana

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Mira Petrović rođena je 1989. u Splitu. Predaje engleski jezik iako bi više uživala s talijanskim. Piše prozu, ponekad odluta u poeziju. Objavila priče i pjesme na raznim portalima i u časopisima. Bila je u užem izboru za nagradu Sedmice i Kritične mase 2017. Jedna od deset finalista međunarodnog natječaja Sea of words 2016. Dobitnica Vranca – 2015. i Ulaznice 2016.

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Ivana Pintarić: Priče

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Ivana Pintarić (1988., Zagreb) je po zanimanju edukacijski rehabilitator. Piše poeziju i kratke priče. Ulomkom iz romana „Gorimo (ali ne boli više)“ ušla je u finale izbora za nagradu "Sedmica & Kritična masa" 2015. godine. Ulazi u širi izbor nagrade "Sedmica & Kritična masa" 2017. ulomkom iz romana "Ovo nije putopis o Americi". Bila je polaznica Booksine radionice pisanja proze pod mentorstvom Zorana Ferića. Objavila je radove na kultipraktik.org i booksa.hr. Objavila je i priču u časopisu Fantom slobode. Članica je književne grupe ZLO.

proza

Marin Ivančić: Karijatida

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Marin Ivančić (1991., Karlovac) diplomirani je pravnik na stručnom usavršavanju u Hrvatskoj komori ovlaštenih inženjera geodezije. Od zala birokracije dušu spašava čitanjem, županijskim nogometom, a odnedavno i pisanjem. Igra zadnjeg veznog u NK Dobra-Novigrad na Dobri, ima dobar udarac i pregled igre. Čitalački ukus mu je hipsterski eklektičan. Ovo mu je prvi objavljeni rad.

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Jelena Petković: Japan

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jelena Petković (1984.) diplomirala je povijest i engleski jezik i književnost na Filozofskom fakultetu u Osijeku. Živi i radi u Vukovaru.

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Luiza Bouharaoua: Zvučni zid

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luiza Bouharaoua (1985., Split) diplomirala je kroatistiku i anglistiku na Filozofskom fakultetu u Splitu. Radi u Skribonautima. Prevodi i piše. Prevela je roman Rachel Kushner "Bacači plamena" (Profil, 2017.). Kratke priče objavljivala je u The Split Mindu, Fantomu Slobode i na portalima Kritična masa i Nema. Priče su joj izvođene u na Trećem programu hrvatskog radija. Uvrštena je u regionalni zbornik "Izvan koridora - najbolja kratka priča" (VBZ, 2011.) i antologiju hrvatske mlade proze "Bez vrata, bez kucanja" (Sandorf, 2012.). Finalistica je natječaja Festivala europske kratke priče u 2016. i 2017. godini. Dobitnica je nagrade Ulaznica za kratku priču te nagrade Prozak za najbolji prozni rukopis autora/ica do 35 godina. U 2019. izlazi joj Prozakom nagrađeni prvijenac.

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Valerija Cerovec: Hotel Horizont (ulomak iz kratkog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Valerija Cerovec (1993., Čakovec) je vizualna umjetnica i spisateljica. Završila je preddiplomski studij modnog dizajna na Tekstilno-tehnološkom fakultetu i studij komparativne književnosti na Filozofskom fakultetu, a diplomirala na Odsjeku za animirani film i nove medije na Akademiji likovnih umjetnosti. Dobitnica je nagrade “Franjo Marković” Filozofskog fakulteta. Sudjelovala je u nizu skupnih izložbi i jednoj samostalnoj naziva “23. rujna, dan kad se ništa naročito nije dogodilo”. Članica je HDLU-a.

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Jan Bolić: Mrtvi kanal (ulomak iz neobjavljenog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jan Bolić (1995., Rijeka) je autor koji boluje od progresivne bolesti spinalne mišićne atrofije tip 2 zbog koje ne može pomaknuti gotovo nijedan dio tijela, no i dalje, bez obzira na progresiju bolesti, uspijeva pisati s dva prsta koja još uvijek može pomaknuti i s njima stvara književna djela. Dosad je objavio dvije knjige: zbirku poezije „Trenutci“ (2016.) i zbirku poezije i proznih zapisa „Može biti lijepo“ (2017.). Jedna pjesma objavljena je i u zbirci poezije skupine autora iz cijele RH naziva „Petrinjske staze“ iz Petrinje. Povremeno objavljuje svoje radove na književnim portalima i svom Facebook profilu U trećoj knjizi odlučio se pozabaviti žanrom krimića.

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Andrea Bauk: Kult užarene krune

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Andrea Bauk (1985., Rijeka) je završila stručni studij vinarstva u Poreču nakon kojeg je radila razne poslove. Teme njezinog pisanja su SF, međuljudski, pogotovo obiteljski odnosi i tabu teme, a njezini likovi redovito su autsajderi i mizantropi. Nekoliko njezinih priča i pjesama objavljene su u sklopu književnih natječaja.

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Luka Katančić: Papirnati poljubac

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luka Katančić (1996., Zagreb) student je Pravnog fakulteta u Zagrebu. 2014. i 2015. godine osvojio je treće nagrade: „Stanislav Preprek“, „Joan Flora“, „Pavle Popović“, „Janoš Siveri“, „Rade Tomić“ te drugu nagradu „Duško Trifunović“ u Novom Sadu za poeziju u kategoriji do 30 godina.

proza

Dalen Belić: Ispovijed serijskog samoubojice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Dalen Belić rođen je 1997. godine. Živi u Pazinu, a studira engleski i njemački jezik na Filozofskom fakultetu u Rijeci. Objavljivan je u istrakonskoj zbirci Apokalipsa laži te zbirkama Priče o manjinama i Priče o Pazinu u sklopu Festivala Fantastične Književnosti. Osvojio je drugo mjesto na Riječkim perspektivama 2017. godine i prvo mjesto 2018. Jednu njegovu priču teškometalne tematike možete pročitati na portalu Perun.hr.

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