Lyrik

Antun Branko Šimić: Gedichte

„ ... Sein Weinberg reifte früh heran, und die überreifen Trauben
gaben einen schweren, starken, tödlichen Wein, von dem man nicht viel, aber oft und lange trinken kann.
Er kultivierte seine Sprache, studierte und vervollkommnete sie. Er war wie die alten Meister, die ihre Farben nach verschiedenen Rezepturen eigenhändig herstellten und die Leinwände selbst
grundierten. Auf alle Fehler achtete er, ärgerte sich über Kleinigkeiten, falsch gesetzte Kommas und Druckfehler konnten ihn zur Weißglut bringen...
Sein überreiches geistiges Leben wurde, neben anderen Faktoren, zur Ursache für seinen physischen Tod. Er stand ganz in Flammen, und nur die Erde konnte dieses Feuer löschen.“

(Ivan Goran Kovačić über A. B. Šimić in dem Text Pjesnik tijela i siromaha, 1940)



 

Antun Branko Šimić: Gedichte

 

Hymnos

 

Trauben und Imortellen

Duften im Dorfe am Zaun...

Alles berühret der Herbst jetzt,

Gekleidet in Gelb und in Braun;

Früchte verteilt er und Wein,

Beschenket Felder und Hain.

 

... Sachte bin ich gekommen

Aus unbekannten Fernen,

Mit Armen voller Ähren,

Mit Granatäpfel blutroten Kernen...

So summt er auf seine Weise

Und wiegt den Feigenast leise.

 

Am Himmelszelt, sieh, erglänzet

Ein schillernder Regenbogen,

Und Flötentöne kommen

Durchs grüne Gehölz gezogen...

Der Hymnos des Herbstes ergreifet

Die Frucht jetzt, die still noch reifet.

 

 

Mahnung

 

O Mensch gib acht

nicht klein einherzugehen

unter den Sternen!

 

Lasse dich ganz

durchströmen

vom sanften Licht der Sterne!

 

Damit du nichts bereust

wenn du mit letztem Blick

Abschied nimmst von den Sternen!

 

An deinem Ende

statt in Staub

verwandle dich in Sterne!

 

 

Tatjana gewidmet

Die Dichter

 

Die Dichter sind das Staunen in der Welt

 

Sie gehen durchs Land und ihre Augen

groß und stumm wachsen vor den Dingen

 

Ihr Ohr gelehnt

an das Schweigen das sie umgibt und quält

sind die Dichter das ewige Beben in der Welt

 

 

Wir haben uns getroffen

 

Wir haben uns auf einem Stern, der Erde heißt, getroffen. Unser Weg durch die Zeit liegt in diesem, wie ein Ziel leuchtenden Augenblick, weit, fast endlos weit zurück, so daß wir unserer Reise Anfang schon vergaßen.

Jetzt liegen unsere Hände ineinander, und unsere Blicke berühren sich. In unseren Händen und in unseren Blicken umarmen sich unsere Seelen.

Oh, wenn wir uns wieder trennen und auf unsere dunklen Wege durch die Unendlichkeit begeben – auf welchem Stern werden wir uns wieder treffen?

Und werden unsere Seelen bei der nächsten Begegnung wieder erzittern in dunkler Erinnerung daran, daß wir einst Menschen waren, die sich küßten auf einem Stern, der Erde heißt?

 

 

Die Ohnmacht des Dichters

 

Einst vom Glauben inspiriert

sangen die Dichter von jener Gegend

die der Mensch betritt wenn er den Körper verläßt

 

Heute verläßt jeden die Vorstellungskraft

am Rande dieser Welt

 

Weiter folgt Leere

vor der der Dichter – ohnmächtig verstummt

 

 

Liebe

 

In blauer Nacht – dein Körper schläft

Rote und blaue Ströme durchfließen deinen Körper

rauschen

Ich lausche ihrem Rauschen und berauscht falle ich in Schlaf

Ich sinke

Auf der Oberfläche des Bewußtseins letzte Zuckungen

(wie im Gewässer der Sonne Verlöschen)

Alles ist eins

In blauer Unendlichkeit dein Körper dein nackter weißer Körper

Durch blaue Unendlichkeit rauschen die Ströme deines Blutes Liebe

Ich, ein träumender Gott, senke meinen schweren trunkenen Kopf

auf deine Brust

und horche

 

 

Das Lied des Dichters

für Niko Milićević

 

Ich weiß nicht was ihr wollt

Ich gehe

an Häusern vorbei durch die Straßen und über Felder in der Nacht

und singe mein Leben und euer Leben und das Leben aller Dinge

Denn ich bin das Herz

O Welt und ich in der Welt und die Welt in mir

Stadt Nächte Frauen Sterne

Tanz Freude Liebe Schrei Gott

Ich singe

und meine Lieder fallen in die Welt wie Sterne

(O warum sind eure Seelen keine tiefen Seen kein dunkles Meer?)

Laut klingen meine Lieder in der Welt

und niemand hört auf ihren Schmerz ihr Lachen ihre Freude

viele jedoch verhöhnen und belachen sie

O wer bin ich wer bin ich

ich einsamer Sänger auf den Straßen in nächtlicher Stadt?

Singe ich so nicht schon seit ungezählten Jahren?

Bin ich ein Irrer wahnsinnig schon seit langer Zeit?

Nichts weiß ich

Doch ich singe

und gehe an den boshaft Lächelnden vorüber

in die Nacht und in die blaue ferne Einsamkeit.

 

Ich steige steige auf steilen Pfaden

Und oben angekommen stehe ich

in menschenleerer stummer Weite

Ich dunkler Sänger auf der Höhe

Ich einsamer Baum auf dem Gipfel des Berges

der sein dumpfes unaufhörliches Rauschen

in die tiefe schwarze Ewigkeit stürzt.

 

 

Der Weg

 

Wir gehen in das dunkle Ungewisse

 

Im Finstern sterben viele schwache Herzen

 

Aus den Gräbern erheben wir uns – Weiter! –

In unseren Ohren klingt Erinnerung an den letzten Schrei

derer die zurückblieben auf dem Weg

In unserer Seele klingt der Schmerz um die Toten

Weiter!

 

Wenn wir das Ende erreichen

werden unsere Seelen voller Schmerz sein

wie Brunnen voll Wasser

 

Und wenn vor unseren Augen sich

der Morgen der Sterne zu denen wir wandern rötet

werden unsere Seelen

aus ihrem Schmerz heraus

den Morgen der Erfüllung mit leisem Lächeln begrüßen

 

 

Gebet auf meinem Weg

 

O Gott

der du mich bis zu diesem Augenblick unsichtbar geführt

führe mich auch weiter bis ans Ende meiner Wünsche

 

Laß mich nicht

müde und alleine mitten auf dem Weg zurück

 

Meine Wangen sind bleich

und meine Gedanken hängen wie meine Arme hilflos herab

 

O Gott

gib daß ein neuer blauer Morgen

meine Gedanken aus der Müdigkeit hebt

daß durch die bleichen Hände ein Strom roten frischen Blutes strömt

 

Sei

über meinem Haupt der Stern der mich begleitet

 

 

Die Erlösung

 

Wir sind von niemandem erlöst worden

Jeder von uns ist ein Gottessohn

der vom Himmel in das Elend der Welt hinabstieg

 

Wir sind zur Erde hinuntergelassene Wünsche Gottes

– Gott möchte

alles sein und alles leben –

 

Wir kehren immer zu Gott zurück

 

Die Erde: ein kurzer Ausflug

 

 

Frauen, Jünglinge, Sommer

 

Gegen Mittag versammeln sich auf der Promenade viele Frauen

– O woher kommen sie alle? –

wie ein Vogelschwarm

der sich unter blauem Himmel zu uns auf die Erde hinabläßt

 

Die Frauen rauschen

durch die Sommerluft und durch die Seelen träumerischer Jünglinge

und leichte Schritte tragen ihre leichten Körper

 

Nein, Frauen sind nicht von dieser Welt!

Sie sind die Quellen unzähliger blauer Nächte unserer Jugend

zu Körpern gewordene weiße Sehnsüchte

 

O ihr Frauen

für euch

haben wir die Paläste unserer Jugend weit geöffnet!

 

Aber die Schritte der Frauen klingen fremd und fern

 

Alle Frauen entfernen sich wieder

wie ein Vogelschwarm

der hinter den blauen Schleiern des Sommers entschwindet

 

Am Ende unserer Blicke

schreitet hochaufgerichtet eine einsame Baumreihe

 

 

Rückkehr

 

Ich kam zurück

kein trüber Gedanke lag auf meinem Gesicht

Ins Licht des Sommers

lächelt meine Seele sanft

 

Tritt an dein Fenster

sieh:

In der Ferne wo hinter dem Wald und den roten Häusern die Ufer glänzen

spielt mein Körper mit grünem Wasser

 

Langsam wirst du mich Vergangenen vergessen

Ich wachse auf vor dir

neu und groß

 

Ans Ufer kam der Bewohner eines neuen Sterns

und rauscht in wilder Freude

im Wasser und im Grün

 

In blauer Luft erglänzt der nackte Körper

schreit auf

und verliert sich in der Tiefe des aufbrausenden grünlichen Wassers

 

 

Rückkehr

 

Du ahnst nicht

meine Rückkehr meine Nähe

 

Wenn in der Nacht in deinen Ohren leiser Mondschein rauscht

so wisse:

es schreitet nicht der Mondschein um dein Haus

Ich bin es der in deinem Garten über blaue Wege irrt

 

Wenn über Straßen schreitend im toten Licht des Mittags du plötzlich

anhältst

erschreckt von eines wundersamen Vogels Schrei

so wisse:

es tönt vom nahen Ufer meines Herzens Schrei

 

Und wenn im Abenddämmer du einen schwarzen Schatten sich bewegen siehst

auf des dunklen stillen Wassers andrer Seite

so wisse:

ich bin es der da feierlich und aufrecht schreitet

als ging ich neben dir

 

 

Der Blick der armen Leute

 

Ich weiß: morgens stehen sie schweigend auf

und sitzen noch ein wenig auf dem Bett.

 

Solange sie essen oder sitzen, schweigen sie auch bei Tisch so.

Sie ruhen sich aus. Die Arme halten sie still

verschränken sie über der eingefallenen Brust;

nur manchmal fährt eine Hand über den Tisch

 

Niemendes Augen blicken geradeaus nach vorne.

Nichts erwarten diese Leute mehr.

In ihr Leben

kommt alles von außen

und steuert sie.

Ihr Leben besteht aus Ergebung und Besorgnis.

 

Hier sitzen sie jetzt

Ihr Blick kann an nichts Ruhe finden

Verwirrt irrt er umher

und sucht einen Ausweg außerhalb des Raums.

 

 

Arme Leute

 

Arme Leute schweben unbeständig

zwischen Tod und Leben

und im Nu kann das Gewicht

des Todes überwiegen.

 

Jeden Augenblick können sie die Grenze

überschreiten und sofort sind sie

im Tod: der allernächsten Nähe.

 

 

Das Mittagessen der armen Leute

 

Sie schämen sich voreinander

wegen eines solchen Mittagessens

 

und während sie essen haben sie Angst

des anderen Leben aufzuessen

 

Wenn sie vom Tisch aufstehn:

Stille und Schwere

Der Ekel vor sich selbst

verunstaltet die Gesichter beider

 

und jeder denkt er wäre des anderen Mörder

und das Blut das durch seinen Körper fließt

wäre das Blut des andern

(als hätte der eine den andern gegessen)

 

 

An einen armen Mann

 

Oh zieh dich zusammen in dich und dein Schicksal

Ergieße dich nicht über den Rand

Schließe die Tür vor jeder Hoffnung

denn die Tür führt ins Leere

Oh zieh dich zusammen in dich und dein Schicksal

 

Dein Körper wird dünner

die Hände blasser

die Augen tiefer

Ohne zu rauschen verdunstet das Blut in deinem Herzen

Wenn du nackt in der Nacht stehst ähnelst du

– so dünn, durchsichtig und blau –

einer hohen verwelkten Blume.

 

Oh wohin gehst du wohin gehst du?

Wirst du dich hier auf der Erde schon

völlig von deinem Körper befreien?

 

Der Reiche sieht wie du schwindest und wundert sich

„Er verging wie ein Geruch“.

 

 

Post scriptum

 

Auf die Armut blickte ich

und wollte sie besingen

 

Doch als ich tiefer in sie blickte

verstummte ich

ich sah:

Tief wie ein Abgrund ist das Elend!

 

Was ward zu meinem Lied?

ein Blick, ein Seufzer

Das übrige blieb außerhalb und

unbesungen

 

Darüber muß ich schweigen.

 (1920-1921)

 

 

Meine Verwandlungen

 

Ich singe mich selbst, wenn ich aus schwarzem Abgrund und quälender Nacht

mein blasses weiches Gesicht in einen kristallenen Morgen trage

und mit meinen Blicken über Felder, Wiesen und Gewässer schwimme

 

Ich singe mich selbst, der ich unzählige Male sterbe

und unzählige Male auferstehe

 

Oh Gott, verwandle mich, den vom ständigen Wandel Müden

in deinen hellen unveränderlichen ewigen Stern

der vom fernen Himmel

in die schwarzen Qualen nächtlich Verzweifelter strahlen wird

 

 

Sommerlied

 

Seit einigen Tagen schon

begleitet mich in meinem Innern das helle Lied des Sommers

 

Ich entsinne mich nicht wann der Sommer in unsere Stadt kam

doch ich weiß: der Sommer lebt bei uns

 

O schon lacht er in den Blumen an allen Fenstern

und auf den von Bäumen gesäumten Straßen

wirft er kühle Schatten auf unsere Häupter

 

Aus Seelen und freudigen Blicken

sprang er ans Firmament und zu den Wolken

 

Tagsüber sinkt die Stadt in stilles heißes Licht

und wenig Menschen gehen durch die Straßen

 

Durch blaue Helle tönt vom Fluß her das Geschrei der Menschen

erreicht durch angelehnte Fenster

der Hausfraun träges Alltagsleben

 

Die Hausfraun lullen sich bei ihrer Arbeit ein

in ein Leben das die Seele für sich selbst erschafft

und das nun zwischen so erfüllter Sehnsucht wandelt

 

Die Schwäne auf dem Fischteich sind meiner Sehnsüchte Erfüllung

die Verkörperung meiner weißesten Träume

Auf blauem Wasser

zwischen Tiefen und Höhen

schweben sie

und manchmal nur tauchen sie mit leichter Bewegung aus ihrer Reglosigkeit auf

 

Hier am Ufer erwarte ich den Sommerabend

daß er den Raum um meine Vögel mit Sternen schmücke

 

Ich möchte sie sehen

wie sie inmitten der Nacht

gehalten von der unsichtbaren Macht der sie umgebenden Sterne im Schlafe schweben

 

 

Der Jüngling

 

Ich kenne den Schmerz des Jünglings

der den Sieg seines gemarterten Herzens

in den Morgen hinaussingt

mit dem Wunsch alle Herzen mögen mit dem seinen erbeben

und horchend mögen sich die Häupter neigen

zum Schweigen und süßen Vergessen

 

Doch der von den Menschen ungehörte Gesang des Jünglings

fällt zurück

in seine schweigsame Einsamkeit

 

Ich kenne die Verzweiflung blaß und krankhaft grünlich

mit Blicken in die leeren Gesichter der Menschen in grauer Luft

und mit Angst vor dem schwarzen Abgrund der Seele

 

Ich kenne den düstern und harten Stolz

mit kühn ausgerichtetem Schritt

und mit Ohren die in ihrem Innern

der Stimme ihres Gottes lauschen

 

 

Aufgeschreckt

 

Auf schreckt mich in der Nacht aus tiefem Schlaf

ein weißes Licht das durch mein Fenster fließt

 

Ich weiß: vom fernen Himmel strahlen

nackte Frauenkörper in mein Zimmer

 

Und auf dem blauen Mondscheinschleier kniend

bete ich stumm aus blauer Nacht

zu den Körpern unsichtbarer himmlischer Göttinnen

 

 

Herzegowina

 

Hingelegt unter den Sternen haben die Berge sich und in den Feldern die niedrigen

einzelstehenden Häuser

Aus blauem Dunkel ragen die Bäume

 

Auf der Staße ist niemand mehr

 

Die Straße ruht

und hat den Kopf in des lautlosen Tales Finsternis getaucht

 

In der Nacht werden die Bäume sich nicht rühren

Über den Himmeln nur schreiten langsam und still die Sterne

 

 

Der Verführer

 

Und danach

denkst du

auf den Knien zwischen zerdrückten Kissen

an den Tod

 

O Kind!

Ich will dich nicht mit neuen Küssen beschwichtigen

um zu vergessen

Über dein blasses Gesicht rinnen Tränen

 

Morgen

wird sich dein Herz beruhigen

das jetzt so verzweifelt schlägt

 

Morgen

wenn du mit dunklen Ringen unter den Augen

zu deinen Gespielinnen trittst

werden deine Gespielinnen sich wundern

Aber nicht eine wird entdecken

daß auf dem Grunde deiner Augen

sich ein blasser Stern versteckt

 

Weine nicht Kind: blau färbt sich die Winternacht

Meine Fußstapfen wird weißer hoher Schnee bedecken

 

 

Die Verführte

 

Nein, er ist nicht mehr da. Er ist geflohen. Die Haustür

schlug unten laut zu

wie zum letzten Mal

 

Soll ich ihm die Treppe hinunter nachstürzen?

Ich bin erstarrt, bleibe stehn

 

Auf dem Boden liegt eine zertretene Blume

 

Rote Sterne

lachen laut durchs Fenster

 

Aus aller Kraft rufe ich in die Nacht hinaus

Die Fensterscheibe klirrt

und beruhigt sich

 

In der Nacht

schweigt das steinerne Herz der Stadt

 

Vom kalten Licht der Sterne übergossen

zittert mein nackter Körper

 

 

Lied über der Erde

 

Auf einer Wolke schwammen wir den ganzen Tag

 

Jetzt wird es Abend

Wir landen auf dem hohen Gipfel eines Berges

und laben uns am Wein

 

Im Abenddämmer blitzen silberne Pokale auf gen Himmel

 

Tief verachten wir die Menschen und die Erde unter uns

Unser Leben gehört nur den Höhen

 

An der Brust der Nacht

ruhen unsre Leiber

 

Doch im Morgenrot

wird neue Freude durch einen neuen Tag uns tragen

 

Unsre hohen trunknen Freuden: unsre weißen Segel

 

 

Herzegowina

 

Ich schreite über Wiesen in der Dämmrung blau

 

Am Rand der Wiesen steht das Dampfmühlhaus

Von weitem

gleicht es einer blutverschmierten eckigplumpen

Malerei am Himmel

 

Je näher ich komme umso lauter schreien

die unzähligen glühendroten Ziegel

Unbekannte könnten meinen die Bauern feierten ein Fest

 

Unterhalb der Hügel kriecht ein schwarzer Zug

gleichmäßig stampfend

und kreischt

seine Ankunft dem noch fernen Bahnhof zu

 

Hier sind die Nacht und ich auf dem Berg

 

Unter mir tauchen für Augenblicke

Häuser Bäume und Wiesen aus dem Dunkel auf

und sinken wieder ins Dunkel

wie ins Bewußtsein

 

Aus der Finsternis sehen mich manch helle weiße Fenster an:

wie manch weiße festliche Augenblicke

im schwarzen Leben der Menschen

 

 

Die Zukünftigen

 

Die Zukünftigen sind schon gewesen

und alles war von Anfang an

in Gottes Blick

 

Aus tiefem dunklen Gottesschoß: der Zeit

ans Licht der Oberfläche treten pausenlos

Menschen der Zukunft

 

Im abgrundtiefen Auge Gottes

spiegeln sich schon Myriaden zukünftiger Welten

 

 

Gebet um Verwandlung

 

Den Tag halten nur noch wenige Lichter

die auf den Gipfeln erlöschen

 

Ich warte auf die Nacht: die Verwandlung der Dinge

 

Die Nacht

meldet sich aus dem Tal und wächst zwischen den nahen Bergen

zum Himmel hinauf

 

Die Landschaft meiner Heimat ist der Nächte voll

 

Unter dem Himmel leuchten die Berge auf

zu riesigen blauen durchsichtigen Kristallen

Die Bäume

auf den Gipfeln, im Feld, am Wasser und neben mir

stehen schwarz und unbeweglich

 

Horchend stehe ich auf der Straße: unten in den Wiesen

wandelt der weiße Mond

 

und ich denke:

die Nacht die den Dingen

das sanfte unbewegliche Gesicht ihrer jungen Tage wiedergibt

warum weckt sie in uns dunkle hungrige Begierden?

 

O Nacht

sei eine kalte Hand auf unsrer heißen Stirn

beruhige unser Blut und senke Frieden auf unsre Sinne

 

Gib unsern friedlichen durchscheinenden blauen Körpern

den Schlaf unschuldiger und stiller Pflanzen

auf Schleiern die der Mond über die Wiesen breitet

 

Im Schlaf werden wir lauschen

wie der Mond leise übers Wasser zieht

 

 

April

 

In der Sonne des April springen im Garten

langsam die ersten Knospen auf

 

Auf den Wegen spielen und lachen

kleine Mädchen

 

Ich trete ein und setze mich auf eine Bank

eine Zigarette zu rauchen

im sonnigen Winkel

 

Verschämt lassen die Mädchen ihr Spielzeug liegen

als wollten sie sagen:

Das ist nichts mehr für uns

 

Ich rauche

 

Ein nahes Rascheln

 

Hinter einem Busch versteckt

messen mich mit stummen Blicken

die kleinen Mädchen

 

Ich sehe wie das eine oder andre manchmal mit irrender Hand

unter den leichten Frühlingskleidern

sein Herz feste drückt

 

Ein Schrei!

Sie fühlen sich entdeckt

und lachend fliehen sie plötzlich vor meinen Augen

hinter hohe Gartenbüsche

 

 

Die Opfer

 

Wir

treffen uns an der Türe zur Nacht

und jeder von uns verließ einen quälenden Tag

 

Blau und hoch leuchtet die Nacht: ein Tempel

 

Unsere Körper lodern

in der Tiefe der Nacht

 

Opfer dem Gott unsrer Liebe

 

 

Der Kranke

 

Mein kranker Leib

sehnt sich nach einem stillen Krankenhaus

 

Ein Krankenhaus bar jeden Lärms bar jeder Stadt

im leeren bleichen Tag

Der bleiche Tag – ein Widerschein des bleichen Himmels

Im toten Garten zieht die Wintersonne

 

Wir leisen Klosterbrüder ohne Gott

vergessen das Leben

in unsren weißen öden Zimmern

Wir träumen

unsre langen trüben bleichen leeren Tage

 

An unsre Fenster pochen hier und da

ein Schrei, ein Tanz, Freuden des Lebens aus der Stadt!

– O Stadt!

 

O Unruhe und Ohnmacht unsrer Herzen!

O längst schon traten wir aus diesem Leben

von uns blieb nur Erinnerung!

Nur in den Tod öffnet die Türe unsres Hauses sich –

 

Über den Rand der Erde stürzt sich der Himmel hinab

 

Abend

 

– O unsrer Freundinnen Abende und Nächte!

Wer küßt jetzt unsre Freundinnen? –

 

Wir sinken in den schwarzen Schlund der Träume

uns wähnt wir wären alle schon seit langem tot

Unzählige Jahre liegen wir in Gräbern

Über uns

rasen Himmel und Wolken

Über uns

stürzen Tage und Nächte sich endlos in die Ewigkeit

 

 

Der Mondsüchtige

 

Der Mond

Gott der Nacht

steigt vom Himmel herab

und schreitet leise meinem Haus entgegen

 

Langsam erklimmt er mein Fenster

und läßt seine Blicke auf mir ruhen

 

Er lockt mich hinaus in die Nacht

 

Ich stehe auf ... und mein Gesicht mein weißes ... lächelt

 

Schlaftrunken schreite ich über die Ränder der Dächer

und spaziere durch die Nacht in der Höhe

– Mich halten die weichen Arme des Mondes –

 

O wie leicht ich bin ... unirdisch ... ich schwebe

und kann auf eines Baumes Blatte stehn

 

Ruft mich nicht: eine Erdenstimme

beudeutet Tod meinem himmlischen Wesen

 

Hoch über der Erde schwebe ich leicht durch die Sphären

 

 

Der Märtyrer

 

Aus der Menge trat ich

alleine

und rief euch in die Erde:

ein Neues Leben

 

Nur Spottgelächter hallte

aus der Menge

an mein Ohr

 

Ich machte mich alleine auf

Ihr aber schicktet den Tod mir nach

 

Ich starb

 

Aus meinem Herzen sprossen

zwei blaue Blumen der Liebe

in die Welt

 

 

Die Mutter

 

Ich betrete die Einsamkeit meiner Mutter:

einen stummen nackten Tempel

 

Im Tempel brennt ohne Unterlaß ein rotes

und leises Herz der Liebe

 

Ihr Auge sieht vor meinem Leben

ein undurchdringliches Geweb aus Finsternis

 

In mein vergangenes Leben dringt ihr Blick nicht tiefer

als ihr Fuß mit einem ersten Schritt in nächtliche Walddunkelheit

 

Für das Lied meiner Liebe hat sie kein Gehör

Auf dem verlorenen Sohn liegen nur

zwei Blicke schweren Tadels

 

Ich sehe in ihr stummes kaltes untröstliches Gesicht:

Die ewige Urmutter

tauchte auf aus der Tiefe der Zeit

 

Ich gehe

 

Zwei Menschen fühlen harten Stein

 

Hände berühren sich an der Schwelle des Hauses

 

Meine Mutter kehrt zurück in ihre Einsamkeit:

einen stummen nackten Tempel

 

 

Einsamkeit auf dem Wasser

 

Der Vater sagte gestern abend: „Mein Sohn es ist Herbst“

Und in dieser Nacht schon überschwemmte gelbes Wasser unsere ganze Gegend

 

Von den Bergen steigen Menschen irren im Wasser umher

suchen Fische oder vielleicht ein ertrunkenes Kind

 

Über dem Wasser glänzen ihre stummen kupferfarbenen strengen Gesichter

 

Wenn sie innehalten die Arme auszuruhen

fällt lang und schwer ihr Blick aufs Wasser

und ihre Leiber unbeweglich und stämmig scheinen wie aus Stein

 

Über dem Wasser und über den Menschen

steht in der Nähe des Gipfels die Sonne

und ähnelt

einem weißen papierenen Tagesmond

 

Ich liebe den Herbst das Wasser die bleiche papierene Sonne

und fahre allein übers glatte nackte Wasser

Ich singe Lieder denke und in Gedanken lasse ich

alles:

Berge Wasser Menschen mich selbst

zurückkehren zu den ersten jungen Tagen der Welt

und die stille nackte Wasserfläche

scheint mir der Rücken einer mächtigen Ur-Frau zu sein

 

Der Tag endet

Von den Bergen fällt ein langgezogener Ruf aufs Wasser

zwischen die Menschen

 

Und die Menschen verschwinden an der ersten Krümmung der steilen Pfade

 

Die Nacht

bodenlos und wild

noch unsichtbar

verschluckt die Sonne

 

Und wenn sie später auch vor meine Augen tritt

verschluckt sie Himmel Wolken Berge

 

Ich bin alleine auf dem Wasser

Über mir wölbt sich dunkel und hoch die Nacht

 

Manchmal

richte ich mich auf in die Nacht

– eine Gestalt wach und doch träumend –

und strecke das lange Ruder aus in die Leere der Finsternis

 

– Möchte denn meine Seele

daß jemand aus geheimnisvoller Nacht

zu ihr in ihre Einsamkeit träte

auf dem schwarzen schweigenden Wasser? –

 

Um mich her ist es dunkel

und alles endet am Rande des Wassers und am Rande der Nacht

 

 

Der Mittag und der Kranke

 

Ein blauer Mittag sitzt

auf den Wolken

 

In einem Zimmer das niemand betritt

stirbt ein Kranker

Neben ihm schweigt ein schwarzer Vogel

 

In den Gärten sonnen sich nackte Mädchen

und der blaue Strahl eines hohen Springbrunnens

rauscht

in die blaue Leere

 

. . .

Der Kranke liegt tot da:

ein Gegenstand neben Gegenständen im Zimmer

 

Der schwarze Vogel

ist verschwunden?

 

Unter dem Himmel

hängt ein gewaltiger schimmernder Pfauenschweif

von den Wolken in die Gärten hinunter

 

 

Der Abend und ich

 

Unsichtbar Posaunen trauern

in den Untergang der Sonne die im eignen Blut ertrinkt

 

Nun schweigen die Posaunen, der erste Stern beginnt zu flimmern

Der blaue Himmel läßt zur Erde sich hinab

 

Fernab singt eine Schenke der Nacht entgegen

und auf der Straße begegnen sich zwei Frauen mit haßerfülltem Blick

 

Ich biege von der Straße in den Wald

und sehe meine Hände immer blauer werden

Mit sanftem engelgleichem Blick

starrt eine Hinde aus dem Dunkel

furchtlos in meine wilden Augen

 

Da halt ich inne:

Ein Riese glotzt, sein Leib gebeugt

über einer kleinen blauen Blume im Gras

 

Ein leises Rascheln?

Unten

über dem grünen Wasser

bluten die roten Füße des Mondes

 

 

Die erste Nacht der Einsamkeit

 

Rote Blumen der Liebe

glühen in der Nacht

 

Die erste Nacht durch die

allein ich gehe

 

Ich horche:

die hohen blauen Springbrunnen sehnen

die Sterne herbei die sie nie erreichen werden

 

und mein schwarzes schweres Herz

pocht und pocht

 

 

Winter

 

Meine Seele ward von Liebe zermürbt

Meine Seele ist krank

und schläft

 

Weckt sie nicht auf: jeder Gedanke schmerzt

 

Meine Seele ist ein dunkler nackter See

im kalten weißen Tag

Keine Möwe fliegt weiß über dem Wasser

Keine Wolke rauscht blau unter dem Himmel

 

O alles steht starr

und schmerzhaft weiß!

 

Auf die nahen Häuser ist der Himmel gefallen

Auf die Häuser gelehnt schläft der Himmel

 

Soll denn heute alles stillstehn und schlafen

 

Heute schmerzt jede Bewegung

 

 

Brennen

 

Den westlichen Himmel hinab

und aus geplatzten Granatäpfeln im Garten

fließt Blut

 

Aber im Osten meldet mit blauem Antlitz der Abend sich

und der Westen wird blasser, röter die Granatäpfel

 

Du fliehst zu mir

erschreckt von den Ästen im Dunkel

und schweigst

 

Warum wird dein Körper plötzlich zur Flamme?

 

O wie die Granatäpfel sprühen

und mit uns brennen!

 

Auch die Sterne wollen sich nicht zeigen

daß das stumme Brennen hier im Garten stärker werde

 

 

Eifersucht

 

Über der schneeichten Erde

blaue Sterne

 

Dein Haus steht am Ende des Waldes

Ich gehe zu Dir

 

Wird mich ein Wolf in der Dunkelheit anfallen?

Der Schnee knirscht leise unter meinen Schritten

 

Da bin ich!

Dein Haus steht umzäunt

Alle Vorhänge sind zugezogen

Vor der Türe wacht ohne mich zu sehen

ein Hund

 

Nur ein Fenster leuchtet rot

 

Ich weiß alles

 

Leblos

kehre ich um

und mein Gesicht ist weiß wie Schnee

 

 

Eifersucht

 

Beim Fortgehn wie gewöhnlich:

Trennung und Trauer

 

Mit letztem Blick sog ich in meine Seele

ihre Lippen und auf dem Tisch die Blüten

rot

 

Bei meiner Rückkehr seh ich nun wie sie verwirrt

in einem Buch ein Bild verbirgt

 

Warum sind deine Lippen und die Blüten

blasser geworden?

 

 

Gott der Peiniger

 

Unsere Seelen werden unverhofft von Haß erfüllt

– O unsere verzerrten Münder, zerrissenen Gesichter! –

 

Ein unsichtbarer grausamer Gott steht hinter uns

im Finstern

In Finsternis ist er gehüllt

sein unsichtbarer Riesenleib verliert sich in den Lüften

 

Wir ragen in den Raum wie Bäume nach dem Sturm

 

An unsrer Kleidung vorbei streichen die Stunden

In unsere Gesichter

malt Mitleid ein sanftes tiefes Lächeln der Versöhnung

 

Und der finstere Gott verwandelt sich in Licht

das draußen durch die Sphären wallt

und wild an unsre Fenster flutet

 

 

Tote Liebe

 

Tot tönt der Liebe Ende in der Seele

Blau steigt der Abend aus den Himmeln

Mit stillem schwarzen Tuch verhänge ich die Fenster

 

Ich weiß: draußen stehen die Sterne tot am Himmel

leblos die Häuser und der Schein des Mondes, bewegungslos der schwarze Raum

 

Niemehr wird jemand zu mir kommen

 

Nur unsichtbar noch lebt der Tod

 

O Schlaf

breite ein rotes schweres Bartuch aus über mich

und lasse den schwarzen Nachthimmel

ewig über mir

schweigen

 

 

Die Vernachlässigte

 

In einem Zimmer einer großen Stadt

inmitten ärmlichen Geschirrs und Hausgeräts

lebt eine junge Frau

 

Täglich stapft am Mittag und am Abend

ein Wolfsgesicht ins Zimmer

 

Während die Frau beiseite tritt

und wartet

verschlingt das Wolfsgesicht das Essen

und verschwindet

 

Nächtens schweigt beim Herd die junge Frau

– das Feuer summt im stillen Zimmer –

über Marcel Prévosts Roman

 

Ihr länglich Antlitz bleich und ohne Hoffnung

wird schwer vom Lesen fällt vornüber

auf des Romanes Seiten

und schläft ein

 

Am Fenster sehnen sich weit offne blaue Blüten

einsam in die Nacht

in der die nahe Schenke wild lärmt und singt

 

 

Die verlorenen Frauen

 

O wo sind jetzt die Frauen

die irrend durch die Welt einst in mein Leben traten

und eine nach der andern aus meinem Leben wieder schwanden

ins Dunkel?

 

Und wo liegt jenes Land

in dem nun ihre Seelen lieben?

 

Jene Frauen sind jetzt

Sterne

 

Heut nacht

klingt aus der Tiefe

ihr Lächeln in meine Seele

 

 

Der Vampir

 

Er führt mich in die Nacht

Seine Hand ist klein warm und weich

Er führt mich in die Nacht

Leer blau und wässrig locken seine Augen

Er reicht mir aus der Nacht

des Weines Gift, der Worte Spottgelächter

 

Ich verstecke meine Seele vor ihm

 

Er umarmt meinen Körper

und trinkt trinkt meine Lippen

und tanzt und fällt berauscht von meinem Blut zu Boden

 

und wartet auf den Augenblick

wenn sich mein Körper leblos hinstreckt

er meine weiße Seele packt

und mit ihr durch die Nacht ins bodenlose Dunkel rast

 

 

Einmal

 

O Frau

die du aus unsrem Alltagselend

verzweifelt deine sanften Augen zu mir hebst

 

Dies ganze Leben... o dies ganze Leben

o Frau

 

werd einmal ich auf meiner Harfe spielen

 

Und wenn nach diesem Spiel der Harfe

unsere Seelen wortlos sprechen werden

 

weißt du was sie dann sagen?

 

Wie glücklich wir doch waren. Wie glücklich wir doch waren

 

 

Geschicke um Mitternacht

 

Schwere Hängebacken... die Augen brennen

trübe feucht und leer

 

In den Augen hinsterbende Seelen

(Verhängte Fenster leerer finstrer Häuser)

 

Weiße Lichter rauschen

 

Auf den Tischen Gläser voll Alkohol

 

Die Flüssigkeit gießt Schwere

in die Glieder

verwandelt Menschenleiber in langsam sich bewegende und schwere Holzskulpturen

 

Die Frau

gehüllt in grelle Farben

und parfümiert die weiße Körperhaut

ruft nicht mehr Lüsternheit hervor

mit scharfer hoher Lache

 

Rote und kalte Herzen schlagen dumpf wie Uhren

 

Ein Mensch erhebt sich vom Tisch

ein Ruf der nur ihn erreichte

läßt ihn mit letzten Schritten hinausgehn in die Nacht

 

Der Mond

– ein runder roter Schädel –

lacht unbemerkt durchs Fenster

derweil in diesem Raum verlorner Körper

Verwirrung herrscht

 

 

Eine fröhliche Nacht in der Stadt

 

Alle erhellten Nacht-Häuser singen

heut nacht

und alle Dinge spitzen die Ohren

und die Straßen erstrecken sich – wie Gedanken – ins Unendliche

 

Hinter den Fenstern wird ein roter Tanz getanzt

heut nacht

Und die Fenster zittern

Die Fenster

werden wild und irre in die Nacht hineinspringen

 

Alle erhellten Nacht-Häuser singen und kreischen

heut nacht

 

Doch genug jetzt!

Der Zeiger steht wie ein Finger und spricht: es ist an der Zeit

– Der Tod blieb um Mitternacht stehn über der Stadt –

 

Und alle Menschen schrecken auf

und alle Stimmen sind verstummt

und niemand rührt sich mehr

 

Stille

 

Der Tod löscht eine nach der andern die Lampen in der Stadt

 

 

Abschied von uns selbst

 

Wir stehen am Rande der Welt

und blicken ins Untergehen der letzten Sterne in die tiefe Nacht

 

Mit den Sternen gehen auch wir unter

 

Wir stehen schon am äußersten Rande unserer selbst

 

Wer hat die Erde unter uns auf unsichtbare Weise fortgerückt

daß wir sie fern wie einen Stern schon sehen?

 

Entrückt sind die Sterne

Wer von uns kann noch sich selber ahnen?

 

Wir stürzen immerdar

 

Bodenlos ist unser Weg und lautlos unser Fallen

 

 

Die Blume im Kaffeehaus

 

Mit großen Hüten und apart gekleidet

– tief in den Taschen vergraben die Hände

tief in der Seele Geheimes –

treten sie ein aus weißer Winternacht

und eilen zu ihrem Stammtisch

 

Liköre Kaffee Zigaretten

 

Und dann ist es an der Zeit

Probleme zu lösen

 

Auf den Gesichtern entzünden sich geheime Feuer

brennen brennen

 

Plötzlich

führen alle Wege sie in trockne gelbe und endlose Leere

 

Wohin?

 

Die Seelen beginnen einander zu hassen

zu quälen

 

Verborgenes Seelengeheimnis zeigt sich in den Augen

 

Die Arme unter den schweren Köpfen auf dem Tisch

so schweigen sie

 

Neben ihnen in der Vase

vergessen

still und rot

brennt

die Blume der Liebe

 

 

Hehrer Abend

 

Durchs Fenster tönen abendliche Stimmen von Gegenständen und von Menschen

in mein noch unerhelltes Zimmer

 

Was wollen diese fremden zudringlichen Gäste?

 

Die Stimmen sind nicht böse; sie legen sich wie Hunde zu mir

ins Schweigen

 

Will alle Stille denn mit mir eins werden

und sich in mir verkörpern?

 

Ich strahle in der Nacht wie Marmor, bleich und reglos

 

 

Die Frauen mit einem Herzen

 

O diese Frauen im Leben

in deren Augen aus noch keiner Seele

die Liebe blickte!

 

Ich schaue ihnen nach:

unsichtbar gehn sie durch die Straßen

als wenn den Raum sie stählen

den sie durchqueren

 

Für sie

beginnt am Rande ihrer Seele Fremde

 

Diese Frauen: verloren in sich selbst

und mit schwerem Schweigen verschlossen!

Diese Fauen

mit einem ewigen Innensein!

Sie horchen

immerdar bei Tag und bei Nacht ein Leben lang

mit angelehntem Ohr

 

Unmerklichen Schrittes trete ich an sie heran

und nehme ihre bleiche weiche Hand:

Fürchtet euch nicht vor mir! Meine Seele ist voller Liebe

 

Sie legen ihr Herz

in meine Hand

 

und sterben dann aus dieser Welt

in Gegenden die Gott für sie bestimmte

 

 

Die Sieger auf der Wiese

 

Heut nacht erschlagen wir den alten

seit Ewigkeit verhaßten

Tod

 

Schon floh die Erdennacht vor uns

Nur noch die Sterne scheinen mild in unsre Augen

 

Das Grün der Wiesen spiegelt sich in weißen Wolken

 

Und auf den Wiesen hallet unser Ruhm

 

Die Runde macht ein schwerer Krug

 

Freude rötet die Seele auf unsren Gesichtern

Tiefer versinken... schon unsichtbar... in unseren Augen die Sterne

 

Aus trunkenen Herzen erhebt sich

im klaren Morgenlicht

ein stolzes Siegeslachen empor zu den Himmeln

 

Weiße leichte Wolken wiegen sich in den Morgen hinein

 

Da plötzlich!

 

Getaucht aus dem blauen Himmelsgewölbe über unseren Häuptern

steht strahlend rot

die Sonne

 

 

Aus dem Kroatischen übertragen

von Hedi Blech-Vidulić

 

proza

Jana Kujundžić: Mi, one od nekada

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jana Kujundžić (1990.) diplomirala je sociologiju na Hrvatskim studijima u Zagrebu i masterirala rodne studije (Gender studies,) na Central European Universityju u Budimpešti. Osim kratkih priča piše i feminističke kritike događanja u Hrvatskoj i u svijetu kao i kritike filmova i serija za portale Libela i Voxfeminae.

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NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

S dvije kratke priče u širi izbor ušla je i Paula Ćaćić (1994., Vinkovci), studentica indologije i južnoslavenskih jezika i književnosti na Filozofskom fakultetu u Zagrebu. Uz nagrađivane kratke priče i poeziju, Ćaćić piše i novinske tekstove za web portal VOXfeminae.

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NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

S prva tri ulomka romana u rukopisu Svena Popovića, započinjemo objavljivanje šireg izbora nagrade ''Sedmica&Kritična masa 2017''.
Popović (1989., Zagreb) je diplomirao komparativnu književnost i engleski jezik i književnost te amerikanistiku na zagrebačkom Filozofskom fakultetu. Književni prvijenac „Nebo u kaljuži“ (Meandarmedia) objavljuje 2015. Jedan je od osnivača „TKO ČITA?“, programa namjenjenog mladim autorima. Priče su mu uvrštene u „Best European Fiction 2017“ (Dalkey Archive Press). Živi i ne radi u Zagrebu.

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Maja Jurica: Miris biskvita

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Maja Jurica (1990., Split) studentica je hrvatskoga jezika i književnosti na Filozofskom fakultetu u Zadru.

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Anita Vein Dević (1987., Karlovac) magistrirala je na Fakultetu za menadžment u turizmu i ugostiteljstvu. Piše poeziju, kratke priče, i nastavak romana „Ukradeno djetinjstvo“.

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Martin Majcenović: Medvjeđa usluga

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Martin Majcenović (1990.) diplomirao je kroatistiku i lingvistiku na Filozofskom fakultetu u Zagrebu. Kratka proza objavljivana mu je između ostalog i u Zarezu, Autsajderskim fragmentima, Booksi... Sudjelovao je u užim izborima na natječajima za kratku priču Broda kulture (2013. i 2016.) i FEKP-a (2014.) Član je Književne grupe 90+, a piše za portal Ziher.hr.

proza

Marija Solarević: Itinerar

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Marija Solarević (1987., Zagreb) diplomirala je pedagogiju i etnologiju s kulturnom antropologijom na Filozofskom fakultetu u Zagrebu, osvajila je MetaFora nagradu u organizaciji Knjižnice Vladimira Nazora, u Centru za kreativno pisanje pohađa radionice i stvara kolumnu o književnosti i pop-kulturi. Trenutno piše zbirku kratkih priča "Noćne ptice".

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