Lyrik

Vesna Parun: Gedichte

Vesna Parun (1922. - 2010.) war eine der angesehensten kroatischen Schriftstellerinnen. Bekannt wurde sie durch ihre Gedichte.
In ihrer Lyrik spielt das Kindergedicht eine große Rolle. Zu ihren Werken zählen u. a. der 1955 veröffentlichte Gedichtband Schwarze Olive und der 1959 veröffentlichte Band Die Koralle kehrt zum Meer zurück. 1995 wurde sie für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.
Vesna Parun widmete sich vollkommen der Literatur und war so die erste Schriftstellerin in der kroatischen Literatur, die ausschließlich von Literatur und für die Literatur lebte. Sie gehörte zu den bekanntesten zeitgenössischen Dichtern in Kroatien.



 

Unsere Kindheit ist an allem Schuld

 

Einsam sind wir aufgewachsen, einsam wie Pflanzen.

Nun sind wir Forscher, auf Entdeckungsreise

In der verwilderten Landschaft Phantasie,

nicht geübt im Gehorsam gegen das Böse.

 

Aufgeschossen sind wir entlang der Chausseen,

mit uns gemeinsam wuchs die Angst

vor wilden Hufen, die uns niedertrampeln,

vor Grenzsteinen, die unsere Jugend spalten.

 

Keiner von uns hat zwei heile Hände,

zwei Augen, unversehrt. Und ein Herz,

darin nicht die Klage hauste.

 

Die Welt kam herein mit grellen Tönen,

schlug Wunden in unsere Stirn

mit dem Geklirr ihrer tödlichen Wahrheit,

mit dem Lärm verspäteter Sterne.

 

Wir werden alt. Und Märchen gehen uns

wie Herden, die zum fernen Feuer drängen.

Auch unsere Lieder sind wie wir:

Voll dunklen Sinns und traurig.

 

(R. S. Baur)

 

 

Das Haus auf der Straße

 

Ich lag im Staub an der Straße.

Ich sah nicht sein Gesicht.

Er sah nicht das meine.

 

Die Sterne stiegen herab, die Luft war blau.

Ich sah nicht seine Hände.

Er sah nicht die meinen.

 

Der Osten wurde grün, eine Zitrone.

Ein Vogel schrie, ich öffnete die Augen.

Da sah ich, wen ich geliebt

mein ganzes Leben lang.

Da sah er, wem die armen

Händen er gestreichelt.

 

Und der Mann nahm sein Bündel und weinend

Machte er sich auf den Weg in sein Haus.

Sein Haus ist der Staub auf den Straßen,

das ist auch mein Haus.

 

(H. Pataki)

 

 

Die Zeugen

 

Diese Welt begriff noch nicht.

das große Geheimnis Kindheit.

 

Warum ruft ihr Kinder vor dieses Gericht,

wo der Mensch den Menschen richtet,

der Heimatlose den Heimatlosen;

wozu ruft ich Zeugen auf?

 

Es soll keine Blume mehr

Blumen gebären

es soll kein Märchen mehr

Märchen gebären.

 

Nicht Blume noch Märchen verstanden wir

und achten nicht die schuldlosen Bäume.

 

Wozu zeugen wir

Zeugen?

 

(H. Pataki)

 

 

Epitaph

 

I

Weder die schweren Mühlsteine der Hoffnung noch das Rauschen des Meeres

Die geballte Unruhe des Lebens, die sanften Augen der Liebe

Schmerzbereit

Sie ließen uns nicht

 

Sondern uns verzehrt

Die Vergänglichkeit, der leere Fluss

Der aus unserem Herz

Namenlos hervorströmt

 

II

Könnte uns doch das hohe Gras sagen

Ob der Schuss, recht hatte

Der uns aus dem Sattel warf; könnte uns

Das hohe Gras doch sagen

Wer uns niederwarf

Und warum wir nun lachend daliegen

 

III

Wir haben dich geliebt, du hohes Gras,

Sag ihnen das

 

Hohes rauschendes Gras wir haben dich geliebt

 

(R. S. Baur)

 

 

Der Bruder

 

Nacht ist in meinem Leib, Nacht ist in den Wolken

Trauer in meiner Kehle, leiser denn Mondschein.

 

Wind tröstet mich traumbefangen, reicht zerstreut mir die Hand,

Meiner Trauer jedoch gibt es kein Vergessen.

 

Durch Stein blicken meine Augen, sie folgen den Stimmen von Knaben,

von Knaben, die irgendwo ihre Herzen verströmen.

 

Ein verlorener Quell, wer wird ein Lied ihm reichen,

Wer haucht dem Falter, dem toten, neues Leben ein?

 

Klar bist du vorhergewandelt, liebtest die Milch und das Leben.

Jetzt bist du nicht mehr. Keiner weiß wo. Blut ist namenlos.

 

Keiner weiß wo. Rot nur leuchtet das Blut, blind, ach, und ohne Namen,

Blut der Hirschkuh im Wald – eins mit dem Blut meines Bruders.

 

Eins ist jetzt alles und nah, denn die Erde ist Mutter.

Freude gibt sie und Leid – ein Leid nur und nur eine Freund.

 

Sie kennt keinen Hass: gab uns Leben gleich einem schönen Wunder.

Warmes Blut, das liebt, sanftes Blut, das klagt.

 

Wie sollte ich den Bruder vergessen, die Hirschkuh, o schwarze Erde,

Du meine schwarze Erde, du meine zerrissenes Land?

 

(I. Jun-Broda)

 

 

Gong

 

Augenblicke meines Lebens – Kugeln des Rosenkranzes

In der löcherigen Dämmerung sich kreuzender Schatten –

Kann ich jemals den Durst stillen

Nach dem Licht, das ihr verlasst

 

Eine Vogelscheuche, eine Zeitenscheuche

Hebt und senkt nur die Brauen

Wenn wir alle Uhren verschlucken

Werden wir dann unsterblich werden

 

Juweliere, könnt ihr

Ein lebendiges menschliches Herz anfertigen

Das um Hilfe schreit

 

(R. S. Baur)

 

 

Lied an die Republik

 

Rost zerfrisst die Jahrhunderte. Doch die Völker wachsen und gehen.

es fließen die Jahre dahin – Galeeren voll Sklavenherden

und Richtstätten, aufgerichtet

mitten im Korn.

mehr Blut als Regen und Wassernot,

mehr Tote als Mondfinsternisse.

 

Baumstämme wachsen, vermehren sich...

Es zittert der Mensch vor dem Blitz,

Balken behauend

Für die Hallen der Herrscher.

Bis zum Gürtel im Teer, bis zum Hals in Nesseln,

breitschultrig das Volk in rauchgeschwärzten Opanken,

Schäfer, dem Wolf verbrüdert,

seinen Namen hat er vom Schneesturm,

vom blutgefärbten,

und von Schellengeläute

und von der Erde, der zu fronen

so schwer.

 

Doch wie viele sind da, ihr zu fronen! Aj, du Lika!

Hungere nur, Volk ohne Zahl. Des Königs Papiere wachsen

Stell auf der Börse. Für dich jedoch Hacke und Spaten,

und wurmt’s dich, weit ist, Bruder, die Welt!

So geh doch in Gottes Namen,

die Pampas warten:

Amerika!

 

Wo ist die Börse hin, Spiel und Turnier der Ritter?

Träumt euch, ihr Herren? Alles ist heute

die Republik:

Korn und Viehzucht,

Alphabet und Stahlproduktion.

Und morgen schon siehst du: Traktorenstation,

Dampfmühle, Grundriss des Kraftwerks

anstelle des Traumbuchs.

 

Entrolle die schwere Landkarte, den Traum von der Tiefe,

der Erde gelbes Netz!

Miss ab: acht Finger breit dehnt sich Europas Südosten!

Reiß ab die Dynastie, lösch die ganze Rubrik,

ein neues Gerüst, ragt auf, nenn’s, wie du willst –

wir haben die Republik!

 

 

Die Schwester

 

Nacht ist in meine Leib, Nacht ist in den Wolken,

Trauer in meiner Kehle, leiser denn Mondenschein.

 

Wind tröstet mich traumbefangen, reicht zerstreut mit der Hand,

meiner Trauer jedoch liegt nicht daran zu vergessen.

 

Durch Stein blicken meine Augen, sie folgen den Stimmen von Knaben,

von Knaben, die irgendwo ihre Herzen verströmen.

 

Ein verlorener Quell, wer wird sein Lied betrauern,

wer haucht dem Falter, dem toten, neues Leben ein?

 

Klar bist du vorübergewandelt, liebtest die Milch und die Erde,

jetzt bist du nicht mehr, keiner weiß, wo: Blut ist namenlos.

 

Keiner weiß, wo. Rot nur leuchtet das Blut, blind ach – und ohne Namen.

Blut der Hirschkuh im Wald ist eins mit dem Blut meines Bruders.

 

Eins ist jetzt alles und nah, denn die Erde ist Mutter.

Freude gibt sie und Leid: ein Leid nur eine Freude.

 

Die Erde kennt keinen Hass, gab Leben uns gleich einem Wunder:

warmes Blut, welches liebt, sanftes Blut, welches weint.

 

Wie sollt ich den Bruder vergessen, die Hirschkuh, o schwarze Erde,

du meine schwarze Erde, du mein zerrissenes Land!

 

 

Dreizehn Kummer

 

Dreizehn Kummer trieben der Korana Wasser hinab,

dreizehn Sklavenzüge, dreizehn Schiffe, mit Ketten beladen voll.

Dreizehn Städte der Trauer, so vieler Sklavenheere Grab,

so viel bleiernes Dunkel, großer Heerführer Zoll.

 

Und dreimal hohe Gebirge, wunder Riesen Gestalten,

dreimal blutig Gewässer und Meer,

hundertfach Rabenscharen, hundertfach finstere Spalten,

dreizehn grüne Kummer und eine Sternenmär.

 

Eine Sternenmär-rostfarbenen Himmels ein Stück.

Zertreten die schwarze Nacht, die Kummer von gestern, von einst.

Für dich tanzt mein Herz, o Land, singt von dir voller Glück,

ob du schon Regenbogen oder ob du noch weinst.

 

Eisig war der Frost, bitter des Wermuts Blut,

um so süßer der Tau, schimmernder die Perlen gereiht...

Schlaf, gutes Land, in deiner Söhne Hut,

dein Morgenrot-taufeucht und sternbesät-wird still von ihnen bereut.

 

 

(Fragmente)

 

Purpurne Vision von Feuern und Festen,

im Heu die Grille.

Stille.

Sommer, fruchtschwangerer Regen.

 

Warme Kühe, Mondscheingarben.

Mädchen sticken in mattgoldnen Farben

Rosen für traurige Hochzeit.

 

Am Eliastag sucht Blitz die Ernte heim,

und Weihnachten

sind verödet die Höfe,

und weiße Schneestürme wehen.

 

Unhörbar brennt die dicke Kerze,

die Augen suchen:

Karpaten

dahinter

Russland.

 

Sie können nicht lesen, die Alten, Könnten sie’s,

läsen sie

nachdenklich:

es fiel einer,

rauben wollt er die Neretva,

das unruhige Wasser,

leise wie eines Tannenzapfens Rascheln.

 

Sagt den Mädchen aus den gelben Ebenen:

dies Land

ist ein grimmiges Land,

grimmig wird hier gestorben.

Eins ist das Blut vom Peipus bis Toledo.

 

Rote gestickte Rosen, Johannisfeuer.

Woher, o Land,

die Namen deines Gesteins

und deiner Gewässer, so klar,

dass sie den Himmel doppelt spiegeln?

 

Eins ist das Blut vom Peipus bis Toledo.

 

Die Korana fließt es hinab.

 

Stickt rote Rosen verbrannter Jugend

Auf Aschen, auf Herbstblätter,

Wolken.

 

Die Krähen scheuen vor dem Schatten der

Bomber,

der Mensch vergisst,

dass er Kind war.

 

Nur ein Herz, ein einziges, hat er,

und gibt es der Sonne.

 

Der Maiensonne, dass sie glühender strahle

und die Erde

Liebe werde.

 

O mein Volk, wie viele Klippen noch

bis zur Freiheit!

 

–––

 

Verkleidet

Als Echsen,

Schildkröten,

Krokodile,

Werwölfe,

in Rudeln

auf Schienen reitend,

motorisierten Besen,

auf Ziegenböcken

aus Gummis,

vermummter Mörder

Walpurgisnacht.

Den schimmernden Kopf im Mondschein bewegend

des Krieschtiers Heer,

gespenstisch Band.

Räderkreischend kichert zahnlose Klapperschlange,

Beelzebub:

Hordenrauch,

Kanonendonner,

dröhnende Gongs

des Dritten Reichs.

 

 

Baum

 

„Sei Baum!“ sagtest du.

Und ich war ein Baum.

 

„Sei scheu!“ sagtest du.

Und ich wagte kein Blatt zu bewegen.

 

„Sei treu!“ sagtest du.

Und ich wartete.

 

Dann hülltest du dich in Schweigen.

Der Baum steht aber immer noch da

 

Und wagt nicht ein Blatt zu bewegen.

 

 

Altertümliches Lied

 

Fest schnallte ich den Gürtel, Mädchen mein,

schnallte fester den Gurt, kein Sonntag ist’s.

 

Sen schwarzen Rappen sattelte ich, Wiese mein,

den Rappen sattelte ich, Wiese du –

 

Blickt in den tiefen Brunnen, Trauer mein,

tief in den Brunnen blickt’ ich, weißt du’s noch?

 

Erhob sich ein kalt Windstoß, Äpfelchen mein,

kalter Windstoß, frühreifes Äpfelchen du.

 

Kräuselte das Wasser im Brunnen still.

Trübte mein Antlitz im Dämmergrau.

 

 

Schule für Landstreicher

 

3

Wer bin ich? Und wo? Zur Musik des Stubs

wird der Tag noch länger – und die Nacht noch tiefer.

Steppe schläft. Für ein Zweigelein regennassen Laubs

singt die Nachtigall ihr Liebeslied.

 

Wo bist du? Und wer? Dein Gesicht zeigt nackt,

Schatten eines Menschenschattens, halt! Bleib stehn!

Will dir regungslos ins Auge sehn,

ich, im Augenlid der Erde ein schneller Katarakt.

 

Mach mich, o Schritt, zu finsterem Kristall,

drin sich gleißend eine Welle bricht,

bin kein Wesen mehr, bin nur ein Strahl von Licht.

 

Meine Freiheit steht unmenschlich und allein

mitten im entweihten Tempelsaal

wie eine eben erst verlassene Gruft – leer und rein.

 

 

Drei Inseln

 

Drei Inseln mitten im Meer,

eine schroffer als die andere,

eine leidenschaftlicher als die andere von Zikaden besungen,

von Pinien umrauscht.

Die erste eine Schlange, zum Knäuel eingeringelt,

die zweite ein glänzendes Schwert, aus der Scheide gezogen,

die dritte ein offener Sarg, auf den Wellen schaukelnd.

Alle drei verwunschen. Alle drei gesegnet.

Alle voll tiefer Höhlen und Kiesel,

steiniger Landzungen.

Uralte Schatzkammern voller Erfahrung im müden Stein,

dessen Schicksal von niemandem noch enträtselt.

Alle drei bissen mit steinernen Zähnen in mein Herz!

Alle drei peitschten mich mit Salz,

mit grünem Rosmarin verletzten sie mich.

Die erste ist bekannt für grimmige Kämpfe

und rote Weinkufen.

Die zweite für sonnige Weglosigkeiten des Winters, auf denen

Delphine spielen.

Auf der dritten, mit weißem Marmor eingefassten,

weiden Wildschafe und fürchten den Tod.

Drei Inseln mitten im Meer.

Eine verwunschener als die andere,

eine leidenschaftlicher als die andere von Zikaden besungen,

von Pinien umrauscht.

 

(Hvar, 1971)

Telegram, 26. 11. 1971

 

 

Gedicht für einen alten Piratensegler

 

Alles was du besaßest, o Erde, gabst du mir,

die durchsichtige Luft und den standhaften Stein.

Die Winde und ihre grünen Mündungen.

Nicht umschlingen kann ich all deine Meere,

deine gläsernen Meridiane nicht zerschlagen,

auch die Korallengemächer, die Terrassen der Inselwelt nicht,

die Pelikan-Siedlungen, Ruder und Kiemen,

die stürmischen, tosenden Hochzeiten fröhlicher Wale.

Festland und Meer wurden in meinem Blut vollendet.

Bin ich ein Segler – wer nähte mir Segel?

Bin ich ein Drache – wer entwarf mir die Flügel?

Vor meiner Ankunft besaß ich nichts,

abfahrend bin ich schwer beladen.

Sieh, zehn Kamele tragen meine Morgen,

sieben alte Elefanten ziehen langsam

die Truhen meiner Monate, einen Berg

bleierner Geheimnisse, eine Liebe,

verankert im lebendigen Meeresboden

zwischen rostigen versunkenen Blitzen,

weißen Schwämmen und gierigen Seeigeln.

Am Seil des Mondscheins hängend

verabschiede ich mich von meinen Trugbildern.

Bin ich ein Segler – wer nähte mir Segel?

Ich entferne mich so reich, so erwacht.

Vielleicht kehre ich wieder, die Ufer zu betrachten,

die mit Meerschaum bedeckt,

mit Perlenmusik, mit der riesigen fahlen

Sonne, eingespannt in Salzgärten, in Laternen,

sich in den Herzen der Piraten,

im Weglosen der Erinnerungen befinden.

 

(1963)

 

 

Das Gesicht im Schatten

 

Ich vergaß seinen Namen, aber ich weiß, dass die Vögel ihn gern hatten;

und dass sein Lächeln reizend war, daran erinnern sich meine Augen.

 

Auch jetzt gehen die Menschen den Kai entlang; ich blicke mich nicht um,

vertieft in das Flüstern verhallender Stürme.

 

Vergaß nicht auch die Möwe ihren toten Kameraden, warum trauerst du?

Ihren Felsen vergaß die Möwe, Süden und Norden kennt sie nicht.

 

Den Vorhang zog ich noch nicht vors Fenster, noch hat das Meer sich nicht beruhigt.

Tadle, o Wald, mich nicht mit deinen Wipfeln; ängstige, o Wasser, mich nicht mit deiner Tiefe!

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Flügel der Leere

 

Ich stehe auf der Schwelle. Das Haus warf mich

aus seiner Erinnerung.

Die Zeit kann mich nicht

wieder annehmen.

 

Ein wenig werde ich noch nachdenken,

dann aber

wende ich mich um

und breche in Gelächter aus.

 

Ein Gelächter, aus dem die Flügel

aller Sterne erschaffen wurden

in der endlosen

Leere

des Alls.

 

(Bubnjevi umjesto srca – Trommeln statt Herzen, 2003)

 

 

Gedicht in Form eines Gebets

 

Guter Geist meines feurigen Lebens, erhöre mein Gedicht in Form eines Gebets, in Form eines Brunnens, der nie versiegt. Mein Gedicht, gerichtet an die Verachteten.

Den ins Gras Verliebten habe ich seit langem nichts mehr zu sagen, und den in den Vogelflug Verliebten kann ich nicht helfen ihren kindischen Traum zu vergessen.

Aber denen, auf die der Zorn des Himmels und der Erde hinabstürzte, blicke ich in die Augen, denn ihnen verdanke ich den morgigen Tag.

Wegen ihnen werde ich die Wabe des Lebens in Stückchen schneiden und jedem eine goldene Biene aus meiner Brust vermachen.

Guter Geist meines feurigen Lebens, verwahre meine bitteren Wünsche in einem urtümlichen Kästchen der Winde und stelle es an einen dunklen Kreuzweg, damit das Geheimnis eines jeden daraus erstrahle.

Sorge dafür, dass mich alle verlassen, die in mir eine Bestätigung für ihre süßen verlockenden Irrtümer suchen.

Gib, dass ich immer von neuem meine Ruhe verliere und finde, die für mich unentbehrlich und schwer und fremd ist.

Es war ein heißer, endloser Sommer.

 

 

Komm, Geliebter

 

Wer auf dem weiten Meer lenkt meine Sehnsüchte

und treibt meine Augen in die Wildnis?

Mich quält ein Lächeln, an das ich mich erinnere.

Mich quält eine Gestalt, nach der ich mich sehne.

Blickt in meine Erinnerungen, so werdet ihr sehen,

es ist nicht eine Gestalt.

Es ist nicht eine Leidenschaft.

Nicht nur ein einziger Ruf,

ein einziger Wirbelsturm,

ein einziges Gebet,

 

das mein ferner Jupiter hört

und lächelt.

Ferner Gott,

falls auch dein Haar dem Gras ähnelt

und deine Schenkel denen des Hirschen,

erlaube mir, ihre Wälder zu lieben,

ihre Stirnen und ihren Gang,

der uralt und einzig ist

auf diesem bebenden Stern.

 

Erlaube mir, deine Welt so zu lieben,

wie ich es möchte.

Auch wenn zuletzt alles in Schmerzen endet.

Auch wenn zuletzt alles zu Wildnis wird.

Meine Wildnis wird üppig sein

vom wachen Lied der Weiblichkeit, erdichtet

zum Ruhm des Körpers, der stirbt,

und des Herzens, das unsterblich ist

wie der Stamm der Agave auf dem Felsen,

geschunden von der Gier des Meeres.

Auf dem Felsen: der weißen Brust, getaucht

aus der Trauer des uralten Ozeans.

 

Wenn du die Erde bist und ich eine Frau, geschaffen

für den Irrsinn der Pflanzen und den Traum des Pflügers,

dann wollen wir deine und meine Lieder singen,

wollen fruchtbar sein, hellsichtig und unsterblich.

Auf dass wir eine neue Sanftheit der Welt gebären.

Ein neues Heiligtum der Güte. Wach auf,

ferne Flöte. Komm, Geliebter!

 

(Ropstvo – Sklaverei, 1957)

 

 

Das Kind und die Wiese

 

Nur das Kind spürt deutlich im Moos das Glitzern

des baldigen Frühlings, das Zwitschern im Gefieder des Eisvogels.

Es läuft mit den Bächen um die Wette, küsst sonnen beschienene Fichten, und seine Augen

nehmen die Farbe des nahen Hügels an.

 

Das Kind kann mit seinem Lachen die Schönheit des Morgens wecken

ohne auf die Dauer des Klanges zu achten,

der zufällig im Wind zerriss.

 

Kinder sind das Echo erloschener Dinge.

Nackt und rein wie ein Fischteich sehen sie sich

im Auge der Wiese, im Netz der Spinne.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Ein echtes Gedicht

 

Ein echtes Gedicht hätte man vor langer Zeit schreiben müssen,

als die dunklen Urnen des Lebens noch im vergoldeten

Zenit des Sommers standen, unbeweglich,

und die Klänge der Tiefen

sie nicht berührten.

Als das Schweigen bitterer war und die Worte leichter,

und die Gedanken sich mit den Gedanken

wie Sonnenstrahlen in den verzauberten Räumen des Südens trafen.

Ein echtes Gedicht hätte man vor langer Zeit schreiben müssen,

um es den Menschen zu geben, die es verachten würden,

und hätte ohne es weitergehen müssen,

um sich im Dunkel

nach ihm umzusehen.

 

Aber ein echtes Gedicht hätte uns mit sich

in seine Wirklichkeit fortgeführt,

dort wo die Bäume erfrieren und wo

tote Menschenaugen groß wie Seen wachsen.

Ein echtes Gedicht würde uns ertränken

in diesen Seen, in diesen Augen, den großen, toten,

in diesen Urnen, die langsam vom Zenit herunterstiegen,

um sich im Kreis um unser Herz zu gruppieren,

mit der Anmut der Nachtigall

seine Asche zu sich rufend.

 

(I prolazim životom – Und ich gehe durchs Leben, 1972)

 

 

Schlaflied

 

Ihr lieben Fernen, heilt mir die schweren noch wachen Augen

mit einem Lied vom Märchenwald, einem Lächeln in der Umarmung,

einem Gespräch einsamer Boote in schattigen Häfen.

Tragt mich, ihr weißen Arme, zur Kindheit an die klingende Küste.

Ach, dort werde ich vielleicht nur den Duft der alten Bäume finden,

das Zischen des Meeres, besorgte Augen, rauchigen Jugo.

Den Grund des Brunnens werde ich nicht finden. Auch nicht den Rand der Sterne.

 

(Vidrama vjerna – Den Fischottern treu, 1957)

 

 

Wenn du in der Nähe wärest

 

Wenn du in der Nähe wärest, lehnte ich meine Stirn an deinen Stock,

und lächelnd umschlänge ich deine Knie.

Aber du bist nicht in der Nähe, und meine unruhige Liebe zu dir

kann keinen Schlaf finden im nächtlichen Gras,

nicht auf den Wellen des Meeres, nicht auf den Lilien.

 

Wenn du nah wärest. Wenn du wenigstens so

unbeständig nahe wärest wie eine Regenwolke

über dem einsamen Haus im Tal.

Wie über dem bleigrauen Meer der Schrei einer Möwe, die

vor dem kommenden Sturm ängstlich in den Abend fliegt.

 

O, wärest du wenigstens so traurig nah

wie eine Blume, die mit geschlossenen Augen

unter einer weißen Schneedecke schläft, in der Stille

steinerner Wälder den Frühling erwartend.

 

Wenn du nah wärest, o, meine kalte Blume.

Wenn du nur mit einer Bewegung in der Nähe

meiner freudlosen Gärten wärest,

die schon verdorren, erschöpft vom langen Wachen.

 

Aber es ist Nacht, und die Welt ist fern,

und ich weiß nichts von deiner Ruhe. Meine Vögel

flogen von deinen Ästen. Und der Glanz des frühen Morgens

verschwand für immer aus meinen Augen

in die verletzte Erde des Vergessens,

in der der Name Liebe unbekannt ist.

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Eifersucht

 

Ich weiß, dass Orkane tausendjährige

Bäume entwurzeln.

Ich weiß, dass Rost die Flanken

von Ozeandampfern zerstört.

Ich kenne das Toben, über die Ufer getretener Flüsse,

und das Brüllen der Löwen vor einem Erdbeben.

Ich weiß, dass Termiten in Australien

Schäfersiedlungen untergraben können.

Und Heuschreckenheere, die gen Norden ziehen,

die Sonne verdunkeln.

 

Aber ein Übel kenne ich,

das schlimmer ist als alle Unwetter,

als das Tosen reißender Ströme,

als Heere von Heuschrecken.

 

In unserem Herzen brennt ein Feuer,

das von zwei uralten mit Binsenmatten

bedeckten Teufeln bewacht wird.

Dort rührt in kupfernem Kessel

eine grünäugige Zauberin das stärkste Gift,

das die verzweifelte Phantasie der Liebe erdacht hat.

 

Das ist die Eifersucht.

 

Ich habe Angst, dieses Wort voll Grabesluft

und Fäulnishauch auszusprechen.

So wie ein Kuckuck im Nest

eines zarten Vogels aufwuchs, hat die Eifersucht,

die im Nest der Liebe nistet,

aus meinem Herzen alle Singvögel verstoßen

und mich unglücklich gemacht.

 

Folgt mir nicht,

umgeht meinen Weg,

auf dem eine Kobra lauert.

 

Trinkt nicht aus jenem Brunnen,

aus der verseuchten Quelle Aussätziger!

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Langeweile oder wer weiß, was für ein Tag

 

In einem Gedicht, das ich nie schreiben werde,

Liegt ein See, schon alt geworden

Von taubenetzten unsichtbaren Blüten, die eine

Unbrauchbare Leiter immer tiefer

In mich tauchen, in eine Stadt

Zu einer lustlosen Statue des Frühlings,

Dem grünen Trommler, der in Lumpen gehüllt,

Bei militärischem Regen irgendwo wartet,

Wo altmodische Tränen müde wurden

Und sich in Hass verwandelten.

 

(Bubnjevi mjesto srca – Trommeln statt Herzen, 2003)

 

 

Musik der Nacht

 

Die Abendglocken sind verklungen.

Grau fließt der Fluss in der Niederung.

Geheimnisvolle Schritte hab ich vernommen

am leeren Brunnen in der Dämmerung.

 

Nachts dürsten die Lippen, und die betrogene

schmerzende Seele schluchzt auf im Schlaf.

Lodernde Nacht, in Rosen wogende,

als das irre Mädchen mit dem Mond sich traf.

 

Musik der Nacht: das sind die Flüsterstimmen

der Vögel, die am Wegesraine

im Dunkel betend auf den Bäumen liegen.

 

Wenn aus dem Schlaf sie wecken morgendliche Stimmen,

wird die Musik, zerstoben in die Steine,

im Morgennebel leicht verfliegen.

 

(Bubnjevi umjesto srca – Trommeln statt Herzen, 2003)

 

 

Fenster

 

Ich träume von grünen Schiffen im stillen Hafen,

in einer unbekannten Gegend, jenseits des Hügels.

Irgendwo bellt ein Hund in weiter Ferne. Die Straße

wartet vor dem Haus, voll Ungeduld. Ein Pferd mit goldener Mähne wiehert

in einem mit Mauern umgebenen Hof. Es ist windstill.

 

Wenn ich auf den Turm steige, werde ich die Himmelskuppe sehen,

niedrige, niedrige Wolken. Eine Schwalbe und den Rauch des Dampfers.

In noch weiterer Ferne wird die Welt groß und merkwürdig sein.

 

Unter dem roten Balkon ruht der Abend auf Rosen.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Die Mutter des Menschen

 

Besser, du hättest den schwarzen Winter geboren, o Mutter, statt meiner,

einen Bären im Bau geboren, eine Schlange im Nest.

Und einen Stein geküsst, besser als mein Gesicht,

dass mich ein wildes Tier mit dem Euter gesäugt, es wäre besser als eine Frau.

 

Und hättest du einen Vogel geboren, o Mutter, so wärest du Mutter.

Du wärest glücklich, unter dem Flügel würdest das Vöglein du wärmen.

Hättest du einen Baum geboren, der Baum wäre zum Leben erwacht im Frühling,

eine Linde würde erblühen, das Schilf ergrünen bei deinem Lied.

 

Zu deinen Füßen schliefe das Lamm, wärest du eines Lammes Mutter.

Würdest zärtlich du sein oder weinen, dein sanftes Junges würde dich verstehen.

So aber stehst alleine du da und teilst mit den Gräbern dein Schweigen;

es ist bitter, ein Mensch zu sein, wenn Messer und Mensch sich verbrüdern.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Der Körper und der Frühling

 

Schlage aus, mein Apfelbaum, die Sonne kam zur Tür herein.

Heimlich steigt das Wasser des Baches, und der Wind rauscht von ferne.

Warm zwitschert der Mittag, die Tage glänzen in goldenem Schein,

entferne den schmerzenden Vorhang, dass in blauer Nacht ich sehe die Sterne.

 

Flüsternd lass Früchte lebendig werden, mein stiller Apfelbaum,

klare Augen wie deine, o Brunnen, schenke auch mir!

Lass den Stein mir zum Kissen werden, mein Herz zum Farbentraum,

ein weiches Blumenlager erfrische mich hier.

 

Teile mit mir, o Welt, dein ewig’ Gedicht, in einen Wald mich verwandle.

Meine Seele schlage aus, gib im Schlaf ihr die Größe.

Ich werd’ eine andre mit dem ersten Wandrer, der über die Landstraße wandle.

Der Frühling kommt, horche; o Mutter, die Brust mir entblöße!

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Angst

 

Mir kommt in den Sinn

ich könnte sterben

die Finger auf dem Kissen

die Finger die noch den ganz blauen blauen

auf deine Schwelle geworfenen

blauen Mittag suchen

 

Ich erschrecke

und laufe in die Felder

 

(Vjetar Trakije – Der Wind von Thrakien, 1964)

 

 

Ich war ein Junge

 

Im Mondschein verbarg mich

der Abend, die Kerze löschend.

Die ganze Nacht träumend lag ich

zwischen blauen Bäumen schlafend.

 

Ich war eine Weinbeere, eine pralle

zwischen den Zähnen beim Küssen,

ein Fuchs, entkommend der Falle,

ein Junge jauchzen wird müssen.

 

Biss eines Gedichts auf der Stirne Mitten,

eine bunte Katze beim Spiel in der Laube.

Was ward mir nicht alles, Erfüllung der Bitten,

Spiegel des Fisches in der Otter Auge!

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Die Mädchen im Mausoleum

 

Das Gold der Mosaiken weckt Tulpen

auf dunkler Mauer.

Nachdenklich bewegen sich die Schatten.

 

Wer könnte die stillen Jahre des Mausoleums zählen?

Wir sind braungebrannt, halbnackt.

 

Und betreten das kalte Oval der Gruft,

schlanke Eidechsen, von Liebe gequält.

Wir flüstern: du alter Marmor,

sind wir schön?

 

Jung ist dieser Abend, voll Unruhe;

schwer von Glut der Horizont.

Das grüne Herz in uns

wie Mondschein.

 

Keine Galeeren sonnen sich, keine Kaiser schreiten durch die Säulenhalle.

Wir aber lachen im Peristyl.

Das Echo erschreckt dunkel gewordene Tauben.

 

Heute Abend werden wir durch die Straßen ziehen, wild und außer Atem.

Düster das Stimmengewirr des großen Platzes ahnend.

 

Ach, niemand versteht die dahinschwindende Zeit,

unsere Vorfahren, die Barbaren, die freudlose Sphinx.

 

Unter einer gelben Lampe im Rov

wird schwermütig gesungen.

Feuchte Trauer der Dinge fällt auf uns.

 

Erzählt nichts mehr von dem merkwürdigen Diokletian!

Angst trübt unsere Augen.

 

Das Meer schwemmt Apfelsinen in den Hafen.

Und der Frühling hat den Himmel rot gefärbt.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Das Fenster durch das ich den Mond heimlich beobachte

 

Ans Fenster gelehnt, erwarte ich das Aufgehen des Mondes;

sein Kopf erscheint dort unten hinter den Sträuchern am Saveufer,

wo die Frösche quaken. Gierig und träge

erhebt er sich, wächst, während auf der anderen Seite des Flusses

die Erde mit dem Krieg sich paart. Wehklagen ist zu hören.

Den blutigen Mondteller waschen die Mädchen

hinter den Büschen im Nebenarm des Flusses,

wo leichte Winde die Leichen anschwemmen.

Barfuß, mit nackten Armen, laufen sie hin und her

im Sumpf, bei den kichernden Wildenten.

– Nie wieder wirst du aufgehen, kranker Mond –

schreien sie ihm ins Ohr. – Von deinem Schatten

erwuchs der Mensch, der über die Spitzen des Schilfrohrs geht

und uns verfolgt. O, ihr Sumpfgötter,

euer Tempel steht verlassen, in ihm knien Witwen...

 

Und dann sehe ich, wie zwischen den Sträuchern am Saveufer

ein Jüngling von unendlicher Schönheit hervortritt.

Auf dem Rücken trägt er einen tausendjährigen Wald,

sein Mund ist ein glühheißer Mühlstein.

Aus den Grübchen seiner Wangen fliegen Schmetterlinge

und hinterlassen nur güldene Asche

für mich, späte Pilgerin des Schmerzes.

Bezaubernd ist die Landschaft seines schwermütigen Gesichts,

wie man es oft auf Gemälden alter Meister sieht,

wo Augen und Himmel ineinander verschmelzen.

 

Am Horizont stirbt die Sehnsucht, und das Geschick wird geboren.

Manchmal kündigt es sich an mit Flüchen, manchmal mit einem Lied;

nichts lockt das Herz so süß wie die Vergänglichkeit.

O, geballte Stille der Leidenschaft, du Unverständnis,

das in jeder Saite göttlicher Musikinstrumente summt!

Im Nebel des Sumpfes kämpft sich der junge Mann durch seinen

glühendsten Traum. Er flüstert: ein Schlafwandler bin ich,

doch nirgends find ich eine Ebene für meinen aufrechten Gang,

auch keinen Engel, mir mit Küssen die Fesseln zu lösen.

Worin soll ich das Leben hüllen, ich, Totengräber des Mondes,

auf dass ich nie mehr den Leib einer Frau berühre,

ich, ein Krieger mit erloschener Fackel, Geliebter der Heimat...

Ich sammle den Staub unter deinen Füßen. Du gehst fort

voller Erinnerungen, voller Vögel und Hagebutten der Morgenröte.

Und nie mehr wird es die goldene Einsamkeit

ruhiger Nachmittage geben.

Und nie mehr Liebe

diesseits

der Sonne.

 

(Bubnjevi umjesto srca – Trommeln statt Herzen, 2003)

 

 

Die Ballade von den betrogenen Blumen

 

Gerade war das Geißblatt an den Hängen erblüht.

Und das Gold meckernder Herden rauschte

über das Grün schattiger Weiden.

Die Jungen zogen ihre Schuhe aus,

um die Gänseblümchen nicht zu zertreten.

Warm war der Sonntag; die Schwalben durchstießen

das Blau des Himmels.

 

Ein weißes Netz spann die Spinne im duftenden Kiefernwäldchen.

Wer denkt an die Traurigkeit ungetünchter Zimmer und an Tote!

Kinder glauben nicht, dass die Erde den Körper verschlucken wird.

 

Am Horizont steigt schwarzer Rauch auf. Ein Gerücht

von sich nähernden Soldaten geht um.

Wem gehören die rot schimmernden Weiden,

wem die Fenster auf dem Hügel?

 

Rundum läuten die Glocken, sie läuten im Gänseblümchen,

in Blicken blau wie Veilchen.

Warum spannte die Spinne ihr Netz aus, warum nähert sich das Heer?

Ach, lest das klangvolle Märchen von Blumen,

von Wolken, ihr Brüder!

Im schmelzenden Schnee sind noch Spuren von Rehen erkennbar,

und das Rauschen der Nadelhölzer tönt um die freien Gipfel.

Man sagt, ein böser Geist erschrecke den Mondschein

mit den funkelnden Scheinwerfern seiner Augen.

 

Warum gehen die Jungen mit der Zielscheibe des Spinnennetzes

nicht nachhause? Gefangene Hummeln sollten sie freilassen

und fliehen, fliehen.

Der böse Geist geht um im Mondschein. Die Jungen binden

den Drachen los, und das Heer nähert sich.

 

Hunderte kleiner Hämmerchen schmieden goldene Tulpen.

Nichts ahnt die blinde Made. Nur das Kind hat Augen.

Das unglückliche Kind! Es wird den erhängten Vater sehen

am weiß blühenden Pflaumenbaum im Hof, an ihrem Pflaumenbaum.

 

Gestern erblühte das Geißblatt am Hang,

und heute zerstört das Trommelfeuer den Frühling.

Alarm läutet über den stillen Lichtungen,

Alarm erschreckt die Blumen. Ein Schuss verwirrt das Eichhörnchen.

Die Jungen stürzen sich in die am Ufer liegenden Kähne,

aber Wachposten erlauben ihnen nicht, sich zu entfernen.

Kriecht schnell in kleine Ameisenhaufen, löscht die Kerze.

 

Versteckte Torpedos zerstören den Fischfang. Nichts verblieb mehr

in der Sonne. Nur der Wind trägt aus trockenen Gräbern

namenlose Asche. Die Toten vergiften den Tag.

Was bleibt dem Menschen zu tun übrig?

 

Das Gänseblümchen öffnet vor Angst die Augen,

denn der Heckenschütze zog seine Stiefel nicht aus.

Ein Lamm verlor die Milch und bleibt betroffen an der Straße stehen.

Der Feind – ein Mensch – überfiel die unbewaffneten Blumen.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Regen

 

Ich höre keinen Regen mehr.

Das Fenster, die grüne Seerose,

atmet im Zwielicht.

 

Die Stimmen der Jungen entfernen sich zur Mole hin,

wo die weißen und schwarzen Dampfer ankommen.

In ebenerdigen Spiegeln liegt die Farbe des Himmels,

ruhig und gedämpft.

 

Einsame Spaziergänger suchen noch den Sommer im Weinberg.

Ein Jäger wartet in der Dämmerung.

Die Phantasie ist golden wie die ferne Ebene.

 

Den Pinien und dem Mond öffne ich die Tür.

Ans Fenster gelehnt ahne ich ein fernes Echo.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Lauter als die Jahrhunderte

 

(für A. B. Šimić)

 

Aus den wachenden Sternen schuf der Dichter

einen Traum von der Heimat

für die, die mit dem Herzen die Heimat nicht erkannten.

Er lieh seine Augen dem Morgenrot, dass es hinuntersteige

ins Bodenlose,

von der Sonne beschienen. Und blind auf der Höhe stehend,

von der aus die irdischen Mächtigen nur einen Schatten

der Erde erkennen,

starrt er auf das, was Gott vor den Sterblichen verstecken will.

Und stumm ruft er den Sternen entgegen: diesen Augenblick

meines Lebens hielt ich an

durch die Kraft eurer Ewigkeit. Und meine

Heimat folgt mir.

 

(Bubnjevi umjesto srca – Trommeln statt Herzen, 2003)

 

 

Wenn das Meer sich fortbewegt

 

Wenn das Meer sich von einem Ende des Horizonts zum anderen fortbewegt – bewegen auch wir uns mit ihm zusammen fort, du meine Seele, die du mit der Eintönigkeit der Erinnerungen bedeckt bist. Wenn sich das Meer, in Wut gehüllt, aus den schweigsamen Grüften der Vorfahren erhebt – erheben auch wir uns mit ihm zusammen unwillig, du meine Seele, du Brachland, auf das das Korn der Zukunft gesät wurde. Das Meer mag verschwinden, aber es stirbt nicht. So verschwindet wohl auch die Seele, ohne etwas von dem zauberhaften Tod zu wissen, den sie nur mit dem Rand ihres Flügels gestreift hat!

Die Seele verschwindet und nimmt in eine unendlich milde Schatzkammer all das mit, was aus Gottes Hand in ihr erblühte.

O Meer, das meine Seele besser als ich versteht, hilf mir, dass ich sie wie eine traurige Fackel durch das Dunkel des Gebets trage!

 

(Telegram, 26. 11. 1971)

 

 

Vor dem Meer, wie vor dem Tod, habe ich keine Geheimnisse

 

Wenn du den Weg zu meiner Seele suchst,

führe mich ans stürmische Meer.

 

Dort wirst du mein enthülltes Leben sehen –

einem zertrümmerten Tempel gleich: meine Jugend,

eine von Feigenbäumen umstandene Hochebene.

Meine Schenkel: ein uraltes Klagelied,

wegen dessen die heidnischen Götter

auf die Knie sinken.

 

Vor dem Meer, wie vor dem Tod, habe ich keine Geheimnisse.

Erde und Mond verwandeln sich in meinen Körper.

Die Liebe verpflanzt meine Gedanken

in die Gärten der Ewigkeit.

 

(Vidrama vjerna – Den Fischottern treu, 1957)

 

 

Pilgerfahrt in den Schlaf

 

So wollen wir, meine Seele, diese feindliche Welt bereisen.

Wir lieben sie nicht mit den Augen, trotz des Durstes,

der uns quält. Wir haben es nicht eilig, ihre Geschenke

mit unserem neugierigen Herzen zu empfangen.

Alleine wollen wir die steilsten Pfade betreten,

an gefährlichen Stellen Zeichen setzen, und nur

das Eichhörnchen mit der blauen Nuss zwischen den Zähnen

wollen wir nach den Jahreszeiten fragen, nach dem

zwischen Fichtenwurzeln und dem Grün der Erinnerung

verronnenen Tag.

Aber was wir auch erforschen auf der Erde,

wir können uns nur mit all dem an sie wenden,

was sie selbst uns freudig gab,

(mit unserer Jugend, mit Augen unklarer Visionen).

Die Blumen wachsen nicht, um uns zu ergänzen,

wir leben nur, um ihr Leben zu verteidigen.

Man muss ihn betrachten, den unverständlichen Lauf

alles dessen, was uns umgibt,

um die einzige Möglichkeit des Atmens zu erkennen.

Die Liebe aber ist etwas ganz anderes. O, diese Entfernung

zwischen uns und dem Frieden der Blume,

die uns gegeben wurde, um deren Glück zu betrachten.

Dieses Reifen erzeugt in uns den Durst und den Begriff der Liebe

und lässt uns erkennen, dass sie der schwerste Weg zur unerreichbaren

Schönheit des Schlafes ist.

Warum zögern wir? Machen wir uns auf dorthin, von wo

die Blume uns nicht mehr zurückbringen kann,

auch dann nicht, wenn wir alle Irrtümer, die wir

in unserer Jugend mit Augen unklarer Visionen hegten,

erkennen. Aber was wir auch in der Schatzkammer der Erde fanden,

wollen wir für immer, für immer lieben.

Und nur für immer, denn ein anderes Wort weiß uns die unbekannte

Ewigkeit nicht zu sagen. Sie schläft.

 

(I prolazim životom – Und ich gehe durchs Leben, 1972)

 

 

Du deren Hände unschuldiger sind

 

Du, deren Hände unschuldiger sind als meine

und die du weise bist wie die Sorglosigkeit.

Du, die du von seiner Stirn besser als ich

seine Einsamkeit ablesen kannst

und die leisen Schatten des Wankelmuts

von seinem Antlitz verscheuchst

wie der Frühlingswind die Schatten der Wolken,

die über den Hügel ziehen.

 

Wenn deine Umarmung das Herz ermutigt

und deine Schenkel die Schmerzen heilen,

wenn in deiner Nähe seine Gedanken ruhiger werden

und deine Kehle seiner Lagerstatt Frische bietet

und die Nacht deiner Stimme zum Fruchtgarten ihm wird,

noch unberührt von jeglichen Stürmen.

 

Dann bleibe bei ihm

und sei frommer als alle,

die vor dir ihn geliebt.

Fürchte dich vor Wehgeschrei, das sich

der unschuldigen Lagerstatt der Liebe nähert.

Und sanft bewache seinen Schlaf

bei den Bergen, den unsichtbaren,

an des tosenden Meeres Ufer.

 

Wandere über seinen Kieselstrand. Trauernde Delphine

mögen dich begleiten.

Durchstreife seinen Wald. Freundliche Eidechsen

werden dir nichts Böses antun.

Und die durstigen Schlangen, die ich zähmte,

werden demütig dir begegnen.

 

Die Vögel, die ich wärmte in Nächten

klirrenden Frostes, mögen für dich singen.

Der Junge, den ich schützte vor Bösewichtern

auf einsamer Straße, möge dich streicheln.

Und die Blumen, die ich mit meinen Tränen begoss,

mögen für dich duften.

 

Die schönste Zeit seiner Mannbarkeit

erlebte ich nicht. Seine Fruchtbarkeit

empfingen nicht meine Brüste,

die von den Blicken der Viehtreiber auf den Märkten

und gieriger Räuber verwüstet wurden.

 

Nie werde ich seine Kinder

an der Hand führen. Und die Geschichten,

die ich seit langem für sie ersann,

werde vielleicht weinend ich

kleinen armseligen Bären erzählen,

die im düsteren Wald verlassen wurden.

 

Du, deren Hände unschuldiger sind als meine,

bewache zärtlich seinen Schlaf,

der arglos blieb.

Doch erlaube mir sein Antlitz zu sehen,

wenn unbekannte Jahre

sich auf ihn senken.

Und erzähle mir manchmal etwas von ihm,

damit ich nicht Freunde fragen muss,

die sich über mich wundern, und die Nachbarn,

die meine Geduld bemitleiden.

 

Du, deren Hände unschuldiger sind als meine,

bleib neben seinem Lager

und sanft bewache seinen Schlaf!

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Aufgehaltene Schritte

 

In einer Stadt sah ich

einen Platz voller Rosmarin

der Sonne zugewandt

 

Und plötzlich

war alles so

freudig überwunden

Der Tod war ganz

sinnlos geworden

im abendlichen Grün

des Laubes

vergessener Gemächer

 

(Vjetar Trakije – Der Wind von Thrakien, 1964)

 

 

Nur eins verstehe ich nicht mehr

 

Nur eins verstehe ich nicht mehr: die Sternensehnsucht,

diesen irrsinnigen, leidenschaftlichen, brutalen, unendlichen

Fluch des Wachsens der Seele in alle Richtungen. Wie soll man

den eigenen Drachen in ein fremdes Schicksal einspannen,

 

diese dunkle Verbindung des Wurzelwerks, die keine Verantwortung trägt

für das, was sich mit dir und so manchen anderen ereignen wird.

Zufällig triffst du auf eine Wolke und denkst: sieh da, ein Spaziergänger,

der dem Flüstern des Grases bei Tagesanbruch ähnelt.

Jemandes blasse Stirn nimmt einen Platz in dir ein, für immer.

Bohrt ein Schloss in die Zeit, tritt hinaus in einen Fisch.

Umsonst die eisernen Gitterstäbe.

 

Am anderen Ufer gibt es keine Wahl mehr. Schließ die Kammer auf!

Alles ist so, wie wir es uns wünschten. Du wirst nicht getäuscht.

Die gierige Zeit in uns wurde fortgeschoben. Endgültig.

Der Weg ist unser Gefangener. Wir aber sind frei. Gerührt

entfernt sich der Mensch mit seiner Geschichte, in der nichts erfunden wurde.

 

(Stid me je umrijeti – Ich schäme mich zu sterben, 1974)

 

 

Der Olivenhain

 

Ich weiß nicht, ob mich die Stimme eines Vogels

oder das Pfeifen des Ostwinds einst

am späten Abend in den Olivenhain führte,

wo über den silbriggrünen Wipfeln

noch das friedliche Licht des Tages hing.

 

Damals stieg ich hinab in die bittere Bucht

der einsamen Kräuter und erblickte am Ufer

des glitzernden Meeres, auf den vom Mond

beschienenen Kieseln, seine sanfte Gestalt,

umhüllt vom Flüstern und Murmeln der Wellen.

 

O, hätte doch nie ich ihr Rauschen gehört!

Wäre ich doch bei der Mauer geblieben

unter dem wilden Feigenbaum, wär ich doch nicht

in den schattigen Hain am Silberstrand

und mondbeschienen Felsen hinab gestiegen.

 

Du hast einsam und unbekannt

auf einem Stein gesessen am sandigen Ufer.

Und des Windes trauriges Tosen

wiegte die dunkel gewordenen Äste

und deine düsteren Gedanken.

 

Und vielleicht wärest du unglücklich

über die herbstlichen Hügel geirrt,

verwandelt in einen ziellosen Vogel,

in einen Stern, unruhig glühend

über der Weite des Meeres.

 

Ich aber wäre unbesorgt unter dem wilden Feigenbaum

früh eingeschlafen, wäre nicht traurig,

die Wege des Jünglings nicht zu kennen,

der alleine und fremd beim Glanz der Wellen

und Schweigen des Sommers das Meer betrachtet.

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Der Baum

 

Du sagtest: Sei ein Baum.

Und ich wurde zum Baum.

 

Du sagtest:

Sei schüchtern.

 

Und ich wagte nicht,

mit den Blättern zu rauschen.

 

Du sagtest: Sei treu.

Und ich wartete.

 

Dann schwiegst du.

Der Baum aber steht noch hier.

 

Und wagt nicht,

mit den Blättern zu rauschen.

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Der schlafende Jüngling

 

Hingestreckt auf die Kiesel der schattigen Bucht,

liegt er wie ein umzäunter Weinberg,

einsam und den Wellen zugekehrt.

Sein Gesicht ist lieblich und ernst.

Der Mittagswind umspielt ihn.

Ich weiß nicht, ob ein Zweig des Granatapfelbaums

voll zwitschernder Vögel oder die Vertiefung seiner Taille,

geschmeidiger als eine Eidechse, schöner ist.

 

Ich lausche dem Dröhnen fernen Donners,

das vom Meer aufsteigt und immer näher kommt.

Und versteckt hinter einer alten Agave beobachte ich,

wie die Kehle des Jünglings zur Möwe wird

und der Sonne entgegenfliegt, melancholische Schreie

in gelbe Wolken ausstoßend. Und aus der Bronze

seines prächtigen Leibes erhebt sich dunkel

eine blühende Klippe, auf der entzückende

Feen und Märchenköniginnen ruhen.

 

Der Kieselstrand klirrt und das Meer färbt sich grau.

Goldene Schatten verdunkeln den Weinberg.

Wolken türmen sich auf in der Ferne.

Blitze berühren die bewaldete Bucht.

 

Ich atme den Duft des Sommers, der über den Pflanzen hängt,

und ihre Nacktheit berauscht mich.

Dann betrachte ich meine glänzenden, vom Meeresschaum vergoldeten

Arme und Hüften, aus denen das Öl der Olivenhaine fließt.

Und als ich meine stillen Blicke wieder auf den Schlafenden richte,

der eingetaucht in den Lärm des trägen Sturms und alt wie eine Agave ruht,

denke ich voll verwirrenden Verlangens,

wieviele weiße Vögel in den weißen Wolkenschluchten

dieses Körpers mit ausgebreiteten Flügeln zittern,

die mit ihrer Stille das Rauschen des Meeres

und die Einsamkeit der Gräser verwirren.

 

(Crna maslina – Der schwarze Olivenbaum, 1955)

 

 

Unbegreifliche Passanten

 

Jemand verließ uns, lächelnd. Es war Mitternacht.

Es war im Dezember.

In unserer, wie ein Spiegel kalter Erinnerung

schweigt sein Bild und welkt.

Der Jüngling mit dem braungebrannten Gesicht eines Vagabunden

ging fort und wird nicht wiederkehren.

 

Langsam und ohne Lärm machen wir uns auf den Weg.

Immer seltener denken wir an ihn, manchmal mit Verwunderung.

Eines Tages aber wird ein Schmetterling ins Zimmer fliegen,

und die Mutter wird erschrecken: Wer steht dort vor der Türe?

 

Die Straße hat sich völlig verändert. Durchs Fenster sehe ich:

Jemand betrachtet nachdenklich die Wolken.

Wer könnte je vergessen, wie sehr der Jüngling das Blau des Himmels liebte

und den Staub der Landstraße!

 

Es riecht nach frischer Farbe. Hier stehen Neubauten.

Die Frühlingssonne wärmt gelbe Schlüsselblumen.

 

Plötzlich ist das Meer so nah, so nah;

Der Dampfer hat angelegt, wie damals.

 

Sie schickten einen Korb Feigen und einen Brief; wer grüßt da

mit geduldiger Handschrift schon jahrelang?

 

Ist meine Mutter nicht müde? O, schon lange ist das alles her.

Wir eilen weiter, reißen Stückchen von der Vergangenheit ab –

wie verwelkte Blumen. Hinter uns zurück bleiben Baumreihen,

abgeholzt und traurig. Unbegreiflich ist das Scheiden.

 

(Zore i vihori – Morgenrot und Wirbelsturm, 1947)

 

 

Die dem Meer zurückgegebene Koralle

 

Zurück gebe ich diesen scharlachfarbenen Sonnenreifen, diesen Stern der Erde

im Spiegel des Meeres,

verkörperte Form des Lebens, die sich nicht ausreißen lässt,

die in der Siedlung lebendigen Wurzelwerks und großer, regloser Fische auf dem

Grund des Meeres wächst,

zurück gebe ich, was ich zuerst nahm, um mich wie eine Pflanze zu schmücken

zur Feier der Menschen und des Frühlings

vor der morgendlichen Ikone des Lichts und den Winden der Ferne,

zurück gebe ich den Samen des Lebens, die rote verästelte Blume,

die nicht Stein nicht Muschel nicht Salz nicht Rebe nicht Keim ist,

jedoch lebt und wächst und zum Berg und zur Insel werden kann.

Zurück gebe ich meine Jugend und meinen Tod und alles, was der Baum

vom Morgen bis zum Abend gibt,

 

Zurück gebe ich die Boote der hohen See und die Vögel dem Festland,

die Bäche dem Klee, die Nester dem Licht im Osten,

die Zärtlichkeit den Bitteren und Verwirrten, den Mut den zum Aufbruch Bereiten,

die Einsamkeit dem sich verirrten Mond, die Trauer den Herden der

Morgenröte im Gebirge,

zurück gebe ich die Wiege dem Meer, das Feuer den Feuersteinen

und schreite weiter auf den unbekannten Wegen meines Lebens,

das vom Lauf der Sterne und von der Fülle der Stille stammt.

 

(Koralj vraćen moru – Die dem Meer zurückgegebene Koralle, 1959)

 

 

Wenn ein Vogel aufhört zu lieben

 

Wenn ein Vogel aufhört einen anderen Vogel zu lieben, sagt er zu ihm: fliege jetzt tausend Meilen weit fort, um nicht zu sehen, wie die Gleichgültigkeit in meinen Augen wächst!

Denn ein Vogel ist nicht träge wie der Mensch; Ferne bedeutet für ihn das Flattern süßen Lichts, das Liebe entfacht.

Er sagt nicht zu ihm: Jetzt verstecke dich tausend Fuß unter der Erde, um nicht zu hören, wie ich des Abends ein sanftes Schlaflied einer anderen Liebsten singe, die mit dem Schnabel unter meinem Flügel neben mir liegt!

Denn ein Vogel ist nicht oberflächlich wie der Mensch; er weiß, dass das Schlagen des Herzens unter der Erde noch stärker ertönt, und statt der beruhigenden Klänge eines Schlaflieds müsste der ganze Wald das Dröhnen des unterirdischen Raums, das der Schmerz hervorrief, hören.

Wenn deshalb ein Vogel aufhört einen anderen Vogel zu lieben, bleibt er bei ihm, um in Einsamkeit zu sterben.

Wenn aber der Mensch aufhört, einen anderen Menschen zu lieben, vor Scham und Verwirrung weiß er nicht, was er tun soll, und indem er weiter und weiter vor ihm flieht, setzt sich für immer in seinem Herzen dessen Trauer fest.

 


 

Die Gedichte auf den Drei Inseln - Wenn ein Vogel aufhört zu lieben 

aus dem Kroatischen übersetzt von Hedi Blech-Vidulić

 

proza

Iva Sopka: Moje pravo, nezaljubljeno lice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista „Ranko Marinković“ 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade „Sedmica & Kritična Masa“ 2016. i 2017. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je i drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine. Trenutno živi u Belišću i radi kao knjižničarka u osnovnoj školi.

proza

Mira Petrović: Bye bye baby bye; Zana

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Mira Petrović rođena je 1989. u Splitu. Predaje engleski jezik iako bi više uživala s talijanskim. Piše prozu, ponekad odluta u poeziju. Objavila priče i pjesme na raznim portalima i u časopisima. Bila je u užem izboru za nagradu Sedmice i Kritične mase 2017. Jedna od deset finalista međunarodnog natječaja Sea of words 2016. Dobitnica Vranca – 2015. i Ulaznice 2016.

proza

Ivana Pintarić: Priče

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Ivana Pintarić (1988., Zagreb) je po zanimanju edukacijski rehabilitator. Piše poeziju i kratke priče. Ulomkom iz romana „Gorimo (ali ne boli više)“ ušla je u finale izbora za nagradu "Sedmica & Kritična masa" 2015. godine. Ulazi u širi izbor nagrade "Sedmica & Kritična masa" 2017. ulomkom iz romana "Ovo nije putopis o Americi". Bila je polaznica Booksine radionice pisanja proze pod mentorstvom Zorana Ferića. Objavila je radove na kultipraktik.org i booksa.hr. Objavila je i priču u časopisu Fantom slobode. Članica je književne grupe ZLO.

proza

Marin Ivančić: Karijatida

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Marin Ivančić (1991., Karlovac) diplomirani je pravnik na stručnom usavršavanju u Hrvatskoj komori ovlaštenih inženjera geodezije. Od zala birokracije dušu spašava čitanjem, županijskim nogometom, a odnedavno i pisanjem. Igra zadnjeg veznog u NK Dobra-Novigrad na Dobri, ima dobar udarac i pregled igre. Čitalački ukus mu je hipsterski eklektičan. Ovo mu je prvi objavljeni rad.

proza

Jelena Petković: Japan

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jelena Petković (1984.) diplomirala je povijest i engleski jezik i književnost na Filozofskom fakultetu u Osijeku. Živi i radi u Vukovaru.

proza

Luiza Bouharaoua: Zvučni zid

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luiza Bouharaoua (1985., Split) diplomirala je kroatistiku i anglistiku na Filozofskom fakultetu u Splitu. Radi u Skribonautima. Prevodi i piše. Prevela je roman Rachel Kushner "Bacači plamena" (Profil, 2017.). Kratke priče objavljivala je u The Split Mindu, Fantomu Slobode i na portalima Kritična masa i Nema. Priče su joj izvođene u na Trećem programu hrvatskog radija. Uvrštena je u regionalni zbornik "Izvan koridora - najbolja kratka priča" (VBZ, 2011.) i antologiju hrvatske mlade proze "Bez vrata, bez kucanja" (Sandorf, 2012.). Finalistica je natječaja Festivala europske kratke priče u 2016. i 2017. godini. Dobitnica je nagrade Ulaznica za kratku priču te nagrade Prozak za najbolji prozni rukopis autora/ica do 35 godina. U 2019. izlazi joj Prozakom nagrađeni prvijenac.

proza

Valerija Cerovec: Hotel Horizont (ulomak iz kratkog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Valerija Cerovec (1993., Čakovec) je vizualna umjetnica i spisateljica. Završila je preddiplomski studij modnog dizajna na Tekstilno-tehnološkom fakultetu i studij komparativne književnosti na Filozofskom fakultetu, a diplomirala na Odsjeku za animirani film i nove medije na Akademiji likovnih umjetnosti. Dobitnica je nagrade “Franjo Marković” Filozofskog fakulteta. Sudjelovala je u nizu skupnih izložbi i jednoj samostalnoj naziva “23. rujna, dan kad se ništa naročito nije dogodilo”. Članica je HDLU-a.

proza

Jan Bolić: Mrtvi kanal (ulomak iz neobjavljenog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jan Bolić (1995., Rijeka) je autor koji boluje od progresivne bolesti spinalne mišićne atrofije tip 2 zbog koje ne može pomaknuti gotovo nijedan dio tijela, no i dalje, bez obzira na progresiju bolesti, uspijeva pisati s dva prsta koja još uvijek može pomaknuti i s njima stvara književna djela. Dosad je objavio dvije knjige: zbirku poezije „Trenutci“ (2016.) i zbirku poezije i proznih zapisa „Može biti lijepo“ (2017.). Jedna pjesma objavljena je i u zbirci poezije skupine autora iz cijele RH naziva „Petrinjske staze“ iz Petrinje. Povremeno objavljuje svoje radove na književnim portalima i svom Facebook profilu U trećoj knjizi odlučio se pozabaviti žanrom krimića.

proza

Andrea Bauk: Kult užarene krune

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Andrea Bauk (1985., Rijeka) je završila stručni studij vinarstva u Poreču nakon kojeg je radila razne poslove. Teme njezinog pisanja su SF, međuljudski, pogotovo obiteljski odnosi i tabu teme, a njezini likovi redovito su autsajderi i mizantropi. Nekoliko njezinih priča i pjesama objavljene su u sklopu književnih natječaja.

proza

Luka Katančić: Papirnati poljubac

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luka Katančić (1996., Zagreb) student je Pravnog fakulteta u Zagrebu. 2014. i 2015. godine osvojio je treće nagrade: „Stanislav Preprek“, „Joan Flora“, „Pavle Popović“, „Janoš Siveri“, „Rade Tomić“ te drugu nagradu „Duško Trifunović“ u Novom Sadu za poeziju u kategoriji do 30 godina.

proza

Dalen Belić: Ispovijed serijskog samoubojice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Dalen Belić rođen je 1997. godine. Živi u Pazinu, a studira engleski i njemački jezik na Filozofskom fakultetu u Rijeci. Objavljivan je u istrakonskoj zbirci Apokalipsa laži te zbirkama Priče o manjinama i Priče o Pazinu u sklopu Festivala Fantastične Književnosti. Osvojio je drugo mjesto na Riječkim perspektivama 2017. godine i prvo mjesto 2018. Jednu njegovu priču teškometalne tematike možete pročitati na portalu Perun.hr.

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