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Tea Benčić Rimay: Chronologie: Vesna Parun

Vesna Parun war eine der angesehensten kroatischen Schriftstellerinnen.

»In einer von Männern, Institutionen und Ideologien beherrschten Gesellschaft hatte die Dichterin, die ein großes Opus hinterlässt, kein einfaches Leben, doch auch sie machte es ihrer Umgebung nicht leicht und sie verschonte niemanden in ihren luziden, polemischen, satirischen Gedichten.«
Alida Bremer



Tea Benčić  Rimay: Chronologie: Vesna Parun

 

1922

Vesna Parun wird am 10. April auf der Insel Zlarin  nahe bei Šibenik geboren, wo ihr Vater als Gemeindebeamter beschäftigt ist, oft aber versetzt wird oder auch arbeitslos ist, weshalb es die Familie mit ihren vier Kindern nicht leicht hat. Aus diesem Grund  verbringt  Vesna Parun einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Split, in Biograd  na Moru und in Šibenik. Ihr Vater Ante stammt von der Insel Prvić, ihre Mutter von der Insel Šolta.

 

1932

Sehr früh schon beginnt sie zu schreiben. Ihr erstes Gedicht Pramalje (Der Lenz), geschrieben auf der Insel Vis, wo sie die Grundschule besucht, veröffentlicht sie im Alter von zehn Jahren (1932) in dem Blättchen Der Schutzengel.

 

1938

Das Gedicht  Zov (Der Ruf) veröffentlicht  sie 1938 in der Zeitschrift Sjeme (Der Samen), die von einem Jungengymnasium herausgegeben wird, und deren  Redakteure  Jure Kaštelan und Živko Jelić sind. In diesem Gedicht erkennt man schon den Leitgedanken  von Vesna Paruns Poesie: einen Lobgesang auf das Leben, auf Arbeit und Mut.

 

1940

Das Gymnasium  besucht sie in Šibenik und Split, wo sie ihr Abitur besteht.  Sie ist eine ausgezeichnete Schülerin und schon mit 13 Jahren gibt sie Nachhilfestunden  und verdient sich so ihren Lebensunterhalt. Im Herbst  1940 wird  sie in die Philosophische Fakultät in Zagreb aufgenommen und studiert Romanistik. Dann bricht der Krieg  aus, sie flieht nach Split und kehrt 1942 nach Zagreb zu ihrer Familie zurück, wo ihr Vater damals in Sesvete, einem Vorort Zagrebs, in der Gemeinde beschäftigt ist. Ihr Bruder geht zu den Partisanen und fällt bald darauf. Zu jener Zeit ist Vesna Parun oft krank.

 

1947

Sie veröffentlicht  den Gedichtband Zore i vihori (Morgenrot und Wirbelsturm), der einen bedeutenden Wendepunkt in der kroatischen Poesie darstellt. Es handelt sich hier um träumerische Gedichte voller Bilder, Symbole, Ahnungen.  Einerseits begeistert  sie das Leben,  andererseits lässt die Ruhelosigkeit  des Krieges und der Nachkriegszeit sie eine neue Zeit der Begrenzungen und der Unfreiheit erafhnen. So stellt ihre erste Gedichtsammlung Zore i vihori den Beginn der modernen   Poesie dar. Noch wichtiger zu erwähnen  aber ist, dass sich nach einer sozialistischrealistischen Literatur  endlich eine andere, persönlichere Art des Dichtens zu entwickeln  beginnt.  Vesna Parun zeigt schon mit diesem ersten Gedichtband  eine Welt besonderer Empfindsamkeit, voller Güte und Verzeihen, Liebe und Opfer. Das Wort „Morgenrot“ wird später  in Vesna Paruns Poesie sogar die düstersten Augenblicke und die schlimmsten Stürme, die in ihr Leben hereinbrechen, erhellen.  In ihren ersten Gedichten finden wir natürliche und unschuldige Ehrlichkeit,  Gedichte vom Körper und Frühling, von der Jungfräulichkeit und dem üppigen September (Titel der Gedichte), die in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts völlig verrückt geklungen  haben müssen in der noch konservativen kroatischen Poesie und Kritik. Eins der bedeutendsten Gedichte  der Sammlung  ist das anthologische Gedicht Mati  čovjekova (Die Mutter des Menschen).  Man erlebt es zuerst als eigene Erfahrung  des Daseins,  das in einem bestimmten Augenblick so unerträglich wird, dass man dem entsagt, der uns erschuf. Die  Gestalt  der Frau als Mutter wird bildhaft in animalische (Bär, Schlange) oder sogar unbewegliche, zum Gegenstand gewordene  Surrogate (Stein) verwandelt. Das Schockante des letzten  Verses der ersten Strophe: Es wäre besser, dass mich  ein wildes Tier mit dem Euter gesäugt, als eine Frau wird in der zweiten Strophe vollkommen gemildert, da die ganze Strophe auf Vogelflügeln in die Höhe fliegen und uns mit dem archetypischen Bild des Baums,  der duftenden und blühenden Linde (der Baum der Kindheit!) beruhigen wird. Der freimütige  Ausruf  des ersten Verses am Anfang  des Gedichts  scheint aus dem Mund eines zürnenden  Mädchens am Bach zu stammen – wie ein geflügeltes Wort oder  sogar ein Fluch: Besser, du hättest den schwarzen Winter geboren, o Mutter.  Dies ist ein Zivilisationsgedicht,  das in seiner hilflosen Schönheit Boden und Höhe, Weltlichkeit  und Heiligkeit des menschlichen  Wesens entzweibricht.  Dieses Gedicht lernten viele Menschen  auswendig,  denn  es befindet sich im Lesebuch der Schulen. Es besitzt – entwickelt innerhalb einer pyramidalen Konstruktion  – die Kanons eines befestigten und stabilen Bodens, einer Höhle; durch die Steigerung der Auswahl von Lexemen, die eigentlich antithetische Pole des Gedichts   sind,  steigt  es in die Höhe bis zum Vogel – von der Schlange im Nest bis zum Lamm, dem sanften Jungen, von Wind und Kälte zum wärmenden Flügel, zu Zärtlichkeit und Tränen.  So erschafft die Dichterin ein wunderbares, wirkliches Gedicht,   aus dem schon  seit langer Zeit die Botschaft  des letzten Verses widerhallt:   Es ist bitter ein Mensch zu sein, wenn Messer und Mensch sich verbrüdern.

Nach Kriegsende setzt Vesna Parun ihr Studium an der Philosophischen Fakultät fort, studiert aber jetzt reine Philosophie. 1947 hilft sie beim  Bau der Eisenbahnstrecke Šamac  – Sarajevo, erkrankt an Typhus, und erlebt gleichzeitig die Krise einer unglücklichen Liebe, die 1938 begonnen hatte. Aus all diesen Gründen hatte sie ihr Studium unterbrochen.

 

1948

Nachdem die Kritik ihre erste Gedichtsammlung verrissen hat, veröffentlicht die Dichterin  ein Buch, das 120 Gedichte mit je vier Strophen enthält, und zeigte damit, dass sie auch ganz anders schreiben kann, ruhig, monoton, mit gleichmäßigen Reimen. Sie nennt es einfach Pjesme (Gedichte), aber schon sehr bald kehrt sie zu ihrer authentischen Schreibweise zurück.

 

1955

Es erscheint der Sammelband Crna maslina (Der schwarze Olivenbaum), von dem viele behaupten, es sei der vollständigste  und beste  Gedichtband der damaligen kroatischen Poesie. Crna maslina ist ein Buch der Liebeslieder, ein wenig von der Bibel inspiriert, in dem sich die mystische Liebe nach vielen Richtungen hin erstreckt (die Liebe der Frau, der Mutter, zwischenmenschliche Kommunikation usw.). Hier treffen wir auf Gegensätze,  wie Wachen und Träumen, Stille und Leidenschaftlichkeit, Möglichkeit und Unmöglichkeit, Imagination und Kreation. In Vesna Paruns Poesie finden  wir Unschuld und kindliche  Begeisterung, ganz besonders aber flammende Sinnlichkeit, unbändige Wildheit in Sprache und Thematik,  was eigentlich die besten  Eigenschaften ihrer Gedichte sind. Später wird die Dichterin ehrlich  verwundert  sein über das Böse und  den Chaos in der Welt, den die Menschen verursachen, denn sie glaubte, allein die Liebe setze die Welt in Bewegung. In der Gedichtsammlung Crna maslina befindet  sich das anthologische  Gedicht Ti koja imaš nevinije ruke (Du deren Hände unschuldiger sind). Völlig ergeben, sich der Gewalt der Emotionen überlassend, bietet sie der Welt den Ursprung der Unverfälschtheit und erwartet mit kindlicher Naivität,  dass ihr eine solche Liebe auf die gleiche Weise zurückgegeben wird. So erwacht  ihre spätere Poesie aus einem kindlichen Traum. Bald schon wird sie von dem erahnten Wirbelsturm erfasst, nicht nur vom Krieg und der Nachkriegszeit, sondern auch vom Krieg in der menschlichen Seele (Das Übel der Liebe; Der Schmerz, ein Mensch zu sein), die unfähig ist, die Ursprünglichkeit  fremder und eigener Empfindsamkeit   anzunehmen und die Schönheit und Kraft einer reinen Seele, die sich im Schmutz der Welt befindet, zu erkennen.

 

1957 – 1959

Wie Vesna Parun  in Zore i Vihori schon eine lebhafte Herde von Worten zur Quelle im hellen Tal treibt, so  zeigt  sie  in Crna maslina und zwei  Jahre später in den Gedichtbänden Vidrama  vjerna (Den Fischottern treu) und Ropstvo (Sklaverei) (1957) und besonders in den Gedichtsammlungen Pusti da otpočinem (Lass mich ausruhen) (1958), Ti i nikad (Du und nie) und Koralj vraćen moru (Die dem Meer zurückgegebene Koralle) (1959) ein wundersames Wachsen von Sinnlichem, Imaginativem, Traumhaftem, Mythologischem. Ihre dichterischen Ausgangspunkte befinden sich nahe biblischer Quellen, ihre Themen sind eigentlich Ideen der Liebe aber auch des Leidens am Schicksal. Die Tiefe der Empfindsamkeit, die schon für Dora Pfanova charakteristisch  war, wird bei Vesna Parun noch verstärkt durch Sensualität,  Wollust, Erotik. Unmerklich und leise erscheinen  die Liebe und der Mond in der kroatischen Poesie, und  wie eine mythologische  und märchenhafte Metapher sagt: archaische Lilien werden Wirklichkeit werden.

 

1960 – 1967

Von 1962 bis 1967 hält Vesna Parun sich in Bulgarien auf, wo sie heiratet, sich scheiden  lässt und eine neue Reihe  von Missgeschicken  erlebt. Seitdem wohnt  sie meist in Zagreb und arbeitet als freischaffende Schriftstellerin. Ununterbrochen veröffentlicht sie neue Gedichtbände: Konjanik (Der Reiter), 1961; Jao jutro (O weh, du Morgen), 1963; Bila sam dječak (Ich war ein Junge), 1963; Vjetar Trakije (Der Wind von Thrakien), 1964; Pjesme (Gedichte), 1964; Gong (Der Gong), 1966; Otvorena vrata (Eine offene Tür), 1968; Ukleti dažd (Der verwunschene Regen), 1969; Tragom Magde Isanos (Auf den Spuren der Magda Isanos), 1971.

 

1968 – 1976

Fabel, Märchen  und Mythos sind unerschöpflicher Ausgangspunkt fast jeder Form der Literatur  Vesna Paruns. Ihre Wut wird immer in Gesang umgeformt, ihre Satire ist verbal unterschiedlich. Sie veröffentlicht rund zehn Kinderbücher: Gedichte, gereimte Geschichten und Romane: Mačak Džingiskan i Miki Trasi (Kater Dschingis-Khan und Miki Trasi), 1968; Mačak na mjesecu (Der Kater auf dem Mond), 1969; Miki trasi i baka Pim Bako (Miki Trasi und Oma Pim Bako), 1968; Miki slavni kapetan (Miki der brühmte Kapitän), 1970.

1972 veröffentlicht sie ein Buch  mit 100 Sonetten. Ihre spezifische Art des Sonett-Schreibens betrachten zuerst viele nicht  als Qualität, aber später – wie es schon so oft bei der Kritik von Vesna Paruns Büchern geschah – wird in ihren  Sonetten die ganze Virtuosität ihres Könnens und die unglaubliche Fähigkeit, die gedrängte Metaphorik in 14 Verse in RenaissanceForm zu bringen,  entdeckt. Es folgen die Gedichtsammlungen Karneval u Kukljici (Karneval in Kukljica), 1974 und Apokaliptične basne (Apo kalyptische Fabeln); danach Poznanstvo  s danima malog Maksima (Die Tage des kleinen Maxim), 1974; Igre pred oluju (Spiele vor dem Sturm), 1979  usw. Vesna Parun  sagt: „Ich möchte mein eigenes Forschungsvorgehen darlegen, damit  ein anderer, der all das nicht  auf diese Weise erlebte, an meiner Erfahrung – die potentiell auch die seine ist – seine eigenen Assoziationen und sein eigenes Wissen, das wiederum potentiell auch das meine ist, anknüpfen kann. Sich als Nachkommen der gleichen uralten Fantasien dieser Welt  zu fühlen,  bedeutet, sich an den Traum  unserer gemeinsamen, weit zurückliegenden Vergangenheit zu erinnern und geistig unbekümmert eins zu werden mit ihr – wenigstens für jenen verzauberten zeitlosen Augenblick, solange im Märchen die notwendige Verwandlung der Schlangenzunge  in eine menschliche, der archetypischen in eine kommunikative  dauert.“

Gerade die eben angedeutete Kommunikation,  die eine wichtige Charakteristik der Poesie Vesna Paruns darstellt, ist etwas Paradoxes, wenn wir an die fast ununterbrochene Metaphorik ihrer Gedichte denken, an ihr Personifizieren, die Synedochen, den Abstieg in mythische und archetypische Schichten des Bildhaften, tausend Fuß tief unter der Erde! Verständlich und klar zu sein auch bei der schwierigsten  Aussage, ist ebenfalls ein Zeichen der Kraft dieser Poesie, wie auch ihrer sehr anspruchsvollen Prosagedichte.

 

1987

Sie veröffentlicht   den Prosaband Pod muškim kišobranom (Unter dem Männerschirm). Hier versucht sie zu erklären, dass die Prosa, zum  Unterschied von Poesie, ein Ort ist, an dem sie das Meditative   ihres Wesens ausdrücken   kann. Außerdem befinden sich in diesem Band polemische Feuilletons, in denen sie auf satyrische und sehr zynische Weise ihre Beziehung zur Gesellschaft, in der sie lebt, darstellt.

 

1988

Es erscheint  das Buch  Krv svjedoka (Das Blut des Zeugen),  ein echtes buntes Herbarium autobiografischer Notizen,  Reisebeschreibungen, Essays, Künstlerportraits. Stilistisch treten hier hauptsächlich das Poetische, ihre mediterrane abenteuerliche Fantasie und das starke Bedürfnis,  ihre Persönlichkeit möglichst genau darzustellen, in Erscheinung.

 

1989

Der Reichtum und die Gliederung der Sprache,  ihre metaphorischen Syntagmen, die übernatürlichen  und kindlichen  Landschaften, führen die Dichterin  spontan und unmittelbar zum Prosagedicht, das man von der märchenhaften Kurzgeschichte unterscheiden  muss (z. B. Molitva za Ardžuninu  strijelu – Ein Gebet für den Pfeil des Ardschunin oder Lešina marabu ptice – Der Kadaver des Vogels Marabu),   das aber bei Vesna Parun besonders hervorzuheben ist wie spezifische Kristalle  eines langjährigen  Spiels mit der Poesie,  das aufhört ein Spiel zu sein und zum heiligen Ort der Beichte wird. Wir finden bei ihr nur sehr wenig Prosagedichte, die sie alle sehr spät herausgibt (wenn man bedenkt, dass schon seit 1947 ihre Gedichte veröffentlicht werden). Den Zyklus Krv svjedoka i cvijet (Das Blut des Zeugen und die Blume) schreibt sie 1989  als Fortsetzung des vorigen Buches.

 

1990

Es erscheint der hervorragende Prosagedichtband Indigo-grad (Die Indigo-Stadt), über den nur sehr wenig geschrieben wurde. In diesen Prosagedichten wird der Ausdruck knapp, während die Dichte  des Deskriptiven  es erlaubt,   Wörter, nicht aber Gedanken zu wiederholen. Der Gedanke in ihren Gedichten erweitert und breitet sich geradezu aus, begleitet von einer immer größeren Farbenvielfalt – angefangen  von hellgelb, orange und feuerrot, über indigoblau, mondscheinblau, bis schwarz (das schwarze Meer). Interessant auch für eine weitere  Analyse  ist es zu erfahren, wie die Dichterin selbst über ihr lyrisches Vorgehen in ausführlichen und polemischen Essays spricht. Da der Weg vom Gedicht zum Prosagedicht lang ist, muss auch theoretisch dieser Weg stufenweise erklärt werden. Vesna Parun wird sich während des Schreibens von Poesie über ihre eigene Vorgehensweise bewusst, begibt sich zur Quelle ihrer irgendwo entstandenen Landschaften und Bilder. Ihre Luzidität und oft schneidende Scharfsinnigkeit, die sie in der Poesie wie auch im Leben ausbreitet, bewahren die innere angehäufte Kraft, aus  der ihr Gedicht wie aus einer unversiegbaren Quelle erwächst. Dieser Erforscher des Gedichts wacht jetzt ununterbrochen über ihrer Poe- sie. Wie oft sagte ich mitten in der Nacht: Adieu, ihr Feuer! Ich gehe für immer einer wunderbaren Einsam- keit entgegen...,  sagt die Dichterin in einem Sonett. Wenn es scheint, dass sie sich  in ihren ersten Gedichten manchmal  am Rand des Sentimentalen, Romantischen, allzu Empfindsamen oder allzu Hingebungsvollen bewegt (obwohl  sie nie ins Pathetische abgleitet),  in den neueren Gedichten, besonders in der Sammlung Indigo-grad (ihre reifste, wichtigste und poetisch  stärkste Sammlung) zeigt  sie die Ursprünge ihrer Empfindsamkeit, den Kontext von Ursache und Wirkung, lässt das Gedicht als Ganzes, sowie seine Struktur harmonischer werden. Wenn für Vesna Krmpotić die Poesie der vom Vogel gelöste Flug ist, so ist für Vesna Parun die Poesie der Vogel selbst, der nicht oberflächlich wie der Mensch ist, der weiß,  dass das Schlagen  des Herzens unter der Erde noch stärker ertönt, und statt der beruhigenden Klänge eines Schlaflieds  müsste  der ganze Wald das Dröhnen  des unterirdischen Raums, das der Schmerz hervorrief, hören.

 

1991

Sie veröffentlicht  ein Buch mit Sonettenkränzen, einer Reihe unaufhaltbarer, beweglicher, klarer Verse, gebettet in den Rhythmus und die Harmonie reimender Vierzeiler und Terzetts – Sonet o čistoći (Sonett über die Reinheit);  Sonet o naranči (Sonett über eine Apfelsine);  Sonet  o proljetnoj  ptici (Sonett über einen Frühlingsvogel). In den neunziger Jahren engt die Dichterin selbstbewusst die breiten Spektren ihres dichterischen Vokabulars ein und „entblättert“ – wie Tin Ujević – das Gedicht bis auf die nackte Haut, kürzt die Länge der Verse. Durch  ihr ganzes dichterisches Opus, ohne Rücksicht auf den Wandel der Form ihrer Gedichte, zieht sich beharrlich eine Diagonale, eine jetzt schon reife on- tologische  Kategorie  ihrer  Poesie, in deren Aufbau Liebe, Träume, Freiheit die Basis bilden.  Vesna Parun hört nie auf zu lieben und in der Liebe zu unterweisen, zu träumen und im Träumen zu unterweisen, dem weißen Faden der Freiheit  zu folgen. Sie bleibt ihrer Begeisterung für die Liebe treu, der feurigen Leidenschaft und deren Echo, dem Widerschein – wie Dora Pfanova sagt. Auch Vesna Parun nimmt in ihren dichterischen Schoß dieses Wort auf, denn auch sie hat wie Dora Pfanova ihre bitteren Wünsche in einem altertümlichen Kästchen der Wind aufbewahrt, das sie einsam an eine Weg- kreuzung stellte – damit  jedes Men- schen Geheimnis  daraus widerschei- nen soll.

 

1993 – 2000

Sie veröffentlicht die Gedichtsammlungen Tronožac koji hoda (Der wandelnde  Schemel), 1993; Začarana čarobnica  (Die verzauberte Zauberin), 1993; Izbor iz djela (Aus ihren Werken), 1995; Ptica vremena (Der Zeitvogel), 1996; Smijeh od smrti jači (Das den Tod besiegende Lachen), 1997; Pelin basne (Wermut der Fabel), 1998; Spužvica i spužva (Schwämmchen und Schwamm), 1999; Političko Valentinovo (Ein politischer Valentinstag), 2000; Grijeh  smrti (Die Sünde des Todes),  2000.

1995 übersetzt Vesna Parun Gedichte von Heine, Rilke und Goethe.

Das Meer ist eine unerschöpfliches Thema in der Dichterin Poesie. Eher könnte  man sagen, das Meer ist ihr dichterischer Spiegel – es spiegelt ihre Seele bei jedem Wetter wider, in guten und in schlechten Zeiten,  weshalb sie sagt, wenn  du den Weg in meine  Seele suchst,  führe  mich  zum stürmischen Meer, oder sie gibt sogar die Wiege dem Meer zurück oder sie selbst ist das Meer  von Wut umhüllt. Vor dem Meer, wie auch vor dem Tod, hat sie keine Geheimnisse. Das gleiche Meer entwickelt sich zum Symbol, wenn die Metapher sich selbst überragt, das Zeichen umfasst, das in seiner Größe die kontrapunktischen Motive von Liebe und Tod, Erde und Mond, Heiterkeit und Wut annehmen kann. So entdecken wir noch eine erstaunliche Verfahrensweise in der Poesie Vesna Paruns – sie verschiebt,  schmelzt  Symbole, denn das gleiche Meer  kann auch in seiner Identifikation  mit der Seele verschwinden, hinter die andere Seite des Spiegels gelangen (einzig und allein die Poesie ist stärker  als das Meer!). Verschwinden heißt nicht sterben, im Gegenteil: In eine milde Schatzkammer treten und seine Blüte hineintragen.

Das Meer verschwindet vielleicht, aber es stirbt nicht, sagt die Dichterin. So verschwindet wahrscheinlich auch die Seele, ohne etwas von dem zauberhaften Tod zu wissen, den sie nur mit dem Saum des Flügels flüchtig berührte! Die Seele verschwindet und nimmt das, was in ihr aus Gottes Hand erblühte, in eine unendlich milde Schatzkammer mit.

Was ereignet sich eigentlich in jener unendlich milden Schatzkammer, in die das Meer  und  die Seele ihre Geheimnisse bringen? Es ereignet sich das Gedicht, denn gerade Vesna Parun  zeigt und  beweist,  dass die Poesie ein Akt der Seele, weniger  der Emotionen und des Intellekts   ist. Vor langer Zeit gab die Dichterin einem ihrer Gedichte aus der Sammlung Prolazim životom  (Ich gehe durchs Leben) den Titel Prava pjesma (Ein wirkliches Gedicht). Hier sagt sie, dass alles dort beginnt, wo es erkannt  wird,  und die Poesie Vesna Paruns muss von neuem entdeckt, auf die rechte Weise wiedererkannt werden.  So werden  wir auch ihre schwer zu interpretierende Metaphysik deuten,  das Wunder des Daseins und des Wiedergeborenwerdens. Wo?

Dort wo die großen Flüsse die

Nacht erleuchten

Und die Wasserfälle den Namen

Der noch ungeborenen

Welt aussprechen

 

2000 – 2010

Vesna Parun verlässt für immer ihr mehr  als bescheidenes Heim an der Peripherie Zagrebs, in der Marijan-Badel-Straße 15 (heute  Straße Vila Velebita), in dem sie über ein halbes Jahrhundert lebte. Aus gesundheitlichen Gründen hielt sie sich schon seit Jahren in verschiedenen Kurorten Kroatiens auf, enttäuschte darüber, dass ihr keine seit langem versprochene Wohnung zugeteilt war. Im Kurort Stubičke Toplice lernte sie Ende der 70-ger Jahre ihre wichtigste Lehrerin kennen, die Bettlerin Magdica, der sie eine ganze Reihe von Texten widmet. In jenem Kurort feierte sie nächste Geburtstäge und schrieb weitere Bücher. Das wichtigste und beste davon ist Bubnjevi umjesto srca (Trommeln statt Herzen), 2003, in dem sie zum Thema ihrer früheren Bücher Zore i vihori und Crna maslina zurückkehrt. Hier verfasste sie auch die bedeutenden Gedichte Čovjek  (Der Mensch) und Prozor s kojeg sam uhodila Mjesec  (Das Fenster durch  das ich den Mond heimlich beobachte). Ihre Einsamkeit und „Abtrünnigkeit“ von der damaligen Kultur hatte sie selbst gewählt; sie würde sich vor niemandem erniedrigen.  Sie starb im Alter von 88 Jahren in Stubičke Toplice am 25. Oktober 2010.

 „Als ich nach Zagreb kam, wurde ich verhaftet; jetzt wurde ich aus der Stadt geworfen. Nach 60 Jahren verlasse ich Zagreb wie ein Fremder“, sagte Vesna Parun  auf einer  Pressekonferenz am 17. Oktober 2001 im Kroatischen Kulturklub. Nicht nur ihr gesellschaftlicher und schriftstellerischer Status veranlasste unsere größte Dichterin  zur Einberufung eines „Abschiedstreffens“, wie sie die Pressekonferenz nannte,  sondern besonders die Polemik mit Vlatko Pavletic  in der Zeitung Jutarnji list. „Es handelt sich nicht um Panik, um Übertreibung oder Leidenschaft. Mit 80 Jahren kann ich immer  noch klar denken. Demokrat  zu sein bedeutet hier Skandalmacher“, sagte Vesna Parun, als sie den  Konflikt um ihren Austritt aus dem Verband kroatischer Schriftsteller beschrieb. „Schriftstellerisches Talent  wird  hier ausgerottet und nicht geduldet, während Macht und Gewalt über allen Werten stehen. Aber in keinem  einzigen Regime kam die Initiative  zur Verfolgung von der Staatsgewalt sondern von den Herren Präsidenten der Verbände und den Parteisekretären.“ Sie kündigte ihren baldigen Aufbruch mit 20 Säcken ihres Hab und Guts nach Rijeka an und ein neues satyrisches Buch, wie auch weitere öffentliche Auftritte. Vielleicht können wir die Antwort auf das Unrecht,   das ihr zugefügt wurde, in Vesna Paruns Behauptung finden, dass man  „in der Schule viel lernen kann, in der Grundschule und auch später in der Mittelschule, Grammatik  und Naturkunde; weniger Geschichte und über die Sterne am Himmel; aber über den Menschen und das Leben – fast nichts.“ Ihren eigenen Worten nach verbrachte sie von Kindheit an ein sehr schweres Leben, erlitt mehr Leid als Freude. Vesna Parun widmete sich ganz ihrer schriftstellerischen Arbeit und war die erste Frau in der kroatischen Literatur, die ausschließlich vom Schreiben und fürs Schreiben lebt.

    

o nama

Nagrada Sedmica & Kritična masa 2019 - uži izbor

Nakon što je žiri Nagrade Sedmica & Kritična masa za mlade prozne autore bodovao priče autora iz šireg izbora Nagrade, u uži izbor ušlo je sedam autora/ica.
Pogledajte tko su sedmoro odabranih.
Sponzor Nagrade je kulturno osviješteni cafe-bar "Sedmica" (Kačićeva 7, Zagreb).

intervju

Dinko Kreho: Književna ''mladost'' je sklizak i evazivan pojam koji najčešće nosi i problematičan ideološki balast

Predstavljamo uži izbor Nagrade Sedmica & Kritična masa

Dinko je u uži izbor ušao s pričom ''Zoja''. Standardnim setom pitanja predstavljamo jednog od dvojice muških natjecatelja.

proza

Iva Sopka: Moje pravo, nezaljubljeno lice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - UŽI IZBOR 2019

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista „Ranko Marinković“ 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade „Sedmica & Kritična Masa“ 2016. i 2017. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je i drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine. Trenutno živi u Belišću i radi kao knjižničarka u osnovnoj školi.

proza

Ivana Pintarić: Priče

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Ivana Pintarić (1988., Zagreb) je po zanimanju edukacijski rehabilitator. Piše poeziju i kratke priče. Ulomkom iz romana „Gorimo (ali ne boli više)“ ušla je u finale izbora za nagradu "Sedmica & Kritična masa" 2015. godine. Ulazi u širi izbor nagrade "Sedmica & Kritična masa" 2017. ulomkom iz romana "Ovo nije putopis o Americi". Bila je polaznica Booksine radionice pisanja proze pod mentorstvom Zorana Ferića. Objavila je radove na kultipraktik.org i booksa.hr. Objavila je i priču u časopisu Fantom slobode. Članica je književne grupe ZLO.

proza

Marin Ivančić: Karijatida

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Marin Ivančić (1991., Karlovac) diplomirani je pravnik na stručnom usavršavanju u Hrvatskoj komori ovlaštenih inženjera geodezije. Od zala birokracije dušu spašava čitanjem, županijskim nogometom, a odnedavno i pisanjem. Igra zadnjeg veznog u NK Dobra-Novigrad na Dobri, ima dobar udarac i pregled igre. Čitalački ukus mu je hipsterski eklektičan. Ovo mu je prvi objavljeni rad.

proza

Jelena Petković: Japan

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jelena Petković (1984.) diplomirala je povijest i engleski jezik i književnost na Filozofskom fakultetu u Osijeku. Živi i radi u Vukovaru.

proza

Luiza Bouharaoua: Zvučni zid

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luiza Bouharaoua (1985., Split) diplomirala je kroatistiku i anglistiku na Filozofskom fakultetu u Splitu. Radi u Skribonautima. Prevodi i piše. Prevela je roman Rachel Kushner "Bacači plamena" (Profil, 2017.). Kratke priče objavljivala je u The Split Mindu, Fantomu Slobode i na portalima Kritična masa i Nema. Priče su joj izvođene u na Trećem programu hrvatskog radija. Uvrštena je u regionalni zbornik "Izvan koridora - najbolja kratka priča" (VBZ, 2011.) i antologiju hrvatske mlade proze "Bez vrata, bez kucanja" (Sandorf, 2012.). Finalistica je natječaja Festivala europske kratke priče u 2016. i 2017. godini. Dobitnica je nagrade Ulaznica za kratku priču te nagrade Prozak za najbolji prozni rukopis autora/ica do 35 godina. U 2019. izlazi joj Prozakom nagrađeni prvijenac.

proza

Valerija Cerovec: Hotel Horizont (ulomak iz kratkog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Valerija Cerovec (1993., Čakovec) je vizualna umjetnica i spisateljica. Završila je preddiplomski studij modnog dizajna na Tekstilno-tehnološkom fakultetu i studij komparativne književnosti na Filozofskom fakultetu, a diplomirala na Odsjeku za animirani film i nove medije na Akademiji likovnih umjetnosti. Dobitnica je nagrade “Franjo Marković” Filozofskog fakulteta. Sudjelovala je u nizu skupnih izložbi i jednoj samostalnoj naziva “23. rujna, dan kad se ništa naročito nije dogodilo”. Članica je HDLU-a.

proza

Jan Bolić: Mrtvi kanal (ulomak iz neobjavljenog romana)

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Jan Bolić (1995., Rijeka) je autor koji boluje od progresivne bolesti spinalne mišićne atrofije tip 2 zbog koje ne može pomaknuti gotovo nijedan dio tijela, no i dalje, bez obzira na progresiju bolesti, uspijeva pisati s dva prsta koja još uvijek može pomaknuti i s njima stvara književna djela. Dosad je objavio dvije knjige: zbirku poezije „Trenutci“ (2016.) i zbirku poezije i proznih zapisa „Može biti lijepo“ (2017.). Jedna pjesma objavljena je i u zbirci poezije skupine autora iz cijele RH naziva „Petrinjske staze“ iz Petrinje. Povremeno objavljuje svoje radove na književnim portalima i svom Facebook profilu U trećoj knjizi odlučio se pozabaviti žanrom krimića.

proza

Andrea Bauk: Kult užarene krune

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Andrea Bauk (1985., Rijeka) je završila stručni studij vinarstva u Poreču nakon kojeg je radila razne poslove. Teme njezinog pisanja su SF, međuljudski, pogotovo obiteljski odnosi i tabu teme, a njezini likovi redovito su autsajderi i mizantropi. Nekoliko njezinih priča i pjesama objavljene su u sklopu književnih natječaja.

proza

Luka Katančić: Papirnati poljubac

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Luka Katančić (1996., Zagreb) student je Pravnog fakulteta u Zagrebu. 2014. i 2015. godine osvojio je treće nagrade: „Stanislav Preprek“, „Joan Flora“, „Pavle Popović“, „Janoš Siveri“, „Rade Tomić“ te drugu nagradu „Duško Trifunović“ u Novom Sadu za poeziju u kategoriji do 30 godina.

proza

Dalen Belić: Ispovijed serijskog samoubojice

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Dalen Belić rođen je 1997. godine. Živi u Pazinu, a studira engleski i njemački jezik na Filozofskom fakultetu u Rijeci. Objavljivan je u istrakonskoj zbirci Apokalipsa laži te zbirkama Priče o manjinama i Priče o Pazinu u sklopu Festivala Fantastične Književnosti. Osvojio je drugo mjesto na Riječkim perspektivama 2017. godine i prvo mjesto 2018. Jednu njegovu priču teškometalne tematike možete pročitati na portalu Perun.hr.

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