Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.



DIE ÜBERLEGUNGEN, die ich Ihnen vortragen möchte, gehen von zweierlei Tatsachen aus: von der kroatischen literarischen Tradition und vom heutigen Stand der Fragen, mit denen sich dieses Symposium beschäftigt.

Literaturen wie die kroatische sind selten: in einer gewissen Hinsicht ist sie wegen der Komplexität ihrer Tradition sogar einmalig. Diese Literatur beginnt als einheimische, kroatische Redaktion der altkirchenslawischen Schriftsprache, wie sie die heiligen Brüder Kyrill und Method gestaltet und der slawischen Welt übergeben hatten, und knüpft ihren jahrhundertelangen Weg an das Leben und die Ausdruckweise des einfachen Volkes. Die frühe Christianisierung, die Anwesenheit einer romanischen Bevölkerung im städtischen Küstenstreifen, die Anziehungskraft und universale Verwendbarkeit der lateinischen Sprache bzw. - sagen wir hier der Kürze halber, denn wir meinen alle in etwa dasselbe - der lateinischen Kultur, der Prozeß  der Konstituierung einer zentralen Herrschaft einheimischer Herrscher, dann der ganze Fragenkomplex, den wir als Kampf der lateinischen und der Volkskirche bezeichnen, und schließlich der frühe Verlust der staatlichen Selbständigkeit - all das und vieles in Verbindung damit bestimmt gleichzeitig auch die künftige Problematik der

kroatischen Nationalsprache und der kroatischen Literatur. Einfacher gesagt, im Bereich der „von Kroaten bewohnten Länder“, wie Vjekoslav Klaić sagen würde, treten räumlich und zeitlich voneinander getrennt drei Sprechweisen des Volkes in Erscheinung: das Čakavische, das Štokavische und das Kajkavische, und eine gelehrte: das Lateinische. Ich werde hier über einige Aspekte des Prozesses sprechen, in dem die drei Sprachformen des Volkes zum Organismus der kroatischen Literatur zusammenwuchsen, und dabei besonders auf das Problem der Dialekte eingehen.

Seine scharfsinnige Geschichte der französischen Sprache beginnt Karl Voßler mit einer Unterscheidung, die, wie mir scheint, auch hier und heute ihren Wert behalten hat. Alle erhaltenen Beispiele der französischen Sprache, die im Laufe ihrer Konstituierung entstanden sind, ordnet er in zwei Gruppen ein: eine, die nur Zeugnis (document) ist, und eine zweite, die wegen ihrer specifischen Zweckbestimmung als Denkmal (monument) zu bezeichnen ist. Die dramatische, oft faszinierende Geschichte der romanischen, eigentlich neolateinischen Sprachen beginnt in jenem Augenblick, als die Volkssprache, die lingua vulgaris (zum Unterschied von dem, was wir einfach latinitas nennen könnten) bereits document wurde, als sie also vom praktischen, alltäglichen Leben zur geschriebenen, gesellschaftlich-rechtlichen Verwendung überging. Denn obwohl auch die lateinische Sprache nach der geistreichen Formulierung Giacomo Devotos schon nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches dessen Schicksal zu teilen begann („quante parrochie tanti latini“, wie dieser große Synthetiker sagte), ist dies noch immer eine Sprache, die bei allen Veränderungen und lokalen Eigenheiten Latein genannt werden kann und muß. Im Gegensatz dazu begann die lingua vulgaris, die anfangs als barabarische Verunstaltung des Lateinischen empfunden worden war, sich nach und nach immer mehr Rechte zu erwerben, bis sie sich schließlich zunächst als document, später als monument ganz in den Vordergrund schob. Dabei ist ein herrliches Paradox, daß beispielsweise sowohl Dante als auch Petrarca ihre eigenen lateinischen Werke höher, erheblich höher, als ihre italienischen schätzten.

Die slawische Welt hatte kein Weströmisches Reich. Was nach dem Zerfall des Römischen Reiches kulturell und linguistisch als Romania bezeichnet wird, das ist für die slawischen Völker die Slavia Kyrills und Methods, die sich in einem Augenblick großartiger Eingebung und völlig außergewöhnlicher linguistischer Begabung konstituierte. Trotzdem erlebte ganz natürlich die kulturelle Slavia das gleiche Schicksal wie die Romania, die durch die Auflösung des Römischen Reiches entstanden war. Und während im kroatischen Königreich parallel mit dem Lateinischen auch das Altkirchenslawische als monument bestand, begann die Volkssprache allmählich in das alltägliche, praktische Schrifttum einzudringen. Das frühe Erlöschen des Nationalstaates verlangsamte zwar die schnellere Konstituierung einer kroatischen Standardsprache, dafür aber begann die Sprache des Volkes, die nun keine zentripetale Kraft mehr besaß, wie sie vom Hof, von der einheimischen Verwaltung und überhaupt von der staatlichen Form des nationalen Lebens ausgeht, ihre Rechte unmittelbar, als Dialekt, ohne vorhergehende Filtrierung durch eine Norm bzw. durch die Praxis irgendeines „zentralen“ Dialekts zu verwirklichen. Eben das verleiht der kroatischen linguistischen und literarischen Situation Jahrhunderte hindurch ein völlig spezifisches Gepräge. Die erwähnte Geschichte der französischen Sprache Voßlers umfaßt 340 Großoktavseiten, von denen ganze 18 der modernen Epoche Du romarıtisme à nos jours gewidmet sind. Das bedeutet, daß sich die französische Sprache - das, was wir heute ungeachtet aller Innovationen und Modernismen als französische Sprache bezeichnen - eben bis zu der Zeit herausgebildet, hat, in der die Konstituierung der modenen kroatischen Literatursprache beginnt. Die Gründe dafür sind schon seit langem erforscht. Eine absolute Herrschaft, wie sie die französische Monarchie jahrhundertelang besaß, mußte im linguistischen Bereich eine streng kodifizierte Sprache wie das Französische hervorbringen. Als dann 1789 der Dritte Stand die Bastile stürmte, die Monarchie stürzte und die Herrschaft an sich riß, zerstörte er damit das großartige Gebäude der französischen Sprache nicht, sondern machte es sich selbst zu eigen.

Ein anderes romanisches Land, das keine einheitliche politische Herrschaft besaß (und darin Kroatien sehr ähnlich war), fand (zum Unterschied von Kroatien) die erwähnte zentripetale Kraft in der unwi derstehlichen Anziehungskraft der toskanischen Trecentisten (Dante, Petrarca und Boccaccio) und in dem unbestrittenen Ansehen, das sich der toskanische Dialekt, der schon sehr bald zum Synonym für das Italienische geworden war, mit seinen großen literarischen Werken und seinen unzweifelhaften zentralen Vorzügen erworben hatte. Nach dem Jahre 476 wurde Italien erst 1861 bzw. 1870 ein einheitlicher moderner Staat, der aber linguistisch und literarisch schon einige Jahrhunderte zuvor geeinigt war. Das mußte zu besonderen Problemen führen, zu der Erscheinung, daß sich die geschriebene Sprache immer mehr von der gesprochenen zu unterscheiden begann, aber dafür nimmt Italien, wo nicht nur verschiedene Dialekte, sondern sogar besondere Sprachen gesprochen werden und wo schon seit dem 16. Jahrhundert eine außerordentlich reiche dialektale (und sogar makkaronisch-lateinische) Literatur besteht, wohlvorbereitet die Hilfe entgegen, die die modernen Massenkommunikationsmittel vom Zeitungswesen bis zum Fernsehen der sprachlichen Norm bieten.

All das gab es bei uns nicht. Kroatien - oder nennen wir dieses jahrhundertelange Streben, die zersplitterte Heimat zu einen, dieses Bewußtsein, daß wir trotz der verschiedensten, sich gegenseitig blutig bekämpfenden Verwaltungen, unter denen wir uns befanden, zusammengehören, nennen wir sie mit dem poetischen Vitezovićischen Namen Croatia - Kroatien hat das nicht. Dieses unser mythisches Arkadien, Ikarien, Kroatien, in dem Zoranić klagt und Vitezović träumt, verwirklicht erst Gaj, und er verwirklicht es - das dürfen wir nicht vergessen - linguistisch, kulturell, aber nicht politisch, denn das stand nicht in seiner Macht. Die nationale Einigung Kroacijas vollzog vor allem die Sprache; auch das darf nicht vergessen werden. Dies war möglich, weil die Kroaten bei allen dialektalen Unterschieden zwischen ihnen jene fraternus et mysticus amor fühlten, von dem Ivan Derkos spricht: „Wenn wir an den Nutzen denken, müssen wir uns mit den Slawonen und den Dalmatiniern zusammentun; denn wir sind ja schon wie ein Staat für sich (was wir mit Krain und der Steinemark nicht gemeinsam haben), und schon seit den Zeiten Petar Krešimirs, des Königs von Kroatien und Dalmatien, verbinden uns die engsten Bande (wie oben gezeigt wurde), verbindet uns also das brüderliche und irgendwie geheimnisvolle Band der Liebe, die einander die Herzen öffnet.“ Das Serbentum konnte, da es praktisch eindialektal war, Vuks Sprachrevolution leichter annehmen, obwohl der Übergang vom Russoslawjanoserbischen zur štokavischen Volkssprache ein größerer Sprung war als vom dreidialektalen, aber überall volksbezogenen Dilemma in Kroatien. Alle drei Volksdialekte hatten in der damaligen kroatischen Literatur den Status von Literatursprachen, alle drei hatten ihren Wert und ihre Vitalität gezeigt. Eben deshalb war Gajs Lösung genial, aber - theoretisch - nahezu unausführbar. Und sie wäre unausführbar geblieben, wenn die kroatischen Kajkaven und die kroatischen Čakaven das Štokavische nicht als ihre eigene, bereits vorhandene und bereits erprobte Lösung empfunden hätten. Daß aber diese Lösung nicht ohne Erschütterungen und Konflikte durchgeführt werden konnte, beweist gerade die Tatsache, daß die kroatische Literatur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ohne das blieb, was sich später ganz natürlich als dialektale Literatur konstituierte. Ich glaube, daß die Erscheinung völlig natürlich ist, diese Scheu vor den älteren Standardsprachen, die auf einmal den Status eines Dialekts bekommen hatten und deren Aufrechterhaltung als Komprimittierung der allgemein-nationalen Entscheidung wirken könnte. Was für kulturelle Komplikationen diese Lösung hervorrief, ist wohl allgemein bekannt. Ein großer Teil - der größere Teil - des Volkes, das nun endlich das wichtigste Werkzeug der Kultur - die allgemein-nationale Standardsprache - bekommen hatte, war eine Zeit lang gezwungen, die eigene Sprache zu erlernen; in der Situation eines fast allgemeinen Analphabetismus bedeutete das wenigstens in der ersten Zeit ein weiteres Hindernis für die unmittelbare Kommunikation mit der Kultur und die Partizipation in ihr. Deshalb erscheint uns Kristijanović zum Beispiel heute klarer und verständlicher als zu seiner eigenen Zeit, als er objektiv wie das lebende Bild des Alten, Überlebten, ja sogar Rückschrittlichen wirken mußte. Krležas Vid Trdak, der nicht nur durch die architektonischen, sondern auch durch die linguistischen Labyrinthe der Zagreber Oberstadt irrt, ist die eindrucksvollste künstlerische Fixierung dieses Zustands. Es genügt, in dieser Beleuchtung Vids tragischen Dialog mit der unpersönlichen, bürokratischen, ältlichen Puppe mit den Glasaugen zu lesen, um zu spüren, wie wahrheitsgetreu das Ende dieser Szene ist: „Er hatte schon viele Male darüber nachgedacht, daß diese Protokolle, Büros und Akten Lug und Trug für die armen Schlucker und dieBauern sind, aber so endgültig und unwiderruflich deutlich war ihm all das bis zu jenem Augenblick noch nie erschienen. Alles ist eine einzige Leere, und nirgends ist jemand, nur in einem halberleuchteten, düsteren, dunklen Zimmer sitzt ein Mensch mit Glasaugen und dreht Riz-Abadie-Zigaretten mit mittelfeineın Be-Ha-Tabak.“ Man darf schießlich nicht vergessen - darauf hat schon Marin Franičević hingwiesen -, daß der ganze Dialog auf zwei Ebenen geführt wird: das volkstümliche, realistiche Kajkavisch Tvrdaks und das papierene, wir könnten sagen; Kanzleištokavisch des Bürobeamten, linguistisch abstrakt (denn es wird von einem ebensolchen, aber psychologisch entfremdeten Kajkaven gesprochen) und psychologisch abstrakt (denn es ist eine ebensolche Wortbandage wie die, mit der Ivan Križovec Lauras blutende, offene Wunden verbindet). Eben deshalb übernimmt der Dialekt in Krležas Vision immer mehr die Rolle der Kritik und des gesunden, antiformalistischen Menschenverstandes im Volk. In der Opposition zur imposanten Standardsprache übernimmt der Dialekt die Rolle des Scherzes, des geistreichen Einfalls, des Komischen. Und wo immer der Dialekt ausschließlich die Unkenntnis der Standardsprache darstellt, ist er dazu verurteilt, Träger des Komischen zu sein. In der kroatischen Literatur, deren Metropole auf nichtschriftsprachlichem Boden liegt, in einer Literatur, die ihren Standarddialekt erst in der neuesten Zeit inthronisiert, in einer Literatur, die eben darum das ganze 19. Jahrhundert hindurch den Dialekt sozusagen fürchtet (wobei sich die Nachlässigkeit des kajkavischen Zagreb, des akademischen, dialektologischen Zagreb gegenüber dem Kajkavischen zu einem unvorstellbaren Komplex entwickelte, so daß erst der Čakave Hraste jetzt, in unseren Tagen, dem Lehrstuhl einen Assistenten für den kajkavischen Dialekt zuführte!) - in dieser Situation also treibt und blüht unter der dünnen štokavischen Glasur in jedem Text eines Čakaven oder Kajkaven sein heimatliches Iidiom. In einer solchen Literatur erstickt das virtuose Štokavisch eines Šenoa, Matoš oder Krleža das Kajkavische nicht, sondern veredelt es und reserviert ihm dabei sogar eine besondere Poetik. So ist Krležas Kajkavisch in der Opposition zum offiziellen Štokavischen eine besondere visio mundi. In der Zeit, als die Szenen entstehen, von denen wir nur die eine aus Bistrica Lesna genannt haben, schreibt Krleža in den Davni dani, genauer am 16. März 1916: „Die Heimwehrsoldaten schälen Kartoffeln und erzählen dabei ihre dummen Witze. Es gibt einen lokalen Humor dieser sterbenden Sprache, aber keiner von unseren Dichtern hat ein Ohr für diese Elemente. Diese unsere heimatliche Phrase erhebt sich über die Wirklichkeit mit ihrer eigenen Ironie, die nicht hoch hinaufsteigt wie eine Rakete, die aber alle Dinge, alle Begriffe und alle Autoritäten sehr beharrlich und sehr hartnäckig bis zur evidenten Sinnlosigkeit verwässert. Diese unsere Sprache, diese korrosiven Phrasen dieser Sprache töten allen hellen und heldenhaften Ideale, alle Begrieffe und Bemühungen, denn sie wirken zersetzend. Diese Phrase ist bäuerlich. Sie ist in ständiger Depression. Sie spuckt von unten auf die Herrenstiefel, die sie treten. Sie begeistert nicht, sie erhebt nicht, sie glaubt an nichts außer an eine Art katholischen Pessimismus und endet mit der unausweichlichen Nivellierung allen Lebens im Tod. 'Za sto let ni kosti ni mesa' (In hundert Jahren weder Knochen noch Fleisch.) Dieser Sarkasmus des Volkes, dieser zagorische, bäuerliche Sarkasmus ist tödlich. Er verhönt alles, vulgarisiert alles und plebejisiert alles, was über ihm ist, und darum ist er gefährlich auch für den eigenen Aufstieg. Dieser Sarkasmus ziht nach unten...“

Das Problem des Dialekts als Mittel zur Charakterisierung von Personen erscheint in der kroatischen Literatur ziemlich früh. Schon Marin Držić erreichte in seinen brillanten Dialogen außerordentliche Effekte nicht nur mit der „barbarischen“ Sprache eines Ugo Tedeško, sondern auch mit den Dialektunterschieden zwischen den Kotoranern und den Dubrovnikern. Ob er seiner Sprache die Bedeutung beigemessen hat, die wir heute der Norm beimessen, ist schwer zu sagen; daß aber die Mundart der Kotoraner beispielsweise für seine Hörer den Beiklang des Komischen haben mußte, ist ganz klar: denn dem gewöhnlichen Sprecher erscheint normal, wie wir sprechen, aber lächerlich und falsch, wie die anderen sprechen. Unsere Sprechweise kann als sprachliche Realisierung nicht komisch sein; die Ihre ist dagegen komisch, sobald sie den Mund auftun. In ähnlicher Weise spielte mit der Sprache auch Kačić, als er sich selbst Mjelovan nannte und damit superijekavische Formen erfand, die er seiner ikavischen Norm gegenüberstellte. Kaum ein Jahrzehnt nach Gajs Reform, als der štokavische Standaırd also erst angenommen worden war, erzielt Antun Nemčić mit der kajvkavischen Mundart einzelner Helden eine komische Wirkung. Noch zehn Jahre später charakterisiert der Čakave Veber in seiner Zagrepkinja (1855) einzelne Zagreber in der gleichen Weise, während er in seinen Bakaraner Novellen ausgiebig nach dem šakavischen Küstendialekt greift, denn er spürt instinktiv, daß auch die Psychologisierung seiner Personen vollständiger und fester ist, wenn er sie mit der Sprachform unterstreicht. Viel vollständiger führt das Ksaver Šandor Gjalski aus, der später gerade mit der Sprache so viele Probleme hatte und der sein literarisches Schaffen auch mit dem Dialekt begonnen hatte, genauer gesagt, mit der realistischen Verwendung des Dialekts, freilich nicht in der Beschriebung, sondern im Dialog. Denn die Curia nobilitaris Brezovytza und ihr alter, altehrwürdiger Herr, illustrissimus Batthorych, konnten nur mit der eigenen Ausdrucksweise real, realistisch dargestellt werden. Und als der Erzähler in dem alten Herrensitz erscheint und die Alten das altertümliche Lied anstimmen:

 

Nikaj ni lepšeg niti veselešega

Neg s prijateli, koji su veseli,

Zestat se...

 

(Es gibt nichts Schöneres und Fröhlicheres, als mit Freunden, die fröhlich sind, beisammenzusein...), da kommentiert Gjalski: „Das altertümliche Lied mit seinen endlos langen Akkorden legte sich mit dem seltsamen Klang der ältlichen Stimmen über die dunklen Zimmer des altväterlichen Herrensitzes, hallte zurück von den schwarzen Deckenbalken und verlor sich von da in den grauen Abend, bis es irgendwo draußen im Feld oder im Wald zwischen hundertjährigen Eichen erstarb.“ Gerade in diesem Kommentar, in seinen Themawörtern (altertümlich, ältlich, altehrwürdig, hundertjährig...) spiegelt sich Gjalskis ganze Vision der Welt wider - nicht nur in dieser Erzählung, sondern auch in einer Reihe anderer. Und wenn Batorić „zum Lob der alten Zeiten, und von da zu seinen Ahnen“ übergeht, dann ist völlig klar, daß seine Sprache sowohl formal als auch affektıv seine Gefühle getreu widergibt:

„- A kaj čete vi novi patrioti i ilirci, gledajte ga gore na zidu, ono mu je kip: moj ded Mathaeus, banalis officii pronotarius. Kad su došli kraljevski komešari, ter od varmeđije iskali štibru i regrute, zvlekel je on vu kongregaciji sablju, i zaoril komešarom vu brk: 'Još jednom reči zahtevajte kajgod, pak vas kak skote bumo poseklı. A sada izvolite iz dvorane.' - 'Ja sam zastupnik kraljeve osobe', odvrati komešar. - 'Makar i božje, neka Nj. posvećeno apoštolsko Veličanstvo sazove sabor kraljevine, za varmeđije nije nikoga brige. Recite to vašim gegačem vu Beču'. I komešar je odišel bez dozvoljene štibre i regrutov, a ded je to doglasil svim varmeđijam, ter se sve u celoj Ugarskoj i Hrvatskoj za njim povelo“

(„- Was wollt ihr denn, ihr neuen Patrioten und Illyrer, schaut ihn euch nur an da oben an der Wand, das ist sein Bild: mein Großvater Matthäus, banalis officii pronotarius. Als die Königlichen Kom missare kamen und vom Bezirk Steuern und Rekruten verlangten, zog er vor der Versammlung seinen Säbel und schrie den Kommissaren ins Gesicht: 'Noch ein Wort, daß ihr irgendetwas wollt, und wir werden euch wie Vieh abschlachten. Und jetzt verlaßt bitte den Saal.' - 'Ich bin Stellvertreter der königlichen Person' – erwiderte ein Kommissar. - 'Meinetwegen auch der göttlichen, Seine geheiligte apostolische Hoheit soll doch die Versammlung des Königreichs einberufen, um die Bezirke kümmert sich niemand. Sagt das eueren Hampelmännern in Wien.' - Und der Kommissar ging ohne die erlaubten Steuern und Rekruten, der Großvater ließt das alle Bezirke wissen,und ganz Ungarn und Kroatien tat es ihm nach.“)

Beschreibend, nicht unmittelbar, stellt Krleža auf diese Art die Sprechweise des alten Adalbert Križovec dar: „Seine kroatische Muttersprache sprach er mit dem etwas gedämpften, aber wahrnehmbaren Akzent der westlichen, oberkroatischen, kajkavischjambischen Hemisphäre aus. Er genoß es, in die Rede alte, schon ein wenig vergessene Wörter aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhnudert einzuflechten, und so gebrauchte er immer und konsequent 'ogenj' für Feuer, 'hiža' für Zimmer und 'najža' für Dachboden. (...) Das reine und um jeden Preis forcierte Štokavische 'načelno', 'horvacki', 'banskoseparatistički' mochte er nicht, und diese Quantitäten des štokavischen Akzents erschienen ihm wie eine neue, walachische, grenzländische, bosnisch-serbische Verunstaltung jener altehrwürdigen Sprache des 'bilikum i orehnjača', 'devenica i srabljivec', der Sprache, in der seine schon lange verstorbene Großmutter Ceci1ija Litaneien und altertümliche Kirclienlieder gesungen hatte, die noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in barocken Gebetbüchern bei den Paulinern in Lepoglava gedruckt waren.“

Aber erst das Erscheinen von Nazors čakavischer und Galovićs kajkavischer Lyrik stellt das dar, was ja eigentlich das Hauptthema unseres Gesprächs ist. Denn während die angefürhten (und die noch viel zahlreicheren ausgelassenen) Beispiele nur Dialekt in der Funktion der Personencharakterisierung sind, während das immer eine wechselseitige Konfrontierung des Dialektes und der Standardsprache ist, während in solchen Texten der Dialekt wirklich, physisch, der Norm gegenübergestellt wird, ist der Prozeß in der Dialektdichtung umgekehrt: in einem gewissen Sinn wird der Dialekt der Schriftsprache gegenübergestellt; aber ästhetisch gesprochen ist er gleichzeitig auch seine eigene Norm, bzw. er spielt die Rolle der Norm, und demnach können sich auch in seinem Rahmen dieselben Erscheinungen der Anpassung an die Norm und der Abweichung von ihr abspielen, so daß dann ästhetisch betrachtet das Signal viel stärker ist. Es genügt, das allgemein beachtet Beispiel der dreifachen Form des Begriffs krv (Blut) in Krležas Balladen (karv, kerv und kri) zu erwähnen, unter denen man von keiner sagen könnte, sie gehöre nicht dem Dialekt der Balladen an, ader gleichzeitig wäre es schwer anzunehmen, daß alle drei Formen „Norm“ sein könnten.

Aber die Antwort auf die Frage - wenn es überhaupt eine Frage ist - enthält noch ein viel ernsteres Problem. Der Dichter schreibt, dichtet so, wie er empfindet. Ein sehr großer Teil unseres Wessens gehört dem an, was man als dialektal bezeichnen könnte. Was in Prousts Erzähler das so oft zitierte Gebäck madeleine wachruft, das löst in Filip Latinovicz, Križovec' uraltes, aschebedecktes Dialektwort 'ogenj' aus: das ist „jene ungwöhnlich teure, geheimnisvolle, altväterlich Wirkung des lieben, altertümlichen und vergessenen Wortes 'ogenj'“. Wenn das der Dichter empfindet, und zwar nicht nur in seiner Eigenschaft als Erzähler, wie in diesem Fall - also in der Eigenschaft als Darsteller der Psychologie des eigenen Helden -, sondern wenn er eben diese Empfindung zu dichten beginnt, dann wird er sich im Dialekt oder sogar in einer besonderen Variante des Dialektes ausdrücken. Wenn das Gedicht dann nicht schön ist, hat die Schuld daran nicht der Dialekt, noch wird das die Überlegenheit der Schriftsprache beweisen, sondern nur die Tatsache, daß hier keine Poesie ist, während sie sich woanders gezeigt hat. Einer der üblichen ästhetischen Irrtümmer der Kritik ist die Einteilung von Domjanićs Lyrik in štokavische und kajkavische Lyrik. Dabei hatte Domjanić seine Popularität zu einem großen Teil gerade der Tatsache zu verdanken, daß die österreichische Zensur seine Kriegsmotive wegen der dialektalen Form durchgehen ließ; denn auch die Zensur glaubte, die Dialektdichtung habe eine kleinere Tragweite und geringeren Wert. Die Wahrheit liegt jedoch darin, daß Domjanić weniger gekünstelt ist, wenn er Ton und Thema trifft (Ciklame, rdeče ciklame - Zyklamen, rote Zyklamen), und das gelingt ihm im Dialekt besser, denn für den Wert seiner Marquisen ist nicht entscheidend, ob sie „Štokaverinnen“ oder „Kajkaverinnen“ sind, sondern wie aufrichtig er sie erlebt hat. Daher ist die erwähnte Einteilung, der wir freilich nie ganz werden vermeiden können, auch nicht ästhetisch, auch wenn sie uns hilft, zu einem ästhetischen Urteil zu kommen. Die große Beliebtheit des kajkavischen Domjanić (nicht nur bei den kajkavischen Kroaten, sondern auch bei den Čakaven und Štokaven) bezeugt wenigstens zweierlei: erstens, daß auch dem sogenannten gewöhnlichen Leser Domjanić in seinen kajkavischer Versen besser gefällt; und daß zweitens vom Gesichtspunkt der Nationalliteratur außerordentlich wichtig ist, daß Štokaven wie Čakaven diese kajkavische Poesie sowohl als Poesie als auch als ihre Poesie erleben. Denn Kroate oder zumindestens kroatischer Leser zu sein, bedeutet, in sich das lebendige Bewußtsein zu tragen, daß ein Teil des Volkes kajkavisch spricht, ein anderer čakavisch, und das wir alle zussamen, gemeinsam mit den Štokaven, unsere štokavische Nationalsprache sprechen und schreiben.

Wenn Vladimir Nazor den čakavischen Charakter nicht nur seiner čakavischen Gedichte, sondern auch der Hrvatski kraljevi (Die kroatischen Könige) erwähnt, spricht er damit eine einfache Wahrheit aus: nämlich daß sich der Dichter in seinem Werk nicht verleugnen kann (selbst wenn er wollte) und daß der Eingang in die National- und die Weltliteratur nicht die Negation des Heimatgebundenen und Dialektalen ist, sondern seine Erhöhung auf die nationale und damit auch auf die allgemeine, universale Ebene. Versuchen wir, aus der universalsten Poesie, wie es beispielsweise die Poesie Dantes ist, ihren italienischen, besser gesagt, florentinischen Geist herauszureißen, dann verliert sie auch jenes Universale, nicht nur Irdische, sondern sogar auch Überirdische, Metaphysische. Denn der gleiche Geist der Universalität strömt im Dialektalen ebenso wie im Nationalen, wenn immer es sich um Peosie handelt.

Der Dichter befindet sich im Verhältnis zu anderen Künstlern in einer völlig außergewöhnlichen Lage. Der Musiker spielt auf einem Instrument, das ganz bestimmte, man könnte sagen, von vornherein in ihm enthaltene Möglichkeiten an Klängen erzeugt; auch der Komponist ist an die mehr oder weniger engen Grenzen der einzelnen Musikinstrumente gebunden. Aber das Instrument hat keinen anderen Verwendungszweck. Der Dichter gebraucht dagegen Worte, die als Materie und als Klang eine alltägliche, praktische Verwendung haben. Demnach ist jedes Dichten ein Akt der Kunst, sogar auch dann, wenn es sich nicht als ästhetische Wirklichkeit konstituiert, denn die Sprache der Poesie verzichtet auf die praktische Anwendung und möchte - zumindest als Absicht - eine Sprache in der Funktion der künstlerischen, also künstlichen Kommunikation konstituieren. Mit anderen Worten, ein bestimmter Teil „Artifiziellität“ ist, wie Valéry sagte, unvermeidlich, organischer Teil des künstlerischen Schaffens.

Die Literatursprache, die Sprache der nationalen Poesie, ließe sich bedingt mithilfe des Bildes definieren, das uns das erwähnte Musikinstrument liefert. Das Instrument wäre dann die Sprache, die allein durch sich selbst, mit ihrer Struktur und Form, die Existenz wenn nicht einer künstlerischen Realisierung, so doch wenigstens einer künstlerischen Absicht signalisiert, sobald sie in Erscheinung tritt. Für unser Thema ist jedoch viel wichtiger zu erwähnen, daß die neueren kroatischen Dichter gerade die Schriftsprache sehr oft als bloße Artifiziellität erlebt haben, die zwar durch ihr Abweichen vom heimatlichen Dialekt in jedem Hörer (vor allem im einheimaschen, nenen wir ihn: dialektalen) sofort das Gefühl des Literarischen, wir könnten sogar sagen, des Buchmäßigen hervorruft, den unmittelbaren Ausdruck des Erlebnisses aber hindert. Wenn nun die neueren kroatischen Dichter in ihre Heimat zurückkehren, dann hat diese Rückkehr sowohl eine soziale als auch eine linguistische Bedeutung. Sozial, klassenmäßig, denn wegen der bis vor kurzem bestehenden Struktur unserer Bevölkerung sind das in der weitaus überwiegenden Mehrheit Bauernkinder; linguistisch, denn jeder von ihnen rekreiert damit sein nicht nur emotives, sondern auch linguistisches, eigentlich dialektales Eden, eine mythische Beziehung zur Sprache der Kindheit, eine unmittelbare Anwesenheit und Teilhaberschaft in der sprachlichen Materie, die wie das erwähnte Instrument, wie eine Quelle uralter, wundersamer Stimmen erlebt wird. Wenn Kranjčević in seiner elften Uskokenelegie seine Vaterstadt und das schwesterliche Istrien besingt, dann betont er vor allem seinen heimatlichen Dialekt:

 

A čakavska riječ kao šira slatka

Sve se pijeni brza s kraja i sa lađe

Sa jezika gipka otkida se glatka,

Što ne može vikom, to rukama nađe!

 

(Und das čakavische Wort schäumt wie süßer Traubenmost schnell vom Ufer und vom Schiff, von der geschmeidigen Zunge löst es sich glatt, was es durch Rufen nicht kann, das findet es mit den Händen!), und er findet in diesem Dialekt und natürlich auch in seinen Trägern Eigenschaften, die die Schriftsprache nicht besitzt. Auch an Nazor, der ihm nach Bosnien, nach Sarajevo, folgen will, erteilt er Ratschläge, die ganz mit seinem Gefühl übereinstimmen: „Nein, Vladimir! [...] Du bist von der Adria, Mediterrane, durch und durch. Das hier ist Dein Klima, Du darfst es nicht verlassen. [...] Du vergißt unsere kirchenslawischen Pfarrer, unsere Piraten und Uskoken; unsere Kathedralen, römischen Tempel und Wasserleitungen, venetianischen Paläste, Denkmäler der alten kroatischen Herrscher. Da hast Du, wonach Du greifen kannst. [...] Die Sprache, das Štokavische? Wer es selbst erobert, der erst hält es fest in seinen Händen; und gerade für einen Čakaven ist das nicht so schwer. Denke ein wenig an Ivan Mažuranić [...]. Geh nicht weg von hier. Halte Dich fest an Deine Heimaterde. Du wirst manches durchmachen; aber am Ende auch siegen.“

Siegen? Wie? Die Frage wäre bei weitem dramatischer, wenn wir nicht Zeugen gerade solcher Siege wären, aus denen sich zu einem großen Teil auch die moderne kroatische Literatur aufbaut. Die großen Čakaven und Kajkaven (ich spreche hier von ihrer dialektalen Herkunft) namentlich anzuführen, ist nicht nötig. Wenn wir nur an irgendeinen unter ihnen denken, ist uns das klar. Der Name Ivan Mažuranićs, den Kranjčević nennt, mag symbolisch für alle stehen.

Die primitivste Einstellung gegenüber der Dialektdichtung ist die Einstellung einer falschen, unbegründeten Superiorität, derzufolge die Dialektdichtung eine niedrigere Stufe der Dichtung oder zumindest des Dichtens ist, als wäre die Dichtung (im Croceschen Sinn, wenn Sie wollen) keine Einheit und Ganzheit. Das Gleiche gilt auch für den Standpunkt, nach dem die Dialektdichter jene sind, die sich wegen ihrer Unfähigkeit, ein gutes Gedicht in der Schriftsprache zu schreiben, hinter der Unverständlichkeit ihres heimatlichen Dialektes verstecken und auf diese Weise versuchen, sich einen Platz in der Literatur zu erobern. Diese letztere Meinung ist nicht selten und findet zuweilen sogar bei denen Zuspruch, die glauben, eine emotive Beziehung zur Dichtung zu haben. Hierauf ist zu antworten, daß von der Deklarierung des Dialektes und seiner Dichtung als niedrigere Ausdrucksweise bis zur Deklarierung der kroatischen Literatursprache als provinzielles Idiom im Verhältnis zu den sogenannten großen Sprahen nur ein einziger Schritt ist - ein viel kleinerer Schritt, als man gewöhnlich ahnt.

Die Besonderheit der kroatischen Dialektpoesie müssen wir vor allem in der ganz besonderen Entwicklung des kroatischen politischen Lebens, der kroatischen Kultur und der kroatischen Literatur suchen. Bis zu Wiedergeburt, als wir noch keine einheitliche Nationalsprache für die einheitliche kroatische Nationalliteratur besaßen, ist das gesamte literarische Schaffen nach der Sprache, in der es sich ausdrückt, auf der einen Seite dialektal, trotzdem aber allgemein-national nach der Bedeutung, die es sowohl in den Zeiten hat, in denen es entsteht, als auch in den Zeiten, die später kamen. Denn jeder der kroatischen Dialekte konnte mit dem gleichen Recht und der gleichen Begründung zur Grundlage der Nationalsprache werden. Das Beispiel Italiens wird uns noch einmal helfen. Schon Croce hat darauf hingewiesen, daß sich auch die anderen italienischen Lokalliteraturen (die sizilianische, neapolitanische, lombardische, venetianische usw.) sehr leicht zur allgemein-nationalen Literatur hätten entwickeln können, wenn nur die italienische politische Entwicklung einen anderen Weg genommen hätte. Die spontane dialektale Volksliteratur drückt dagegen nur einen Teil des nationalen Lebens aus und erhebt keinen Anspruch auf allgemein-nationalen Charakter; sie ist Kunst, aber sie hat nicht die Funktion eines einigenden Bandes für die Nation.

Das Aufblühen der kroatischen Dialektdichtung gerade im zwanzigsten Jahrhundert hat einige Ähnlichkeit mit dem Aufblühen der italienischen Dialektdichtung im siebzehnten Jahrhundert. Die absolute Vorherrschaft des toskanischen Dialekts, der sehr früh zur italienischen Sprache wurde, dauerte bis zum siebzehnten Jahrhundert, dann begann man ihn als eine Art Tyrranei zu empfinden, die sogar über den linguistischen Rahmen hinausging. Die Tatsache, daß Italien jahrhundertelang in eine große Anzahl von Staaten und Kleinstaaten aufgesplittert war, trug dazu bei, daß die dialektalen Kräfte auf einmal hervorbrachen, aber erst, als die (toskanische) Nationalliteratur schon voll und ganz anerkannt war und als die Existenz von Dialektliteraturen die erreichte Einheit scheinbar untergrub, aber in Wirklichkeit festigte - so sehr festigte, daß sogar Florenz selbst eine eigene lokale florentinische Dialektliteratur zu schaffen begann.

Aber führen wir das Beispiel Italiens noch weiter. Die Frage der Literatursprache wird in Italien noch einmal in der Zeit der Romantik gestellt, in der Zeit, die den großen europäischen demokratischen Bewegungen vorangeht, in der Zeit, als Manzoni eine Sprache schaffen will, die dem Volk und nicht nur den sogenannten höheren Klassen zugänglich ist, kurz - in einer Zeit, als man bei uns in Kroatien das Problem der nationalen und der literarischen Wiedergeburt zu lösen beginnt. Und gerade, als sich Italien vereinigt - zuerst linguistisch dank Manzoni vor allem, dann politisch dank dem revolutionären Schwung des Bürgertums (das linguistisch Manzoni vertritt) -, beginnt eine neue, noch üppigere Blüte der Dialektliteratur bzw. der Durchbruch des Dialektes in die literarische Norm. War das etwa eine Bewegung gegen die politische, nationale und sprachliche Einheit? Keineswegs - es war der überaus demokratische, gerade manzonische Durchbruch des Volkes, der Volkssprache und des Volksgeistes in die verknöcherten Strukturen der jahrhundertealten italienischen Norm. In der kroatischen Literatur äußerte sich dieser Prozeß fast zur gleichen Zeit in der Epoche des Realismus, der in erster Linie deshalb Realismus ist, weil er zum Unterschied von Šenoas thematischer und sprachlicher (!) „Zagrebozentrik“, die die junge Generation als Terror und Tyrranei erlebte, die Darstellung aller kroatischen Landschaften brachte, die zunächst als Thematik (vgl. Vojnović, Turić, Leskovar, Draženovic, Novak, Kozarac, Gjalski, Kovačić, Kumičić, Lepušić usw. usw.) und dann in einem späteren Abschnitt auch als sprachlicher Ausdruck, als Dialektliteratur in Erscheinung trat.

Hat nun der nachmanzonische Einbruch des Dialektes der italienischen nationalen Einheit geschadet? Diese Behauptung ist vollkommen sinnlos - denken wir nur daran, daß gerade Verga der größte wirkliche Manzonianer ist und daß Gioacchino Belli oder Salvatore Di Giacomo nie jemand als irgendetwas anderes angesehen hat denn als italienische Dichter.

Auch die Blüte der kroatischen Dialektdichtung zu Anfang dieses Jahrhunderts hat dieselbe Bedeutung. In erster Linie ist sie, wie wir schon bei Kranjčević gesehen haben und was auch Matošs Hrastovački nokturno bestätigt (das, wie wir wissen Teil eines größeren štokavischen Prosawerks ist), eigentlich eine Bestätigung der Nationalliteratur und ihrer Existenz. Zu glauben, wie manchmal geäußert wird, daß die Dialektdichtung zentrifugal wirkt, daß sie die ohnehin nicht erreichte Einheit des kroatischen Volkes bzw. seiner einzelnen dialektalen Glieder kompromittiert, bedeutet also, nicht zu verstehen, daß diese Einheit nur mit jenem Derkosischen Bewußtsei erreicht wurde und wird, daß alle kroatischen Dialekte Teil der Sprache sind, die wir Kroatisch nennen, und daß sich diese Sprache (die Vergangenheit hat das im übrigen am besten gezeigt) in ihren Dialekten und in den Werken, die in diesen Dialekten geschrieben sind, manifestiert. Hier ist der Zeitpunkt uns an Krležas Bemerkung von der bäuerlichen Phrase zu erinnern, die von unten auf die Steifel spuckt, die sie treten. Sind denn etwa die Balladen des Petrica Kerempuh (Balade Petrice Kerempaha), in denen die bäuerliche kajkavischen Phrase auf die Stufe virtuosester Kunst gehoben ist, ein weniger kroatisches Buch als Nazors čakavische Verse, sein Lied des Galeerensklaven (Galiotova pesan) und seine Kroatischen Könige (Hrvatski kraljevi), von denen Nazor selbst sagt, daß sie zwar štokavisch geschrieben, aber ihrem Geist nach čakavisch sind?

Hier ist ja auch die Antwort auf die Frage, die wir am Anfang gestellt haben. Linguistisch ist Kroatien dreidialektal und bleibt es auch, selbst wenn es sich in der heutigen štokavischen Standardsprache ausdrückt. Nicht weil die Dichter diese Sprache nicht kennen, nicht weil sie sich nicht „erlernen“ ließe, nicht weil wir gegen die Amalgamisierung, gegen die „Kroatisierung Kroatiens“ wären, wie unlängst

sehr treffend gerade von čakavischer Seite gesagt wurde. Sondern weil wir nur den konkreten, historischen kroatischen Menschen kennen, der sein Menschentum und sein Kroatentum am vollständigsten und am wirkungsvollsten über seine Sprache verwirklicht: mit ihr kommuniziert er in seinem nationalen Bereich, mit ihr ist er ein vollwertiges Glied der großen Gemeinschaft der Welt.

 

 

Übersetzung aus dem Kroatischen:

Heide Zimmermann

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Marko Gregur: Dan za izlazak

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Marko Gregur (Koprivnica, 1982.) piše poeziju i prozu, koju je objavljivao u mnogim domaćim časopisima i novinama, kao i u inozemnim časopisima.Dobitnik je nagrade Ulaznica i Prozak za najbolji prozni rukopis autora do 35 godina starosti iz Republike Hrvatske. Objavio je zbirku poezije Lirska grafomanija (Naklada Ceres, 2011.), zbirke priča Peglica u prosincu (DHK, 2012.) i Divan dan za Drinkopoly (Algoritam, 2014.) te roman Kak je zgorel presvetli Trombetassicz (Hena com, 2017.) Uvršten je u antologiju mladih hrvatskih prozaika Bez vrata, bez kucanja (Sandorf, 2012.).

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Anita Vein Dević: Ulomak iz romana 'Ukradeno djetinjstvo'

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Anita Vein Dević (1987., Karlovac) magistrirala je na Fakultetu za menadžment u turizmu i ugostiteljstvu. Piše poeziju, kratke priče, i nastavak romana „Ukradeno djetinjstvo“.

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Josip Razum: Dvije priče

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Josip Razum (1991., Zagreb) apsolvent je psihologije na Filozofskom fakultetu u Zagrebu. Objavljivao je u "Fantomu slobode", osvojio nagradu na KSET-ovom natječaju za kratku priču, član je i suosnivač Književne grupe 90+.


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Marta Glowatzky Novosel: Dvije priče

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U širi izbor ušla je i Marta Glowatzky Novosel (Čakovec, 1983.), profesorica flaute, prevoditelj i sudski tumač za njemački jezik.
Glowatzky je uz glazbenu akademiju u Münchenu završila i poslijediplomski interdisciplinarni studij konferencijskog prevođenja u sklopu Sveučilišta grada Zagreba. Objavljivala je u nekoliko zbornika i portala.

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Zoran Hercigonja: Kolotečina: Testiranje stvarnosti

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Zoran Hercigonja (1990.) rođen je u Varaždinu gdje je diplomirao na Fakultetu organizacije i informatike. Radi kao profesor i objavljuje na portalu Poezija Online. Bavi se i likovnom umjetnošću.

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Stephanie Stelko: Ružica putuje u Maroko

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Stephanie Stelko (1992., Rijeka) svježe je ime na sceni s obzirom da se pisanju vratila nakon što je prije dvije godine diplomirala medicinsku antropologiju i sociologiju u Amsterdamu. Teme koje obrađuje u antropološko-sociološkom i novinarskom radu tiču se marginaliziranih skupina, nejednakosti, feminizma, seksualnosti, tijela i zdravlja.

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Martin Majcenović: Medvjeđa usluga

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Martin Majcenović (1990.) diplomirao je kroatistiku i lingvistiku na Filozofskom fakultetu u Zagrebu. Kratka proza objavljivana mu je između ostalog i u Zarezu, Autsajderskim fragmentima, Booksi... Sudjelovao je u užim izborima na natječajima za kratku priču Broda kulture (2013. i 2016.) i FEKP-a (2014.) Član je Književne grupe 90+, a piše za portal Ziher.hr.

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Paula Ćaćić: Franzenova 'Sloboda'

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S dvije kratke priče u širi izbor ušla je i Paula Ćaćić (1994., Vinkovci), studentica indologije i južnoslavenskih jezika i književnosti na Filozofskom fakultetu u Zagrebu. Uz nagrađivane kratke priče i poeziju, Ćaćić piše i novinske tekstove za web portal VOXfeminae.

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Dunja Matić: Večera

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Dunja Matić (1988., Rijeka) je magistra kulturologije, urednica, recenzentica i književna kritičarka. Prozu, poeziju i osvrte objavljuje na stranicama Gradske knjižnice Rijeka i Književnosti uživo, dio čijeg je uredništva od 2013. godine. Roman „Troslojne posteljine“ izlazi u izdanju Studia TiM ove godine, a u pripremi je zbirka kratkih priča „Kozmofilije“.

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Sara Kopeczky: Atomi različitih zvijezda

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Sara Kopeczky (1992., Zagreb) diplomirala je anglistiku i talijanistiku, prozu i poeziju objavljivala je u časopisima, zbornicima i na portalima u Hrvatskoj i u inozemstvu. Pobijedila je na natječaju knjižnice Daruvar za najljepše ljubavno pismo. Članica je Novog Književnog Vala, književne skupine nastale iz škole kreativnog pisanja pod vodstvom Irene Delonge Nešić. Urednica je Split Minda, časopisa za književnost i kulturu studenata Filozofskog fakulteta u Splitu.

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Alen Brlek: Mjehur

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Alen Brlek (1988., Zagreb) dobitnik je nagrade Na vrh jezika 2013. godine za zbirku poezije Metakmorfoze. Objavljivan je između ostalog i u e-časopisu Književnost uživo, Zarezu, Fantomu slobode, zborniku Tko čita?, internet portalu Strane. Sudionik je nekoliko regionalnih i međunarodnih književnih festivala, a priprema i drugu zbirku poezije 'Pratišina'.

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