Prosa

Irena Lukšić: Cohen . . . verzweifelt gesucht

IRENA LUKŠIĆ wurde 1953 in Duga Resa geboren. Ihren Diplom­-Abschluss erhielt sie an der Philosophischen Fakultät in Zagreb, wo sie auch promovierte. Sie verfasst Prosa, Bühnenstücke, Es­says, Erzählungen, Fernseh- und Hörspiele, Drehbücher, Fachabhandlungen und wissenschaftliche Arbeiten und übersetzt aus dem Russischen. Ihre Prosa wurde ins Englische, Mazedonische, Deutsche, Slowenische und Türkische übersetzt und in zahlrei­che Anthologien aufgenommen. Sie ist Redakteurin der Biblio­theken Književna smotra ("Literaturschau") und Na tragu klasika ("Auf den Spuren der Klassiker") und Redaktionsmitglied bei mehreren kroatischen und ausländischen Zeitschriften . Über dreihundert Arbeiten über russische und kroatische Literatur hat sie in Publikationen im In- und Ausland veröffentlicht sowie Werke zahlreicher russischer Autoren ins Kroatische übersetzt. Für ihre Tätigkeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie die Goldene Plakette des Kulturvereines Matica hrvatska und den J.J. Strossmayer-Preis für ihre Aufarbeitung des Tagebuchs von Dragojla Jarnević Dnevnik Dragojle Jarnević, 2001; den Kiklop-Preis für die beste Bibliothek Na tragu klasika in den Jahren 2007, 2008 und 2009; den KulturKontakte-Preis für ihre gesamte schriftstellerische, übersetzerische und redaktionelle Tätigkeit 2009; den Jahrespreis der kroatischen Vereinigung der Literaturübersetzer für die beste Übersetzung eines literarischen Werkes, 2009; den Iso-Velikanović-Preis für die beste Übersetzung 2011; den Kiklop-Preis: Redakteurln des Jahres 2011 und 2012 sowie den Kiklop -Preis für Gradovi, sela, dvorci ("Stadt, Land, Schloss") als bestes Essay-Werk 2013.



 

 

IRENA  LUKŠIĆ


Cohen ...verzweifelt gesucht
 
1.
 
 
Ich war sowohl Jasna wie auch Krešo häufig begegnet, und darin lag eigentlich nichts Ungewöhnliches. Jasna war meine beste Freundin aus Studientagen, und Krešo war - wie man das nennt - die große Liebe. Diese Begegnungen waren, wie gesagt, keineswegs sonderbar, obwohl Jasna und ich uns seinerzeit ernsthaft zerstritten hatten, ich glaube, wegen irgendeiner Geldsache, doch nichtsdesto­trotz begrüßten wir uns herzlich, wenn wir uns zufällig auf der Straße begegneten und tauschten dann beim Kaf­fee Freundlichkeiten aus. Über Krešo kam ich indes nie hinweg, die Erinnerung an ihn verblasste nie, und ich tröstete mich beharrlich damit, dass er diese verrückte Vanda verlassen würde und wir die Geschichte fortset­zen würden, die in einem September irgendwann in den zoern begonnen hatte. Krešo kam allerdings nicht zu mir zurück, sondern heiratete nach der Trennung von Vanda, die ihn bald schon hatte fallen lassen, eine Mathematik­lehrerin und zog nach Zadar. Es war ihm wohl peinlich gewesen gegenüber seinen Freunden, die große Stücke auf ihn hielten, also kehrte er seiner Heimatstadt den Rücken. Übrigens hatte ausgerechnet Jasna meine Aufmerksamkeit auf Krešo gelenkt, sie meinte, er wäre eine gute Partie, ja­wohl, und zwar an einem Nachmittag , als wir vom Baden kamen und unterwegs in eine Konditorei gingen. Wir Wa­ren wie benommen von der Sonne und müde vom ... aber gut, es ist jetzt einerlei, auf welche Art sich bald darauf unsere Lebensgeschichten miteinander verwoben. Jeder ging seiner Wege. Jedoch begab es sich, dass wir uns alle drei Ende August 2008 überraschend begegneten, und das ausgerechnet auf dem Stadtfriedhof von Karlovac! Es war ein warmer Vormittag, die Luft leicht drückend und sti­ckig, und ich steckte gerade Blumen in die Steinvase auf unserem Familiengrab, als weiter unten, an dem schmalen Zugangsweg, eine Frau mittleren Alters auftauchte, mit ei­nem prächtigen Gesteck auf dem Arm. Sofort erkannte ich diesen Gang, diese trägen Bewegungen ,die wahrscheinlich mit einem Keuchen einhergingen und ich stellte mir vor, wie sie vielleicht wütend vor sich hin schimpfte wegen der tückischen Steigung, die mit jedem Jahr immer steiler zu werden schien, so dass sie es eines Tages wohl nicht mehr hinaufschaffen würde. Ich wusste nicht, ob sie tatsächlich krank war, denn nach jenem Zerwürfnis sprachen wir nicht mehr über allzu viele persönliche Dinge, doch war es gut möglich, dass sie wegen irgendwelcher Beschwerden schon vorzeitig in Rente gehen musste. Ehrlich gesagt wollte ich ihr im ersten Moment ausweichen: Ich beugte den Kopf tief hinunter, indem ich vorgab, eine Kerze anzuzünden, und versteckte mich hinter dem ziemlich großen Grabstein , in den die Namen meiner Eltern eingemeißelt waren. Etwas sagte mir, dass unser Zusammentreffen in ein sinnloses Wortgefecht ausarten würde, beziehungsweise dass sie mich mit einem Schwall Kritik überschütten könnte, so wie damals, zu Friedenszeiten, vor unserem Streit.  Ja, ja , pflegte sie mir zu sagen, ständig sprichst du davon, wie du dieses und jenes tun würdest, dass du reich und berühmt werden würdest, aber wenn du einen konkreten Schritt machen sollst - dann machst du einen feigen Rückzieher: Du könntest nicht aus diesem Grund, du könntest nicht aus jenem Grund, es sei dieses und jenes passiert und so weiter. Anscheinend kannst du nur groß daherreden, mit den Taten hapert's dann... Ich spürte, wie von ihrer Stimme, die ich auf einmal in lebhafter Erinnerung hatte, meine Hände zu schwitzen begannen, wie sich die Lebens- und die Schick­salslinien mit einer siedend heißen Flüssigkeit aus Leid und Machtlosigkeit füllten, und was am schlimmsten war, ich bemerkte, wie ich begann, ihre Gedanken als die meinen zu wiederholen , als eine schmerzhafte Wahrheit. Ja, richtig, ich  hielt viele, viele hohle Reden, hatte viele Sprüche, die ich nicht so meinte und die ich nicht hätte sagen sollen. Oder die, besser ausgedrückt, hätten bedachter gewählt werden sollen. Deshalb zog ich mich unauffällig noch tiefer in mein Versteck zurück, in den engen Durchgang zwischen den zwei grauen Grabmälern, dem meiner Familie und dem angrenzenden, das der Familie eines angesehenen loka­len Politikers gehörte. Dort beruhigte ich mich ein wenig und brachte meinen Atem unter Kontrolle. Mir kam sogar in den Sinn, dass Jasna von der Bildfläche verschwinden würde, wenn ich bis zwanzig zählte, dass sie also während der zwanzig Sekunden in die linke Abzweigung, die zum neuen Teil des Friedhofs führte, einbiegen und zwischen den Zypressen verschwinden würde. Doch zählte ich nicht, sondern richtete, aus welchem Grund auch immer, meinen Blick auf den Eingang: Dort stand ein Mann, der Krešo, je­nem unvergesslichen Krešo,unfassbar ähnlich sah! Krešo, dessen Erinnerung nicht verblassen wollte ... die gleiche wohlproportionierte Figur, das dichte, aschblonde Haar, die Brille mit Metallfassung, das ebenmäßige Gesicht... Nein! - dachte ich. - Das war nicht möglich! Er hatte hier doch gar niemanden! Seine Eltern waren, ich wusste, dass er mir das einmal erzählt hatte, in Osijek begraben, und auch diese Mathematiklehrerin, mit der er sich nach Zadar davongemacht hatte, hatte in dieser Gegend keinerlei Verwandtschaft. Nein, das war nicht Krešo! Das war jemand, der ihm sehr ähnlich sah ... Nach einigen Augenblicken kam ich vorsichtig aus meinem steinernen Versteck hervor und  warf  einen  Blick auf  den unheilvollen Zugang und den schmalen Parkplatz: Auf dem dunklen Asphalt standen zwei Autos. Der Mann, der mich so sehr an Krešo erinnert hatte, bewegte sich in Richtung des kleineren Autos, das staubig war und ein Kennzeichen von Zadar trug. Dort blieb er stehen, zog  klimpernd einen Schlüsselbund aus der Ta­sche seiner grauen, zerknitterten Hose, öffnete gemächlich di Hintertür und stellte irgend so ein Gartenwerkzeug , kleine Rechen und eine Hacke, auf den Boden. Sodann setzte er  sich behäbig ans Steuer, putzte seine Brille mit dem Zip­fel seines bunten Hemdes und  ließ den Motor an. Er  wirkte niedergeschlagen, irgendwie gebrochen, und mit ein wenig Fantasie konnte man sich vorstellen, wie er bittere Tränen hinunterschluckte...  Ein völlig unwirklicher Anblick! Eine Halluzination! Und dann, dann tauchte zwischen den Grä­bern plötzlich jasna auf, die Frau mittleren Alters mit dem prächtigem Gesteck, und überschüttete mich sofort mit jenen Worten, die ich auf keinen Fall hören wollte:
- Schau dir an, was aus dir geworden ist! - sagte sie. - Seit dreißig jahren versuchst du, dein Leben zu regeln, und wo hist du gelandet? Am Friedhof! An der Linie, wo es kein Weiterkommen mehr gibt! Wie ist es bloß möglich, dass du so viele Bücher über den Sinn des Lebens geschrieben hast, du aber deinen Sinn so gar nicht finden kannst?!
Ich versuchte sie zum Schweigen zu bringen, aber ihre Stimme war lauter.
-Nein, du brauchst gar nichts zu sagen!-unterbrach sie mich und erhob dabei sogar leicht drohend den Zeigefin­ger. - Eine Freundin meiner Tochter Karla hat mir erzählt, dass du vor einem Monat in ihrer Sendung "Die neue Zeit" zu Gast warst und dort alle beeindruckt hast... Du hättest über sexy Comics und Rockmusik gesprochen und die al­ten Herrschaften von der Akademie ganz schön sprachlos gemacht. Sie sagte auch, dass es ein Telefonvoting gab und du die meisten Stimmen bekommen hättest ...
- Und? Was ist daran fragwürdig?
- Alles! Alles ist fragwürdig! Ich könnte glauben, dass du am Ende ernsthaft denkst, du hättest all das erreicht, was du ständig angekündigt hast ...
- Wirklich? - Ich schaute sie verwundert an.
- Ja, wirklich. Dauernd hast du erzählt, du würdest eine Rockband gründen, eine spektakulare Show aufführen, du würdest dieses und jenes machen, und dann gerät alles ins Stocken, weil du irgendjemanden nicht finden kannst. Und diese geheimnisvolle Person sei der Grund für deine Tatenlosigkeit. Ich weiß nicht einmal, wen du überhaupt gesucht hast. Gibt es denjenigen überhaupt?
- Wen?
- Den, den du suchst.
Ich sagte, class ich suchte. Dass ich immer jemanden suchte. Wenn dieser jemand aus der Vergangenheit stammt, dann würde ich sagen, ist es Emil, den ich am meisten suche.
- Da siehst du's! - seufzte Jasna. - Daran ist alles gescheitert. Emil war der, der  mit uns die Vorlesung über Literaturtheorie besucht hat. In der Zeitung stand, er hat in der Band von Leonard Cohen gespielt. Finde diesen Emil und du bleibst für mich auf ewig eine Heldin. Ich sage dir, finde Emil. Nur das eine. Finde Emil.
- Aber wo? - presste ich mit kaum horbarer Stimme hervor. (...)
 
2.
 
(...) Als sich der Bus fast geleert hatte, stand ich auf und ging langsam dem kleinen Schnauzbartträger mit den dicken Brillengläsern nach. Da läutete mein Handy und ich blickteauf das Display: Barbara. Barbara? Ja, genau, Barbara!
- Was gibt's, Barbie? - flüsterte ich, damit mich die Brillenschlange nicht horen könnte.
- Rette mich! Bitte rette mich! Sonst bringe ich mich um!
- Barbara, was ist denn passiert?
- Dieser Idiot ... dieser Vollidiot, du weißt schon, wen ich meine, ich brauche dir nichts zu erklären, dieser Idiot hat mich reingelegt und den versprochenen Text nicht ge­schickt. Los, schreib mir was, bitte, ich bitte dich, ganz egal was, einfach irgendwas, von mir aus zum Gedenktag eines bekannten Schriftstellers, die Ausgabe muss mit ein, zwei Kulturbeiträgen herauskommen ...
Während ich der aufgeregten Stimmeam Telefon lauschte, hörte ich erneut ein leises Schluchzen. Ich dachte an die Russin und schaute mich suchend nach meiner Gruppe um. Aus der Ferne erhob sich ein dumpfer Lärm.
- Pass auf, Barbara, ich bin gerade in Kanada und ...
- Auf dem Kanapee?
- Nein, in Ka-na-da...
- Ja, fantastisch!-prustete sie los, meine gute Bekannte, die stellvertretende Chefredakteurin einer bekannten Frau­enzeitschrift.
- Schreib doch was über Kanada, über den Ort, wo du dich gerade aufhältst ... Super! Schreib was über Toronto, über Ottawa... Wo hist du denn?
- Also hier... Ich blieb am Rand des Parkplatzes stehen und versuchte eine Aufschrift zu finden, die auf den Orts­ namen hinwies. Doch überall waren nur Leuchtreklamen zu sehen. Sony, General Motors, American Express, Air Canada, Affordable Website Promotion, Sheraton. Lächelnde Mädchen, kräftige Männer, wohlgenährte Haustiere, fröhlich spielende Kinderchen. In den kleinen Lücken zwischen denbekannten, weltübergreifenden Slogans auf den Werbetafeln standen Getränkestände und fein säuberlich geparkte Fahrzeuge.
- Hor zu, dann schick mir zwei, drei Seiten per Mail die Bilder nehme ich aus unserem Archiv - meinte Barbara.
- Und was willst du haben? Irgendwas?
- Na ja, nicht gerade irgendwas. - Langsam legte sich die Anspannung in Barbaras Stimme. - Es sollte schon etwas sein, was mit Kultur zu tun hat.
Ich überlegte: Eigentlich hatte bisher gar nichts mit Kultur zu tun gehabt. Oder doch? Mir fiel ein, dass in ei­ner lokalen Zeitung allerhand darüber zu lesen war, wie Madonna irgendwo in Dänemark oder Brasilien das Gleich­gewicht verloren hatte und auf der Bühne gestürzt war, aber das Konzert fortsetzte, als wäre nichts passiert. Und mir waren auch einige Zeilen über den Ehestreit der Beckhams, zwischen dem Fußballer David und der Sängerin Victoria, untergekommen.
-Komm schon, ich bitte dich, schreib mir etwas bis zum Abend. Bei uns ist es jetzt vier Uhr morgens, du hast also noch genügend Zeit...
Wir wechselten noch einige überfliissige Sätze, bevor ich die Anlegestelle erreichte. Dort herrschte kein Trubel mehr.
Die Leute aus meinem Bus waren gerade an Bord des kleinen Schiffes für die Überfahrt gegangen, und der Bursche, der die Gruppe übernommen hatte, winkte mit einer bunten Fahne. Kevin, dachte ich. Der Freund von Oksana Timoschenko aus Montreal. Während ich ihm zuschaute, wie er die Touristen geschickt über das schmale Deck verteilte, kam mir in den Sinn, dass ich ein Interview mit Agnes Cham­paign machen könnte, der leitenden Managerin des Verlags McClelland and Stewart, bei dem Leonard Cohen exklusiv un­ter Vertrag stand. Diese Frau war also gewissermaßen auch Cohens Managerin. Ich würde Agnes an den Niagarfällen abpassen und Barbara würde begeistert sein! Be-geis-tert! Der legendäre Leonard Cohen an den Niagarfällen - das wäre  keine Lappalie! Und damit wäre auch das Ziel meiner Reise gerechtfertigt. In jeder Hinsicht, wirklich jeder!
Ich ging in den leeren Bus zurück und nickte ein. Das Quatschen mit Barbara hatte mich anscheinend ein wenig aufgeregt, wohl auch wegen der hohen Handyrechnung, die ich in einem Monat erhalten würde. Aber ich wollte nach vorn schauen und meine Gedanken auf andere Dinge richten. Auf Leonard Cohen. In meinen Träumen tauchte Agnes auf, obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte. Ganz in Weiß gekleidet, leicht und flatternd wie ein kleiner Vogel. Sie hatte helles Haar und blaue, fast durchscheinende Au­gen. Aus dem Hintergrund drang eine raue Stimme mit den berühmten Versen:
Suzanne takes you down to her place near the river 
You can hear the boats go by
You can spend the night beside her...
 
Wahrscheinlich hatte ihr der Dichter höchstpersönlich gesagt, dass ich gekommen war und ein Exklusivinterview wünschte. Agnes klatschte sofort fröhlich in die Hände und flötete: ,,Ein Interview? Wie aufregend! Alle werden überglücklich sein, wirklich iiberglücklich!" Und mit einer Handbewegung gab sie mir zu verstehen: na los! Doch ich konnte mich nicht an die erste Frage erinnern. Seit wann sind Sie in diesem Beruf tätig? ... Nein! ... Woran arbeiten Sie gerade? ...Nein! Wo sind Sie eigentlich? Wo befinden Sie sich gerade? Haben Sie auch Alice Munro, Margaret Atwood und Michael Ondaatje unter Vertrag? Nach einigen Au­genblicken lachte Agnes auf: "Los! Lass uns auf die Turm­spitze hinaufgehen!" Auf die Turmspitze? Welcher Turm? Agnes murmelte einige Konsonanten: "Trvpzsklmrf." Trv­pzsklmrf? - wiederholte ich. "Genau! Trvpzsklmrf." Ich ver­suchte aufzustehen, doch es gelang mir nicht. Ich klebte am Untergrund fest. Oder war selbst im Untergrund aufgegan­gen. Schließlich ergab ich mich: "Ich komme nicht mit."
- Sie fahren nicht nach Toronto? - fragte eine kräch­zende Stimme irgendwo aus der Nähe. - Sie fahren nicht nach Toronto? Es war meine russische Sitznachbarin. Und zutiefst erstaunt.
-Aber das ist die Gelegenheit, den berühmten Turm zu sehen ... den CN Tower, eins der architektonischen Wunder der modernen Welt...
Leider hatte ich keine Kraft, das Gespräch fortzuführen: Ichsank in einen noch tieferen Schlaf, in eine Dunkelheit, wo nichts zu sehen und zu hören war. Ich spürte die Nähe von Trvpzsklmrf, konnte mir aber nicht erklären, was das heißen sollte. Vielleicht DCR-TRV-Kamera oder Trabzon. Temporary Resident Visa,Trujillo, Teran, Torrent, Tor, Tor, Tor ... Toronto!
Ich erwachte, als die Reisenden allmählich begannen, wieder ihre Plätze einzunehmen. Der Bus stand in Toronto. Meine russische Nachbarin war unter den letzten Einsteigen­den und augenblicklich erzählte sie mir voller Begeisterung, dass sie mit dem Elevator zur Turmspitze hochgefahren waren und man von dart oben die Umgebung wie aus einem Flugzeug betrachten konne.
- Ein fantastisches Gefühl! - sagte sie. - Es kommt ei­nem vor, als hatte man die ganze Welt unter Kontrolle. Was ich sagen will: Alles ist kleiner als man selbst!
Danach habe sie noch denberühmten Boden aus durch­sichtigem Glas betreten und in die Tiefe geblickt. Sagar schwindlig sei ihr dabei geworden, vor Angst, das durch­sichtige Material könnte durchbrechen und sie auf den Köpfen der unschuldigen Touristen am Eingang abladen.
- Das kommt daher, dass wir an einen dunklen Unter­grund gewöhnt sind, an die Erde... und das da ist schreck­lich! Man weiß nicht, ob man fliegt oder steht!
Als sie dann die Treppen hinuntergestiegen sei, endlos lange und monoton, sei sie in einer Etage stehen geblieben und habe gesehen, wie sich die Menschen um eine unge­wöhnliche Festtafel voller Speisen aus Kunststoff gedrängt hätten. Da habe sie den Wunsch verspürt, dort genauso wie die anderen ein Foto machen zu lassen, von sich allein oder gemeinsam mit dem Model im dunklen Anzug. Sie habe sich für eine Pose ohne andere Personen entschieden, bei der nur sie an dem reich gedeckten Tisch zu sehen war, damit der unbekannte Mann nicht auf falsche Gedanken käme, sie hätte ja bereits einen Mann, nicht wahr, so wirke es, als ob sie in einem feinen Restaurant säße und auf wich­tige Gesellschaft, etwa auf Geschäftsleute, wartete. Sie könnte ja wenigstens, beendete sie ihre Erzählung, das Bild nach Russland schicken, damit die Leute dort sähen, wie gut es ihr hier in Kanada ginge. (...)
 
 
Aus dem Kroatischen von Silvia Stecher

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Was willst du in Senj, Thilo?

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Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

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Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

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Diese Fotos verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Grund hierfür ist nicht nur, dass die Fotografin berühmte Filmkulissen bereist, sondern diese auf eine ganz besondere Art und Weise festhält.

Rezensionen

Der literarische Blick nach Osteuropa

Die kroatische Schriftstellerin, Dramaturgin und Regisseurin Ivana Sajko ist in ihrem Land eine wichtige künstlerische Stimme und ihre Theaterstücke wurden auch in Deutschland aufgeführt. Nun hat sie mit "Liebesroman" ein Buch vorgelegt, über das der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer schreibt: "Als ich Ivana Sajko das erste Mal traf und ihre Texte hörte und las, wusste ich sofort, das ist was Besonderes. Da spürte ich die Kraft ihrer Sprache, die Schmerzen der Liebe und des Krieges, und ich war getroffen von diesem klaren und poetischen Sajko-Sound."

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Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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