Prosa

Der Schlangentöter

JURICA PAVIČIĆ
Ein Auszug aus der Erzählung „Der Schlangentöter“, dem Band „Straßenpatrouille“ (2008) von Jurica Pavičić entnommen.



 

Der Jeep hielt vor dem Dienstgebäude und ein Offizier stieg aus. Der Hauptmann ging ihm entgegen und salutierte. Es war das erste Mal, dass ich in diesem Krieg jemanden salutieren sah.

Der Fahrer öffnete die hintere Tür. Der Prof und der Offizier traten beiseite, um den Insassen durchzulassen. In diesem Moment sah ich den privilegierten Passagier.

Es war ein Kind.

 

Natürlich nicht wirklich ein Kind. Aber er sah aus wie ein Kind: Sehr jung, gerade mal achtzehn Jahre alt, ein Milchgesicht. Er stand gebeugt. Die Uniform war zu groß und wirkte lächerlich an ihm. Er sah aus, als hätte er seinem Vater die Kleider geklaut. Dennoch, die älteren erfahreneren Offiziere wichen vor ihm zur Seite, als wäre er der Thronfolger, ein Medium oder ein Seher, der mit der Mutter Gottes Zwiesprache hält.

Es war der Mann für die Maljutka.

 

Panzerabwehrraketen waren nichts Außergewöhnliches, es gab sie überall. Die Maljutka war etwas anderes: Rar wie ein seltener Käfer, ein kostbares Rohr, von dem es im Neretvagebiet höchstens zehn Exemplare gab. Wie die Panzerabwehrraketen diente sie der Zerstörung von Bunkern, Panzern, Lastern und allen mobilen und befestigten Objekten. Das Besondere an ihr waren zwei Kilometer aufgewickelten festen Stahldrahtes. Daran war ein Projektil befestigt, zerstörerisch, heimtückisch und teuer. Auf dem gesamten Weg zum Ziel war das Projektil über den Draht mit der Waffe verbunden. Dadurch konnte es gelenkt werden: Bei der Maljutka gab es keine zu kurzen oder zu langen Schüsse, kein Trudeln oder schlechtes Zielen. Man konnte das Opfer wunderbar auf dem Bildschirm der Zielvorrichtung betrachten, die Rakete ähnlich wie bei Computerspielen über einen Knüppel, lenken und am Ende zum Ziel führen. Die Maljutka war perfekt, zielgenau, teuer und rar.

 

Das Problem waren die Kosten. Eine Rakete kostet einen Tausender in D-Mark, hieß es, also kannst du, verdammt noch mal, nicht fünfzig davon verballern, bis du endlich mal triffst. Deshalb rekrutierte die Armee Schützen, die es schon konnten – Kids. Sie holten sich die Champions aus den Vergnügungsparks, Jungs, deren Hände vom stundenlangen spielen geschmeidig und flink waren. Sie nahmen Kinder, die mit dem Joystick verwachsen waren, testeten sie und machten sie zu Maljutka-Kriegern. Auf einem Testgelände durften sie zwei dreimal schießen und fertig war die Ausbildung, das war's. Je jünger desto besser: Ihr Blick war schärfer, die Reflexe schneller. Je mehr sie vor den Spielkonsolen hingen, je mehr lilafarbene Minen sie räumten und je mehr Marsmännchen sie mit Maschinengewehrsalven niedermähten, desto besser waren sie für diesen Job geeignet.

 

Dieser hier war so einer. Durchsichtig wie ein Grottenolm, sah er aus wie jemand, der nur Neonlicht kennt. Er hatte in seinem Leben nichts Schwereres getragen als eine Flasche Bier, würde man vermuten, so schmächtig, wie er dastand. Ich schaute zu den Kerlen, die am Dienstgebäude rumhingen: Sie hatten rote Wangen von der Landluft, der Olivenernte und dem Ausgraben von Kartoffeln. Der Maljutka-Krieger sah aus, als hätte man ihn in den falschen Termitenhügel geschickt, unter eine andere Ameisenart.

 

Abends beim Kaffee erfuhr ich, dass sie ihn bei mir einquartiert hatten, an Edis Stelle. Als ich schlafen ging, wälzte er sich noch immer im Schlafsack hin und her. Ich streckte ihm die Hand hin und stellte mich vor. „Toni, Maljutka-Schütze“, antwortete er, als sei es sein Nachname.

 

übersetzt von Blanka Stipetić

 

Weitere Informationen zu dem Buch auf www.schruf.de/pavicic_patrola.html

Autoren

Gewinner-Duo Ivana Sajko und Alida Bremer

Die Autorin Ivana Sajko und ihre Übersetzerin Alida Bremer erhalten für "Liebesroman" (Voland & Quist) den 10. Internationalen Literaturpreis − Haus der Kulturen der Welt 2018 für übersetzte Gegenwartsliteraturen.

Autoren

Daša Drndić (1946 - 2018)

Der Stil von Dašsa Drndic war eine einzigartige Mischung aus Fakt und Fiktion. In ihren Arbeiten vermischte sie eine nüchterne Sprache und zurückhaltend poetische Miniaturen mit historischen Tatsachen.
So auch in dem Roman "Sonnenschein", der vom Holocaust erzählt und mit Fakten und Fotos genauso arbeitet wie mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Ihr Roman "Belladonna" erschien im Februar 2018.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

Von Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander / Deutschlandfunk kultur

Berichte

Winnetou-Kulissen

Krka-Wasserfall, Zrmanja-Fluss, der Gipfel Tulove Grede: Die Drehorte von "Winnetou" sind spektakulär... Der kroatische Schriftsteller Edo Popovic hat in seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ ausführlich über seine Wanderungen in diesem Gebiet berichtet – und dem Velebit eine Liebeserklärung gemacht. Aber im südlichen Teil, dort, wo die Winnetou-Filme einst gedreht wurden, müssen Bergtouristen aufpassen.
Von Hella Kaiser / Der Tagesspiegel

Berichte

Was willst du in Senj, Thilo?

"Und du willst nach Senj, Thilo?“

Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

Berichte

Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

Andrea David, eine deutsche Bloggerin und großer Film-Fan, bereiste alle Locations in Kroatien, an welchen „Game of Thrones“ gedreht wurde.
Diese Fotos verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Grund hierfür ist nicht nur, dass die Fotografin berühmte Filmkulissen bereist, sondern diese auf eine ganz besondere Art und Weise festhält.

Berichte

Rijeka – Industriestadt mit Kultur

Rijeka in Kroatien wurde im Frühjahr 2016 zur europäischen Kulturhauptstadt 2020 ernannt.

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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