Prosa

Lebt wohl, Cowboys

OLJA SAVIČEVIĆ
Auszug aus dem Roman, erschienen 2010 im Verlag Voland & Quist. Aus dem Kroatischen von Blažena Radas.
»Savičević erzählt in einer hoch poetischen, sinnlichen Sprache voller geheimnisvoll glühender Bilder.«
(Berliner Zeitung)



 

„Rusty“, sagte eine Frauenstimme und fasste mich an der Schulter.

            Ich saß, die Stirn an das schmutzige Fenster des Busses gepresst, der vom Bahnhof über den Hafen in die Vororte fuhr. Den Koffer hatte ich zu meinen Füßen verstaut. Die Häuser, die meisten ohne Fassade, aber auch weiße, bunte, türmten sich mit hoher Geschwindigkeit zu Tetris-Bergen und Hügeln auf. Jedes Mal, wenn ich den Blick hob, waren an den Bergen vor mir unfertige Würfel mit Satellitenschüsseln gewachsen. Von diesen Bergen hatte der Wind die Erde weggefegt, und vergangene Ziegen haben die längst vergangenen Gräser weggefressen. Die Bora bringt im Sommer Feuer, und so wachsen über den Häusern am Berg schwarze Fichten. Hier und da schaut ein Macchia-Strauch hervor, stacheliger Ginster oder eine Palme mit kleinen ungenießbaren Datteln.

 

„In hundert Jahren wird es hier gut aussehen“, pflegte meine Schwester zu sagen, wenn sie mich aus der Stadt nach Hause fuhr, „wenn sie anstelle der septischen Gruben eine Kanalisation bauen und die Häuser angestrichen werden. Schade, dass Beton hundert Jahre hält, genau dann wird alles einstürzen.“

            Doch nachts ist die Szenerie interessant – die Lichter der Häuser auf den Bergen vereinen sich mit dem Himmel und seinen Leuchtkörpern. Tagsüber kann es auch schön sein, wenn man sich aus der Ferne vorstellt, dass man zum Beispiel in Mexiko ist. Ich habe versucht, das der Schwester zu erklären.

            Sie sagte, ich hätte Recht, aber diese Art zu denken, würde die Welt schneller vernichten als Nuklearwaffen, wenn überhaupt noch jemand außer mir so denken würde. Und dass ich endlich zu Vernunft kommen und endlich mein Studium abschließen solle.

            „Und dann sieh zu, dass du von hier abhaust“, fügte sie hinzu. „Wenn du überhaupt irgendwohin kannst“, betonte sie.

            „Vielleicht in echt nach Mexiko?“, fragte ich. Wo war der Unterschied?

            „Von mir aus auch nach Mexiko“, meinte sie. „In Mexiko bist du nicht zu Hause. Das ist weit weg“, sagte sie, als ob sie im Kopf abschätzte, ob es weit genug war.

            „Meine Art zu denken, würde die Welt nicht vernichten“, murmelte ich, ohne besonderes aufzubegehren.

            Die Ampeln an der Kreuzung funktionierten mal wieder nicht: Sie sah mich widerwillig an und schaltete in den dritten Gang.

 

Ich starrte in das Gesicht der Frau, die mich aus der Bewusstlosigkeit gerissen hatte. Der Bus fuhr an der Haltestelle an und die Türen schlossen sich zischend.

            „Rusty, dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen… Warum bist’n gekommen? Hm?“

            Der Rock war ihr bis zur Brust hoch gerutscht, an den Füßen hatte sie glänzende rosa Lackstiefel mit abgetretenen Absätzen. Mit einer Hand hielt sie sich an der Halteschlaufe fest und schwankte über meinem Kopf hin und her.

            Nur im Alten Ort wurde ich Rusty genannt.

            „Hast mich wohl vergessen…“

            Zur Freude der Mitreisenden schlug sie mit der flachen Hand mehrmals kurz auf ihren offenen Mund und vollführte das alte Freudengeheul ihres Stammes vom Bahngleis zum Zeichen des Grußes.

            Sie lachte mit großen gelben Zähnen, eine junge Frau. Was war mit ihren Haaren? An manchen Stellen standen sie in langen und kurzen weißen Strähnen ab, an anderen Stellen wuchsen gar keine mehr. Marija Čarija, dieses Gesicht.

            „Warum bist du gekommen? Warum bist du gekommen?“, fragte sie mit aufgesprungenen Lippen.

            „Ich erinnere mich an dich“, sagte ich schnell. „Ich bin gekommen. Die Welt dreht sich, so kommt man immer an den Ursprung zurück.“

            „Du erinnerst dich nicht an mich“, sagte sie laut und streckte mir ihr Gesicht entgegen.

            Jetzt beobachtete uns der Rest des Busses ziemlich offen, aber vorsichtig, so wie man eine Szene zwischen zwei Verrückten beobachtet. Wenn ich wenigstens nicht so angezogen wäre, rot. Wenn ich wenigstens nicht so groß wäre. Kleiner, blasser, funktionaler.

            „Aber ich kenne dich. Oh-oh, dich kenne ich.“

            Sie lachte mit ihren großen gelben Zähnen, hob abwechselnd die Füße.

            Ich schob den Koffer zur Tür. Es waren noch vier Haltestellen bis zu meiner, so viele konnte ich hoffentlich zu Fuß gehen. Sie näherte sich meiner Wange. Die Haarbüschel waren ausgerissen, bemerkte ich, bis aufs Blut gerupft.

            „Ich kenne deinen Bruder. Ich weiß auch, wer ihn getötet hat“, flüsterte sie.

            „Ach nein, was du nicht sagst“, murmelte ich widerwillig vor mich hin.

            Der mittlere Harmonikabalg des Busses entzog sich meinen Beinen. Die Tür ächzte wieder und im nächsten Bild sah ich Čarijas Kopf, der am Busfenster klebte. Sie leckte am Fenster und lachte, heiter, völlig arglos.

 

 

Übersetzung: Blažena Radas

 

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Rezensionen

Epochal: Miroslav Krlezas fünfbändiger Mammut-Roman "Die Fahnen"

Als Martin Kusej 2013 bei den Wiener Festwochen die Trilogie „In Agonie“ von Miroslav Krleza präsentierte, war dies für viele die erste Begegnung mit diesem kroatischen Autor. Sein fünfteiliger Roman „Die Fahnen“, dessen erste deutsche Übersetzung nun im Wieser Verlag erschienen ist, behandelt ebenfalls den Ersten Weltkrieg samt Vorgeschichte und Auswirkungen. Ein gewaltiges, imponierendes Werk.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Prosa

Mirko Božić: Körper und Geister (Fragment aus dem Roman)

Mirko Božić (1919 - 1995) war ein kroatischer Schriftsteller. Božić war ein ebenso begabter Dramatiker wie Prosaist der Nachkriegszeit. Er verfasste auch Drehbücher und Hörspiele. Es existieren nur wenige Übersetzungen ins Deutsche.

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3, 1981) erschienen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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