Prosa

Dinko Telećan: Der Deserteur

Die ersten vier Kapitel (übersetzt von Hedi Blech-Vidulic) des kroatischen Romans Der Deserteur von Dinko Telećan.



Der Deserteur

 

 

 

I

 

 

 

Immer den gleichen Weg. Durchs Dorf bis zum Kleinen Anleger, dann über den Pfad, der zum Friedhof führt und danach abbiegen in Richtung Hügel neben dem Haus, das nie fertig werden wird. Es folgt ein kleiner Fußweg, eingesäumt von einer Trockenmauer, von Brombeer- und anderem Gestrüpp, platt getretene rote Erde von Steinen durchsetzt, immer enger werdend, immer zugewachsener.   

         Die Trockenmauer wird ständig niedriger. Auf der INSEL nennt man solche Mauern mocira, und sie sind schon seit langem Denkmäler vortouristischer Zeit. Weiße Netze in grüner Macchia, die auftauchen und verschwinden. Bebende Quadrate, innerhalb derer alles genauso aussieht wie außerhalb; die schon vollkommen verschwunden wären, wenn es die salzigen Winde nicht gäbe, die die Vegetation unerbittlich bändigen.

         Es folgt ein Anstieg, plötzliche Serpentinen, immer mehr Ziegenkot. Der Pfad wird unterbrochen bei dem kleinen Plateau vor der ehemaligen Kaserne, die immer undurchlässiger von Gestrüpp umrankt wird, während kräftige Kiefern, die höchsten Bäume der Insel, die Rückwand der Kaserne stützen. Es sind fast die einzigen Bäume außer den unvermeidlichen Zypressen dort unten auf dem Friedhof, einigen Tamarisken, den gekrümmten Freunden der Bora, und dem einen oder anderen mickrigen Olivenbaum. Hier oben ist nichts von Menschenhand berührt worden, seit sie vor zwanzig Jahren, als der Krieg begann, alles nur eben Mögliche zerstörte.

         Eine magere schwarze Ziege klettert häufig auf den Deckel der riesigen Zisterne, blickt umher, einmal, zweimal, ununterbrochen kauend, dann springt sie auf den Stein unterhalb der Zisterne und verschwindet im Dickicht. Im Dickicht, das so rau ist wie eine Katzenzunge, die ich immer und ewig auf der Haut der Unterarme und Unterschenkel spüre.

         Wenn ich an der Kaserne vorbeigegangen bin und den Fußweg betrete, der weiter am Berg entlang führt, blicke ich mich gewöhnlich zum ersten Mal um. Eigentlich könnte ich auch die Augen schließen, brauchte nicht zu wissen, welche Jahreszeit wir haben, um sicher zu sein, was man unten im Hafen sieht: Wenn der Geruch schwer und bitter-süß ist und das Zirpen eintönig und laut vor dem Hintergrund ferner Geräusche, dann sind unten Hunderte weißer Masten zu sehen, dann wird das Meer durchkreuzt vom Kielwasser der Schiffe, Boote und Yachten, dann kann man undeutlich Bewegungen, Gedanken, Gesprächsfetzen, Wünsche der Menschen unterscheiden. Sommer. Wenn der Geruch herber ist, wenn sich Stille auf den Körper legt, die ab und zu von Möwenschreien durchschnitten wird, dann ist das Meer dort unten dunkler, wird zu einer anderen kalten Flüssigkeit, über die nur kleine weiße Holzkähne tuckern und unendlich langsam abfahren und zurückkehren. Winter.

         Gegenüber sieht man einen weiteren, höheren Berg und auf seinem Gipfel ein Kirchlein, zu dem, von weitem gesehen, ein gleichmäßiger Zickzackweg führt. Dorthin gehe ich selten.

         Ich steige weiter bergan, der Werkzeugkasten wird doppelt so schwer. Noch zwei weitläufige Wegbiegungen erwarten mich, dann eine ziemlich steile Stelle, und nun stehe ich auf einem Steinplateau. Dem Gipfel. Zwischen den Steinen unter meinen Füßen sieht man nur hier und da ein Fleckchen roter Erde. Niedrige Macchia. Und der Wind weht unaufhörlich, unaufhörlich. Wenn die Bora bläst, ist es unangenehm, aber gesund. Der Körper wird durchgepustet, und in allen Sinnen herrscht Klarheit. Ohne Anstrengung kann ich weit sehen. Ich muss mich nur an etwas halten: an die eigenen festen Schritte, an den Gedanken an eine Frühlingsfrucht, an die Rückkehr ins heiße Zimmer, an den schon zu lange wartenden Parangal (Angelschnur mit vielen Haken, Anm. d. Übers.), an einen Platz in Andalusien während der Mittagsglut, wenn das Weiß alles verbrennt, und alles zur Weißglut wird.

         Es erwarten mich meine beiden Masten, die unlängst angestrichen wurden – rot-weiß gestreift. Einer steht auf dem ersten Plateau, das ich nach dem Aufstieg betrete. Auf einem unebenen schmalen Weg, der über den Bergrücken führt, gelange ich zu einem kleineren Plateau, auf dem sich der Sendemast der Konkurrenz befindet. Zwei gleiche Betonsockel von geringfügig unterschiedlicher Konstruktion. Manchmal gefällt mir der erste, ältere, besser, manchmal der andere, nachträglich errichtete. Je nachdem, ich glaube, es hängt davon ab, ob die Bora oder der Jugo bläst – seltener natürlich Maestrale, Tramontana oder Levanat – pinkle ich entweder an den einen oder an den anderen, wobei ich mich in Windrichtung drehe.  Manchmal weht auch ein Wind, der hier Lebić genannt wird, dann uriniere ich in Richtung Nordwest, und die Tröpfchen fliegen in die Ferne – manchmal sogar weiter als der Beton reicht – und bespritzen einen ganzen Berberitzenstrauch. Bei einer solchen Gelegenheit blicke ich auf ein Inselchen, das eine Kopie der INSEL ist, also ein Schmetterling oder eine offene Muschel. Nur lebt seit einiger Zeit auf der kleineren Insel niemand mehr, und in der südlichen Bucht steht nur eine baufällige steinerne kleine Festung. Die gegenüberliegende Bucht ist sandig, und von meinem Gipfel aus kann ich den Sand genau sehen und das hellblaue Meer, das fast bis zu den verlassenen und merkwürdig gut erhaltenen Häusern und Zisternen des ehemaligen Dorfes reicht. Die Bewohner haben den Ort verlassen, da die Bucht zu flach ist, sodass größere Schiffe, die den Segen des Fortschritts bringen, dort nicht anlegen können. Manche leben noch – fast alle hier auf der INSEL.

         Wenn der Maestrale weht, wende ich mich der STADT zu, deren Lichter man bei klaren Nächten sehen kann, so wie man auf der entgegen gesetzten Seite bei von der Bora aufgeklarten Tagen Italien sieht. Wenn die Bora pfeift, drehe ich mich nach Südwesten und kehre dorthin zurück, woher ich hierher zurückgekehrt bin: nach Andalusien und weiter über Gibraltar. Ich schließe die Augen, nehme einen Anlauf, beflügle und befiedere mich, meine Nasenlöcher füllen sich mit Marokko, am Gaumen Pfefferminztee, in den Ohren Schreie dunkler Kinder und Koloraturen der Muezzins. Die STADT aber bedeutet jetzt nur noch Besorgungen machen – ich sage: Ich gehe Besorgungen machen, erledige und kaufe, was nötig ist, und kehre am gleichen Tag zurück oder spätestens am nächsten. Die Festlandstadt bedeutet Vergangenheit, es gibt sie also nicht mehr. Oder es gibt sie wie ein vor langer Zeit verlassenes, zerrupftes Vogelnest, das als Schmuck oder als Erinnerung an die Wand gehängt wurde.

         Wenn das Pinkeln in Windrichtung erledigt ist, nehme ich die Untersuchung der Sendemasten in Angriff, zuerst des älteren, dann des jüngeren, wie es sich auch gehört. Ich prüfe Verbindungen und Kabel, öle was nötig ist, entferne Salz. Ganz selten gibt es einen komplizierteren Schaden, hauptsächlich am neueren Mast. Dann vergeht der ganze Vormittag mit Reparieren, aber da weiß ich wenigstens, dass ich das Werkzeug nicht umsonst geschleppt habe. So wie ich auch nicht umsonst in jene unsinnige Schule für technischen Kram gegangen bin. Mit meinen Sendemasten habe ich mich schon so angefreundet, dass ich ihnen sogar Namen gegeben habe: der ältere heißt Vjeko und der jüngere Tiko.

         Die Arbeit ist mir vom Himmel gefallen, da besteht gar kein Zweifel. Und zwar gleich nach der RÜCKKEHR. Zuerst schrieb Vjekos Firma die Stelle aus. Das Instandhalten des Sendemastes, dafür war ich qualifiziert, und andere Bewerber gab es keine auf der Insel. Das Gehalt war gering, aber hier genügte es zum Überleben. Doch dann verging nicht einmal ein Jahr, da schrieb auch Tikos Firma eine Stelle als instandhaltenden Vormund aus. Die Wahl fiel logischerweise auf mich. Außer meiner Qualifikation besaß ich auch eine fast einjährige Erfahrung. Tikos Papa bot auch ein etwas höheres Gehalt als Vjekos, sodass mir jetzt monatlich ein ganz schönes Sümmchen sicher ist. In Tonis Laden brauche ich nicht immer die billigeren Nudeln zu wählen, und in die STADT fahren kann ich je nach Lust und Laune. Obwohl ich nur selten Lust und Laune dazu habe.

         Ich habe mein Leben verkauft. Wieder einmal.

         Und ich bekam auch ein Handy von beiden Firmen. Zuerst keins, dann gleich zwei. Der kleine Vjeko und der kleine Tiko. Ich war ihnen auf den Leim gegangen, ich benutzte sie und sie benutzten mich, ich rief an und wurde angerufen, ich chattete oder schnatterte, schickte SMS und MMS, trug sie mit mir herum, regte mich auf, wenn ich sie nicht bei mir hatte. Eines Tages platzte mir der Kragen, als ich mich dabei ertappte, wie ich in der linken Hand das eine Handy hielt und ans rechte Ohr das andere und zu dem rechten Anrufer sagte, mich riefe gerade jemand am linken an, weshalb ich einen Augenblick das Gespräch mit ihm am rechten unterbrechen müsse, ich riefe ihn in einer Minute wieder an. Dann ging ich zur Kleinen Bucht, immerfort mit dem einen schwarzen Stück Kunststoff in der linken und dem anderen in der rechten Hand, und warf beide theatralisch ins Meer. Ich war sehr stolz darauf. Welch großer Mut und welche Befreiung. Toll. Peinlich wurde es schon am gleichen Nachmittag, als Vjekos Firma mich vergeblich anrief, um etwas wegen dem Instandhalten des Sendemastes zu prüfen. Später stellte ich mir vor, wie das Handy auf dem Meeresgrund, zwischen den Algen, klingelt, und wie sich die Fische verwundert darum herum versammeln und mit vorgestülpten Mäulern und glotzenden Augen horchen, wie sich ununterbrochen die digitale Version des Themas aus dem Türkischen Marsch wiederholt.

         Während der letzten Jahre habe ich mich also materiell abgesichert, und es gibt genug Raum und Zeit, dass sich nach und nach der Rauch von allen Bränden der vergangenen Jahre legt, der endlos brennenden Jahre, die manch einem als Material für einen Roman dienen könnte, und die mir jetzt, aus dieser Entfernung, wie eine in halbbewusstem Zustand verbrachte Zeit vorkommt, in den nur eine Person einmal Klarheit brachte, so scheint es mir wenigstens. Eine Person und vielleicht die Worte eines Menschen, auf die ich, das weiß ich erst jetzt, damals nur mit halbem Ohr hinhörte. Nun habe ich mein Lager an einem sicheren Zufluchtsort aufgeschlagen – bis auf Weiteres. Die Grundbedürfnisse sind gedeckt, falls man darunter das was unten, nicht aber das was oben ist, versteht.

         Einst sah es so aus, als gäbe es viel mehr von diesen unteren Bedürfnissen und Notwendigkeiten. Ich wusste nicht, wie wenig nötig ist. Nein, ich bin kein Asket. Mein Ziel ist es nicht, das „freie Minimum, das zum Maximum der Freiheit führt“ zu erreichen, von dem Miro oder ein anderer Berichterstatter des Ostens schrieb, ich erinnere mich nicht mehr, obwohl bei mir jetzt äußerlich alles stur und trocken wirkt im Verhältnis zu jenem übervollen und schäumenden Glas Leben, das ich, wann immer sich eine Gelegenheit bot, gierig trank und worauf ich schwor. Nun, mir gefällt es, mir eine Zigarette aus gutem Tabak zu drehen, der nicht zu sehr aromatisiert wurde, ein Streichholz anzuzünden, die Flamme auszublasen und es in ein Blechdöschen mit in den Deckel geritztem zwei- oder dreideutigem A zu legen, den Rauch mit den Wolken zu vergleichen. Mir gefällt es, mit schwerem Rotwein den Fisch, den ich fing, zu begießen. Genauso wie mir auch das Fasten gefällt, mit dem ich meine stillen Zeiten begleite: die Tage, wenn ich nichts tuend mehr tue, als der Schöpfer von hundert Welten. Mit dem PASTOR kann ich mich manchmal auch betrinken, dann gelingt es uns glänzend, die Dogmen zu lockern. Meine und seine. Auch mit der Kata kann es schön sein, obwohl das nicht das ist, wie wir beide wissen. Ich erinnere mich gerne an die Worte und die Geschichten des Mannes aus der Stadt Fez, dessen Name Freund bedeutet, und der mich eigentlich hierher geschickt hat, zurück, um „die Splitter zusammenzusetzen“, um zu sehen, wozu ich fähig bin.   

 

 

 

II

 

 

 

Boris’ AUSZUG ereignete sich in der Stadt, in der Alfred Hitchcock „den schönsten Sonnenuntergang, den man auf der ganzen Welt erleben kann“ gesehen hatte. Boris’ VATER hatte über diesen Ausspruch, mit dem die Reisebüros von Zadar schon seit Jahrzehnten für die STADT Reklame machen, ein melancholisch-spöttisches Gedichtchen geschrieben. In für Boris’ Gefühl weit zurückliegender Ferne, als der VATER Gedichte schrieb, Gedichte, die er wenig beachtete, er, der sonst die Achtsamkeit in Person war, so wenig, dass er sie in einer hässlichen, rostigen Dose im Keller des Hauses verwahrt hatte, Gedichte, die keine Spuren in ihm hinterlassen hatten, als wenn er damals vor langer Zeit einen nutzlosen, unbrauchbaren Überschuss aus sich herausgequetscht hätte, etwas was ihm in Zukunft nur hinderlich sein könnte auf den zuverlässigen Wegen von ARBEIT und RUHE nach der ARBEIT. Einzig und allein die Handschrift war erkennbar, obwohl sie ein wenig legerer war als die Handschrift des späteren DIREKTORS. Alles Übrige, alle diese Worte, alle Bilder, Schwärmereien, in rhetorisches Feuer eingehüllte Naivitäten, all das hatte überhaupt nichts mit VATER zu tun, nichts davon war jemals, war wirklich niemals weder in seinen Worten, noch in seinem Tun, noch auf seinem Gesicht zum Vorschein gekommen. Boris war gleichzeitig verwundert und wütend. Aber neben Wut und Verwunderung nahm später auch die Dankbarkeit zu, nahm immer mehr zu mit jedem heimlichen Hinuntersteigen in den Keller. Denn die Blechdose steckte zwischen Kartons voller Bücher. Seinen Büchern offensichtlich, denn MUTTERS ständige Lektüre waren Illustrierte. Da konnte es keine Überraschungen geben. Überraschungen gab es woanders. Aber die Bücher waren staubig und feucht, einzig und allein die mit festem Einband waren gut erhalten, auch manche Paperback-Ausgaben in Sprachen, die Boris damals überhaupt nicht erkannte. Er erkannte nur gleich zu Anfang, dass dies ganz andere Bücher waren als die oben in der Wohnung, die sorgfältig eingeordneten und mit an den Kanten der weißen Regale befestigten, auf der Schreibmaschine geschriebenen Zettelchen: „Wirtschaftspolitik“, „Landwirtschaft“, Statistische Methoden“, „Indikatoren“, Verarbeitungsvorschriften“, Wörter, die ihm nichts bedeuteten, Wörter, die ERNSTER VATER hießen, sein Ausweis waren, der Katalog seiner unbekannten, harten Seele, mit der er, Boris, seit er denken konnte, schmerzlich zusammenprallte. Die Kellerbücher waren eine andere Welt, sie luden ihn ein, öffneten sich von selbst, versprachen Schätze, kamen aber so spät, so spät. Zuerst öffnete er sie nur, blätterte, drehte und wendete die Seiten, übersprang Unverständliches, besonders die Poesie, die sich so sehr vom Lesestoff der Schule unterschied, aber dann wurde er aufmerksamer, blätterte zurück um zu enträtseln, suchte Zusammenhänge, verglich, fand Verknüpfungen und Verwandtes mit seinen eigenen Nöten, aber dann auch das, was für ihn noch keine Not war, sondern erst zur Not werden sollte, das, was für ihn noch keine Schönheit war, sondern es erst werden sollte. Mit der Zeit begann er, auch an den Büchern in fremden Sprachen zu knabbern, von denen er nie und nimmer geglaubt hätte, dass sie dem VATER auch nur in etwa verständlich wären; er tat es, ohne irgendetwas zu verstehen, stellte sich vor, wie die Wörter klingen, und was sie bedeuten könnten, sprach sie flüsternd nach einem eigenen Schlüssel aus, auf verschiedene Weise, und übersetzte sie in etwas ihm Nahes, und dann entdeckte er auch Bücher, die diese anderen Sprachen erklärten, Grammatiken und Wörterbücher, und diese begann er mit der Zeit wie Romane oder Novellen zu lesen, und er fand sie genauso spannend, und mit der gleichen Leidenschaft hastete er ihren unvorhersehbaren Entwirrungen entgegen. Die gleiche Begeisterung trieb ihn an, in die Verse Paul Celans und die Strophen der Bhagavad-Gita zu dringen; er stellte sich vor, auf dem Kampffeld Kurukshetra anwesend zu sein und fragte sich, ob er genauso unsicher und doch fasziniert wie der Krieger Arjuna gewesen wäre, als dieser auf den göttlichen Kutscher Krishna hörte, der sich vor seinen Augen in alle möglichen schrecklichen Gestalten der Welt verwandelte, um ihn zu überrumpeln und von der unvorhersehbaren Wahrheit zu überzeugen.

         Für Boris war es irgendwie selbstverständlich, dass diese Bücher nicht aus dem Keller geholt werden sollten, besonders nicht nach oben in die Wohnung, außer in einigen seltenen Fällen, wenn er es gar nicht aushalten konnte, bis zum nächsten Hinuntergehen von der Lektüre getrennt zu sein, und seit jenem Tag, als er um Kartoffeln zu holen in die stinkige Unterwelt stieg, in der er sich nie länger aufhalten wollte als ein dreimaliges Ein- und Ausatmen dauerte, seit jenem Tag ging er regelmäßig dorthin, meistens wenn VATER und MUTTER bei der Arbeit waren, und für jeden Fall ordnete er die Bücher vor jedem Fortgehen genauso an, wie sie vor seinem Kommen gelegen hatten, als wenn er sonst, falls es entdeckt worden wäre, dass er sie von der Stelle genommen hatte, eine unverzeihliche Schandtat begangen hätte. Mehrere Male träumte er, wie sie ihn auf frischer Tat ertappten, und wie er vor Schreck durch den feuchten Kellerboden fiel.

         Als der KRIEG begann, wurden Boris’ Rituale durch den gemeinsamen Aufbruch in den Keller gestört. Alle Hausbewohner rannten nach unten, es war eng und es war unmöglich, dass er sich unbemerkt seinen Entdeckungen widmete. Alle die verängstigten, lauten und zornigen Leute, diese Menschenmenge, die in sein stinkiges Heiligtum drang, ihr Schweiß, ihr Fluchen gingen ihm maßlos auf die Nerven. Es kam ihm so vor, dass die Sirenen, die vor den Luftangriffen ertönten, bei ihm ein ganz anderes Entsetzen hervorriefen als bei allen anderen. Sogar auch dann, wenn das Gebäude so wüst zu beben begann. Wenn sein Eingeweide sich vor Angst verkrampfte.

 

 

 

III

 

 

 

       Vom Hügel kann ich zwei Wege zum Abstieg benutzen: ins DORF und in die HÖHLE. In die HÖHLE gehe ich nicht, wenn ich mich an diesem Tag mit Vjeko und Tiko beschäftige. Für die HÖHLE sind besondere Tage reserviert. Besondere Kapitel.

         Das Dorf ist klein und vereint zwei Buchten: eine größere, besiedeltere, besuchtere und eine kleinere, einsamere, die von den Fischern benutzt wird. In der größeren gibt es alles, was das Dorf braucht: Anlegestelle, Geschäft, Kirche, Post, Arztpraxis, Glockenturm und zwei Kneipen, von denen die eine, die genau am Ufer steht, einfach nur „KNEIPE“ genannt wird, und die andere, mitten im Dorf und von Fremden unbemerkt, „BUFFET“. Die KNEIPE wird im Winter geschlossen, dann lebt das BUFFET auf. Ganz in seiner Nähe steht auch mein Haus. Ein steinernes, altes Haus, das von meiner Familie seit eh und je so genannt wurde: Altes Haus. Es gehörte meinem Urgroßvater, einem Überseeschiffarts-Kapitän, der, als er sich in den Ruhestand zurückzog, auf mysteriöse Weise in einer Untiefe sozusagen vor dem Haus ertrank. Nach ihm wurde ein neueres Haus gebaut, dem alten gegenüber. Dort wohnten Opa und Oma, zu denen wir im Sommer und während der Wochenenden fuhren, wenn man, wie es in der STADT heißt, sich zum „Inselleben“ aufmacht. In meiner Kindheit war das Alte Haus schon verlassen und völlig baufällig. Uns Strolchen verbot man, es zu betreten, denn die Balken waren morsch, und es drohte jeden Augenblick einzustürzen, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich heimlich durch die geborstene, dicke Holztüre zu quetschen, zwischen Fässern im Hausflur, die nach Essig rochen, und in den Bereich der Geheimnisse einzutreten. Besonders gefährlich war es, ins erste Stockwerk zu klettern: die Treppe war eingestürzt, und man musste sich auf das größte Fass stellen, sich feste an einen Balken klammern, von dem ich schätzte, er sei der sicherste, und sich von da aus auf den wackligen Bretterboden schwingen. Ich lernte, wie eine Katze darüber zu gehen, auf jedes gefährliche Quietschen zu achten, zwischen Spalten zu manövrieren, die im Boden klafften und durch die man den Raum im Erdgeschoss sah mit der völlig schwarzen Feuerstelle und den aufgeschichteten Holzscheiten, so trocken wie eine verkaterte Kehle, die hier fürs Grillen aufgehoben wurden. Das Stockwerk bot immer irgendeine Entdeckung: Familienfotos aus dem neunzehnten Jahrhundert zum Beispiel, graubraun, zerfleddert, staubig, auf deren Rückseite kaum verständliche, geziert geschriebene Anmerkungen mit einer Jahreszahl standen. Das waren Menschen aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Jahrhundert, unwirkliche Gestalten, von denen ich nichts wusste, aber annahm, dass es sich um meine Vorfahren handelte. Manchmal stand ich lange da mit einer dieser Fotografien in der Hand und blickte erregt auf die ernsten, strengen Gesichter, umrahmt von gestärkten Kragen oder überwölbt von altmodischen Hüten, und stellte mir dabei das Haus zu jener Zeit vor und die gleichen Gestalten, die sich damals hier bewegten, sich ärgerten oder freuten, gestikulierten, lachten und weinten, mit scharfen Bartstoppeln,  wenn sie sich nicht gerade zum Fotografieren rasiert hatten, und die mit den Jahren immer ähnlicher ihren Vorfahren wurden und versöhnter mit dem baldigen Ende. Ich stellte mir auch die Schiffe vor, die damals im Hafen anlegten, aufregende Abenteuer, die diese Menschen sicher bestanden. Das Haus war ein von Kronleuchtern erhellter Palast, in dem Wein in silbernen Bechern kredenzt wurde. Die Schiffe waren schwarze Segler mit Segeln, die über den ganzen Hafen Schatten warfen, und die Menschen waren erprobte Abenteurer, die alle Weltenmeere überlebt hatten und dann neben dem Kamin, ihre Worte mit lebhaften Gesten begleitend, den Enkelkindern erzählten, wie sie am Ende der Welt Menschenfressern entkommen waren und heldenhaft mit Seeräubern gekämpft hatten. 

         Mit der Zeit schloss sich mir bei diesen geheimen Besichtigungen auch Dinka an, als sie ein wenig herangewachsen war und aus Stolz gelernt hatte, ihre Angst zu verdrängen. VATER ertappte uns einmal auf frischer Tat und verpasste mir eine Ohrfeige, weil ich mein zartes Schwesterchen in Gefahr gebracht hatte. Daraufhin umarmte ich Dinka fest und blickte VATER mit solch konzentrierter Wut an, dass der Alte zurückwich, und in seinen grauen Augen einen Augenblick lang Angst zu erkennen war. Diese Angst war ein Spiegel, in dem ich wahrscheinlich meine eigene rasende Erscheinung erkannte, die ganze Wut, die sich in dem mageren, bleichen Knabenkörper angesammelt hatte und dämonisch auf dem mageren, blassen Gesicht aufblitzte. Danach hat er mich nie mehr geschlagen, nicht einmal einen Klaps hat er mir gegeben, und ich war überzeugt, dass mein Blick daran schuld war.

         Nach meiner RÜCKKEHR verzichtete ich auf meinen Anteil am neueren Haus, überließ ihn der Verwandtschaft und begann langsam das Alte Haus zu renovieren. Material gab es überall: Mit der Schubkarre holte ich mir Steine aus eingestürzten Trockenmauern, und Ziegel und Dachpfannen, die wie neu waren, gab es in Hülle und Fülle auf verlassenen, mit Gestrüpp überwucherten Baustellen. Schwer war es nur mit Holz und Eisen; auf der INSEL gibt es fast keine Bäume, nur dichte, schief wachsende Macchia. Deshalb behalf ich mich mit Strandgut, das ich keuchend, nach und nach kräftiger werdend, von der Nordseite der INSEL herbeischleppte. Nägel, Scharniere und ähnliches waren kein Problem mehr, als ich Vjeko und Tiko umsorgte, und das Geld zu fließen begann.

         Das Haus befindet sich jetzt in ordentlichem Zustand, es widersteht der Bora, durchs Dach kommt kein Regen, und es hat alles, was nötig ist. Ich habe ein Bett, einen alten Tisch und drei Stühle, Wasser hole ich aus der wiederhergestellten Zisterne und koche auf dem Kamin, der mit Holz geheizt wird. Das Haus habe ich eigentlich verkleinert, denn die Balken zwischen Erdgeschoss und Stockwerk waren zu morsch, und ich habe zusammen mit Pietro und einigen weiteren etwas kräftigeren Dorfbewohnern das Dach einfach einige Meter heruntergelassen. So gibt es jetzt nur einen einzigen Raum, ohne Innenwände. Vielleicht werde ich mich eines Tages auch ans Stromnetz anschließen. Das Grammofon würde sich darüber freuen.

 

 

Ich weiß, wo ich Pietro finden werde: vor dem Laden, auf dem Bänkchen zwischen den Tamarisken. Mit einer Bierflasche in der Hand. Und einem Abgrund in den Augen.

         ― Was ist, Pietro, wieder durstig?

         ― Ach, komm. Quäl du deine Masten do oben. Erzähl mir lieber eine von deinen ― sufistischen. Von Nasredin, Nasrudin, weiß der Teufel …

         ― Ich kann jetzt nicht, ich geh zur Audienz.

         ― Aha, beim Pastor?

         ― Genau.

         ― Ja, ja, mit dem kannst du ja gut.

         ― Hm, gut ist sein Wein. So einen gibts nicht beim Toni. Aber du bist ja sowieso nur für Bier …

         ― Klar wie Klärchen. He, Toni, bring mir noch eine.

         Toni schreckt auf vor seinem Laden, geht hinein und kommt mit einer beschlagenen Flasche Bier zurück. Pietro reicht ihm die leere Flasche, setzt die neue an den Mund, tut einen gewaltigen Schluck und starrt wieder auf das Meeresquadrat, das zwischen den beiden Tamarisken glänzt.

         Pietro ist ein ehemaliger Schachspieler. Ich kenne ihn von Geburt an, er ist etwas älter als ich, und er hielt sich immer abseits von den anderen Kindern. Er war noch scheuer als ich. Irgendwie verstanden wir uns partnerschaftlich aus der Ferne. Wahrscheinlich begann er schon in den Windeln Schach zu spielen, und seitdem war das Schachspiel alles, was ihn interessierte. So schien es jedenfalls allen. Sein Vater nahm sein Wunder mit ins Buffet, wo er mit den Älteren spielen sollte. Mit sechs Jahren besiegte er sie schon ganz mechanisch, und seine Spezialität, die der Vater in vollen Zügen genoss, war, dem Gegner anzubieten, er selbst spiele ohne Königin, und trotzdem gewann er. Mit sieben schlug er auf die Schnelle die Schachgroßmeister der STADT. Mit acht reiste er zum ersten Turnier ins Ausland. Am Ende der Grundschule zog er mit seiner Familie nach Südfrankreich, da dort sein Vater als Yacht-Aufseher arbeitete, was auch sonst ein Spezialgebiet der Insel-Gastarbeiter ist. Jahrelang haben wir ihn nicht gesehen. Es erreichten uns Nachrichten von seinen Siegen, Artikel aus französischen Zeitungen, die uns Rückkehrer aus Frankreich in den Inseldialekt übersetzten. Und dann brachte der Vater ihn eines Sommers als Invaliden auf die INSEL. Er stützte ihn, während sie aus dem Schiff stiegen. Pietro war ein Zombie, er erkannte niemanden, zitterte am ganzen Körper, blickte ins Leere und ließ die Einheimischen, die gekommen waren um ihn zu sehen, sich mit ihm zu fotografieren, unbeachtet. Seitdem hat er die Insel nicht mehr verlassen, und seine Angehörigen ringen nur die Hände und vermeiden jegliches Gespräch über ihr einstiges Wunder. Er wurde krank, und basta. Was wollt ihr mehr. Ein Jahr nach der Rückkehr, als er seinen Platz zwischen den beiden Tamarisken gefunden und die Wohltat des Hopfens entdeckt hatte, er der angeblich in Frankreich keinen einzigen Tropfen Wein probieren wollte, begann die Leute zu grüßen und sich sogar mit ihnen in sturen, stockenden Sätzen und mit französischem Akzent zu unterhalten. Die Wörter des Inseldialekts, die sowieso dazu neigen, die Betonung ans Ende zu verlegen, wurden in seiner Sprache immer auf der letzten Silbe betont. Aber beiseite mit der Akzentuierung, ich weiß nicht, ob er noch jemandem im Dorf gesagt hat, was er nach hundert Begegnungen vor dem Laden, ohne von irgendetwas herausgefordert zu werden, mir sagte, als ich das hundert und erste Mal mich neben ihn setzte. Entscheidend war Deep Blue.

         ― Was für ein Dip Blu, Pietro?

         ― Du weißt doch. Der, der den Kasparow besiegt hat. In der sechsten Partie. Garri opferte seine Königin für einen Turm und einen Läufer. Er gab beim neunzehnten Zug auf. Nie wurde er so schnell geschlagen.

         ― Ja, ja, das hab ich gehört, beziehungsweise in der Zeitung gelesen – na und?

         ― Wie, na und? Das war das Ende des Spiels, alles aus, verstehst du? Die Maschine, verstehst du? Für immer aus. Was hab ich von allem gehabt … Ich dachte, es gäb kein Ende. Die Sache ging weiter, ging immer weiter, es gäb keine Grenze, dass der Mensch wie der Himmel ist, und dass nur der Mensch am besten spielen kann. Ja …, aber jetzt ist alles im Eimer, siehst du das nicht? Und ich hab damals davon geträumt, gegen Garri zu spielen. Welcher Garri, welcher Pietro … Jetzt ist der Herrscher der Welt weder der Mensch noch Gott sondern die Maschine. Dip blu. Jetzt fehlt nur noch, dass er einen Dip Red herbringt, dann können sie zusammen spielen. Was soll ich mir zwölf Stunden den Kopf zerbrechen. Alles ist umsonst, alles ist umsonst. Und so … bin ich erledigt, siehst du. Wärst du das nicht? Ich konnte nichts anderes. Das Einzige was ich konnte, hat sich in Luft aufgelöst. Ich war nichts mehr, verstehst du? Es gab keinen Sinn mehr. Und nichts ist von mir übriggeblieben. Was sollte ich jetzt machen? Ich müsste noch mal geboren werden, was anderes tun, anders beginnen …

         ― Du kannst wieder geboren werden, aber in diesem Leben.

         ― Ach komm, du mit deinem Plemplem …   

 

 

IV

 

 

 

Fluchten, Fluchten.

         Boris hatte Glück, denn er besaß zwei Aufenthaltsorte: den entdeckten Keller und, noch von früher, die Fahrten auf die INSEL. Nach der Entdeckung des Kellers fehlten ihm allerdings auf der INSEL die Kellergeheimnisse, er hatte sich an das Ritual des Lesens im Halbdunkel gewöhnt, ging schon systematischer, selektiver vor, hatte seine Favoriten, zu denen er immer wieder zurückkehrte, kannte die Anordnung der Bücher in den Kartons, die in seinem Bewusstsein auch weiterhin heilig war.  

         Aber dafür hatte er Dinka auf der INSEL. Allerdings hatte er sie auch in der STADT, aber auf der INSEL konnte er sich mit ihr zurückziehen, mit ihr auf den BERG gehen, kleine Buchten erforschen, Fische fangen, sich Spiele ausdenken. Dinka war von klein auf geselliger als er. Bereitwillig nahm sie die Welt in sich auf, setzte sich ihr aus und gab sich ihr hin. Sie ergriff nicht die Flucht. Jeden beschenkte sie mit einem Lächeln, einem Lächeln, das sich nach Schlägen nur in starre Verwunderung verwandelte, manchmal in sanfte Traurigkeit, nie in Wut und Widerwillen. Schon gar nicht in Hass. Boris versuchte, sie sich vorzustellen, wie sie jemanden hasste oder wenigstens böse ansah. Es gelang ihm nicht.

         Deshalb beneidete er sie.

         Und bewunderte sie.

         Und schützte sie und bewahrte sie für sich, wie besessen.

         Dinka war das warme Herz der Welt. Wenn er mit VATER vom herbstlichen Tintenfischfang im Boot zurückkehrte, durchfroren, mit Gänsehaut und vom Salz zerfressenen Händen, brauchte er zuhause, am Abend, an der Türe, nur die zarte weiße, mit Sommersprossen besäte Hand zu berühren, nur die dichten roten Locken zu sehen, und schon war alle Kälte, alles Salz der Welt verschwunden, seine starren Wangen wurden glühendheiß, und er spürte wieder eine Verbindung mit dieser Welt.

         Boris unterdrückte nur mühsam seinen Unmut, wenn er sie im Kreis von Freunden sah, die nicht seine waren, besonders wenn Dinka fröhlich lachte. Er wünschte, alle anderen verschwänden irgendwo in der Ferne, wären weit fort von seinem Schwesterchen, von seiner Sonne, die ihm niemand verhüllen durfte. Auf der INSEL war es immer viel besser: Dort gab es nicht alle diese blöden Jungen und Mädchen, mit denen die befreundet war, wenigstens nicht so viele ― denn immer fand sich jemand in ihrer Nähe, angezogen von der roten, sommersprossigen Sonne ―, da konnte er sich mit ihr zurückziehen, sie konnten nur ihnen bekannte Spiele spielen, den Wortschatz nur ihrer Sprache bereichern.

         An jenem Sommertag, zu Beginn der Ferien, am ersten Tag den sie für sich alleine hatten, nach der sehnsüchtig erwarteten Ankunft auf der INSEL, auf der sie noch einen ganzen Sommer verbringen würden, war er vierzehn und sie dreizehn Jahre alt. Gleich nach dem Frühstück steckten sie die Sachen in Boris’ Rucksack ― Wasser, Pfirsiche, aufgewickelte Nylonschnüre und Angelhaken ― zogen die Turnschuhe an und rannten zu ihrer geliebten Bucht, über den BERG. Die ganze Zeit liefen sie um die Wette. Auf ihrer von der Sonne noch unbeschienenen weißen Haut nahmen die von der dornigen Macchia verursachten Kratzer zu, Boris’ nackter Rücken schwitzte unter dem immer schwerer werdenden Rucksack, Dinkas Gesicht war nach der halben Wegstrecke schon knallrot. Wie ihr Haar. Wie der Sand in der Bucht, auf den sie traten, als sie im Laufen die Turnschuhe von den Füßen schleuderten, der warme Sand, der nach zwei schnellen Schritten ins Meer überging, ins lauwarme seichte Meer, dann in die kältere Tiefe. In der Bucht war niemand, keine einzige Yacht, wie früher, als sie noch ganz klein waren und mit VATER und MUTTER hierherkamen, im Boot. Sie bespritzten sich, tauchten und schlugen Purzelbaum, stundenlang, schrien und lachten, kehrten zurück auf den Sand, um sich trocknen zu lassen, und wenn die Haut brannte, wieder ins Meer, das sich rot färbte vom aufgewirbelten Sand.

         Die Mittagessenszeit war schon vorüber, dieser heilige Augenblick auf der INSEL. Sie lagen im Sand, völlig erschöpft. Dinka hatte einen roten zweiteiligen kleinen Badeanzug an. Ihr erster Bikini. Das Oberteil versteckte jetzt etwas. Etwas was sich im vorigen Jahr erst erahnen ließ. Zwei ganz kleine Ausbuchtungen mit hellbraunen kleinen Kreisen in der Mitte.

         Sie stützten sich auf den Ellbogen, wandten einander zu und ersannen Ausreden für ihr Nichterscheinen beim Mittagessen. Dann  stellte Dinka ein Knie hoch, der Sonne entgegen. Boris schielte nach ihrer weißen Leistengegend, die am Rand des Höschens mit kaum sichtbarem rötlichem Flaum bedeckt war. Die gespannte Sehne an der Innenseite ihres Oberschenkels. Da überkam ihn etwas, tief im Innern. Eine Wärme, anders als die Wärme der Sonne, in der sie brieten, eine Wärme, anders als die, die er Dinka gegenüber empfand, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte, eine Wärme, die ihn mit heißer Hand zu ihr hinzog … Und im gleichen Augenblick ein schneidender Schmerz.   

 

 

 

Dinko Telećan wurde 1974 in Zagreb (Kroatien) geboren, wo er an der Philosophischen Fakultät sein Studiendiplom bekam (Philosophie und Anglistik). Seit 1997 veröffentlicht er Gedichtbände, Essays, eine Reisebeschreibung über Indien und Pakistan und den Roman Der Deserteur (2013). Seine Gedichte erscheinen in zahlreichen einheimischen Zeitschriften und wurden ins Deutsche, Englische, Ungarische, Spanische und Katalonische übertragen.

Dinko Telećan übersetzte etwa 50 Bücher bekannter Autoren aus dem Englischen und Spanischen in die kroatische Sprache. Für seine Übersetzungen erhielt er mehrere Preise.

Autoren

Gewinner-Duo Ivana Sajko und Alida Bremer

Die Autorin Ivana Sajko und ihre Übersetzerin Alida Bremer erhalten für "Liebesroman" (Voland & Quist) den 10. Internationalen Literaturpreis − Haus der Kulturen der Welt 2018 für übersetzte Gegenwartsliteraturen.

Autoren

Daša Drndić (1946 - 2018)

Der Stil von Dašsa Drndic war eine einzigartige Mischung aus Fakt und Fiktion. In ihren Arbeiten vermischte sie eine nüchterne Sprache und zurückhaltend poetische Miniaturen mit historischen Tatsachen.
So auch in dem Roman "Sonnenschein", der vom Holocaust erzählt und mit Fakten und Fotos genauso arbeitet wie mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Ihr Roman "Belladonna" erschien im Februar 2018.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

Von Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander / Deutschlandfunk kultur

Berichte

Winnetou-Kulissen

Krka-Wasserfall, Zrmanja-Fluss, der Gipfel Tulove Grede: Die Drehorte von "Winnetou" sind spektakulär... Der kroatische Schriftsteller Edo Popovic hat in seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ ausführlich über seine Wanderungen in diesem Gebiet berichtet – und dem Velebit eine Liebeserklärung gemacht. Aber im südlichen Teil, dort, wo die Winnetou-Filme einst gedreht wurden, müssen Bergtouristen aufpassen.
Von Hella Kaiser / Der Tagesspiegel

Berichte

Was willst du in Senj, Thilo?

"Und du willst nach Senj, Thilo?“

Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

Berichte

Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

Andrea David, eine deutsche Bloggerin und großer Film-Fan, bereiste alle Locations in Kroatien, an welchen „Game of Thrones“ gedreht wurde.
Diese Fotos verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Grund hierfür ist nicht nur, dass die Fotografin berühmte Filmkulissen bereist, sondern diese auf eine ganz besondere Art und Weise festhält.

Berichte

Rijeka – Industriestadt mit Kultur

Rijeka in Kroatien wurde im Frühjahr 2016 zur europäischen Kulturhauptstadt 2020 ernannt.

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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