Prosa

Janko Polić Kamov: Die ausgetrocknete Schlammgrube

„Isusena kaljuza" - Die ausgetrocknete Schlammgrube - von Janko Polic Kamov (1886.-1910.) ist ein metatextueller Roman, der strukturell die Konventionen des literarischen Betriebs untergräbt und, in Vertretung, die Konventionen auf denen die Realität fußt. Charakteristisch an dieser Prosa ist der Gebrauch von konventionellen Elementen, die auf ihre mangelnde Eignung für die krisenbezogene und zwanghafte Erfahrung des Zustands der gesellschaftlichen Realität hinweisen, genauso wie sie mit den Erwartungen des Empfängers spielen.

Wir stellen Ihnen die ersten paar Kapitel aus der handschriftlichen Übersetzung von Igor Simonic vor.



AM GRUND

 

ERSTER TEIL

 

 

In einem kleinen, ausgewaschenen Fläschchen schickte Arsen seinem Arzt einige Spuckproben zur Analyse. Er hatte sich einen Lungenkatarrh eingefangen und erbrach tagtäglich ganze Dutzende gelber und fester Brocken. Für Arsen waren sie so etwas wie Korallen und Schwämme, so zerklüftet waren sie. Und über die Farbe sagte er, sie sei gelb wie ein Kanarienvogel oder Maisgrieß. Er maß all dem keine besondere Bedeutung bei und hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, dass es ein chronischer Katarrh war, den nicht einmal die Frühlingssonne würde austrocknen können.

            Denn, ja ― das Frühjahr trappelte schon mit seinen jungen, kecken, in prunkvolle Strümpfe gehüllten Beinchen. Auch im Wald sprossen die ersten Blätter, als lugten hinter einem kleinen Fenster vorsichtig kleine Näschen einer weiblichen Jugend hervor. Auch die Vögel mit ihrem kindlichen Gezwitscher trugen ihren Flug durchs Geäst wie ein junges Mädchen, das sich in sein Kleid hüllt, dabei raunt es aus all ihren Poren, dass es heiratsfähig ist. Auch die ersten Schweißtropfen äugten hervor wie Pollutionen einer heranreifenden Jugend. Arsen beobachtete all dieses Frühlingstreiben vom Himmel bis zur Erde und griff mit seinem Blick nach dem Flug der Wolken, die zerzaust vorüberzogen, weiß wie die Unschuld und voll wie Tränen. Währenddessen spuckte er gelegentlich auf die Erde, ohne all die Jungfrauen zu verschonen, die sich in die Arme der temperamentvollen Sonne warfen.  

            Arsen belächelte all dies: »Alle sagten: Das Frühjahr, das Frühjahr ― und das Frühjahr kam und alles blieb beim Alten.« Den Winter hatte er mit Lesen, Geschreibsel und Fluchen zugebracht. Der Arzt hatte ihm das Rauchen verboten, aber Arsen, kaum hatte er erkannt, dass ohne das Rauchen jede Kur langweilig ist, gönnte sich stiekum eine Zigarette, und ein Glas zieht das andere nach sich. Kurze Zeit später begann er auszugehen, anfangs taumelnd und torkelnd wie eine Dorfkalesche, aber dann immer solider und beständiger wie ein Automobil. Er trug auch einen Stock, jedoch mehr aus Nervosität denn aus Bedarf. Selbst in Kneipen begann er wieder zu gehen und fand heraus, dass das Trinken gut auf den Katarrh wirkte. Arsen unterstrich dies immer wieder mit Lust: »Na siehst du, richtig ausgeschlafen, und am Morgen hustest du die halbe Welt aus dir raus und schüttelst alles nur so aus dem Ärmel. Hauptsache, du schmeißt alles Unnötige und Faulige aus dir heraus.« Seine Trinkkumpane nickten wohlwollend mit dem Kopf und lauschten seinen schwärmerischen Erläuterungen, die so endeten: »Und was noch wichtiger ist, nach dem Trinken bekommst du Appetit, und der Appetit, meine Brüder, der Appetit ist alles!« Und ihn überbekam der Appetit - wie man so sagt - eines jungen Welpen. Das war ein großes Argument bei seiner Mutter. Und Mütter sind eben Mütter. Jeder Mutter ist das Wichtigste, ihre Kinder haben Appetit, besonders wenn sie selbst kocht.

            Überhaupt verfolgte Arsen diesen ganzen »katarrhalischen Prozess« mit großem Interesse und da er eine Art Schreiberling war, stellte er etliche Vergleiche an. Zum Beispiel: »Dort hing eine dichte und fette Wolke am Himmel, die einem katarrhalischem Auswurf ähnelte, nur dass sie weiß war.« »Und die Glocke erklang wie reifer Katarrh.« »Auch Matija Prugovečki war so aufgequollen, so als hätte er vor allen Leuten einen Hustenanfall bekommen, wo er doch nicht einmal spucken durfte.« Und wie der Katarrh, so auch das ganze Drumherum, von der Diarrhö bis zur »stitichezza«, der Verstopfung. So nannte er die Gelegenheitspoesie eine chronische Diarrhö, und für die Literatur gebrauchte er statt des üblichen »steril« lieber den Ausdruck »stitico«, verstopft.

            Aber eines Tages - so aus reinem Zufall - merkte er, dass er Blut gespuckt hatte. Reines Blut. Auch vorher kam es vor, dass die eine oder andere Spucke wie von rostigen Eisenfasern durchsetzt war, aber er maß der Sache keine Bedeutung bei. Nun war es echtes, dunkles Blut. Und in seinem Brustkorb kochte, in seiner Kehle brannte es. Er versuchte zu sprechen, und seine Stimme kam ihm ganz anders vor. Nie zuvor hatte er so einen Klang gehört. Zerbrochen, lau wie das Geräusch von Schritten auf wasserdurchtränktem Boden. Der Husten hörte nicht auf. Er wollte einatmen, bekam aber immer weniger Luft, so als vertrüge sein ganzer Organismus weder Licht noch Frische noch Gesundheit. Blut!

            Er wurde still, legte sich hin und versuchte zu schlafen. Er stand unter dem »blutigen Eindruck«, der so vernichtend auf den Menschen wirkt. Er tröstete sich nicht damit, es komme aus dem Rachen, aus dem Zahn, aus der Nase, denn er spürte sofort, dass es die Lunge war, die blutete, dass er die kalte Luft immer weniger ertragen konnte und dass er zunehmend schwächer wurde. Er war überzeugt, seine Krankheit sei evolviert, und er dachte sofort an den Tod. Er kam ihm trübsinnig vor und er bemitleidete sich selbst. Die Schwärze der Nacht heftete sich bereits an die Fensterscheiben, im Zimmer war es kalt und starr, nur in ihm siedete und kochte es.

            Am nächsten Tag ging er zum Arzt. Er war nicht erschrocken. Im Gegenteil, dieses gewisse Neue fühlend, wurde er neugierig. Der Arzt untersuchte ihn und stellte fest, dass die Lunge nicht verletzt war.

            — Da hat sich eine kleine Ader geöffnet und Sie müssen versuchen, sie nicht wieder zu reizen. Ruhe, Schlaf, möglichst keine Aufregungen. Am besten, Sie bleiben einige Tage lang im Bett und vor allem, vermeiden sie es, zu husten. Ein Schluck frisches Wasser und das da (hier verschrieb er eine Arznei), alle zwei Stunden einen Löffel. Hüten Sie sich vor plötzlichen Temperaturänderungen, und bei solchem Wetter gehen Sie lieber nicht hinaus. Warten Sie auf die Sonne...

            Die Sonne lag tatsächlich schon seit zwei Tagen hinter dichten Wolken verborgen, von welchen bisweilen kleine Tröpfchen herabfielen, so als schüttelte sie der Wind von ihnen ab. »Warten Sie auf die Sonne!« Und er beschloss, auf die Sonne zu warten. Einen Augenblick lang dachte er schon, den Sinn des Lebens gefunden zu haben. »Gegen sie ankämpfen!« Er sah den Feind und fühlte den ganzen Reiz des Kampfes. Und während er aufstand, sah er das bärtige Gesicht des Arztes an und sagte mit Nachdruck:         

            — Herr Doktor! Ich wünschte, Sie sagten mir ehrlich, ob es eine Tuberkel ist. Ich schicke es Ihnen zur Analyse... Seien Sie ehrlich. Ich bin von der Küste, ich bin kein Melancholiker. Erst wenn die Krankheit eindeutig feststeht, dann erst werde ich fest entschlossen mit der Kur beginnen und mich streng an sie halten. Verstehen Sie!...

            Er sagte noch andere Dinge. Er wollte die ganze Wahrheit, in alle Geheimnisse seines Feindes vordringen, und der Arzt hielt seinem Andrang nicht stand.

            — Schicken Sie ruhig. — sagte er.

            Und er schickte, und der Arzt sagte, der Infekt sei da. Nicht einmal da bekam Arsen einen Schrecken. Beim Gedanken daran, eine Infektion in sich zu tragen, spürte er das Neue noch stärker, noch deutlicher. Sein Feind stand zum Greifen nahe und solange er über ihn mit einer gewissen Unbeteiligtheit phantasierte, schien er ihm schauderhaft bis hin zum Entsetzen. Doch nun hatte er ihn durchschaut und nichts Schauderhaftes ergriff ihn. Der Tod kam ihm so einfach und gewöhnlich vor, so dass er sogar unversehens über seine eigenen Gedichte lachte, die sowieso nichts anderes waren als ein Aufschrei der Existenz, des Aufbegehrens, des Lebens. Aus der Ferne in den Schlund des gefräßigen Ungeheuers blickend, - erschrak er vor ihm. Der Atheist musste anerkennen, dass alles, was er mit dem eigenen Wesen verband ― das Blut, die Gedanken und das Fleisch ― ein großes Nichts war. Er wollte leben, und er glaubte zu leben. Und im Jubeln über das Leben vergaß er den Tod. Er verhielt sich wie in sinnenhafter Vergessenheit, wie die Ekstase der Masse. Er war nicht tief; er war weit. Er trieb an der Oberfläche, trieb auf sich selbst und selten, von Zeit zu Zeit und durch Zufall, tauchte er in sich hinein, um gleich darauf wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Doch jetzt war ihm klar, er hatte sich angesteckt; in ihm befand sich etwas, was sich nicht aus seinen Gedichten, seinem Lachen und seinen leichten Gesprächen herauslesen ließ. Ein Bazillus befand sich in ihm, ein zerstörerischer, vernichtender Bazillus, der Schlamm auf seine Reime und auf seine Gedanken warf. Er war nicht mehr gesellschaftsfähig, weder durfte er auf den Boden spucken, noch war es ihm erlaubt, aus einem anderen Glas zu trinken.

            So ungefähr war der Blick, den er ängstlich auf alles um sich herum warf. Aber er verlor nicht den Mut. Er fühlte die ganze Kraft seines Innenlebens, die sich um ihn selbst zu sammeln begann. Denn dies war der Schauplatz seines Kampfes, seiner Vorstellungen, seiner Erfolge und Niederlagen. Dies ist eine Krankheit, die den Menschen einsam macht, ihn aus der Gesellschaft aussperrt und dazu verurteilt, sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen.

            Erst später begann er ans Ende zu denken. Denn seine Gedanken waren nicht Harmonie, Ganzheit und Logik. Sie gingen zwar einer aus dem anderen hervor, waren sich deshalb aber nicht ähnlich. (Der Sohn ist anders als der Vater, und es gibt niemanden, der weit in die Vergangenheit greifen müsste, um das Gesetz von der Vererbung zu formulieren.)

            Lang war diese Vergangenheit. Finster, vage. Wie eine Wolke in einer Nacht mit raren Lichtblitzen. Arsen hatte noch nicht begonnen, in ihr herumzustöbern, weil er nicht methodisch und konzentriert genug war. Und die Gefühle ähnelten den Gedanken. Sie waren nicht stürmisch. Still und unbestimmt. Wie eine Wolke. Die Zukunft schien ihm ohne Trübsinn, ohne Wehmut zu sein, kurz wie der Frühling. Er dachte: Ich werde sterben, aber ich werde sterben wie ein Mensch. Und ohne jeden Zusammenhang keimten in ihm zwei Gedanken auf: »Ein volles Leben ist zwangsläufig kurz, denn es geht um dies: den Wein in einem Schluck auszutrinken und dabei die ganze Wonne des Alkohols zu verspüren ― oder immer wieder an ihm zu nippen, wie ein gutmütiger Greis und solide Mägen. Und leben heißt, die eigene Zeit verstehen, und lebte ich auch hundert Jahre lang wie ein Frater, so war ich trotzdem von Geburt an tot.«

            Seine Mutter war wie jede Mutter. Seit zwei Jahren verwitwet, lebte sie teils von der Hilfe ihres Bruders, teils von der ihres älteren Sohnes und ernährte damit auch Arsen. Einige Monate vorher hatte er seinen Posten als Handelsreisender aufgegeben und war nach Hause zurückgekehrt. Wenig später erkrankte er, und so blieb es dabei.

            Seiner Mutter konnte es recht sein. So wie es den Vater freut, den Sohn geschäftig in der Welt zu sehen, so gefällt es der Mutter, ihn ohne Anstellung zu Hause zu haben. Er war der Einzige, der sie noch brauchte und das war es, was ihr sinnloses Leben mit einem gewissen Sinn erfüllte. Eine ihrer Töchter war mit Professor Magdić verheiratet und alles andere war im Laufe dieser dreißig Ehejahre weggestorben. Und sie stellte sich in den Dienst ihres jüngsten Sohnes und beanspruchte ihn für sich selbst, neidisch auf die Frauen, Bücher und Freunde, die ihn ihr wegnahmen. Ihr Neid war eine Art arglistige Stärke, die im Zusammenspiel mit der Liebe einen Hass gebar, der voller Verleumdungen, übler Nachrede und Lügen war. Wenn er bis spät in die Nacht wegblieb, hatte sie einen Feind: Es war derjenige, mit dem Arsen sich aufgehalten hatte oder derjenige, von dem sie dachte, er hätte ihn aufgehalten. Sie dachte weder nach, noch fragte sie nach, ob es wirklich der und der sei; es reichte aus, dass ihr nur ein bekanntes Gesicht einfiel und schon würde sie die betreffende Person mit der gesamten Galle ihres uneigennützigen Altruismus bedecken.

            Arsen verstand und spürte sie. Sie hatte ihm das Leben gegeben; sie war Vergangenheit. Jetzt war sie eine Störung in seinem Leben; sie zertrümmerte ihm die Gegenwart. Sie war ihm nun überflüssig; eigentlich war sie für ihn nichts, aber für sie war er nach wie vor alles. Und tagsüber waren sie zusammen, und hier begann Arsen, an dieser extrem angespannten Disharmonie zu rütteln; gleichzeitig fühlte er ihre Liebe, die sich an seine Existenz heftete, und dieses Gefühl des Überdrusses, das mit dem fortdauernden Drang einherging, sich von ebendieser Last zu befreien. Dieser ganze Kampf wurde unterschwellig geführt und hatte nur zeitweilig die Eigenschaften eines offenen Konflikts, der sie ruinierte und ihn verbitterte. Mutter und Sohn ― Sohn und Mutter boten ein Schauspiel des brutalsten Konflikts, Neids und Hasses.

            Sein Bruder Julije war Kaufmann. Die Brüder waren in einem Verhältnis verdeckter wechselseitiger Antipathie: Sie waren sich von ihren Ideen und Neigungen her fremd, fühlten aber die Bande des Blutes, der gemeinsamen Eltern und des gemeinsamen Tisches.

            Seine Schwester Jelka sah er selten, weshalb er ihr gegenüber wohlwollender war und ihr bisweilen die weiße, schaumige Hand schüttelte, als wäre er schlichtweg angezogen von der Schönheit einer sterilen Frau, die Partnerin eines Fremden war, eines Geschichtsprofessors und eifersüchtigen Gelehrten mit fortwährend zusammengezogenen Augenbrauen.

            Jelka war schön, wohlproportioniert, schwarzhaarig. Wenn sie ging, krümmte und wand sie sich, als hätte ihr Körper gar keine Knochen. In den Duft ihrer Kleider mischte sich stets der Duft ihres Haares, und ihr Fleisch wippte wie Gelatine. Sie war nicht rotbackig. Ihr Gesicht war bronzen, als würde es von der Dunkelheit der Augen erhellt; und die Lippen stachen verdrießlich hervor, dunkelrot wie Trauben. Aber am verführerischsten waren ihre Gliedmaßen, denn wenn sie ihre Beine übereinanderschlug, ihre Knie umschlang oder ihr Kleidchen zurechtzupfte, so tat sie es mit solcher Beiläufigkeit, wie eine geborene Kokotte, die nicht einmal daran dachte, damit einen Mann anzuziehen.

            Der Professor war ihm seit jeher ein Gräuel. Er sprach gern über die Ethik, die nicht einmal von der Geschichte niedergeworfen worden war. Doch noch lieber hob er die Vernunft hervor, die darin bestand, dass du die ganze Nacht durchsumpfst, dich aber nicht besäufst. Wenn er in der Art eines Gelehrten sprechen wollte, griff er auf die Ethik zurück, und wenn er in seine Rede etwas Geist einstreuen wollte, sprach er über die Vernunft. In der Schule waltete stets eine Ethik der Vernunft, so dass er in den unteren Klassen die Schüler mit den Füßen trat, damit er sich die Hände nicht verletzte.

            Sein Onkel war ganz anders. Von Beruf Architekt, war er im Gespräch ein Rohling, der Ehefrau gegenüber ein Gendarm, in der Politk zynisch, beim Witze erzählen ohne Geist und im Leben selbst ein einziger Witz. Nicht einmal er selbst wusste, wieso er eigentlich geheiratet hatte, wo er doch unfähig war, zu lieben und keine Kinder haben wollte, während seine Frau seinen Überzeugungen zufolge eine Last war, die es zu tragen galt und für die man auch noch zahlen musste.

            Dessen Frau, die gnädige Gorup[i], wie er sie selbst nannte und auch von den anderen verlangte, sie so zu nennen, war anämisch und füllig wie ein Krug Budĕjovice-Bier, gut und weich wie ein Eierkuchen, dabei auch schön wie eine Frau, die ihren Mann liebte, der ihr bisweilen, im Banne des Weines, eine langte und sie im nüchternen Zustand vor den anderen Leuten streichelte.

            Arsen fing mit all diesen Leuten nie ein Gespräch an, das über das Essen, den Zirkus und die Politik hinausging. Über sich selbst redete er nie und über ihn hatten alle dieselbe Meinung. Kaum waren die letzten Zweifel über seine Krankheit ausgeräumt, kamen alle mit Ratschlägen angerannt, alle mit demselben Eifer und Verständnis. Doch er schüttelte nur den Kopf, griff sich eine »Gesundheitsfibel« und kaum hatte er verstanden, dass alles darin bestand: »auf die zerstörerische Wirkung der Bazillen mit ausreichender Kraft und Promptheit zu reagieren« — aß und lebte er von dem Moment an ordentlich.

 

 

I.

 

Im ersten Stock desselben Hauses diente ein untersetztes, stets lächelndes Mädchen mit verbrühten roten Händen. Dessen Backen glühten wie die einer Soldatendirne und es schämte sich wegen ihrer Freude wie Dienstmägde. Im Frühjahr trug sie einen roten Rock, der an ihr wie vor Erregung vibrierte. Arsen traf sie in diesem Aufzug und ging an ihr halb formell, halb vertraulich vorbei, nicht ohne ihr ein Witzwort zuzuwerfen. Er war nach wie vor der Meinung, dass es seine Pflicht sei, seine Pflicht als junger Mann, jede Frau, die er des Öfteren mit einer aufreizenden roten Schminke und Lippen traf, bei ihrer ersten Begegnung zu grüßen, bei der zweiten, sie anzufassen und bei der dritten, sie wenigstens zu küssen.

            ― Gut drauf, was?

            ― Nein, gar nicht.

            ― Was fehlt Ihnen denn?

            ― Ein Freund...

            Im Frühjahr geben Dienstmädchen für gewöhnlich solche Antworten. Der Hausflur lag im Halbdunkel und in diesem Halbdunkel summten ihre abgebrochenen Worte. Arsen trat zu ihr heran und umfasste ihre Schultern, die zu zucken schienen. Während er ihr ins Gesicht sah, bemerkte er gewisse Züge um ihre Lippen, die von einem verfrühten Alter zeugten und ihr ein dümmliches und ungeschliffenes Aussehen gaben. Er berührte ihre Titten, groß, ausladend wie Blasen, aber er spürte keine Lust. Sie gab sich ihm hin und zierte sich, den Kopf verführerisch zur Seite werfend. Arsen küsste nur ihr Haar und ging, über seinen lauen Kuss vergrätzt, hinaus.

            Die Luft war scharf, der Himmel glasig, mit einem letzten rötlichen Schimmer im Westen. Arsen hob den Kragen und schritt rasch die Straße hinab. Nicht, dass er andere Absichten gehabt hätte, dennoch beschämte ihn der Kuss zutiefst. »So ein Kuss! Habe ich denn eine Frau geküsst oder einen Mann? Und wir waren allein... und bedenkt man... den ganzen Winter über habe ich nicht... Ist es die Impotenz? Oder hat die Schwindsucht bereits zu wirken begonnen?... So ein Blödsinn! Was hat das damit zu tun? Oder ist es die Intellektualität? Blödsinn! Nichts als Blödsinn! Das hat nichts mit Impotenz zu tun, denn wieso erregt es mich« ― Da blieb er stehen und blickte auf die Passanten. Er dachte an seine Schwester und verscheuchte gleich den Gedanken. »Was soll das jetzt? Was?« Und geflissentlich dachte er nun an seinen Freund Nikšić, mit dem abgedroschenen Gedanken spielend, ob er ihn wohl zu Hause finden würde. »Er sagte, um sechs und jetzt ist es schon halb sieben. Sollte ich ihn nicht finden, gehe ich ihn eben im Gasthaus K lavu suchen. Dort isst er gewöhnlich zu Abend. Er hat mir ein paar Bücher versprochen. Warte... ich nehme...« Er dachte schnell, als hätte er sich verplaudert. »Und die Tochter der Trafikantin? Siehst du, warum erregt auch sie mich, ebenso wie die Schwester...«

            Da wurde er zornig und er begann zu pfeifen, mit dem Spazierstock auf den Trottoir klopfend. Er war überzeugt, dass er weder an die Schwester noch an die Trafikantin dachte und begann sich dafür zu interessieren, wie der Mensch denken kann, woran er möchte und nichtsdestotrotz sagen kann: Siehst du, an dies denke ich nicht.

            An der Straßenwindung stieß er auf einen Haufen von Leuten, die lautstark »Abzug« brüllten und sich langsam vorwärts bewegten. Arsen heftete seinen auf Blick auf ihre offenen Münder und spürte ein unangenehmes Gefühl. Er wartete, bis sie vorbeigegangen waren und sah dabei jeden an, konnte sich aber kein Gesicht merken. Seine Gedanken waren woanders, er wusste nicht einmal, wo. Und nachdem sie an ihm vorbeigezogen waren, stand er immer noch da und erst auf Befehl des Wachtmeisters setzte er seinen Weg fort und rief dabei aus voller Kehle:

            ― Das ist eine Unverschämtheit! Das ist eine Unverschämtheit!

            Wäre er wegen dieser Worte festgenommen worden, hätte er mit Überzeugung gesagt: Das habe ich nicht gerufen. Aber der Wachtmeister lief ihm nicht nach; er verharrte auf seinem Platz und schnaubte durch die Nase... Arsen ging dessen ungeachtet schimpfend weiter. Ein Herr hielt ihn an:

            ― Was ist passiert?

            ― Eine Unverschämtheit! Das ist passiert! Die Leute machen ihrer Unzufriedenheit Luft und die Polizei ihrer Rüpelhaftigkeit. Darf man denn nicht mal mehr schreien? Was darf man denn überhaupt noch? Schlucken, ja?«

            Um ihn versammelten sich einige Neugierige.

            ― Ich stand an der Ecke. Völlig friedlich natürlich ― und schaute. Ich lüge, ich schaute nicht mal. Letztlich, wieso ich dastand, das geht nur mich etwas an. Oder darf man etwa nicht mal mehr stehen? Du darfst nicht stehen, du darfst nicht schreien, was darfst du denn?

            ― Sie standen nur da ― hörte man eine Stimme. ― Das allein ist doch noch keine Unverschämtheit!

            ― Freilich ist es keine. Aber einen Menschen zu schubsen und ihm zu sagen: »Marsch!«, das mag ein feines Benehmen für einen Hund sein, aber nicht für mich.

            ― Was wollen Sie damit sagen? Niemand behauptet, das sei in Ordnung.

            ― Ach was, geschubst ― meldete sich ein Bengel. ― Mich hat er mit dem Säbel!

            ― Ah ― und der Herr entfernte sich.

            ― Ah, ah ― rief Arsen erbost und das Publikum mit ihm.

            Einige lachten und Arsen sah, dass dies am angebrachtesten war und brach ebenfalls in Lachen aus und setzte seinen Weg fort.

            Aus der Ferne waren Schreie zu hören, doch dann tauchte plötzlich eine Masse wild aufgebrachter, fliehender Hüte und Gliedmaßen auf. Ihnen nach die Wachtmeister. Im Nu war alles auseinandergegangen. Die Straßenmitte war leer, lediglich an den Türen und Fenstern sammelten sich die Leute.

            ― Was ist passiert? Was ist passiert?

            Und Arsen, in besonders guter Stimmung, begann vergnügt, mit einer Hand zu gestikulieren:

            ― Was soll schon passiert sein. Einem haben sie den Hals umgedreht, und wie viele Verwundete es gab, das wird niemand jemals erfahren.

            ― Es hat also auch Blut gegeben, ha?

            ― Blut, klar. Und sogar ein Pferd ist zu Boden gestürzt.

            ― Und der Wachtmeister ebenso?

            ― Nein, der ist in der Luft hängengeblieben.

            Einige begannen zu lachen, aber der Frager fuhr unbeirrt fort:

            ― Wie, in der Luft?

            ― Schön. In der Luft ―

            Jetzt erst begriff er und zischte:

            ― Idiot!             

            Aber Arsen sprach noch und flunkerte mit den Armen fuchtelnd, und als er sah, dass die Leute auseinandergingen, entfernte auch er sich. »Warum habe ich gelogen?«, dachte Arsen bei sich, verweilte aber nicht lange bei diesem Gedanken. »So ein Kuss! Pfui!«

            ― Arsen! Arsen! ― jemand rief ihn.

            ― Er zuckte zusammen und hatte das Gefühl, sich nicht auf den Beinen halten zu können.

            ― Arsen!

            Endlich öffnete er den Mund und gähnte zweimal, blieb aber noch nicht stehen. Doch die Schritte, schnell und kurz, waren schon näher gekommen und von jener selben Stimme begleitet, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ und seine Worte erstickte. Er wusste, es war seine Schwester. »So ein Zufall!«, hätte er zwei Stunden später gedacht, aber jetzt war er leer und ohne Lust und Urteilskraft.

            ― Bist du taub? Oh mein Gott! Wo soll ich denn hin, so allein, und sie schlagen sich?...

            ― Ja warum gehst du auch alleine hinaus? Ich habe keine Zeit, das siehst du doch. ― sagte Arsen ruhig und gab ihr sogar die Hand.

            ― Gott bist du albern! Mit wem sonst sollte ich?

            ― Du hast doch einen Mann ― gab Arsen leicht aufatmend spöttisch zurück.

            Die Schwester schwieg. Wohlwissend, dass Arsen nur allzu gut bekannt war, was das für ein Ehemann war. Denn sie hatte ihm schon einmal anvertraut, dass sie ihren Professor nicht leiden konnte. Mit Arsen konnte sie so reden. Sie hatten sich volle sechs Jahre lang nicht gesehen. Arsen war nicht einmal zur Hochzeit gekommen (beim Tod des Vaters war dagegen sie nicht erschienen). Er hatte das Haus sehr früh verlassen und war als Handelsreisender herumvagabundiert, mit allen zerstritten, weil er die Schule geschmissen hatte. Er hatte einen Skandal ausgelöst, dessentwegen sie ihn nicht zu Hause aufnehmen durften, bis er erkrankte und die Mutter ohne Grund erklärte: Entweder er kommt zurück, oder ich gehe. Besagter Skandal war eine enorme Lappalie: Er hatte auf den Namen seines Vaters eine kleine Geldsumme abgehoben, als ihn eine Nacht im Bordell des letzten Hellers beraubte. Aufgrund seines Wegbleibens von zu Hause empfand Jelka ihm gegenüber bald eine größere Nähe als gegenüber dem anderen Bruder oder der Mutter, da sie in ihm einen Menschen sah, der bereits gesündigt hatte und der am leichtesten eine Sünde verstehen würde, die aus der Not heraus begangen worden war. Deshalb verbarg sie auch den Hass nicht, den sie für ihren Ehemann fühlte, und in ihrer Äußerung schwang sogar ein bisschen übermütige Schwärmerei mit. Und diese Schwärmerei fühlte Arsen sofort, aber er schenkte ihr keine Beachtung, noch registrierte er sie.  

            ― Ein feiner Mann! ― rief Arsen aus und hakte ohne den Hauch einer Verlegenheit nach: ― Und seine Liebe reicht dir?

            Sie antwortete nicht.

            ― Sag mal ― flüsterte er. ― Du kennst mich. Du weißt, dass ich auf die Moral deines Mannes weniger gebe als auf seine Ethik. Denn mich hat nicht die Schule erzogen, mich hat das Leben erzogen. Und das Leben versteht den Menschen wie die Schule das System.

            Er sprach mit Wärme.

            ― Du weißt, was ich von der Ehe halte. Denn wenn es eine Person gibt, deren Ehe ich kenne, dann ist es deine; zumindest so gut, dass ich sagen kann: Sie ist weder etwas Heiliges noch eine Pflicht - sie ist eine Lüge. Dein Mann brauchte eine Köchin und er ist an der falschen Adresse gelandet.

            Da wurde er ärgerlich. Er konnte Professor Magdić nicht leiden wegen dessen Ethik, wegen dessen Schnurrbartes und wegen seiner Schwester.

            ― Er ist infam, weil er im Namen der Ethik einem Schüler die Hucke vollgehauen und dir das Leben in Stücke gehauen hat!«

            Sie blieb stehen und umfasste fest seine Hand:

            ― Arsen! Dir kann ich alles erzählen... Sollte es passieren, dass...

            Sie wiederholte: ― Sollte es passieren, sag mir, was würdest du...

            Arsen klatschte in die Hände: ― Sollte es passieren... dann passiert es eben! ― Er wurde ganz überschwänglich: ― Sollte es passieren, dann werde ich bei dir sein, verstehst du, und dann... dann wäre auch ich fähig, jemand das Leben zu zertrümmern...

            Hier verschluckte er die Worte, die unwillkürlich aus ihm hervorgequollen kamen. Währenddessen spürte er den überraschenden Hieb eines verführerischen Gedankens. Deswegen hörte er auch ihr Flüstern nicht, noch fühlte er ihr Zittern, das durch seinen Ellbogen lief. Vielleicht hatte sie sich an ihn geschmiegt, ihr verdatterter Atem berührte seinen Körper, und ihre Atemzüge krochen über sein verzerrtes Gesicht. Er spürte sie nicht. Als hätte er sich über seine eigenen Worte gewundert, wobei sein Mund geschlossen blieb, als wäre da noch etwas Vernichtendes, das er nicht herauslassen wollte.

            ― Was sagst du da... Ach, was bist du dumm! ― Sie sprach leise und zog ihn hinter sich her. ― Was bist du doch dumm! Was fällt dir ein! Was fällt dir ein!

            In dem Moment hörte man seine raue, wie vom Trinken durchlöcherte Stimme:

            ― Du denkst immer an weiß der Himmel was... Ich wollte sagen: Sollte dich jemand anfassen... Aber du bist frei, merk dir das...

            Er gab ihr zum Abschied die Hand, aber anders als sonst zog er sie früher zurück. Seine Hände waren unruhig, während die ihren sich von seinem Griff lösten und wegrutschten, als fielen sie herab - vor Müdigkeit.

 

 

 

 

II.

 

 

Nikšić hatte vor einigen Jahren zusammen mit Arsen die Schule geschmissen. Damals wussten sie nicht, was der wahre Grund dafür war, so dass sie alles auf die Langeweile schoben, die aus dem Mund des Lehrers scholl und aus den Ohren der Schüler widerhallte. Sie waren in gewisser Hinsicht schon zu frühreif und bejahrt für ihre Kameraden. Beide, Arsen und Nikšić, standen schon frühzeitig mitten im Leben, das erst die Abiturienten mit dem richtigen Schwung in die Hand nehmen, während ihre Schulfreunde noch immer nach Milch, Tinte und Staub müffelten. Diese waren in der Phase der Apologethik, des Homer und der Ästhetik, Arsen und Nikšić hingegen, des Gymnasiums verwiesen, traten in die Phase der Politik, der Kneipen und der Ungläubigkeit ein. Du sahst sie bei allen Debatten, genauso wie du sie auf der Messe niemals sehen konntest, was der Katechet mit Bedauern feststellte, Arsens Taufpate und der hassenswerteste Mensch, den er in seinem Leben kennengelernt hatte.

            An ihm der Schmerbauch eines Priesters und eine Affäre mit einem Dienstmädchen, die Entrüstung und das Spionieren eines Katecheten, gepaart mit dem Geiz und den Predigten eines Paten. Was das Menschliche an ihm war, kümmerte Arsen nie, er wollte es auch nicht herausfinden, denn es gibt, so sagte er, Menschen, bei denen sind selbst die Tugenden ein Makel.

            So wurde Nikšić vom Schreiber zu einer Art Inkassanten und Kontoristen, denn er war in der Tat gewandter als Arsen. Er war von ziemlich kleinem Wuchs, stämmig, bei den Frauen beliebt, im Flunkern talentiert. Schon in der Schule wusste er, wie man die Augen senkt wie eine Barmherzige Schwester und tief aufseufzt wie ein Frater. Aber was das Wichtigste ist, er schaffte es, die Schule zu schwänzen, und zwar in einer Art, dass die Seinen zu Hause ständig glaubten, was für tolle Forschritte er doch machte und ihn vor der dörflichen Jugend zum Vorbild erhoben.

            Nachdem er sich von der Schwester verabschiedet hatte, ging ihn Arsen im Gasthaus suchen, fand ihn dort aber nicht. In einer gewissen Weise tat es ihm leid. Er war guter Dinge und fröhlich. Er hatte bemerkt, in seiner Familie war irgendetwas in Bewegung ― etwas, das von seiner Schwester in Bewegung gesetzt worden war. Das Leben der Angehörigen schien ihm zu still und eintönig ― alle hatten davon eine laue Farbe und einen unangenehmen Mief ― wie stehende Gewässer. Deshalb freute er sich jetzt. Er konnte nicht ruhig bleiben, er war aufgeregt, und deswegen tat er auch keinen tieferen Blick und vergaß sogar jene Trübnis und Schwärze, die ihn vorher befallen hatte. Und er beschloss, zu warten.

            Im Gasthaus waren einige Tische belegt. Arsen ging an ihnen vorbei und blieb einen Augenblick lang bei der Wirtin stehen. Sie war so dickleibig und prall, dass es an Brutalität grenzte. Ihm schien, diese Frau könne nicht weinen, diese Frau könne kein Krümelchen Mitleid haben. Solch ähnliche Gedanken befielen ihn des Öfteren, vor allem in dieser letzten Zeit. Alle, die gesund und wohlgenährt waren, schienen ihm etwas Gleichgültiges zu haben, und er fühlte ihnen gegenüber eine Antipathie. Er hielt sich abseits von ihnen, wohlwissend, dass er in ihrer Gesellschaft überflüssig war. Und selbst wenn es in ihnen Mitleid gab, so war dieses Mitleid das Mitleid eines Zynikers. Im Gasthaus herrschte kein Lärm. Zwei Leute sprachen über Politik und warfen ständig Blicke umher, doch niemand beachtete sie. Im Eck saßen zwei junge Männer, auf ihren langen Gesichtern der Ausdruck unendlicher Langeweile.

            In dem Moment trat die Wirtin zu Arsen heran:

            ― Sie wünschen?

            ― War Nikšić schon da?

            ― Nikšić? ― und erst nach einigem Zögern und nachdem sie Arsen gut gemustert hatte, antwortete sie:

            ― Nein.

            »Er war nicht da«, dachte Arsen, »und es ist schon acht. Er kommt gewöhnlich nach sieben. Er ist bestimmt da gewesen, aber dieses ungehobelte Frauenzimmer kann sich an nichts erinnern.«

            Sie blieb trotzdem vor ihm stehen. Arsen schien, sie lachte ihn spottsüchtig aus.

            ― Und, was jetzt?

            ― Nichts! ― und er ging hinaus.

            Er war wieder wütend auf sie, auf ihre Titten, ihre Hüften und ihr volles Gesicht. Spottsüchtig begann sie in seinen Augen zu tanzen. Er schaute auf ihre kraftstrotzenden Ellbogen, ihre eisernen Fäuste und ihre schiefen Lippen. »Wie stark und widerwärtig, gesund und abstoßend muss sie doch sein.« Und hier begann er sich jede Begebenheit, die ihn mit ihr verband, ins Gedächtnis zu rufen. Sie war tatsächlich böse. Sie gab kleine Portionen aus und erhöhte je nach Gelegenheit den Preis um ein-zwei Geldstücke, schnitt kleine Brotscheiben und keifte die Gäste an, wenn diese sich beschwerten. Arsen sah nun überall ihre Lust erregendes Wesen vergrößert. Und er erinnerte sich, wie sie die betrunkenen Gäste aus dem Lokal zu werfen pflegte, häufig auch selbst halb im Suff, mit einem angestrengten Kichern, während sie sich an die Hüfte fasste und mit einem Bein in der Luft sagte: »So mach’ ich’s mit jedem!« Und wieder sah er auf ihre Ellbogen und Fäuste, die sich herausfordernd nach ihm ausstreckten. Und Arsen war schwach. Einige Stunden Gehen, und er war müde wie seinerzeit, als er vierzig Kilometer zurückgelegt hatte. Zwar brannten jetzt seine Fußsohlen nicht und er spürte auch kein Stechen in den Zehen, aber seine Beine schlotterten und etwas Schweres hatte sich auf seinen Kopf gelegt. Und sein Bauch war voll, ein einziges Durcheinander, und drückte. In solchen Situationen setzte er sich, ließ den Kopf baumeln und atmete tief und lang aus. Er fühlte eine Enge im Brustkorb, trotzdem durfte er nicht einatmen, um keinen Hustenanfall zu provozieren. Auch schlagen durfte er sich nicht. Seine Muskeln waren schlaff, matt und lahm. Und die Beine hielten den Anfällen nicht stand. Er brach förmlich auseinander und fiel. »Aber damals! Welch eine Wegstrecke und welch eine Kraft!« Dieser Gedanke betrübte ihn kein wenig. Denn gerade jetzt arbeitete er viel und ihm schien, als begriff er alles immer leichter und räsonierte immer schneller. Einen solchen Reichtum an Gedanken und Worten hatte er früher nicht. Aber das Wichtigste war, erst jetzt konnte er mit richtigem Behagen denken. »Komisch. Je schwächer, desto stärker. Dabei sagt man doch: In einem gesunden Körper ein gesunder Geist.« Da fiel ihm ein, all seine gesunden Bekannten waren eigentlich ziemlich dumm, und während er sich sein früheres Leben in Erinnerung rief, begann er über sich selbst zu spötteln.

            Auf der Straße stieß er auf den Rechtsgelehrten Jurić. Dieser trat zu ihm heran, sprach über die Verhandlungen des Tages und lud ihn schließlich zu einem »vertraulichen Treffen« ein, wo er mit großer Wahrscheinlichkeit auch Nikšić treffen würde. 

            Jurić war in den ersten zwei Gymnasialjahren sein Schulfreund gewesen. Er war naiv und gefiel sich in der Rolle des Wichtigtuers, indem er anderer Leute Meinungen nachsprach und über die Einwände einiger ganz bestimmter Persönlichkeiten lachte. Arsen war für ihn solch eine Persönlichkeit. Was auch immer Arsen sagen mochte, rief in Jurić ein quakendes Lachen hervor, wobei er sich mit einer Hand den Oberschenkel hielt und dabei den Kopf hob, mit der offenkundigen Absicht, aller Welt die idiotische Fratze seines Gesichts zu zeigen. An der Universität begann er Deutsch zu lernen und Renans »Leben Jesu« zu lesen, das selbst der Hausmeister der Universität kannte. Den älteren Kommilitonen gegenüber benahm er sich sehr achtungsvoll und bat sie ständig um Rat, was er denn lesen könnte, obwohl allen bekannt war, dass er dieses einzige Buch schon sieben Monate lang las. Auch Arsen begegnete er mit einem gewissen Respekt, weil er ihn für einen Journalisten hielt, schließlich sah er ihn überall unbeschäftigt mit einem Glas Bier auf dem Tisch. Arsen selbst fand ihn langweilig, redete aber gern mit ihm, weil er ihm die Gelegenheit bot, aus Mitleid über ihn zu witzeln. Jurić lachte über diese Spöttelei, denn er dachte, diese beziehe sich auf eine dritte Person, die er zwar kannte, aber deren Namen aus reinem Anstand nicht genannt wurde. 

            Im Restaurant war alles voll. Jemand sprach, unterbrochen von energischen Einwänden, Zusprüchen und Beifallklatschen. Auf einmal brüllte einer aus der Masse:

            ― Genug! Sollen sie’s doch nochmal versuchen! Wenn in Russland hunderte von Bomben fallen, da kann eine auch in Kroatien fallen!

            Der Sprecher fuhr mit höherer Stimme fort:

            ― Unsere Bomben sind unser Bewusstsein! ― aber jener ließ sich nicht besänftigen. Arsen konnte ihn nicht sehen, hörte aber seine Stimme, die ruppig und weinerlich war wie die Flüche eines Betrunkenen. Und ihm schien, als sähe er ihn hässlich, hungrig, von Falten zerfurcht und von der Arbeit massakriert. »Er muss entsetzlich entstellt sein, wenn im Klang seiner Stimme so viel Kraft ist.«

            ― Nein, meine Brüder Arbeiter! Unser Kampf wird friedfertig sein wie unser Gewissen. Und wer sich unserem Gewissen entgegenstellt, der wird bald einsehen, unser Gewissen ist das Gewissen von Millionen. ― Da brandeten ein Schrei und ein Applaus auf, inmitten von erhobenen, im verqualmten Licht umherfuchtelnden Händen. Arsen, erregt, unfähig, die zusammenhanglos auf ihn niederprasselnden Gefühle der Angst und der Schwärmerei zu ordnen, hielt sich am Eindruck jener Hände fest. Sie schienen schwarz und mager zu sein und stachen hervor wie die Finger einer riesigen Bestie, welche die Welt zerreißen und das Leben zerfetzen würde. Währenddessen erhob jener Schreier mit einem tiefen Atemzug seine Stimme, als bräche aus seinem Mund die Vergangenheit eines verzweifelten Trunkenbolds hervor.

            In dem Moment brach die Polizei mit riesigen Säbeln durch die Tür und forderte alle auf, »im Namen des Gesetzes auseinanderzugehen«. Arsen hörte nicht, was darauf geschah. Einige Stühle fielen um, einige Gläser zerklirrten am Boden und das Restaurant begann sich zu leeren. Drinnen blitzten noch einige Säbel und Kahlköpfe auf, welche die Tür nicht gleich zu treffen vermochten. Arsen fühlte einen herben Hieb auf seinem Rücken, doch dann drängte ihn der Ansturm der blassen und vor Wut und Angst zitternden Menschenmenge hinaus. Erst jetzt sah Arsen, wie auf der anderen Straßenseite zwei Wachtmeister eine Frau mit einem Säbel traktierten. Er schrie etwas Unverständliches und trat heran. Aber sie ließen sofort von ihr ab, denn vor der anderen Tür schlugen sich die Wachtmeister noch mit der Menge, die sich mit Stöcken und entsetzlichen Schreien widersetzte.

            ― Fräulein ― stotterte Arsen ― gestatten Sie ―

            ― Danke. ― Sie war bestürzt, fasste ihn bei der Hand und sagte rasch: »Gehn wir, um Gottes willen, um Gottes willen, gehn wir...!

            Sie entfernten sich schnell, während sie die einsamen Rufe, das Säbelklirren und die dumpfen Schreie aus der Ferne, die unheilvoll durch die Stille der Nacht strömten, hinter sich ließen. Sie hatte Quetschungen erlitten und ihre Kleidung schien wie aus Papier zu sein. Ein Ärmel hing herab und ihr Haar war schon auf ihre zusammengezogenen Schultern gefallen.  

            ― Diese Rüpel! ― stieß Arsen hervor und sah ihr ins Gesicht. Es war feucht, aber man merkte es nicht. Auch ihre Augen konnte er nicht sehen, aber ihre Lippen zitterten und auch ihre Hand zitterte.

            Er konnte ihrem Schritt kaum folgen. Sie lief hastig, wie in Panik, ließ Arsen hinter sich, so dass er lediglich sagen konnte:

            ― Wir werden sie verklagen. Ich habe gesehen ― das ist Gewalt ― ein Delikt der Körperverletzung ― es gab keinen Grund ― ich weiß es am besten, einen Grund hat es nicht gegeben ― Sie waren allein ― ganz allein. ― Und wieso auf Sie ― wieso ―

            Sie gab leise zurück:

            ― Sie kennen mich. ―

            ― Dann sind also auch Sie eine von denen?

            ― Natürlich.

            ― Ah! ― da erreichte er sie und brachte sie zum Stehen. Er blickte sie an. Ihr Gesicht hatte nichts Zärtliches und ihr Ellbogen war kein bisschen weiß. »Das ist eine Arbeiterin, die Frau eines Arbeiters oder das Kind eines Arbeiters«; dachte er, da er an ihr nicht erkennen konnte, ob sie eine Frau oder ein Mädchen war. Sie war völlig ausdruckslos. Aber sie wollte nicht stehenbleiben. Arsen suchte nach Worten, aber ein gewisses Gefühl, voller Leidenschaft und Bewunderung, wie das Jubeln des Sommers oder das Jauchzen der Sonne, bemächtigte sich seiner Gedanken. Er hätte ihr einen Kuss ins Gesicht gedrückt wie einer Frau und auf die Hand wie einem Menschen. Er könnte mit ihr liegen wie mit einer Ehefrau und mit ihr kämpfen wie mit einem Kumpel. Und in dem Moment merkte er, wie sich etwas um ihn zu legen begann und ihm an die Zunge, an die Hände und ans Gehirn fasste. Wahrscheinlich fühlte sie, dass er allzu nahe bei ihr stand und dass er sie mit allerlei Gedanken umschwärmte. Darum verabschiedete sie sich dankend und streckte sinnlos beide Hände aus.

            ― Und Sie gehen drauf ― stieß Arsen hervor ― wegen Dingen, die sich die Kultur auf die Fahnen geschrieben hat. Während die Literatur die Freiheit predigt, bekommen Sie Säbelhiebe, man zerreißt Ihnen die Ärmel und schindet Sie. Sie, eine Frau!

            Aber sie hörte ihm nicht mehr zu. Sie wollte gehen, aber er kam wieder näher, ergriff ihre Hand und sagte, zusammen mit ihr zitternd:

            ― Man hat Sie geschlagen! Sie!

            ― Lassen Sie das, um Gottes willen! ― Ihre Worte surrten wie ein unbewusstes Sträuben vor einer neuen Leidenschaft.

            ― Leben Sie wohl!

            Arsen wäre ihr am liebsten nachgelaufen, ihr zuhörend und ihren durchbläuten Körper zusammen mit ihrem zerrauftem Haar an sich drückend. Aber er ging trotzdem in die andere Richtung, und als aus einer anderen Straße eine Menschenmenge dahergelaufen kam, suchte er Zuflucht an der Tür eines Kaffeehauses. Es war voller Gäste, die neugierig in den Menschenauflauf starrte, erkennbar zufrieden mit der unterhaltsamen Szene. Aber Arsen vergaß sofort seine Leidenschaft und sein Blick verharrte auf der Feinheit ihrer Gesichter, die fein waren bis zur Leere.

            ― Das sind Arbeiter. ― erklärte einer.

            ― Und was wollen sie?

            ― Wahlrecht und Pressefreiheit ― lachten einige.

            ― Jawohl! ― fügte Arsen erbost hinzu. ― Die Sansculotten fordern nichts anderes als die Errungenschaften der Kultur, und unsere vortrefflichsten Intellektuellen dreschen mit den Säbeln der Wachtmeister auf sie ein oder mit dem Spott neugieriger Dummköpfe.

            Niemand antwortete und Arsen zog mit einer schwarzen Ironie im Gemüt von dannen. »Alles habe ich durchschaut, unser ganzes Leben habe ich durchschaut. Die Sansculotten hier und die klugen Köpfe, Literaten und Meisterdenker da!« Er war, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben, davon überzeugt, dass es alles Leute vom selben Schlag waren. Sein Groll wurde sogar ungerecht bis zur Absurdität. Er nannte sie in sich selbst mit den üblichen Namen: Das ist bestimmt ein... und ein... Denn der kaum getrocknete Schweiß und die unbezahlte Arbeit, die die Stimme des Menschen, die Stimme des Lichtes, die Stimme der Kultur erhoben, hatten ihn fest im Griff. Auch jene Frau war plötzlich erschienen, als Vertreterin der Frauenemanzipation, möglicherweise sogar ohne schreiben zu können und ohne es weiter als bis zur Volksschule gebracht zu haben. Ihm schlugen nicht mehr - wie früher - die Ideen ins Gehirn, heute Abend hatte er allerlei davon gehört, und vielleicht waren ihm ja die Ideale jener Dame in gewissen Dingen näher, aber ihn bewegten die Leute, bewegte das Fleisch und das Blut, bewegte das Leben von Millionen, bewegte die ganze Menschheit. Und mit solchen Gefühlen ging er die Straße hinab und spürte das aus einer tiefen, schwarzen, abyssalen Ferne kommende Neue. Einen Tag lang trug er es in sich, und die vielen gegensätzlichen und vermischten Gefühle ohrfeigten seine Seele. Er wollte Ordnung in sie bringen, doch es gelang ihm nicht. Er dachte, dies sei ein Wahn, der ihn mit dem Bild einer Erinnye in den Tod rief, und er konnte sich nicht losreißen. Alles zerfloss in ihm und raunte: die Schwester, der laue Kuss, die geschundene Frau, die neugierigen Dummköpfe, die schwarzen Hände, die Tuberkulose, die kräftigen Ellbogen und der Wunsch nach Wissen. All dies schlug auf ihn ein wie unermüdliche, endlose Wellen. Jenes Etwas, jenes Tiefe, Schwarze, Abyssale war in ihm, in seinem Leben, Organismus und Gehirn. Nachdenklich vergrub er den Kopf im Mantel.



[i] Gorup: einflussreiche slowenische Handelsfamilie der Jahrhundertwende, mit Niederlassungen u.a. in Rijeka und Triest.

 

 

Wir danken der Redaktion des Portals www.kamov.hr für die Zusammenarbeit und die zur Verfügung gestellten Materialien.
 
Interessierte Verlage können sich unter folgender E-Mail Adresse wenden: Alen.Kapidzic@rijeka.hr.
 

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Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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