Prosa

Janko Polić Kamov: Freiheit

Polić Kamov Janko, Schriftsteller (Sušak (Kroatien), 1886 - Barcelona (Spanien), 1910), eine außergewöhnliche Erscheinung in der modernen kroatien Literatur am Anfang des 20. Jh., chrieb Gedichte, Novellen, Romane, Schauspiele, Feuilletons und Kritiken, in welchen sein stürm. Temperament, sein unbezähmbarer Freiheitsdrang und seine Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen zum Ausdruck kamen. Er wurde einerseits von Baudelaire und den italien.
Kamov war der Ritter des Schimpfworts – ein Jüngling, der mit seinen Versen seine Zeitgenossen schockierte.



 

1

 

Achtzehn Jahre lang schlich ein schrecklicher Gedanke durch mein Gemüt, meine Vorstellungen und Gefühle. Früher erstarb ich vor ihm, wurde blaß und bekam weiche Knie vor Angst. Heute erbleiche ich, bekomme weiche Knie und sterbe vor Leidenschaft. Mein Leben befindet sich in seinem Hochsommer: Mein Temperament ähnelt dem eines Hundes, der tollwütig wurde vor Durst. Eine Wesensart habe ich in meinem Blick und in meiner Seele, einen Willen in der Imagination und in der Verwirklichung, ein Gefühl auf der Zunge und im Herzen. Würde ich ein Verbrechen begehen, dann würde ich es nicht verheimlichen; was ich auch nur denke, spreche ich aus. Alles in mir sucht nach einem Ausweg, es will einen Ausweg, und es findet ihn. Ich brause schnell auf, plötzlich, wie besessen; wenn ich streite, wenn ich trinke, wenn ich liebe, wenn ich singe. Ein Glas berauscht mich, ein Blick betört mich, eine Phrase begeistert mich. Alles ist Geschwindigkeit, Moment und Trieb. Dieses zwei Jahre währende Leben ist ein Moment: Geist ohne Prozeß, Gefühl ohne Analyse. Mein Naturell – Rebellion; meine Logik – Undiszipliniertheit; meine Philosophie – Umsturz. Pubertät! Alles ist endgültig zertreten: Güte, Heiligkeit, das Familiäre: eine Viertelstunde sich umarmen und küssen bringt mehr Genuß als alles, was mich je zu Hause gehalten hat. An der Brust des vulgärsten Weibes vergesse ich Familie, Erziehung und Scham; und wenn ich zu Hause bin, erinnere ich mich nur daran, daß ich an jeder Brust all das vergessen konnte, was mich nun umgibt, was mich einengt und verbittert. Eine Zecherei begeistert mich genauso wie eine Frau; nur verkatert kann ich Lieder singen. Ich mache keinen Unterschied zwischen einer Lyzeumsschülerin, einer Magd oder einer Prostituierten, keinen zwischen Wein, Bier oder Schnaps. Ich trinke, um mich zu betrinken, und küsse, um mich satt zu küssen. Kurzum: ich liebe alles, was mein Vater ablehnt. Er ist ernst, nüchtern, moralisch. Für ihn beginnt das Leben mit der Hochzeit, für mich endet es da. Er gibt sich der Milde, der Liebe, der Güte hin: das Evangelium; ich der Leidenschaft, der Gewalt, dem Verbrechen: Altes Testament. Sein Ideal ist Christus, der erlöst; meines ist der Teufel, der Zwietracht sät. Für ihn ist eine Prostituierte etwas Ekelerregendes, für mich etwas Prunkvolles. Er würde sagen: die Familie ist die Reaktion auf das Bordell; ich: Das Bordell ist die Opposition zur Familie. Kurzum: ich bin ein Rebell, und er ist ein Reaktionär.

Aber wir reden darüber nicht. Wenn ich eine Nacht durchzeche, dann schweigt er, runzelt seine Stirn und ist beleidigt. Ich bleibe auch eine zweite Nacht aus, und er schweigt, lächelt und geht fort. Die dritte Nacht kann ich schon nicht mehr ausbleiben ... Ich schreibe Gedichte, er Memoiren. Unsere Augen treffen sich selten; wir werden auf der Stelle unsicher und senken den Blick: er möchte mir etwas sagen und ich ihm ... Einmal verkündete er: „Es ist schön, daß du arbeitest und Gedichte schreibst, aber daß du die Nächte vergeudest, das ist ungesund.“ Und ich ärgerte mich: nur verkatert kann ich Gedichte schreiben ... Ich habe geschrieben: „Ich liebe Juden, denn ihnen gehört die Perversion der Revolte, das Verbrechen und die Sünde; der Idealismus beginnt mit dem ersten Aufstand der Engel, die Menschheit mit der Entstehung der Hölle, das Leben mit dem Mord von Kain und die Poesie mit der Entdeckung des Satans.“ Würde mein Vater das lesen, dann würde er die Arbeit loben, aber die Ideen tadeln, doch meine ganze Poesie der Lust rebelliert gegen die Arbeit ...

Achtzehn Jahre lang schlich ein schrecklicher Gedanke ... Wann habe ich ihn zum ersten Mal bemerkt? Es scheint mir so, als wäre es vor mehreren Jahren gewesen, als ich einmal im Bett erwachte und meine Augen vor dem Vater fest verschloß, der kam, um mich zu wecken. Er ging sofort wieder, aber ich ahnte, daß er alles bemerkt hatte. Vater begann mich eingehender zu beobachten ... Vor fünf Jahren kam ich betrunken nach Hause und erbrach den Wein. Vater sagte in scharfem Ton: „Ich verbiete es dir, weil es unschön ist und weil es dir schadet!“ Vor vier Jahren – als ich auf das Gymnasium ging – rauchte ich auf der Hauptstraße. Vater sagte unzufrieden: „Du rauchst und bist noch trotzig; aber Rauchen ist ungesund, und Trotz ist ein Zeichen für Böswilligkeit und Dummheit ...!“ Und so verdarb er mir den Spaß. Vor drei Jahren entließ Mutter meinetwegen eine Magd, und Vater redete eine Woche nicht mehr mit mir. Er erblickte mich in Gesellschaft eines Luders und tat so, als sähe er mich nicht. Auch ich wollte ihn nicht sehen. Hätte er mir auf der Straße ein ablehnendes Wort gesagt, es wäre mir leichter, freier und fröhlicher um’s Herz gewesen. Aber dieses Schweigen verdarb mir den Spaß. Zu Hause warf er mir mit großer Ernsthaftigkeit und Ruhe vor (während ich immer noch von ihren Küssen erzitterte): „Sie ist keine Frau für dich; sie wird dich verderben.“ Letzteres beleidigte mich. Mißmutig wandte ich mich ab und dachte: Warum spricht er überhaupt mit mir, wenn alles, was er sagt, eine Reaktion auf meine Natur, meine Ideale und meine Neigungen ist, und mein Wesen die Rebellion gegen alle seine Ratschläge, Anschauungen und Wünsche ... Einmal ohrfeigte ich einen Kameraden, der ein Fräulein beleidigt hatte. Vater sagte mir liebenswürdig (während es mir noch in der Hand juckte): „Das ist schön, du verteidigst die Ehre derjenigen, die ehrenvoll sind; doch Ohrfeigen sind nie ehrenhaft, denn sie erniedrigen sowohl jenen, der sie austeilt, wie auch jenen, der sie sich einfängt.“ Und wieder wandte ich mich verärgert ab und dachte: Ich habe mich nur angeschickt, die weibliche Ehre zu verteidigen, um eine Ohrfeige austeilen zu können, und er hat mir sogar daran den Spaß verdorben ... Vater ging sehr oft mit mir spazieren und unterhielt sich dabei mit mir, doch ich lief lustlos mit und unterhielt mich ebenso lustlos; aber ich mußte mich seinem Wunsch fügen, denn er sagte nie: „Du mußt.“ Und dann sprach er derart freundlich, daß es mir schwerfiel zu widersprechen; er trug seine Anschauungen so bescheiden vor, daß ich mich nicht traute, sie zu widerlegen ... Manchmal lud er mich zu einem Glas Bier ein, aber schon beim dritten sagte er: „Genug“; dabei schmeckten mir erst jene, die danach gekommen wären. Die ersten trank ich nur ihm zuliebe, und er verdarb mir nur die Laune ...

So hatte ich oftmals am Tag aufgrund der geringsten Anlässe Gelegenheit, mir zu wünschen, daß er nicht existiere. Manchmal dachte ich, daß ich fliehen sollte, aber nicht einmal dafür wollte er mir einen Anlaß liefern. Auf sehr liebenswerte, stille und ruhige Weise zähmte er indirekt meine Wünsche, Leidenschaften und Impulse. Und je mehr Übermut ich in mir aufkommen spürte, desto unzufriedener und stiller wurde ich ihm gegenüber. Ich schwieg und zog den Schwanz ein. Seine feine Art und seine Ernsthaftigkeit störten mich um so mehr, als sie mir keinen Grund für ein heftigeres Wort und für einen entschlosseneren Schritt gaben. Meine Offenheit und Leidenschaftlichkeit verpufften feige in seiner Anwesenheit. Immer kälter, träger und blasser wurde die Spannung meines Schwungs, meines Willens und meines Blutes ... So schlich jener Gedanke herum; und ich zog an der Seite meines Vaters immer mehr den Schwanz ein; ich folgte ihm lustlos, hörte unkonzentriert zu, antwortete gelangweilt. In seiner Gegenwart benahm ich mich gezwungen, unnatürlich und förmlich. Und dann wühlte jener Gedanke immer heftiger in meinem Geist. Mit großer Ruhe und Kälte wünschte ich mir, daß es ihn nicht mehr gäbe, daß er für immer fort sein möge. Und dabei lächelte etwas Leichtes, Freches und Freudiges in mir, um mich herum, in der Ferne. Es ging mir wie einem Eingekerkerten, wenn er den tiefblauen Himmel anstarrt und an die Freiheit denkt. Sein grauer Bart, seine tiefen Falten und sein gesetzter Schritt riefen solche fernen, blauen und unendlichen Vorstellungen hervor. Meine Augen füllten sich dann mit Seufzern, und meine Schultern durchlief ein Schaudern. Während jenes langen Schweigens, das von unseren Schritten, dem Knirschen des Sandes, dem Rauschen der Blätter und seinem schweren Atem unterbrochen wurde – sammelte sich etwas Dichtes, Prunkvolles und Verträumtes am Horizont, in der Seele, in den Augen. Wenn wir uns trennten, ging er langsam und schwermütig, umhüllt von Zigarrenrauch, fort. Und ich flüchtete zu meiner Anka, drückte fest ihre Hände und hörte, wie ihre Gelenke knackten. Jener Gedanke schlich nicht mehr herum. In der Nähe von Frauen und Wein zog ich den Schwanz nicht mehr ein. Und ich spürte, daß jener Gedanke mir in Fleisch und Blut übergegangen war.

 

 

2

 

Achtzehn Jahre schlich er ... Schon in meiner Kindheit wünschte ich mir manchmal, daß jemand stirbt, jemand, mit dem mich das Leben fest verbunden hatte. Ich wünschte mir das einfach aus Neugier, wie ich auch aus Neugier gerne zusah, wenn Frauen sich auszogen, oder wenn ich den Finger in den Darm meines Nachbarn schob. Aber die ganze Neugierde eines schwachen Kindes verwandelte sich in die mächtige Leidenschaft eines jungen Mannes. Und so spüre ich heute, da Vater schon seit einigen Monaten an Krebs, der durch den Tod kuriert wird, erkrankt ist, eine solche Wallung des Blutes, der Tränen und der Galle, daß ich hemmungslos küsse, trinke und singe. Haß, Schmerz und Lust sind in mir verschmolzen: die Wunden an Vaters Hals, durch die die Suppe herausläuft, der betäubende Geruch von Katarrh, Eiter und verdorbenem Blut, Vaters Ärger, Mißmut und Schluchzen, Mutters Sorgen, Tränen und Vorwürfe, meine Geliebte, die Orgien und Gedanken – halten mich in ewiger Extase, in Affekt und in Rage. Wenn ich mich Vater nähere, ärgert er sich, daß ich ihn alleine ließ; er ärgert sich, wenn ich lauter spreche; er verlangt, daß ich ihm laut die Zeitung vorlese, aber bei der dritten Zeile schläft er ein, und er wacht sofort auf, wenn ich mit dem Lesen aufhöre. Wenn er mich ruft, verstecke ich mich in meinem Kämmerlein. Dort schreibe ich Gedichte, und Mutter späht durch die Tür und ist entrüstet ob meiner Gefühl- und Sorglosigkeit. Vor Vater verteidigt sie mich, vor mir Vater. – „Du treibst dich mit Weibern rum, säufst mit Landstreichern, lachst, liest und schreibst, als ob im Haus nichts passieren würde. Und dein Vater liegt im Sterben. Was werden die Leute sagen? Du blamierst ihn und mich und schadest dem Ansehen unserer Familie.“

Ihr Refrain dringt in das Halbdunkel meiner Kammer ein und hallt gereizt in meinen Ohren nach. Sie versuchte mich auch früher von meinem Leben abzubringen, eifersüchtig auf den lauten Zauber der Welt, indem sie sagte: „Was wird Vater sagen?“ Heute, da ein Katarrh in Vaters Hals sitzt, sagt sie: „Was werden die Leute sagen?“

Das Haus ist voller Galle, Hinterhältigkeit und Gestank. Wenn ich zu Hause bin, darf ich nicht lachen, reden, lesen, essen ... Und wenn ich weggehe, ist es noch schlimmer. Mutter bangt um Vater und um die Leute. Sie spricht von Ansehen, Liebe und Achtung. Sie rief mir Tod, schwarze Kleidung, Trauer ins Gedächtnis. Der Tod des Familienoberhauptes erfüllt sie mit Angst: auch meinen Brüdern schrieb sie, sie mögen kommen. Große Tränen kullern über ihr glühendes Gesicht, und mir scheint, daß sie Vaters Krankheit für ihre rein mütterlichen Interessen nutzt: die Krankheit wird mich – so denkt sie – zwingen, immer zu Hause zu bleiben, meine Brüder sollen ebenfalls kommen, und dann sollen wir alle unsere Arbeit, unsere Vergnügen, unsere Neigungen aufgeben und nur noch eine Familie des Schmerzes, des Unglücks und der Intimität sein.

Die Sonne geht unter. Hinter den zugezogenen Vorhängen verschwand die letzte Flamme. Glühende Funken eines unsichtbaren Etwas prasseln auf meinen Kopf. Visionen geschmolzener Metalle, Gefühle, Vorstellungen. Die Augen aufgerissen, der Hals trocken, die Schultern lodern. Ich hatte einige Manuskripte zerrissen.

Ein Gedanke reißt mich herum, bricht mich und wirft mich um. Das ganze Haus sieht aus wie ein Kerker: stumm, mißgelaunt, mürrisch. Mutter sorgt mit Vergnügungen und Drohungen für Disziplin. Achtzehn Jahre lang brachte man mir bei und versuchte mich davon zu überzeugen, daß die Familie ein Heiligtum sei, das du nicht antasten darfst. Das war Vaters Gesetz, Religion und Moral: alles Gute geht von ihr aus, und alles Gute kehrt zu ihr zurück. Achtzehn Jahre lang schmiedete Vater die Ketten, um in dem Augenblick, in dem er schwach und ohnmächtig sein würde, starke und kräftige – und gleichzeitig gefesselte – Menschen zur Verfügung zu haben.

Und Anka wartet auf mich. Meine Geliebte verbreitet den Duft der Jugend. Ihr schwarzes Haar fällt auf die Stirn wie ein dickflüssiger Strom aus Schmalz, Mus und Likör. Die Lippen hart und klein wie bei den Marmorgöttinnen der griechischen Bildhauer. Die Augen länglich wie bei geschminkten Ludern. Die Hände weich und warm wie Federn. Ihre Röcke liegen ganz eng am Körper an. Ihre Formen sind nervös, unentschlossen ... Sie hat versprochen, heute abend in den Wald zu kommen, ein Lachen auf den Lippen, Tränen in der Brust und Leidenschaft in den Augen. Ich habe ihr versprochen, ihr meine Gedichte vorzulesen. Ich habe alle trockenen und entflammbaren Stoffe ihrer weiblichen Seele entzündet. Ich habe sie mittags getroffen und am hellichten Tag auf dem glühenden Bürgersteig angeschaut, mit einem Blick, der mich schwitzen machte und sie erröten ließ. Sie kommt aus einer achtbaren Familie, ist etwas scheu und ziemlich unschuldig. Aber vor allem leichtsinnig. Meinen Gedichten lauscht sie, ohne ein Wort zu verstehen, aber sie erspürt sie. Sie bringen sie durcheinander, so daß sie ganz schläfrig und abgeküßt wirkt.

„In dir liebe ich die Sünde und in der Sünde liebe ich dich“, sagte ich ihr vor ein paar Tagen im Park, während die Strahlen der Sonne auf die Blumen und ihre Haare fielen, und ihre Wangen erglühten vor Liebe, Sommer, Fieber und Eitelkeit ... Mit jeder Berührung unserer Knie, unseres Atems und unserer Lippen verliert sie ihre Unschuld. Ich bin der Teufel, sage ich jedesmal, wenn ich ihr schmeicheln möchte. In der Dämmerung drücke ich fest ihre Hand, und sie antwortet mir wie ein Echo.

Anka wartet auf mich. Es gibt nichts Fröhliches an ihrer Jugend, noch gibt es Anmutiges in meiner Liebe. Der Gedanke an Vater und Mutter, an die Interessen ihres Altseins, an dieses Haus, das zu einem Krankenhaus-Kerker wurde – läßt Anka, meine Leidenschaft und den Zauber der Welt größer erscheinen. Meine Gedanken sind klar. Die Gesetze des Lebens nehmen in mir und aus mir heraus ihren Anfang. Der Tod schenkt sowohl Klarheit wie auch Rechtfertigung. Warum sollte ich mich um die Folgen kümmern. Der Tod rechtfertigt auch das schlimmste Leben. Meine Entscheidung ist klar, mein Problem gelöst. Vater wird sterben – Anka wird ihre Unschuld verlieren ... An dieser Stelle rief mich Mutter herbei, damit ich ihr helfe, Vater zur Toilette zu bringen. Er hält sich mit aller Kraft an unseren Schultern fest; sein Rücken ist gebeugt, die Knie verkrampft; er drückt uns, bis es schmerzt. Er besteht nur noch aus Schweiß, Gestöhne und Gestank. Seine Unterlippe zittert, und das ganze Zimmer zittert mit ihr. Er stützt sich auf uns. Mit dem letzten Griff seines Organismus nach Leben macht er uns zu Dingen, stummer Materie, Krücken. Er weiß nicht, daß es uns weh tut, er denkt gar nicht daran, daß es weh tun könnte, er hat kein Quentchen Mitgefühl für uns. Er verfährt mit uns wie mit einem Tuch, einem Stock, mit Socken ... Wie mit Dingen, die er für seinen persönlichen Gebrauch erstanden hat. Seine gelben Umschläge reichen mir bis zur Nase. Meine Sinne sind für ihn bloße Lappen.

Wir ließen ihn auf der Toilette zurück und lehnten die Tür an. Er atmet schwer, er strengt sich an, und seine Flüche ersticken stumpf im Katarrh. Immer wieder drückt er die Augen zusammen; seine Schultern zieht er hoch bis über die Ohren. Vor lauter Schmerz ist sein Rumpf elastisch geworden. Der junge Welpe späht durch die Tür und sperrt Augen und Mund auf. Die Falten auf Mutters Gesicht sind schwarz geworden. Die grauen Haare meines Vaters zittern; Geruch von Fäulnis erfüllt den Raum. Vater kann nicht. Er zwingt sich und wird immer kleiner; sein Kinn schlägt auf die Brust; er stöhnt, schwitzt und erstickt. Mit trockenen, knochigen Fäusten schlägt er auf seine Knie. Erst jetzt sehe ich, wie dünn er geworden ist, wie er leidet und wütet. Seine Wangen sind verschmiert von dunklem Gelb. Er kann nicht. Zum letzten Mal schlägt er sich verzweifelt auf die Knie, seine Wangen werden feucht. Auf das Hemd, seine Brust und den Stein tropft Blut ... Ich wurde blaß.

Wir trugen ihn ins Bett. Der Gestank des Blutes betäubt mich; Vaters Augen öffnen sich, und trübe Pupillen stechen mir in die Brust. Ausnahmsweise muß ich ihm den Umschlag wechseln. Vater schließt die Augen. Ich entblöße seinen Hals: zwei Löcher starren mich darin an, schrecklich, wie zwei leere Augen. Ich stelle mir vor, wie Anka von Blut durchtränkt wird; ich denke an sie, und das Blut meines Vaters verfärbt ihr Bild. Ihre ganze Gestalt badet in Blut, Schmerz und Schrecken.

Es wird dunkel. Unter meinen Fingern gerinnt ein Strahl gelblichen Blutes. Jene zwei Höhlen blicken nun und – atmen. Der dichte, feuchte und fettige Gestank schläfert mich ein, betäubt mich und zieht mich nach unten. Fast falle ich auf Vaters Brust. Im Flur winselt der Hund; ich weiß nicht warum. Mutter schlägt ihn mit der Peitsche. Scharfe und kräftige Hiebe prasseln auf seine weiche, junge und pralle Haut nieder. Jene zwei Höhlen starren mich unbeweglich an: es scheint mir, als blicke ich in die Hölle. Es riecht nach Schwefel, Brand und Kadaver. Die Gerüche betäuben mich, die Klänge reizen mich; Vaters Gesicht verzieht sich; die Unterlippe wird groß, weiß und schleimig.

Etwas Schreckliches türmt sich in mir auf: die Gerüche, Farben, Klänge verhärten sich, werden steif und drücken – wie eine eiserne Faust – gegen meinen Hals, meine Brust und mein Herz. Alles ist voller Materie: sowohl das Geräusch des Peitschenhiebes als auch der Fäulnisgestank als auch die Farbe des verdorbenen Blutes. Meine Sinne sind erfüllt von Fleisch, meine Vorstellungen gefärbt von Blut. Ich weiß nicht, was ich tue. Es scheint mir, daß aus Vater, Mutter, dem Hund und mir wie in einer Metzgerei eine unförmige Fleischmasse wird. Aus den Gefühlen und Gedanken eine Lösung mit dem Geruch von Protoplasma, Blut und Müll; aus unseren Seelen eine Kloake der Fleischlichkeit.

... Als ich aus dem Raum ging, war Mutter immer noch dabei, den Hund zu traktieren. Er hatte sich in die Toilette geschlichen und Vaters Blut aufgeleckt, und unter den Schlägen wurde sein Lecken noch gieriger.

 

 

3

 

Die Sonne ist längst schon untergegangen. Ich werde nicht pünktlich kommen. Anka ist sicher schon gegangen. Beim Abschied sagte Mutter bettelnd:

„Komm sofort zurück. Er kann sterben. Ich bin allein. Weiß Gott, ob die Tante heute abend auch kommen wird. Komm sofort zurück.“

Das Weiße ihrer Augen war grau dabei.

Wir schickten meinen Brüdern Telegramme, sie mögen kommen. Mutter wollte, daß ich schreibe: „Vater liegt im Sterben.“ Sie tut alles, um uns am heimischen Herdfeuer zu versammeln. Auch meine Brüder werden kommen; gemeinsam mit Mutter werden sie mich zwingen, zu Hause zu bleiben und Anka zu vergessen.

Meine Sinne sind noch erfüllt von Vaters Blut, seinen Wunden und dem Ekel. Das Schnalzen von den weichen und fettigen Peitschenhieben klingt in meinen Ohren. Alles treibt mich in die Arme meiner Geliebten. Sofort, jetzt, solange ich noch erfüllt bin von kranken Gerüchen und Grausamkeit. Vater bog sich unter meinen Händen, und ich dachte nicht einmal daran, daß ihm dies Schmerzen bereiten könnte. Auch meine Schultern bogen sich unter seinen Fäusten, ohne daß er ahnte, daß es schmerzhaft sein könnte. Mutter schlug den Hund bis auf’s Blut, denn er trank das des Vaters ... Wahrlich eine wunderliche Geschichte, die ich meiner Geliebten zu erzählen habe! Es dürstet mich so fürchterlich. Ich werde sie grauenvoll erschrecken, daß sie vor Entsetzen und Anämie zugrunde gehen wird. Meine Worte werden Angst um sie haben und ihr Blut aufsaugen. Das Leben ist blutrünstig.

Der Wald ist schwarz. Eine Lampe leuchtet schwach; der staubige Weg schimmert weiß wie ein Nachtgespenst zwischen dichten Reihen aus Bäumen und dem Dunkel hervor. Und der ohnmächtige Himmel erwartet ein Verbrechen. Sie jetzt sehen! In einem weißen Kleid! Und das Weiß ihrer Kleidung, ihrer Seele und ihre Jugend mit Blut beflecken.

Und sie ist nicht da. Sie antwortet nicht. Umsonst! Ich rief, ich suchte, ich brüllte. Das Dunkel schluckte meine Stimme und meine Blicke. Wenn ich sie doch jetzt nur fände. Jetzt, da sie mich so aufgereizt, verärgert und provoziert hat. Jetzt in der Einsamkeit im Dunklen. Jetzt, da Vater mein Feuer entfacht und mein Blut in Wallung gebracht hat. Vor wem müßte ich mein Verbrechen verantworten? Nicht vor dem Vater, er liegt im Sterben. Wohin würde mich das Verbrechen führen? Nach Hause sicherlich nicht.

... Ich ging auf der Suche nach ihr auf der Hauptstraße spazieren. Ich trat unter ihre Fenster. Da steht sie in einem derselben. Ob sie nach unten kommen würde? Sie entschuldigt sich. Wir spazieren die lange Allee entlang. Sie redet und redet. Ich höre ihr nicht zu. Wir gehen immer weiter, dorthin, wo es weniger Licht, weniger Straßenlaternen gibt.

Wie oft konnte ich mich nicht zu einem derartigen Schritt entschließen: ein anständiges und unschuldiges Mädchen zu verführen mit der einzigen Absicht – sie zu verlassen. Die Rücksicht auf menschliche Heiligtümer und ihre Bejahung war nichts weiter als die Geringschätzung und Verachtung meiner Natur und meiner Überzeugungen. Meine Erziehung war in diesem Falle stärker als mein Instinkt; die Familie stärker als meine Individualität. All das waren die schrecklichen Netze meines Vaters. Seine Güte, Feinheit und Liebenswürdigkeit hinderten mich an einem solchen Schritt, der für ihn böse, primitiv und bestialisch wäre. Aber seine schleimigen, großen und weißen Lippen, die Gruben in seinem Hals, der Gestank von Blut und Fleisch, der verzweifelte, unbewußte und animalische Druck seiner Hände, seine Ignoranz gegenüber meinen Sinnen, seine Mißachtung meiner Gefühle und seine Geringschätzung meiner literarischen Arbeit – hat mich all das nicht endlich befreit? Der gute, feine und liebenswürdige Vater hat sich vor seinem jüngsten Sohn entblößt und seelenruhig zugelassen, daß die Sinneswerkzeuge seines jüngsten Kindes dem Ekel und der Grobheit des Organismus ausgesetzt werden.

Ich schreckte auf und blickte Anka an. Sie führt mich zurück. Wütend drücke ich ihre Hand.

„Wieso gehst du zurück? (Sie versucht sich loszureißen.) Warum gehst du zurück?“

Sie schaut mich mißtrauisch an und weicht aus:

„Du schweigst die ganze Zeit. Du bist heute so grob.“

„Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Mein Vater liegt im Sterben.“

Es war dumm von mir, das zu sagen. Sie wundert sich:

„Und du, du läßt deinen Vater ...“

Ich begann sie leidenschaftlich zu hassen. Ich fasse ihre Hände und flüstere dumpf:

„Schweig. Schweig. Kein Wort mehr. Deinetwegen. Verstehst du.“

Ich zerre sie an eine dunkle Stelle. Sie versucht sich loszureißen. Tränen fließen. Ihre Gelenke knacken.

„Vater! Dein Vater!“

Meine Kräfte lassen nach. Ich begann meinen Vater zu hassen. Ich wünschte ihm den Tod. Ankas Zunge ist voller Gift und Narkotikum ... Sie weicht zurück. Ich halte mich hinter ihr.

Ich weiß nicht, ob ich Anka zu ihrer Wohnung begleitete. Ich eile irgendwohin, hetze und stolpere. Es gibt niemanden, der mir sagt: du Flegel! Und ich warte nur darauf. Ich kenne nur meine Wut und meinen absurden Wunsch, daß mich irgend jemand Flegel nennt.

Ich betrat ein Bordell. Zora winkte mich hinein. In mir war die Leidenschaft erstorben. Ich tränkte sie mit Bier, und dann zogen wir los. Ich bot ihr ziemlich viel Geld. Sie legte sich bäuchlings hin. Wir quälen uns beide schrecklich. Es ist das erste Mal, daß sie den Schmerz und den Mann spürt ... Aber ich lasse mich mit Macht auf ihren Rücken fallen und fange an zu schluchzen. Ich ekle mich vor mir selbst. Ich kann mit ihr machen, was ich will ... Und das, was ich aus Trotz und Wut wollte ..., das konnte ich nicht ... Meine Freiheit ist käuflich. Ich zog los, um sie im Bordell unter den Sklaven zu suchen ... Ich ging.

Laternen, Sterne und beleuchtete Fenster ermüden meinen Blick. Ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, aber da ist nur Schweiß, lautes Rauschen und Beklemmung. Siehe da! Der heutige frühe Abend und die Ekstase meiner Sinne kehren wieder zurück ... Ein großer Seufzer der Lust und der Freiheit dringt durch das Rauschen, durch den Himmel und durch die Bilder meiner Phantasie. Der blutige Atem strömt aus Vaters Fleisch hervor und stürzt eingedickt auf das Weiß meiner Liebe. Mir ist bewußt, was ich kann. Auf den Blüten, auf den Blättern, auf dem Gras funkelt roter Tau, und die große, eisige Sense des Todes fährt über die Wiesen ... Warum habe ich Anka nicht umgebracht? Meine Worte haben mir das Blut ausgesaugt.

Kann ich jetzt nach Hause gehen? – Etwas Riesiges hauste in mir, was nach einem Ausweg suchte. Doch nun ist es, als wäre nichts geschehen und als gäbe es nichts in mir. Ich rufe meine Verse zur Hilfe, die Visionen meiner Phantasie, die Illusionen meiner Vorstellungen ... Das Haus begeistert mich schon lange nicht mehr – das Bordell hat die Freiheit entwürdigt ... Und dort konnte ich das, was ich wollte ... etwas Unnatürliches, aus Trotz, Wut, Neugier ... Das, was ich wollte – das konnte ich nicht ...

Die Nacht stürzt den Abgrund hinab. Unsere Erde ist eine Schlucht. Die ganze beleuchtete Stadt erinnert an ein aufgerissenes Auge, in dem Fliegen sich tummeln und Würmer herumkriechen. Und auch der Himmel ist ein solches Auge voller Sterne. Und wo ich auch hinblicke, sehe ich Höhlen. Und meine Seufzer flattern nur so um das Loch, das feucht ist, dunkel und unendlich.

 

 

4

 

Gestern abend kam ich leicht angetrunken, aber bei vollem Bewußtsein nach Hause. In der Toilette übergab ich mich. Meine Mutter benetzte mich mit Wasser und Tränen. Ich sagte:

„Ich habe getrunken. Warum hast du mich Vaters Umschläge wechseln lassen? Warum mußte ich seine Wunden sehen? Ich habe aus Verzweiflung getrunken. Mir ist übel geworden, deshalb habe ich getrunken. Ich habe getrunken, und mir wurde wieder übel.“

Heute bin ich zu Hause geblieben. Daß mir vom Schnaps schlecht wurde, macht mich mehr als alles andere kaputt. Das ist in meinem Alter ebenso deprimierend wie bei einer nackten Frau nicht zu können. Es beschämt mich. Aber vollständig am Boden zerstören würde es mich, wenn meine Freunde davon erführen: Ich war immer stolz darauf, daß mir vom Trinken nicht schlecht wird.

Recht zuvorkommend, still und bescheiden helfe ich meiner Mutter und pflege meinen Vater. Vater schaut mich bisweilen an, und sein stummer Blick bleibt in der Luft hängen. Durch das Fenster schleicht sich die Sonne, und die roten Strahlen gleiten über das Parkett und reichen bis zum glänzenden Bett. Vater will etwas sagen, aber dann senkt er sofort traurig Kopf, Lippen und Wimpern. Und die Sonne strahlt immer lustiger vom Himmel und über das Parkett, über meinen verkaterten Kopf und über meine traurigen Gedanken. Ich glaube, ich bin jetzt beinahe selbst davon überzeugt, daß mir der Schnaps nicht schlecht bekommen ist. Die Tante ist gekommen, und ich küßte ihr dreimal die Hand. Ich begleitete die Milchfrau bis zur Tür, und in Gedanken küßte ich ihre blonden Haare und die gesunde Röte ihrer Wangen und ihres Kopftuchs. Ich blicke durch das Fenster, und die Passanten hinterlassen den angenehmen Eindruck von Bewegung. Im Nachbarhaus erscheint ein Mädchen und lacht über meine Blicke. Ich sehe sie durch das Fernglas, und doch – ihre Zähne bleiben weiß. Anka habe ich vergessen. Ich werde ruhiger, achtsamer und schlauer. Mutter hält mich jetzt für einen überaus empfindsamen und gefühlvollen Sohn. Ich habe sie überzeugt, und ich werde sie weiter überzeugen ... Es wäre schlimm, wenn sie auch nur denken könnte, daß der Schnaps schadet. Sie könnte dann erfolgreich gegen meine Zechereien agitieren, indem sie vor meinen Freunden darüber reden würde.

5

 

Heute nach dem Mittagessen überkam mich eine unbestimmte Trauer, und ich schlummerte auf dem Stuhl ein. Im Halbschlaf sah ich Vater, wie er mich geheimnisvoll einlädt, ihm zu folgen. Er lächelte traurig und spöttisch und wies auf das Meer, die Inseln und die Dämmerung. Dann ging er und verabschiedete sich mit einer Handbewegung.

Als ich aufwachte, stimmte der Traum mich nachdenklich, weil ich keine Verbindung zwischen ihm und den Ereignissen entdecken und keine Erklärung finden konnte. Auch jetzt, im Wachzustand, macht mich der Traum nachdenklich. Er ist so einfach und bedrückend: Das Meer ganz weit, grau und tot; die Inseln wie vereiste Barken, auf denen alles ausgestorben ist, außer einem Hund, der wie eine Totenglocke das Ableben seines Herrn und Ernährers meldet. Diese tote und graue Landschaft beeindruckt mich in hohem Maße. Ein tiefer Frieden legt sich auf meine Seele. Es berührt mich, daß mein Erbrechen mich zerstörte und beschämte und all die Leiden des Vaters und der Mutter und meine verbrecherischen Gedanken mich emporhoben und erhitzten. Durch diese Stille meines Geistes und meiner Umgebung erkenne ich ganz deutlich, woraus die Ketten bestanden, die mein Vater schmiedete, und die Freiheit, nach der mein Organismus verlangte. In Vaters Anwesenheit konnte ich alles, nur keinen Trieb verspüren; Ohnmacht lähmte meine Gedanken, Gefühle und Glieder. Seine Güte, Liebenswürdigkeit und Feinheit waren unvereinbar mit meiner männlichen Reife. Das Gefühl der Verlegenheit und der sexuellen Ohnmacht entstand schon bei dem bloßen Gedanken an meinen Vater, der von meinen Erlebnissen erfahren und darüber ein Gespräch führen wollen könnte ... Und seine tägliche Anwesenheit, seine Blicke und die Gespräche mit ihm bedeuteten nur die Verhinderung und die Zerstörung des Wachstums und der Blüte meiner Ideen, die nur in weiter Entfernung von ihm hervorsprudeln konnten. Ja mehr noch: Ich konnte meinem Vater nicht einmal sagen, daß das mein Bedürfnis war, von Fragen nach seiner Jugend ganz zu schweigen. Und all unsere Gespräche gingen bedrückt über den Gegenstand hinweg, der vielleicht die einzige drängende Frage in meinem Leben war und die Ursache für unsere Antipathie. Und als ich ihn krank, schwach und degeneriert sah, brachte mein Gedanke, der achtzehn Jahre lang herumgeschlichen war und den Schwanz eingezogen hatte, plötzlich meinen ganzen Organismus auf Trab ...

Es ist sagenhaft; es entzückt mich und macht mich nachdenklich; es scheint mir, daß ich eher Vaters Begräbnis als ein Rendezvous verpassen könnte. Und gegen dieses Gefühl kämpfe ich nicht an. Aber heute begeistert es mich auch nicht mehr so wie gestern. Und das, was, während ich darüber nachdenke, daran so sagenhaft ist, wird ganz natürlich, wenn ich es zu spüren beginne.

Und es beschämt mich auch nicht, daß es unanständig, blamabel und verbrecherisch ist; daß es bestialisch, wild und vollständig verdorben ist. In mir gibt es keinen Kampf zwischen Gut und Böse, aber zur Zeit begeistert mich auch das Böse nicht. Jenes Erbrechen, das mich so am Boden zerstört, beschämt, ja mein Gewissen belastet hat, macht aus meiner ganzen Begeisterung eine naive Illusion. Und es scheint mir, daß auch mein eigener Vater darüber traurig und spöttisch lachen würde, genauso wie über jene tote Landschaft. An der Schwelle zum Tod – was ist all das schon für ihn? Sowohl seine Ratschläge wie auch Mutters Tränen und mein Erbrechen ...

– Er atmet schwer – flüsterte Mutter. Ich spürte ihre Hände an meinem Rücken, und wir fuhren beide zusammen. – Er wollte, daß die Tante das Zimmer verläßt ... Heute abend kommen deine Brüder, aber er fragt nur nach dir.

Ich verließ langsam den Raum. Die ungewohnte Stimme meiner Mutter verwirrte mich und machte mir Angst. Mir kam der Gedanke, daß sich Vaters und mein Blick treffen würden.

Die Sonne leuchtet gelb, und der ganze Westen ist in dichtes Licht getaucht. Die Fensterscheiben reflektieren das Spiel der Farben wie Kerzenlicht vor einem Spiegel. Mich überkommt die Neugier: Vater fragt nach mir. Was wird er mir sagen? Was hat er mir mitzuteilen? ... Ich werde seine Hand küssen, wenn ich sehe, daß er stirbt ... Und die ganze Umgebung redet mir zu, daß etwas Heiliges, etwas Großes und Alltägliches vor sich geht. Der Hund legte sich unter den Tisch, und die Fliegen hörten auf zu summen. Mutter zog an meinem Ärmel, dann küßte sie mich. Mir kamen die Tränen. Ich habe den Eindruck, daß Fliegen in meinen beiden Augenhöhlen herumtrippeln und durch meine Knochen kriechen träge die Würmer ... Ich betrete Vaters Zimmer mit großer Neugier. Wir drei bleiben allein. Er wird etwas sagen, denke ich, und warte ruhig. Die große Stille bringt tatsächlich etwas Heiliges, Großes und Herrliches mit sich. Mutter und ich warteten aufmerksam. Vater spricht nur mit Gesten: Soll ich die Tür schließen? Wir schlossen die Tür ... Sollen wir ihn anheben? Er deutet auf das Nachtschränkchen: das Buch? der Rosenkranz? ... Ich begreife nicht. Fragend blicke ich Mutter an. Mutter verstand sofort und stellte den Nachttopf ans Bett. Aber Vater spricht: Möchte er sich aufrichten? Ja. Wir fassen ihn unter und richten ihn auf. Ich schiebe den Nachttopf unter ihn. Ich denke nicht: Ist es das, was er mir sagen wollte? Vater steht gerade, sieht jetzt größer aus. Aber plötzlich – ich trat einen Schritt zurück. Mutter hielt ihn mit all ihrer letzten Kraft. Er reißt seine Augen so schrecklich weit auf, als ob er durch sie sprechen wollte. Ein kurzer, verwunderter, unbegreiflicher Blick, und Vater fiel tot auf das Bett.

 

 

6

 

Eine halbe Stunde später fingen wir an zu streiten, meine Mutter, meine Tante und ich. Die Tante hatte nach dem Priester geschickt, aber ich sagte, daß ich ihn rauswerfen würde. Ich begann zu spüren, daß es an mir war, die Überzeugungen und die Ehre meines Vaters zu verteidigen. Die Tante gehört einer Kongregation an. Sie behauptet, daß sie diejenige sei, die das Ansehen des Hauses zu bewahren habe. Sie grämt sich unsagbar, wohl deshalb, weil Vater sie aus dem Zimmer bitten ließ, und weil der letzte Wunsch des Verstorbenen ein Nachtopf und nicht das Sakrament war. Ich sehe ganz klar, daß die Tante Einfluß auf unsere Familie zu nehmen versucht, einige Rechte an sich reißen möchte; zumindest ihren Teil davon. Es gibt soviel Gier und Eigeninteresse in ihrem Eifer, daß ich den Eindruck habe, sie will nach meinem mir rechtmäßig zustehenden Erbe greifen. Mutter weint nur und verzweifelt vor allem, weil ich nicht will, daß der Priester kommt, und nicht so sehr, weil Vater gestorben ist. Den Toten haben wir allein gelassen. Die Tante droht und schreit mit voller Stimme, daß sie nichts tun, daß sie keinen Finger krumm machen werde, wenn nicht zuvor der Priester käme. Sie begann sogar, mich hinausschicken zu wollen: Ich hätte die Würde des Verstorbenen verletzt, denn ich hätte gesoffen, während er im Sterben lag; mein eigener Vater wäre mir peinlich gewesen, als ich mich mit leichten Frauen rumtrieb. Erst jetzt begann ich, für den Verstorbenen Liebe zu empfinden, und im Wortgefecht mit der Tante kam ich zu der Überzeugung, daß ich ihn mehr geliebt hatte als jeden anderen.

„Er hat nach mir gerufen“, stelle ich gehässig fest, „und nach dir hat er nicht einmal gefragt.“ Das befriedigt auch Mutter. Sie billigt es, sie wird lebhaft: Der Tote hat der Familie den Sohn zurückgegeben. Mutter küßt mich leidenschaftlich, weint und führt mich in Vaters Zimmer.

„Er gehört uns“, so scheint mir Mutter sagen zu wollen. „Er gehört mir“, so scheine ich siegesgewiß zu antworten. „Wir werden sehen“, so scheint mir die Tante verbissen zuzuflüstern. Und das aufkommende Schweigen, und die Bosartigkeit, die nicht reden kann, die Interessen, die immer intensiv arbeiten – entwickeln einen stummen Kampf um eine Leiche, und jeder schmeichelt der eigenen Selbstverliebtheit; uns wird bewußt, daß wir gewisse Ansichten und Überzeugungen haben, die wir am Körper, der schon zu stinken beginnt, zum Ausdruck bringen wollen und müssen.

In mir entsteht etwas Neues. Mit Vaters Verwesung beginne ich eine immer leidenschaftlichere Liebe für ihn zu empfinden. Die Selbstachtung, der befehlshaberische Tonfall, das freche Sich-Hervortun meiner Tante rufen in mir meine Sohnespflichten, -rechte und –gefühle, meine jugendlichen Eigenschaften wach – Entschlossenheit, Energie und Trotz ... Ich ging zum Arzt, zum Bestattungsinstitut, ich schickte Telegramme an die Verwandten ... Innerhalb einer Viertelstunde war alles erledigt und ich kehrte voller Entschlossenheit, Elan und Kraft zurück – um zu demonstrieren, daß ich hier der Herr war.

Als ich nach Hause kam, sah ich einen Ordensbruder; ich eilte zur Eingangstür, wartete auf ihn und sagte:

„Er hat Sie nicht gerufen.“

Die Tante öffnet die Tür. Der Frater lächelt. Ich bin bereit, ihn die Treppe hinunterzustoßen, aber er behauptet, daß er gerufen worden sei. Ich lasse ihn großzügig passieren und rufe ihm hinterher:

„Ach, machen Sie schon. Die Toten gehören Ihnen. Während er lebte, glaubte er an Gott, nicht aber an die Popen; und die Klosterleute hat er verachtet, weil er ein arbeitsamer, moralischer Mensch und ein Mann von Welt war.

Doch die Tante übertönt mich. Das neue Gefühl setzt sich fest und entwickelt sich. Die Tatsache, daß der Priester gekommen ist, obwohl ich es verhindern wollte, daß alles doch so geschah, wie meine Tante es wollte, fordert meine männliche Eitelkeit, Ehre und Natur heraus. Zum ersten Mal im Leben empfinde ich, daß auch ich gewisse Ansichten habe, die ich durchsetzen muß. Hinzu kommt, daß mir die Rolle gefällt, der Verteidiger meines verstorbenen Vaters zu sein.

Die Tante sagte: Du hast gesoffen, als er im Sterben lag, und ausgerechnet du sorgst dich um sein Ansehen. Und auf diese Art glaubt sie, mich entwaffnen zu können. Aber kann ich wirklich über Moral sprechen? Und darf ich zeigen, daß mein Reden purer Trotz ist? Auch die Tante hat ihren Wunsch, zu bestimmen, zu beraten und zu verfügen mit Religiosität bemäntelt ... Bin ich dabei, meinen Trotz hinter überzeugtem Auftreten zu verstecken? Es scheint mir so, als verwandele sich der Trotz tatsächlich in eine ... Überzeugung. So viele Worte liegen mir auf der Zunge, so viel Begeisterung strömt in meine Brust, so viele Ideen in mein Gehirn.

Der Arzt kommt. Er untersucht den Toten und stellt seine Diagnose. Ich stehe ihm zur Verfügung, führe ihn in mein Zimmer, damit er sich waschen kann, gebe ihm ein sauberes Handtuch, reiche ihm seinen Hut, verbeuge mich und bringe ihn zur Haustür. Dabei bedanke ich mich im Namen aller für alles ... Meine achtzehnjährige Jugend genießt unendlich diese eigene Liebenswürdigkeit, mit der sie über wichtige Dinge spricht, mit gebührender Pose und mit tadellosem Benehmen, herausfordernd, und sie reibt der Tante zugleich vornehm unter die Nase: dem Arzt gegenüber habe ich genausoviel Feingefühl an den Tag gelegt wie dem Frater gegenüber. Ich habe den Arzt mit größerer Hochachtung empfangen als sie den Priester. Allerdings. Auch ich bin eine unabkömmliche Person in der Familie und bei diesem großen Ereignis. Und darüber hinaus noch viel mehr. Als ich den Arzt empfing, schien es mir, als führte ich damit die Rebellion gegenüber der Rückständigkeit, der Ignoranz und gegenüber meiner Tante ins Haus ein, die an Vaters Totenbett so viele Beschuldigungen, Bosartigkeiten und Verleumdungen gegen seinen Sohn ausgesprochen hatte. Und ich war das Einzige von seinen Kindern, das bei ihm war. Meine Brüder kommen erst jetzt. Ich höre den Wagen. Da sind sie!

Wie mein Kopf aufklart. Wie heiter werden mein Horizont, meine Pflichten und Gedanken. Achtzehn Jahre lang schlich ein ... Und ich hatte immer wieder den Schwanz eingezogen. Und mich ab und zu gewehrt. Aber jetzt – kein Schwanz mehr.

Es gefiel mir sehr, die Rolle des erwachsenen Mannes zu spielen: obwohl der Jüngste von allen, werde ich einmal über Vaters Krankheit, seine Schmerzen und sein Leben verständig und aus Erfahrung sprechen können. Denn meine Brüder waren nicht da, und meine Mutter kennt sich weder in der Politik noch in der Literatur noch in der Medizin aus.

Ja. Da sind sie. Meine Brüder werden weinen. Ich werde sie trösten; ich werde sagen: es ist besser so. Hättet ihr sein Leiden miterlebt, dann würdet ihr jetzt aufatmen! Jetzt ist es leicht für euch zu klagen und zu weinen.

Ja, da sind sie. Zwei sind gekommen. Der dritte hat es nicht geschafft. Er ist im Ausland. Ich habe Mutter verboten, ihnen entgegenzugehen. Du wirst weinen, sagte ich, und es wird für sie noch schlimmer sein. Und im Stillen denke ich: Ich werde ihnen alles erklären. Schön, ruhig, nüchtern. So viel Liebenswürdigkeit, so viel Güte, so viel Feinheit in jeder meiner Bewegungen, in jedem meiner Gedanken, in jedem meiner Worte. Vater verteidigen und die Brüder trösten! Ach! In was für einem strahlenden Licht erschien mir der Verstorbene. Meine Brüder werden es nicht begreifen können: sie erlebten ihn nicht in dem Zustand. Aber ich! Ich sah die zwei Löcher, durch die die Suppe herauslief; auf der Toilette strengte er sich so an, daß das Blut auf den Steinboden tropfte, und der Hund leckte das Blut auf. Während ich in die zwei Höhlen blickte, aus denen die Hölle hervorquoll ... Was werden sie mir schon erzählen können? ... Da, sie bleiben stehen ... Sie trauen sich nicht in die Wohnung; schon hier verläßt sie die Kraft! Wie würden sie sich erst verhalten, wenn sie gesehen hätten, was ich sah! Und was werden sie mir erzählen? Über Trinkgelage, Weiber, Erbrechen ... Aber über Krebs, über Krebs, über Krebs !!! Über den Zerfall, über Fäulnis, über Löcher! Und was bedeutet schon der ganze Genuß im Vergleich zu einem Augenblick des Schreckens!?

Meine Brüder. Meine Brüder, kommt an meine Brust! Heldenhaft.

 

 

7

 

Meine Brüder haben bemerkt, daß ich mich im Lauf des Jahres verändert habe. Ich rede selbstbewußt und drücke mich gewählt aus. Ich erkläre ihnen ausführlich, wie die Krankheit verlaufen ist; wie der Katarrh Vater allmählich erdrosselt hat und wie es deshalb früher mit ihm zu Ende gegangen ist. Wie der Krebs bis heute unheilbar und unerklärlich geblieben ist ... Heute habe ich sogar, während alle schliefen, die Häusliche Hygiene zur Hand genommen und einige Male eingehend das Kapitel über Krebs studiert. Auch seelische Leiden – so der Autor – rufen Krebs hervor. Krebs – sagt er weiter – wird nicht vererbt ... Das ist sehr wichtig für mich. Jetzt kann ich verständiger über diese Krankheit sprechen und Vaters Gestalt imposanter erscheinen lassen. Vor meinen Brüdern hebe ich seine Liberalität hervor, seine Bildung und weiter die seelischen Kämpfe eines Familienvaters, der sich mit dem Problem von Freiheit und Disziplin in der Erziehung herumschlägt. Ich erkläre seine Tragik: so freundlich, gütig und anständig, und dann muß er ausgerechnet an dieser schlimmsten aller Krankheiten sterben, sich dabei wie Noah vor den eigenen Kindern entblößen, und er – ein Mann der Ideale – wünscht sich im letzten Moment – einen Nachttopf.

Meine Brüder blicken mich mit Hochachtung und Begeisterung an, und ich zeichne den Verstorbenen in immer größerem Licht. Am Ende füge ich hinzu:

„Seine Krankheit kam so unerwartet und bar jeder Logik wie ein Deus ex machina, der in unserer modernen Tragödie auf der Bildfläche erscheint, um den Knoten durch Krankheit und Tod zu lösen.

Und mit derartigen Worten, die mir Bedeutung verleihen, halte ich einen Nachruf auf meinen Vater, und ich genieße die Bewunderung, die durch meine Würdigung ausgelöst wird.

Meine Brüder schweigen. Sie beschäftigen sich nicht mit Literatur. Ich fühle, daß ich nun die zentrale Person im Haus bin. Die kurze Notiz über Vaters Tod für die Zeitung ist mir anvertraut worden. Den Brief an die Verwandten habe ich verfaßt. Sie haben nur ihre Unterschrift gegeben. Selbst die Tante war damit einverstanden.

... Ich bleibe alleine. Morgen wird die Beerdigung sein. Unwillkürlich erinnere ich mich an Anka. Dann überkommt mich plötzlich ein schwarzer Gedanke: Morgen werde ich in Trauerkleidung hinter dem Sarg herschreiten müssen ... Was, wenn ich mich dem widersetzen würde?

Das macht mich mißmutig. Ich habe stets über Formalitäten gespottet; wenn ich mich ihnen unterwerfe, werde ich mich selbst lächerlich machen. Das macht mir solche Sorgen, daß ich aus der Höhe, zu der ich mich emporgeschwungen habe, hinabstürze. Ich ärgere mich wieder, ich quäle mich und schwitze: Was werden meine Freunde sagen? Einmal haben wir einen Kameraden ausgelacht, der von seinem Vater viel Geld geerbt hatte, uns zum Wein einlud und bei der Gelegenheit eine schwarze Binde am Arm trug. „Das ist wegen der Leute“, rechtfertigte er sich. Ich stürzte mich als erster auf diese Rechtfertigung, die eigentlich ein Urteil darstellt.

„Daß eine Gewohnheit, ein Brauch Macht über uns hat, der nichts Wesentliches in sich trägt, der nur für das Vulgäre Bedeutung hat, daß uns ein Priester, der für Hochzeiten zuständig ist, lächerliche Formalitäten auferlegt, wie wir uns zu benehmen haben, wie wir uns zeigen sollen – daß diese Formfragen über unsere Seelen und unsere Hirne verfügen ... Wir unterwerfen uns Formalitäten, weil es Kleinigkeiten sind, aber wir schämen uns nicht dafür, daß in unserem Leben diese Kleinigkeiten eine derart große Rolle spielen, denn wir selbst sind formal, vulgär, nichtig ...“

Und er antwortete darauf:

„Du redest so, weil du noch nicht in der Situation warst, gegen Formalitäten zu kämpfen.“

„Die Hochzeit wird die erste sein!“

„Ich werde nicht heiraten.“

„Die zweite: die Prüfungen.“

„Die dienen einem praktischen Zweck.“

„Die dritte – der Tod!“

„Wir werden sehen. (Der Wein hatte mich erhitzt.) Außerdem werde ich mich, wenn einer von meinen Verwandten stirbt, weder freuen noch trauern ... Mir wird mein Vater nichts hinterlassen, also werde ich mir keine Trauerkleidung leisten können.“

So zerstritten wir uns, und betrunken verprügelten wir unseren Wohltäter im Namen der Prinzipien.

Diese blöde Kneipendebatte erscheint mir nun noch dümmer, was meine Aufgeregtheit nur verstärkt. Vergeblich versuche ich mir meine ganze Ruhe von heute früh ins Gedächtnis zu rufen, meine Seriosität, Gewichtigkeit und Solidität. Weder mein Traum vom Vater, der spöttisch lächelt, noch das Erbrechen, das mich über Nacht hatte edler werden lassen, weder der letzte Wunsch meines Vaters, dem ich mit Angst und Neugierde entgegensah, noch der Kampf mit der Tante um den Toten kann mich von dieser Aufgeregtheit abbringen, um mich aufzuheitern und jede Bedeutung, die man Kleinigkeiten zuspricht, zunichte zu machen.

Vergeblich stelle ich mir Anka vor. Es überkommt mich wieder ein schrecklicher Gedanke, der mit Vaters Tod den – Schwanz verloren hat ... Dieser Gedanke ist um so verlockender, weil er auch viel Neugierde in sich trägt ... Wie wäre es, wenn ich alleine wäre, ganz alleine ...? Und alle Zuckungen meiner Nerven prallen wie Wellen ab von – meiner Mutter ...

Das Firmament ist von Wolken verhangen. Unser Haus ist voller Gäste. Man rief auch mich, aber ich konnte nicht so schnell aus dieser Einsamkeit herausfinden, die mich so sehr verfolgt. Meine Mutter und meine Tante weinen wahrscheinlich; meine Brüder unterhalten die Damen. An der Stimme erkannte ich die Fräuleins aus der Nachbarschaft, drei ausgelassene und übermütige Schwarzhaarige ... Komisch! Ich könnte mich jetzt nicht in weiblicher Gesellschaft zeigen. Den Traurigen zu mimen, wäre mir irgendwie peinlich; und mich gutgelaunt zu geben, da befürchte ich, das könnte beleidigend wirken ... Auch das ist Rücksichtnahme!

Wieder quält mich die Frage der „Trauerkleidung“. Auch das ist Rücksichtnahme: doppelte Rücksichtnahme! Die Rücksicht den Traditionen, für die meine Mutter steht, und die meinen Überzeugungen gegenüber, die ich in Gesellschaft meiner Freunde bei einem Glas Wein gewonnen habe ... Ungewöhnlich ist das .. meine eigenen Ansichten quälen mich, weichen von mir, engen mich ein und ziehen sich erneut zurück. Aber sie verleihen mir keine Flügen mehr: sie begeistern mich nicht mehr. Zum Beispiel: Früher konnte ich eher eine Beerdigung als ein Rendezvouz auslassen! Und heute konnte ich nicht ohne – Trauerkleidung zur Beerdigung gehen! Ich verspüre nicht den Willen, gegen den starken Wunsch meiner Mutter zu opponieren ... Der Gedanke an Frauen macht im Nu die ernsthafte Pose kleiner, die ich schon beim Auftritt des Priesters eingenommen und die ich mich entschlossen hatte beizubehalten, auch während der Beerdigung, bis zur letzten Konsequenz. Schönheit, Anmut, Übermut, Gerüche, Blicke und Kleidung erfüllen mich mit Leidenschaft, und diese beginnt nun Haltung von mir einzufordern – solche Haltungen, die man mit Nüchternheit, Ruhe und Würde zum Ausdruck bringt. Was für eine naive Antwort wäre das: „Ich trage keine Trauerkleidung, weil das gegen meine Überzeugung ist!“ So naiv kommen auch jene Kirchgänger den Gläubigen und den Nicht-Gläubigen vor, die nach der Beichte tatsächlich die ihnen auferlegte Buße tun ... Es genügte, daß ich die weiblichen Stimmen hörte, und meine Überzeugung bekam einen solchen Anstrich von Naivität – wie die Buße und die Trauerkleidung. Die Trauerkleidung ist Teil der Überzeugungen meiner Mutter, aber sie ist auch ein Brauch, wie der Gruß „Ihr Diener“, den niemand ernsthaft und buchstäblich versteht. Das „Nicht-Grüßen“ aber stinkt nach Wildheit und Dummheit ... Schließlich begeistern das patriotische Duell und eine Sauferei mehr als Beförderungen, der Akt des Wählens, Schenkungen und kleine Aufgaben ...

Wovon befreie ich mich?

War es nicht so, daß mich der Atheismus, die Freiheit, die revolutionären Ideen aufgrund meiner Natur und meines Alters begeisterten? Überzeugungen! Wo habe ich sie gewonnen? Bei einem Glas Wein, bei Demonstrationen, beim derbsten Liebesakt ... Dort, wo man Schlägereien angezettelt, gebrüllt und geküßt hat. Und ist es nicht das, was mein Vater verurteilte und was mich in seiner Anwesenheit vernichtete?

Wovon habe ich mich befreit?

Mutter ist immer noch da. Ich mache mich von Haltungen frei, aber nicht von den Küssen, dem Wein und dem Wildsein. Ja, es gibt keinen Grund dafür, mich nicht Mutters Wunsch zu beugen.

 

 

8

 

Es ist besser zu schweigen. All das, was jetzt kommt – die Beerdigung, das Seelenamt, die Trauerkleidung –, ist so belanglos, daß ich mich wirklich schäme, daß meine Jugend der Revolution, der Leidenschaft, der Lust damit verbunden ist. Wahrlich: Vaters Tod war mein Geheimnis, mein Gedanke und mein Seufzer. Mein Vater war eine Hürde für meine Gefühle, Gedanken und Bewegungen. Er war die Leine, die mich zügelte, und unbeabsichtigt die Peitsche, die mich antrieb. Schon daß ich mich nie mit ihm darüber unterhielt, was ich geschrieben hatte, so wie ich es mit meinen Feinden tat, war ein gewichtiger Grund für unsere Entfremdung. Und das Abflauen meiner Leidenschaften in seiner Anwesenheit war mehr als Zügel und Peitsche – es war eine Kette.

Achtzehn Jahre lang habe ich mein Geheimnis, das ich nur in betrunkenem Zustand offenlegte, in einen Zauber gehüllt. Der so merkwürdige, leidenschaftliche und elementare Gedanke ging vom Abstrakten ins Konkrete über, und damit wurde Vaters Tod zur – Freiheit. Und nur so konnte dieser Gedanke mich ohne schlechtes Gewissen begeistern und zum Seufzer, zum Wunsch, zum Trieb werden – ich mußte mich dieses Umstands nicht schämen, genausowenig wie meiner Überzeugungen und meine Bedürfnisse. Die ganze Nacktheit war verhüllt: Vaters Tod ist nur ein verbrecherischer Gedanke, eine tragische Idee.

Und während sich mein Gedanke auf diese Weise ankleidete, schmückte und färbte und dabei auf das abstrakte Wort Freiheit zulief, war er von so viel Dreistigkeit, Schwung und Großartigkeit erfüllt. Und jeder Schritt hin zum Tod war ein Schritt hin zur Freiheit; und jeder Schritt weg vom Tod wurde zum Schritt weg von der Freiheit ...

Und die Verwirklichung eines Ideales selbst? Und die Freiheit selbst? Was registriert meine geistige Geschichte in diesen drei Tagen? Von der Seite des Lebens schreibt sie: Nachttopf, Priester, Beerdigung, Kränze, Messen; und mein Geist hält fest: Visionen, die Schrecken der Sünde und des Verbrechens, das schlechte Gewissen wegen des Erbrechens, das Beharren auf den eigenen Überzeugungen aus Trotz, das Eintreten für den Vater aus Selbstachtung, seine Überhöhung aus Eitelkeit und das Sich-Beugen vor Formalitäten aus Angst vor Naivität.

Die Gefühle werden immer vulgärer, das Benehmen immer anständiger und die Gedanken immer trivialer.

Nein, nicht einmal denken kann ich noch. Vergeblich versuche ich etwas zu finden, was mich begeistern könnte. Nur jene fernen Gedanken und unklaren Visionen anderer Fesseln; Mutters dringender Wunsch, mich in Trauerkleidung zu sehen, Freunde, die mir meine Überzeugungen, meine Rebellion gegen die Gewohnheiten der Gesellschaft vorhalten werden, meine Leidenschaft, Frauen zu erobern und Erfahrungen mit ihnen zu machen ... All diese Gedanken über jene Fesseln um mich herum und in mir sind so fern, so absurd, daß sich die Freiheit im Tod aller und meiner selbst konkretisiert.

Warum habe ich begonnen, mich zu analysieren? Warum sich selbst erforschen? Warum sich auf die Suche nach dem eigenen Ich begeben? Seine verschiedenen Teile sind so blaß, winzig, alltäglich, so ohnmächtig, schäbig und lustlos.

Aus dem Ganzen kann ich keine einzige Synthese bilden! Keine Idee! Kein Gefühl! Keine Überzeugung! Keine Entscheidung!

Die Analyse hat mich zerstreut, verloren, ohnmächtig und verwirrt gemacht ... Auf der Beerdigung schritt ich derart gemessen, gewöhnlich und mechanisch einher wie alle anderen auch. Und gerade dort war ich zerstreut und verloren. Jene Schritte klingen mir noch in den Ohren nach; sie klingen nach bis in die Unendlichkeit. Wenn ich an die Zukunft denke und wenn ich mich an die Vergangenheit erinnere.

Ich irre im Wald herum. Es wird dunkel. Meine Brüder sind fort. Meine Mutter hat die Tante zu sich geholt. Die Blätter rascheln. Die Straße schimmert weiß. Laternen leuchten. Am Himmel sprießen die Sterne. Ich suche das Vergessen und die Synthese. Die warme Sommernacht schleicht sich durch das Geäst, durch meine Sinne, durch meine enttäuschte Jugend, und ich denke an Anka. Wieder gehe ich ins Bordell. Wieder werden meine Wangen rot, ich werde lebendig und stark. Im Vergessen liegt die Synthese. Das Vergessen liegt in der Leidenschaft.

Ich halte Zora umschlungen, und im Rausch stelle ich mir vor, daß ich Anka umarme.

Nein, in dieser Nacht gehe ich nicht nach Hause. Mein Haus ist hier, wo es keine Rücksicht und kein schlechtes Gewissen gibt.

Mein Organismus blüht auf. Meine Energie verhärtet sich. Mein Ich findet seine Synthese.

Es kostet nur zehn Kronen, aber es ist die komplette Aussteuer und Schönheit meiner Liebsten wert.

Nein, ich gehe nicht nach Hause.

... Sieben Uhr morgens. Meine Knie schlottern. Die Jugend stirbt. Ich werde einschlafen wie tot. Auch das Schlafen ist sowohl Vergessen als auch Synthese ... Und vor mir reflektiert der gerötete und schwungvolle Morgen wie die untergehende Sonne, als sich damals die angezündeten Todeskerzen in der Fensterscheibe widerspiegelten.

Ich trank einige Gläser Slibovic. Ich werde noch tiefer und länger schlafen. Die ganze Jugend wird in Vergessen, Leidenschaft und Schlaf vergehen; und wenn ich alt werden sollte, werde ich meinen Kindern Ratschläge geben.

Die Stadt ist beleuchtet. Es scheint, als würden die Laternen erst jetzt angezündet. Und die Sonne ähnelt einer roten Fackel, die eine leere, feuchte und unendliche Höhle beleuchtet.

Punat, Mitte Juli 1909

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

 

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Der literarische Blick nach Osteuropa

Die kroatische Schriftstellerin, Dramaturgin und Regisseurin Ivana Sajko ist in ihrem Land eine wichtige künstlerische Stimme und ihre Theaterstücke wurden auch in Deutschland aufgeführt. Nun hat sie mit "Liebesroman" ein Buch vorgelegt, über das der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer schreibt: "Als ich Ivana Sajko das erste Mal traf und ihre Texte hörte und las, wusste ich sofort, das ist was Besonderes. Da spürte ich die Kraft ihrer Sprache, die Schmerzen der Liebe und des Krieges, und ich war getroffen von diesem klaren und poetischen Sajko-Sound."

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Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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