Lyrik

TIN UJEVIC: Zwei Gedichte

Tin Ujević ist ein bekannter Vertreter aus der Zeit der kroatischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Nachdem er in einer Kleinstadt im Hinterland von Dalmatien geboren wurde, verbrachte er sein Leben in den unruhigen Zeiten der beiden Weltkriege in Split, Paris, Belgrad, Sarajevo und Zagreb, wo er letztlich bis zu seinem Tod verblieb. Neben Gedichten verfasste er auch Polemiken, Feuilletons, wissenschaftliche Abhandlungen, politische Prosatexte und Essays, die immer auch eng mit seinen lyrischen Werken verknüpft waren.



 ALLTAGSLAMENTATION

(Svakidašnja jadikovka)

 

Wie schwer, wie schwer ist's alt zu sein,

Wie schwer, wie schwer allein zu sein -

Alt sein - wie schwer, und dennoch jung!

 

Und kraftlos, schwach und hinfällig,

Ganz ohne Anhang und allein,

Verzweiflungsvoll und ruhelos.

 

Zu treten harten Pflasterstein,

Zu treten und getreten sein,

Am Himmel keines Sternes Schein.

 

Wo bist du, gütiger Schicksalsstern,

Der über meiner Wiege stand

Buntschillernd voll von Lug und Trug?

 

O Gott, o Gott, entsinne dich

Der strahlenden VerheißSungen,

Die einstmals du dem Kinde gabst!

 

O Gott, o Gott, erinner dich

An Liebesigliick, an Siegesglanz

An Ehrengab und Lorbeenkranz.

 

Und wisse daßdein Sohn jetzt irrt

Durch dieses trübe Jammertal

Auf Dornen über Stock und Stein.

 

Die Füße blutig aufgeschrammt,

Im Herzen eine bittere Wund,

Von Mifigeschick zu Ungemach.

 

Wie müd, wie müd ist mein Gebein,

Wie schwer, wie schwer die Seele mein,

Verlassen, einsam und allein.

 

Nicht Schwester, Bruder nenn ich mein

Nicht Vater und nicht Mütterlein,

Nicht Freundin, Liebste oder Frau.

 

Hab keinen der zu mir gehört...

Nur Distelkraut im Herzen sprieißt

Nur Feuer in der Hand mir brennt.

 

Und keiner der mich liebt und kennt,

Streng droht das hohe Firrnament,

Schwarz wogt des Meeres Element.

 

Wem soll ich klagen all mein Leid?

Ist keiner, der mich hören will,

auch nicht mein Bruder, der da irrt.

 

Gott, in der Kehle brennt das Wort,

Es wird ihm eng, es wird ihm bang,

Es dréingt hinaus aus tiefster Pein,

 

Es wird zu einem Feuerbrand -

Hinaus muß in die Welt ichs schrein,

Sonst geh ich selbst in Flammen auf,

 

Und werde lohn auf Bergeshöhn,

Dem Feuer meinen Atem leihn,

Karin ich nicht Schrei vom Dache sein!

 

O Gott, laß es zuende gehn

Dies mühsam sich im Kriesedrehn,

Irrn unter taubem Himmelsdom.

 

Wie not tut mir ein Menschenswort,

Wie not tut mir Erwiderung,

Gib Liebe oder Opfertod!

 

Wie bitter schmeckt der Wermutkranz,

im Kelch der griine Schirlingsaft.

Verschmachtend sengt mich Juliglut.

 

Denn schwer ist mir, daß ich so schwach,

und schwer daß ich so einsam bin

O wär ich doch, o wär ich stark,

 

O hätt mich, hatt mich einer liebll

Doch schwerer noch als alle Qual

Istlalt zu sein und doch so jung.

 

 

 

VERLANGERTE WELT

(Produženi svijet)

 

Die Dinge rund um mich sind zutiefst mit Inhalt gefüllt.

Aussage haben, und Worte, die Blumen, die am Wegrand blühn

Aus jedem Wasserlauf nachts geheime Botschaft quillt

und ab und zu flüstert der Wind seltsame Phantasien.

 

Tieraugen funkeln im Drange sich mitzuteilen,

Sinn und Gestalt erhalt jäh im Gebirge der Stein.

Unbewußt fragt das Bewußtsein: wo ist ein Weg in die Welt

aus diesem Zauberkreis der Gesetze von Vers und von Reim?

 

Und noch einmal verwandeln Träume die Wirklichkeit

als ging sie entgegen dem tiefsten Herbst ihrer Zeit,

die alle Gekreuzigten von ihren Kruzifixen befreit

als hielt die Natur fiir jeden ein letztes Ruhelager bereit.

 

Über die Ende wandern, als wären sie trunken, die Dichter,

von leisen Worten heimlich beseligt und reich,

als dächten sie: bald tagt es, bald wird es lichter und lichter -

jetzt, vor einem .Tahr oder einem Jahrhundert, ist es nicht gleich?

 

Träumer, die nicht gerne reden, allein über die Erde wandeln,

doch was tuts, sie könnten auch trunken sein,

es ist als zög’ ein uraltes Wissen in sie ein:

daß sie schon einmal gelebt und sich in ein andres Wesen verwandelt,

ein zweites, ein drittes? wie schon Menschen zu fühlen pflegen beim Wein.

 

Die alte Erde empört sich Weil sie so klein,

unhörbar schiebt sie sich immer weiter vor in den Raum.

noch einmal ist sie den Idealen Heimat und Schrein,

das Märchen der Erde reicht his an den blankgescheuertenHimmelssaum.

 

Träumer, allein, die nicht gerne reden, jedoch im Schreiten

alle Klänge der Welt einschliirfen und dann, nur für sich,

zu keinem anderm, unbewußt, fliisternd erläutern

wie tief doch das Weltall und wie leidenschaftlich, wie unerhört dicht.

 

 

 

 

 

Deutsch von Ina Jun Broda

 

Autoren

Gewinner-Duo Ivana Sajko und Alida Bremer

Die Autorin Ivana Sajko und ihre Übersetzerin Alida Bremer erhalten für "Liebesroman" (Voland & Quist) den 10. Internationalen Literaturpreis − Haus der Kulturen der Welt 2018 für übersetzte Gegenwartsliteraturen.

Autoren

Daša Drndić (1946 - 2018)

Der Stil von Dašsa Drndic war eine einzigartige Mischung aus Fakt und Fiktion. In ihren Arbeiten vermischte sie eine nüchterne Sprache und zurückhaltend poetische Miniaturen mit historischen Tatsachen.
So auch in dem Roman "Sonnenschein", der vom Holocaust erzählt und mit Fakten und Fotos genauso arbeitet wie mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Ihr Roman "Belladonna" erschien im Februar 2018.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

Von Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander / Deutschlandfunk kultur

Berichte

Winnetou-Kulissen

Krka-Wasserfall, Zrmanja-Fluss, der Gipfel Tulove Grede: Die Drehorte von "Winnetou" sind spektakulär... Der kroatische Schriftsteller Edo Popovic hat in seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ ausführlich über seine Wanderungen in diesem Gebiet berichtet – und dem Velebit eine Liebeserklärung gemacht. Aber im südlichen Teil, dort, wo die Winnetou-Filme einst gedreht wurden, müssen Bergtouristen aufpassen.
Von Hella Kaiser / Der Tagesspiegel

Berichte

Was willst du in Senj, Thilo?

"Und du willst nach Senj, Thilo?“

Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

Berichte

Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

Andrea David, eine deutsche Bloggerin und großer Film-Fan, bereiste alle Locations in Kroatien, an welchen „Game of Thrones“ gedreht wurde.
Diese Fotos verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Grund hierfür ist nicht nur, dass die Fotografin berühmte Filmkulissen bereist, sondern diese auf eine ganz besondere Art und Weise festhält.

Berichte

Rijeka – Industriestadt mit Kultur

Rijeka in Kroatien wurde im Frühjahr 2016 zur europäischen Kulturhauptstadt 2020 ernannt.

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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