Prosa

Mirko Božić: Körper und Geister (Fragment aus dem Roman)

Mirko Božić (1919 - 1995) war ein kroatischer Schriftsteller. Božić war ein ebenso begabter Dramatiker wie Prosaist der Nachkriegszeit. Er verfasste auch Drehbücher und Hörspiele. Es existieren nur wenige Übersetzungen ins Deutsche.

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3, 1981) erschienen.



An diesem Morgen dröhnte es dunkel aus der Ferne, vom Südlichen Küstengebirge, von Biokovo her. Silvestar hatte sich nie an das Gröhlen der Kanonen gewöhnen können, wie wohl kein einziges Lebewesen an das Grollen des Donners. Nur dulden und gären muss er.

Wann immer ihn Sorgen befallen, falls er nur irgendwie kann, flüchtet er aus dem lärmenden Hof unter den kronigen Nussbaum, dort, unter die Häuser. Dort gibt es Schatten im Sommer, „gesunde Kälte im Winter, vor allem aber Einsamkeit. Silvestar weiss, dass die Einsamkeit ein nur irrsames Heilmittel ist, doch da, unter dem Nussbaum, da scheint ihm als würde er Augenblicke eines verständlicheren Dauerns verbringen, freier ist er im Fluchen und friedlicher in der Qual, doch auch dies alles noch verkrampft, voller Unglauben und Bangigkeit, selten auch mit nur einem Funken Hoffnung. Und dann, es ist gut, dass sich so ein altes Wesen manchmal dem Blick der Jüngeren entzieht. „Eine Erleichterung für ihn und auch für sie“, haucht er, und gleitet dabei mit dem Rücken am Stamm des Nussbaumes langsam hinunter, bis zu seinem alten Baumstumpf.

Der Nussbaum ist nun kahlgeworden, tief im Stein eingegraben, mit seinen hurndertfingrigen Ästen ruhig im Gebet verharrend. Es kommt die Zeit der Säfte und der Blätter.

Silvestar aber scheint es, als sei ihm die Haut abgezogen worden und er sie wieder übergestreift hätte, von der verkehrten Seite noch dazu, so dass er sogar vor Einatmen und Betasten Angst hat. Seine Augen glühen verengt und trocken, nach Schlaf dürstend, der Tag scheint ihm taub und die Nacht schieläugig zu sein; der Hunger ungesalzen und die Krankheit lächerlich und afufdringlich wie die Fliegen; die Arbeit ungeeignet, wenn sie gefordert wird, und unförmig, wenn sie getan werden muss. Frauen beschäftigen ihre Hände zumindest mit dem Strickzeug, sie entflechten und verflechten es immer wieder, und wenn es ihnen mangelhaft erscheint, schämen sie sich. Alles hat sich umgestellt. Jetzt scheint ihm alles, ein blosser Augenblick zu sein: es gibt nichts ausser dem hinterhältigen Tod, dem du kopfschwindelnd ausweichst, wie in jener Kindernarretei: trockenbleiben indem man zwischen den Regentropfen hindurchläuft; und gleich danach wird die Zeit wieder langwierig und schmerzvoll, und alle Wünsche gelten nur ihrem schnelleren Verlauf, würde es sich dann nicht zum Besseren oder Schlechteren wenden?

„So muss es auch der gekreuzigte Jesu empfunden haben, falls er ein Mensch war!“

Man sollte die Kartoffeln und Zwiebeln im Garten umgraben, die Hennen noch vor Ostern aufsetzen, die Frauen ins Städtchen schicken, ins Risiko hinein, um Chinin und Aspirine zu holen, eine Tasche voll Gerste, einen Tropfen Öl, ein Korn Salz und, falls sie Glück haben und ein wenig Gummi für Flechtschuhe auftreiben können, noch Garn und Nadel für ihre weiche Bearbeitung, doch vor allem einen Würfel Zucker für die Kinder, für Garin auf jeden Fall. Man sollte die Dächer bedecken, Spargel und Pilze sammeln, falls es sie gibt, man sollte der Ziege beim Abwerfen helfen, heilig sei ihr Euter, man sollte noch einen Behälter aus Stein meisseln und das Regenwasser in ihn leiten, es wird Dürre geben, das wird uns auch nicht erspart bleiben. Man sollte... man sollte... laute Wunder der Bauernarbeit! Nur, Wunder gibt es keine, aber Sorgen um so mehr. Der Herr ruht, uns lässt man nicht. Als wären uns die Hände gelähmt und der Wille verhext, dass uns die schwere Zeit zur Fäulnis zersetzt...

„Es ist nicht so, Silvestar. Sprich nicht über die anderen! Beschäftige dich mit etwas Klügerem! Arbeite!“

Aber, wenn man auch jenes, das getan werden muss, tun würde, so wäre es doch nur kleinlich, jämmerlich und kümmerlich verglichen mit Silvestars ehemaligem Wohlstand. Nicht mal ein Ochsengespann mehr! O Traurigkeit! Von allem ist es zu wenig, zu wenig für so viele Münder, wenn du noch die Partisanen dazu rechnest!

Wo haben sich nur die Wildtauben verstreut, in welch ein abgründiges Loch, brächen sie doch ihre klappernden Flügel!

Kannst sie nicht einmal mehr mit dem Auge erspähen, wie solltest du sie dann noch mit dem Gewehr erwischen? Haben sich in Fledermäuse verwandelt, was!? Die Natur mit ihren Gerüchen und ihrer Gelöstheit, die gibt es für ihn auch nicht mehr, auch keinen Adler, der mit Seiner Beute rauft, und keine Drossel, die von Ast zu Ast flattert, nicht einmal Wölfe, ihre Spuren sind alle verwischt, Menschen haben sich im Gebirge angesiedelt.

„Die Zunge soll dir versiegen, Silvestar! Wirst hoffentlich nicht auch noch den Wölfen nachtrauern?! In was für einem Strudel werden die Menschen gewirbelt, was für ein Ungewitter ist denn da in die Welt gesetzt Worden, du hast  es noch gut, und wenn du dieses Gute noch so oft als dein Kreuz bezeichnest! Gestern hast du es wieder einmal herausbekommen. In letzter Zeit hört man glücklicherweise weder Kanonen noch Flugzeuge, und dabei haben sie noch unlängst, den ganzen Tag über, sogar auf die Esel im Gebirge geschossen. Ein Wunder, dass sie dir das Haus mit deinen Leuten darin nicht in den Rauch gejagt haben! Passiert ist es, bei Gott, sogar nachts, wenn es regnete und hagelte, da konntest du nur die Hosen hochziehen, und ab in die Höhlen! Schweig also lieber und klopfe ans Holz! Vergiss deine Jahre nicht, genügend hast du ja, für zwei Leben würde es ausreichen! Schweige also! Der Kummer der Menschen vergeht bereits!“

(Das sind Sie, das ist ihre Art, diese verrücktmachende Heiterkeit. „Rück mal, noch ein wenig, bis zum Ton!“ „Besser wird es.“ „Am schlimmsten sind die ersten zehn Jahre.“ „Und danach?“ „Danach wird es wieder gleich sein!“ „Besser wird es.“)

Er hat sich immer zurückgezogen, vor jeder regulären Armee, der eigenen wie der fremden (vor Macht und Gewalt, vor ihrer Disziplin und ihrer Militärjustiz, weit sei ihr das schöne Haus) und erst recht vor den bewaffneten, zornerfüllten Seelen, die er am Anfang des Krieges als Blitzableiter der donnernden Gewalt erblickt hat. Tag und Nacht klettern sie über das Gestein, ziehen, gleiten, fegen vorbei; schlafen im Stehen, sind durstig, hungrig, barfüssig, krank und verfolgt, tot und verwundet. Erschiessen so manchen unter sich wegen einer heimlich ausgegrabenen Kartoffel oder abgepflücktem Apfel, verfolgen die Weichen, trennen die Liebenden und empfinden nur den Kampf als sündenlos und heilig. Verletzen einander ohne zu überlegen, bewundern voller Seligkeit, urteilen voreilig, behalten jede Beleidigung voller Rachsucht im Gedächtnis, bestrafen den Verrat tödlich, lachen völlig unverhofft und weinen ein trockenes Weinen, singen aus vollem Halse, wenn sie jemand sehen oder hören kann, so stolz und eitel, und sammeln dann später, in toter Stille die umsonst verbrauchte Kraft. Einige ziehen sich in sich zurück, wie in das eigene Grab, Hass und Rachlust wiegen bei ihnen mehr als Liebe und Sanftmut, andere sind wie fromme Brüder gesprächig, durchschaubar in der Schläue und grosszügig im Versprechen; manche der Grünschnabel werden vorzeitig, mit noch unreifem Verstand zu ausgewachsenen Stieren, während andere sichtbar eingehen und vertrocknen, ohne die Frauen je gekostet zu haben; manche sorgen sich oft und ohne hinterhältiger Absichten, während andere eine geheimnissvolle Glut in den Augen und unendlich viel Geduld mit der Zeit haben - und all dies zu einem bestimmten Zweck, für irgendeine andere Welt.

„Unsere Religion hat keine Orgeln“, sagen sie, „unsere Religion ist für den Menschen auf der Ende und nicht im Himmel bestimmt“, sagen sie, „alle Menschen sind gleich“, sagen sie, „was ihre Rechte und ihre Pflichten betrifft“, sagen sie, „der Mensch ist der Maßstab“, sagen sie, „wir fragen nicht nach der Konfession, Rasse oder Nationalität, wir fragen ob du ein ehrlicher Mensch bist, für das Wohl der Menschen und des Volkes und gegen den Okkupanten und die eigenen Verräter“, sagen sie, „dies ist ein volksfbefreiender Kampf, aber auch ein Kampf für die soziale Justiz und Volksregierung“, sagen sie, „auf unserer Seite sind alle fortschrittlichen Menschen der Welt“, sagen sie, „lang ist dieser Kampf, leicht ist es nicht, aber es wird besser, wir sind für den Sozialismus“, sagen sie, „Tod den Faschisten und Freiheit für das Volk“, sagen sie, „nicht einen Korn Weizen dem Okkupanten“, sagen sie... und reden, häufen die Worte, herzhaft, feurig, beharrlich, starrsinnig...

Es ist nicht schwer, Mängel in dieser Lehre zu finden. Was ist eine Religion ohne Orgeln und wer kann ganze Jahrhunderte während eines ,kurzen Lebens vernichten? Werden es diese unerfahrenen Klugredner und Wichtigtuer, die all jene Bücher, so dick wie Baumstämme, gelesen haben - da kann man nichts sagen, werden es die also schaffen können? Alle Menschen sind nicht gleich und sie werden auch niemals, was ihre Rechte und Pflichten betrifft, gleich sein, jeder Mensch ist eine vom Schicksal gekettete Welt für sich. Diesen ehrlichen Menschen alle Achtung, doch auch unter den ehrlichen gibt es jene, die es mehr, und jene, die es weniger sind, und so ist das Allgemeine dem Einzelnen nicht angemessen. Warum wird dann der Krieg geführt, wenn alle Klugen auf der einen Seite sind? Soll es etwa bedeuten, dass die Dummen stärker sind? Was ist das: Sozialismus, ist es der Staat oder die Ordnung und die Art unter den Menschen? Wenn es der Staat ist, der kennt seine Ordnung, wenn nicht - wer wird denn die Ordnung einführen? Wie sollen wir von Luftschlössern reden, wie sollen wir das verheisste und versprochene Land suchen, was haben sie uns nicht alles über die Russen erzählt, und die Deutschen sitzen ihnen im Nacken, so gross ist ihre Macht, dass sie sogar in diesem hungrigen Gebirge mit ihrer Armee prahlen, glauben aber kann man nur den eigenen Augen und der eigenen Erfahrung. Was ist denn eine Welt ohne Sünden? Ein Körper ohne Sinne. Wie viele Menschen leben von der Sünde, die Welt ist nur sündig möglich, denn auch jene sündenlose sind für die Sünder sündig. Schlagfertigkeit gewinnt auch gegen Weisheit. Wer wird das Korn dem Okkupanten nicht geben, wenn er in den Ebenen, und wir in den Bergen sind? Entreissen! Man muss es! Und das ist auch Sünde, in einer Hinsicht? Dreh es um, wie immer du willst, aber all dies erscheint doch irgendwie halbfertig und unerklärlich. Dazu sind sie noch unverständlich, verschliislseln alles, viele von ihren Aufführern geniessen gerade diese Verschlüsselungen. Mit den Popen soll man beten, mit den Seemännern fluchen, mit den Kaufleuten ausführlich sein, aber mit den Bauern soll man sich kurz und klar fassen. Doch bei ihnen gibt es das nicht, sie häufen vor dich eine Menge ihnen gibt es so allerlei, von jeder Sorte, der einen wie der anderen. Unsereiner, mein Guter, so zäh und wie aus Stein gehauen, der knurrt, beisst und tötet. Dem Italiener hat man das Ende bereitet, und dabei hat er seine grosse Armee schon bis nach Sinj geführt. Fertiggemacht hat man ihn, das bittere Glas haben ihm auch unsere angefüllt. Unsere Dörfer hat man vor Feuer, Raub und Morden bewahrt, alle Achtung. Die Kriegsordnung eingeführt, nun regelt man, fällt Urteile...

Auf’s Wort! (In der Seele glaubte er dem festen Wort immer mehr als irgendeinem bunten Papier.)

... zuerst berührte man, dann berauschte man, und endlich raucherte man unlser Kurlanisches Wespennest aus.

„Ihr wollt Brüder sein, und dabei streitet ihr schon seit über zehn Jahren und jagt einander von Gericht zu Gericht?“ - begann halb lächelnd der Genosse Mlađ. „Ihr schadet einander anstatt einander zu helfen! Nagt aneinander wegen so einem Stückchen Land! Wie hiess es doch noch?“ – „Strmenduša!“ – fiel Mrko sofort ein. - Ihr werdet beide darauf sähen!“ (»Mir gehört es, mir gehört Strmenduša!“ - wollte Silvestar hinausschreien, während Mrko schadenfreudig den Bart zupfte.) „Ich werde weder graben noch sähen!“ stiess Silvestar rauh hervor. „Wirst du auch nicht, bist nämlich zu alt, aber deine Söhne werden schon!“ - sagte Mlađ. „Deine auch!“ – er wandte sich jenem armen Schlucker von Mrko zu. „Ihr habt genug gestritten! Was war, ist vorbei! Habt ihr gehört, ihr beide?“ - beendete der Brigadenkommandant das Verfahren, und ihnen klingelte die Gerichtsgewalt noch lange in den Ohren. Ganz niedergedrückt und wie begossen wurden sie hinausbegleitet. Hast eben keine Wahl, musst es einfach, ist noch Krieg, wirst zwar auf Strmenduša ein wenig herumstochern, aber nicht so, wie du es für dich oder jemanden von den deinen tun würdest. Verstelle dich, „nehme das Amen“ des Kommandanten schweigend „zur Kenntnis“ und denk dir dabei, was immer du willst. Auch über dem Popen gibt es noch Popen, Gott und Blut. Ändern können sich die Kurlanen nicht, sie können sich nur verstellen, den Streit unter Asche begraben und auf „bessere Tage“ warten - denn nur die schwarze Erde kann ihre Glut löschen. Das ist so und anders kann es nicht sein! (Nur, Hand aufs Herz Silvestar! Vielleicht ist alles Trübe gerade aus diesem trüben Matsch der Kurlanen gekomme? Auf Gottes Welt sind die Ursachen unergründlich, und so hat auch dieses ganze Kriegsgedonner vielleicht mit den Kurlanen angefangen, um sich dann auf die ganze Menfschheit niederzulassen?)

„Du plätscherst und wirfst dich herum, Silvestar, wie ein Fisch im seichten Netz. Bist von deinen Narrheiten ganz besessen. Wenn dich noch die junge Sonne erwischt und drei Märzgewitter auswringen, wirst du nicht mehr von dir selbst wissen. Und bedenkt man letztlich, dass alte Tage wie verrückte Jahre sind, so ist dir das Ende nicht mehr fern!“

- Alter! - unterbrach ihn auf einmail Andrijas Stimme. - Döst du?

- Das Alter übermannt . . _ - antwortete er noch benommen, aus seinen Träumerein gerissen, und fing sofort an, mit der leeren Pfeiffe zu spielen, dem Sohn dabei heimliche Blicke zuwerfend.

Mager ist Andrija geworden, knochig und schwarz wie Kohle, alles von lauter Arbeit und Schlafmangel. Abgebrannt ist jenes russige Muttermal auf dem Backenknochen, weg ist auch jener rot blaue Ausschlag unter dem rasierten Kinn, seine Männlichkeit verblühte an der Schwelle des Lebens. Der Nordwind weht ihm unter den zusammengezogenen Brauen, und die schwarzen Augen hat er wie Stecknadeln in den grauen Kopf des Vaters gebohrt: ist in ihnen noch eine Spur von Liebe oder ist es die Öde der Kriegsbegeisterung, die ihn dem eigenen Blut entfremdet? Und doch dreht er vor dem Vater die Partisanenkappe in den Händen, gut, dass ihn das Gedächtnis nicht im Stich gelassen hat. Italienische, grasgrüne Uniform, goldene Bänder und einige Sterne am Ärmel, ein Gürtel aus Leder, durch den Revolver erschwert, hohe Stiefel - bist du damit zufrieden, war es das, was du gewünschst und gebrauchst hast, du trotzköpfiger Bursche?

- Was bringt dich her... du, Krieger? - hüstelt der Alte. .

- Ach, ich wollte dich nur mal besuchen.

- Besuchst du auch deine Frau? Und die Kinder? - fragte der Alte bissig. - Es wäre schon notwendig... fügte er dann leise hinzu.

Andrija verhärtete sich, schweigt, stiert in die Ferne. Hört ihm zu, und hört doch nichts von dem, das ihm nicht passt. („Dem Vater ist er nachgeraten“, spöttelte Gara regelmässig.) Vor dem Vater kann er sich schwer verstecken. Unbehaglich ist es für den Krieger, der Vater nimmt ihm kostbare Zeit ab. „Na, da wollen wir es ihm ein wenig erleichtern.“

- Es wird was von Mobilmachung gemunkelt -, fängt Silvestar an. - Mir tut es nicht Leid. Krđo wird immer fauler. Täte ihm gut, die Beine ein wenig zu strecken.

- Weiss nicht -, murmelt Andrija.

- Wer soll es denn wissen, wenn nicht das Kommando? - geift Silvestar.

Lange bläst er in die Pfeiffe, zerbeisst sie, pafft mit dem welken Mund. Fühlt das Strömen der kalten Luft. Der Nussbaum quietscht in der Krone.

Andrija hockt nieder, nimmt einen Klumpen Erde und fängt an, ihn zwischen den Fingern zu zermalmen.

- Wir ziehen um mit dem Kommando!

- Wohin?

- Hinauf, in die Oberen...!

Angst durchströmt den Alten. Warum ziehen sie um? Warum verlagern sie das Kommando in die Oberen Kurlani? Mrko hat doch sicher kein Schloss oder gar Arsenal erbaut? Vor dem Fall Italiens näherte sich unser Kommando dem Ort Sinj, und nun entfernen sie es von den Orten und den Wegen? Hängt eg vielleicht mit den Deutschen und jenem frühmorgentlichen Kanonengedonner zusammen?

- Was hört man so...? - beginnt er.

- Man hört immer was! - versetzt Andrija und knetet den Klumpen weiter, bis er ihn zwischen den Fingern völlig zermürbt.

Nun zuckt Silvestar zusammen. Im Alter sind alle Ängste und bange Vorahnungen anwesend, immer sind sie auf der Lauer, warten nur, bis eine von ihnen geweckt wird, dann schleichen sie alle gleich zum Herzen.

Dann fing auch jene eingebildete Haut, die er an diesem Morgen von der verkehrten Seite angezogen hat, zu erschauern und zu verletzen. Die Kriegsgefahr, die sie dauernd bedrohte, bedrückte ihn nicht so sehr wie die Heftigkeit, mit der es ihm sein Sohn angekündigt hatte, und mehr noch als Andrijas Grobheit verletzte ihn sein Schweigen, seine Unzulänglichkeit und sein Mangel an Vertrauen. „Doch er kam, um es dir zu sagen...?!“ Aber würde es Andrija pflichtgemäss nicht auch anderen, allen sagen? Andrija erschien ihm plötzlich Wie ein Junge, der einen Ameisenhaufen aushebt, aus dem sich dann schwarze Gedanken und Ahnungen in alle Richtungen zerstreuen, dass es den Jungen und die Ameisen erstaunt.

- Und wo ist die Truppe? - haucht er.

- Wo sie auch gewesen ist.

Der Alte zog sich wieder in sein Schneckenhäuschen zurück und beruhigte Augen und Hände, als bereite er sich wieder auf ein seliges Dösen vor.

- Hier, da hast du ein wenig Tabak -, sagte Andrija auf einmal, in seiner Tasche wühlend. - Und bleib dem Feuer nahe! Der Nordwind kommt!

Als er sich umsah, war er wieder allein. Nein, er hatte nicht geträumt, auf seinem Schoss lag das Päckchen mit dem Tabak. Er wollte ihn gleich kosten, doch fühlte er eine solche Schwere in den Händen und wünschte auch, den Genuss noch ein wenig hinauszuschieben, als wäre er seiner asketischen Einsamkeit noch was schuldig geblieben.

Jede Sippe hat ihre feinfühligen und ihre launischen Gemüter, die einander helfen und schaden, die sich nach seltsamen Gesetzen der Kindheit anziehen und abstossen, egal wie alt der Träger ihres Körpers ist. Sein und Andrijas Gemüt waren Freunde, sie sagten nie was sie füreinander fühlen, trennten sich mit den Gesichtern und vereinten mit den Herzen.

Genauso war es mit Garin: ihn kost und küsst der Grossvater auch nicht, als fürchte er, damit nur dem städtischen Getue nachzumachen, das die kindliche, zarte Hilflosigkeit seiner selbstsüchtigen Aufdringlichkeit einordnen möchte, eine Art, die sich für die Würde der Älteren und die Erziehung der Jüngeren in keiner Weise ziemt. Seine Liebe zu Garin verbirgt der Grossvater hinter ernstem, zuweilen sogar mürrischem Gesicht, obwohl er in seinem Innern von Glück förmlich zergeht, und hinter einer gewissen Zurückhaltung, die ein Geschenk für die kindliche Freiheit und die wahre Hilfe in seiner Erziehung bedeutet. Ausserdem wird man von allem viel zu schnell überdrüssig (von der Malediktion, dem bösen Blick, der seine gierige Zunge schnell ausstrecken würde, wie der Kater auf den Speck, davon wollen wir gar nicht reden). In den Kindern sieht Silvestar nicht nur die Beständigkeit der Zeit, sondern auch die Bewusstheit der Menschen: Kinder sind der Menschen Spiegel, sie sind Sorge und Bedürfnis, Altar und Opfer, erwarte von ihnen nie etwas, was du nicht selbst hast und was ihnen Gott nicht gegeben hat. Höhne in dir selbst, sie aber verhöhne nie.

Garin ist neun Jahre alt, doch ist er missgestaltig gewachsen, und sieht wie ein Fünfjähriger aus. Man nennt ihn „der Däumling“ und wenn er mal alt wird - wie Gara sagt - werden sie ihn „Ellenbart, zollhoher Mann“ nennen, nach jener Geschichte. Andere Kinder der Kurlanen sind kräftiger und mürrischer, aber Garin - ein wahres Kuckucksei im Kurlanennest -, dieser Bengel, dieser Zwerg, der überragt sie alle an Verstand, Witz und einer noch nie gesehenen Lebendigkeit, wie auch der Geist den Körper in den Schatten stellt. (Alle haben sie Adlernasen, und der „Kleine“ eine Stupsnase!) Leicht ist er wie eine Feder und geschickt wie ein Eichhörnchen, dem Klettern und Aufsteigen so geneigt, dass sie ihn ewig auf dem Fels, Dach oder Baum suchen, ihn ewig von seinem Himmel herunterholen müssen, dabei jedes mal einen seiner spöttischen Witze erwartend. Silvestar wäre auch diesmal überhaupt nicht verwundert, wenn von den Nussbaumästen Garin plötzlich hinunterschreien würde: „Grossvater, Grossvater ich werde dich von oben bepissen!“ „Nur zu, Kleiner! Pisse ruhig! Ich ärgere mich nicht! Ich habe das selbe getan in deinem Alter! Vielleicht ist es nur gerecht, dass ich es jetzt zurückbekomme.“

So harrt der Alte und wartet auf das Gewünschte, doch der Nussbaum raschelt nur in seiner Krone, wie versteinert, und fröstelt von der Kälte im Geäst.

„Das 'Morgengebet' ist zu Ende, und er erhebt sich langsam, die Abgestumpftheit in allen Adern fühlend.“

 

 

Aus dem Kroatischen von Sonja Đerasimović

 

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Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Rezensionen

Epochal: Miroslav Krlezas fünfbändiger Mammut-Roman "Die Fahnen"

Als Martin Kusej 2013 bei den Wiener Festwochen die Trilogie „In Agonie“ von Miroslav Krleza präsentierte, war dies für viele die erste Begegnung mit diesem kroatischen Autor. Sein fünfteiliger Roman „Die Fahnen“, dessen erste deutsche Übersetzung nun im Wieser Verlag erschienen ist, behandelt ebenfalls den Ersten Weltkrieg samt Vorgeschichte und Auswirkungen. Ein gewaltiges, imponierendes Werk.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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