Essay

Antun Branko Šimić: Schriftsteller in Zagreb

Antun Branko Šimić (1898 - 1925) war ein kroatischer Schriftsteller des Expressionismus. Seine Lyrik hat einen sparsamen, aufrichtigen und ernsten Ausdruck und wirkt auch noch auf die heutige Generation kroatischerDichter.



In dieser Stadt ist Distanz unmöglich. Da kommen manche Spießbürger auf die Idee, sich unter die Literaten zu mischen, worauf die anderen zu ihnen sagen: ihr Literaten! Als wenn die Spießbürger-Literaten nicht mehr zu ihnen sondern zu den Künstlern gehören würden.

Wenn ich an Matoš und die übrigen Literaten seines Kreises denke, dann kommt es mir so vor, als wenn sich die meisten von ihnen nur aus Langeweile oder bestenfalls aus Dilettantismus mit Literatur befaßt hätten. Matoš schien als einziger sich der literarischen Existenz bewußt gewesen zu sein. Allerdings wird es auch solche geben, die gerade von ihm behaupten werden, er wäre ein Dilettant gewesen. Aber er war ein Fragmentist.

Ein Pamphletist in einem Land, in dem die Wahrheit ein Pamphlet ist.

Ein Fragmentist: das Werk ist ein Ganzes, wenn es einen Mittelpunkt hat. Kraftlosigkeit tröstet sich – oder brüstet sich sogar sich als Kraft – wenn es ihr gelingt, die Kraftlosigkeit anderer aufzudecken. (Leider habe ich Gelegenheit, ein solches Spiel im so genannten literarischen Kreis meines Landes zu beobachten, wo diese Kraftlosigkeiten einander auffressen und letzten Endes ein leeres großes Nichts übrigbleibt.)

Eine Philosophie der Manieren.

Das Verderben der Liebsten.

Kameradschaft mit Verdorbenen.

Nein, das ist nicht meine Idee. Wenn sie in solche Gehirne gelangt, ist es schon Eure Idee!

 

* * *

 

Die Kraftlosigkeit von uns Jungen, der ganzen literarischen Generation, die (ungefähr) zusammen mit dem neuen Jahrhundert geboren wurde, zeigt sich auch in unseren Kritiken, in unseren Theorien. Ich will sagen: auch darin, daß wir eigentlich keine Kritik, keine Theorien haben.

Wieso? Gibt es nicht gerade in der neuesten Literatur Kritiken, Theorien, Bekanntmachungen und Manifeste in Hülle und Fülle? Befaßt sich nicht mindestens die Hälfte der Texte gerade damit?

Das stimmt, wenn man nur auf das Papier blickt, das beschrieben wurde. Aber daß es dieser Generation nicht genügte, Werke zu schreiben, sondern daß sie auch ihre Gedanken darüber und über die Kunst im allgemeinen (neuere ausländische Schriftsteller nachahmend) darlegen wollte und irgendwelche Manifeste herausgab – gerade das zeigt die Kraftlosigkeit ihres Denkens. Natürlich bin ich ganz und gar nicht der Meinung, ein Schriftsteller dürfe nicht über seine Mittel, über sein Werk oder das Werk anderer, über die Kunst im allgemeinen schreiben – das darf er, er sollte sogar darüber nachdenken – aber alles, was diese Generation sagte, ist wertlos. Diese ganz unintelligenten Theorien und diese Manifeste, in denen sich meistens der Wunsch eines Gemeindeschreibers ausdrückt, möglichst viele Fremdwörter, deren wirkliche Bedeutung er nicht versteht, zu gebrauchen, können in absehbarer Zeit nur noch von irgendeinem neugierigen Psychologen gelesen werden. Da ich weiß, wie gering die Möglichkeit einer Entwicklung bei unseren Schriftstellern ist – denn bei uns Menschen ist das Wachstums des Gehirns im gleichen Augenblick beendet wie das des übrigen Körpers – da mir also diese Tatsache, die bei uns zum Gesetz wurde, und die man jetzt auch schon bei uns Jungen bemerkt, bekannt ist, kann ich sagen, daß auch mit unserer Generation wieder nichts beginnen wird. Nur einige schlechte Bücher mehr in einer ganz provinziellen, im negativen Sinne provinziellen Literatur. (Eine Ausnahme machen höchstens ein oder zwei Schriftsteller, aber nicht wegen dem, was sie bis jetzt schrieben, sondern was sie vielleicht schreiben werden.) Wir werden sehen, ob erwähntes Gesetz nicht nur eine Regel ist, von der es auch Ausnahmen gibt.

Wenn unsere Generation das wäre, was sie nicht ist (oder wenn sich die eine oder andere Größe hervortun würde): sie würde (neben eigenen Werken) sagen, was sie von den Werken unserer Vorgänger hielte. Wenigstens von denen, die bei uns als große Dichter gelten, z. B. Vojnović, Domjanić, Nazor (um nur einige auf kroatischer Seite zu nennen). Wenn nun jemand sagen würde, daß viele Junge das tun, der hat mich wieder nicht verstanden. Ich sage nicht, daß manch einer nicht das eine oder andere sagt; aber was sagt er?

Wenn es also keine solche Generation oder Gruppe gibt, die wirkliche und nicht nur scheinbare Fortschritte hinsichtlich ihrer Vorgänger macht, und die diese Fortschritte in Worte faßt, dann fragt man sich, ob es Sinn hat, daß manche von uns – die fühlen, daß man über die Werke unserer vorhergehenden Schriftsteller doch etwas anderes sagen müßte als diese schon so oft wiederholten gewöhnlichen Phrasen – hier und da ihre Meinung über den einen oder anderen dieser Schriftsteller veröffentlichen? Wie sinnvoll ist es, statt der Tätigkeiten einiger weniger, die neue Werke und ein neues Kunstverständnis darlegen, ab und zu einen Zeitungsartikel zu schreiben? Würde dadurch irgend etwas in Bewegung gesetzt werden, und würde ein solcher Artikel nicht nur Verwunderung hervorrufen: die Leute würden zuerst einmal stutzig werden und wüßten nicht, wieso und warum da jemand so schreibt; aber letzten Endes würde ihnen ihre bekannte kleinbürgerliche Psychologie helfen: aha, bei dem handelt es sich nur um Neid und Tücke.

Unsere Professoren und diejenigen, die ihnen glauben, meinen, daß jeder Schriftsteller der Vergangenheit bedeutsam wäre. Sie gestehen zwar, daß die Werke mancher dieser Autoren heute nichts mehr wert sind, daß sie aber seinerzeit wertvoll gewesen wären, und man sie aus der damaligen Perspektive heraus betrachten müsse. Ich möchte hier nicht erörtern, ob man einen Schriftsteller je nach Laune mal von hier aus, mal von dort aus betrachten darf – aber gewöhnlich war ein solcher Autor auch zu seiner Zeit nichts wert und kann folglich auch keinen historischen Wert besitzen. Der historische Wert eines Kunstwerks besteht im Einfluß dieses Werkes auf die nachfolgenden Kunstwerke. Die ersten impressionistischen oder kubistischen Bilder haben außer ihrem eigenen künstlerischen Wert auch historischen Wert, da sie den Anstoß gaben für eine neue Richtung in der Malerei, da mit ihnen die Geschichte einer Malepoche beginnt. Von allen kroatischen Schriftstellern besitzt vielleicht Matoš den bis jetzt größten historischen Wert.

Es ist paradox, daß ein scheinbar verachteter Dichter als einziger eine Gruppe junger Literaten um sich scharte und fast einer ganzen Schriftsteller-Generation einen Stempel aufdrückte. Es ist paradox, daß ein Dichter, der kaum als ein solcher angesehen wurde, mehr Poesie-Schüler hatte als Dichter, die damals niemand und heute nur Seltene mit ihm verglichen hätten.

Und nicht nur seine Verse übten ihre Wirkung aus, sondern auch seine theoretischen Bemerkungen und die europäischen Autoritäten, auf die er hinwies. Mir genügt es zu wissen, daß sich Matoš nicht für immer damit abfand, in der Redaktion irgendeiner Zeitung zu sitzen. Kann man sich vorstellen, er schriebe Artikel auf Bestellung des Besitzers; kann man sich vorstellen, er ginge von einer Partei zur anderen? Wir wissen, was heute mit denjenigen unserer Literaten geschieht, die sich weder in einem staatlichen noch einem privaten Dienst befinden. Sie alle gingen in solchen Redaktionen unter, und wenn wir an sie denken, fällt uns Balsac ein, der schon seinerzeit wußte, was Journalistik ist: „Dort sitzt ein junger Mann... Er ist schön, er ist ein Dichter, und was noch wichtiger ist, er ist geistreich. Er wird in ein geistiges Bordell eintreten, das Zeitungsredaktion heißt, dort wird er seine schönsten Ideen vergießen, dort wird sein Gehirn vertrocknen, dort wird seine Seele beschmutzt werden, dort wird er namenlose Unwürdigkeiten begehen... Wenn er, wie tausend andere, sein großes Talent zum Nutzen der Aktionäre verbraucht hat, lassen ihn diese Gifthändler vor Hunger sterben, wenn er durstig ist, lassen sie ihn verdursten, wenn er hungrig ist... Sie werden unser Gehirn austrinken und sagen, wir hätten uns häßlich aufgeführt.“ Wessen journalistische Lohnarbeit wurde unverdorbener verdient als von Matoš? Den Wert ihrer und seiner Arbeit wollen wir gar nicht vergleichen.

Das Traurigste und Merkwürdigste ist, daß diese Menschen wegen ihrer Gefangenschaft gar nicht zu leiden scheinen; sie halten sich sogar meistens für Herren, für Machthaber – wie es sich die Bürgerintelligenz im allgemeinen vorgaukelt; die ekligste Kriecherei, die es jemals gab. Die Situation der Intellektuellen ist nicht nur unser Problem sondern, mehr noch, ein europäisches, ja, ein Problem der ganzen Welt.

Wir gehen der amerikanischen Zukunft entgegen, in der die Dichter den Händlern Werbesprüche schreiben werden. Der Intellekt im Dienst der Ware.

So stehen die Dichter immer den Königen zu Diensten, die heute König der Seife, König des Stahls... heißen.

Allein schon wegen seiner Armut konnte Matoš nicht in jener Distanz leben, die das Ansehen eines kämpferischen Geistes bewahrt, in jener Distanz, die man in einer Stadt wie Zagreb nur sehr schwer wahren kann. Dieser aus der Gesellschaft Verbannte, dieser erste freie kroatische Schriftsteller wählte eine qualvollere und gefährlichere Lebensweise.

Ich nehme Matoš als Exempel und will nicht sagen, daß ich jedes seiner geschriebenen Worte als gut empfinde. Ich sehe in ihm einen Europäer inmitten von Hinterwäldlern, einen Schriftsteller, der mit dem Hunger und mit Krankheiten kämpft, ich sehe die Hand eines kranken, ans Bett gefesselten Menschen ohne Stimme, der sich wegen eines einzigen Wortes abmüht.

Die Leute verlassen sich gewöhnlich nicht auf ihre eigene sondern auf die so genannte öffentliche Meinung, wenn es sich z. B. um eine Sache oder um einen Menschen handelt. Auch in Matošs Fall ist es so, obwohl sie fest davon überzeugt sind, daß die öffentliche Meinung falsch und ungerecht ist. Der Grund dafür ist der, daß es viel bequemer und – vor allen Dingen – nützlicher ist, sich nach der öffentlichen Meinung zu richten. Um das Gegenteil zu tun, sich also nach der eigenen Meinung zu richten, ist ein bestimmter Heroismus nötig. Durch lange Gewohnheit wird die öffentliche Meinung letzten Endes zur einzigen Meinung dieser Leute. Denn warum sollten sie sich überhaupt noch um eine eigene Meinung bemühen, wenn sie sich sowieso nicht nach ihr richten können?

... Die Menschen waren uns fremd, und alles was sie dachten, kam uns lächerlich vor, deshalb behandelten wir sie mit Ironie. Das war unsere einzige Kommunikation mit ihnen. Auch heute ist es nicht anders: die gleiche Einsamkei; nur ist man daran gewöhnt und ist nicht traurig deswegen; nur manchmal, wenn man von Freundeskreisen hört oder liest, denkt man, so wäre es angenehmer zu leben; und sofort vergißt man diesen momentanen Wunsch: – Schließlich weiß ich gar nicht, was Einsamkeit ist; ich bin mir meiner Einsamkeit genausowenig bewußt, wie ich mir bewußt bin zu atmen.

Manche Menschen ähneln Spiegeln, die verkleinern. Sie lassen unsere schlechtesten Saiten erzittern. Daher die Beklommenheit, die uns überfällt, wenn wir mit ihnen zusammen sind, dies Erstaunen über unsere eigene Niedrigkeit. Erst später wird uns der Grund dieser Niedrigkeit klar: unser Eigentliches kam gar nicht zum Ausdruck, sondern nur das, was einzig und allein möglich ist, im Verhältnis zu diesen Menschen; unser Erstaunen über unsere eigene Niedrigkeit, unsere eigene Kleinheit ist eigentlich ein Erstaunen über ihre Kleinheit. Wie winzig die ganze Welt in den Augen dieser Menschen sein muß! Aber... wie könnten sie sich sonst behaupten, wie könnten sie es wagen, diese Welt zu betreten? Etwas über die Atmosphäre, die große Menschen um sich herum verbreiten. Wir machen täglich die Erfahrung, daß der Mensch sich verändert, je nachdem ob er sich in Gesellschaft höherer oder niedrigerer Menschen befindet. Niedrige ziehen ihn zu sich herunter, durch höhere vervollkommnet er sich. Mit der Zeit kann man deutlich die Folgen einer solchen Kameradschft erkennen. Ausnahmsweise kann es auch vorkommen, daß jemand auf die Niedrigkeit anderer so reagiert, daß er sich immer mehr vervollkommnet. Aber es wirkt sich nicht nur die Kameratschaft mit einem höheren Menschen positiv aus, sondern allein schon seine Nähe, seine Anwesenheit in der gleichen Stadt, im gleichen Land, die Tatsache, daß es ihn überhaupt gibt. In seiner Nähe breitet sich eine Atmosphäre aus, von der alle, die in ihr leben, beeinflußt werden, obwohl sie selbst das oft gar nicht wissen. Wieviele Menschen leben, denken, arbeiten in Beziehung zu einem großen Menschen (wie eine Braut, die sich in allem nach ihrem Bräutigam richtet, wie ein Diener nach seinem Herren, wie ein Schüler nach seinem Lehrer). Ein großer Mensch ist ein Symbol. Genauso wie eine Gottheit ein Symbol ist, nach dem sich die Gläubigen in ihrem moralischen Leben und in ihrem Leben überhaupt richten. Der Glanz eines Symbols muß nicht mit dem körperlichen Tod des großen Menschen verlöschen. Es leuchtet manchmal aus weiter Vergangenheit.

Diese Atmosphäre, diese Magie macht es uns verständlich, daß in der Nähe eines Genies das Leben auch derjenigen reicher blüht, die sonst nur vegetieren würden. Was für ein erbärmliches Leben ohne eine solche Atmosphäre! Was für ein moralisches Leben in einer Welt ohne jegliches göttliches Symbol!

Den meisten Menschen gibt die Literatur, besonders die Poesie so wenig, daß ich mich frage, warum sie sie nicht noch geringer schätzen; wenn sie nicht doch ein klein wenig Respekt vor ihr hätten, eine gewisse Angst, als unkultiviert zu gelten, hielten sie sie für noch wertloser.

Ja, es stimmt. Ich habe den Bürger zurückgelassen und mich nicht zu seinen Feinden, den Sozialisten geschlagen.Ich habe mein Glück bei den Intellektuellen, den Literaten, den Philosophen, Künstlern, Studenten usw. versucht.

Ich traf sie auf der Straße in einem Umzug, als sie schrieen: Es lebe der Staat, die Heimat, der Krieg...!

O, es gibt auch solche, die vielleicht über den Staat und die anderen Abstraktionen nachdachten oder die wenigstens in den schriftlich niedergelegten Gedanken anderer diese Abstraktionen schmucklos und unbekleidet, nackt, hätten finden können. Manche haben diese Denker sogar verstanden. Eingetaucht in die Umzugsmenge wollte ich schreien: L’etat, c’est moi! Aber damit dieser Ausruf nicht die gleichen Folgen hätte wie bei (meinem, man könnte fast sagen, Königs-Kollegen) Ludwig XIV., unterdrückte ich den Schrei.

Der Strom reißt mich mit sich und wird mich wahrscheinlich am Anfang eines neuen Krieges ausspeien.

Denn was bist du? fragt man mich. Mitglied einer gewaltigen Gemeinschaft, und du träumst, mit ihrer Hilfe eine bestimmte Geltung zu erlangen; du bist ein Korn in der Getreidekammer, ein Tropfen im Meer, eine Null.

Ich salutiere und warte auf den Befehl.

 

NB

Gleichzeitig denke ich folgendes: wenn ich eine Null bin, und wenn jeder andere genau wie ich eine Null ist, dann sind wir erst recht eine gewaltige Gemeinschaft: eine gewaltige Menge Nullen. Also nicht nur für einen Mathematiker sondern für jeden, der denkt, ist das Ergebnis gleich null. Da gibt es nur zweierlei:

1) Unsere gewaltige Gemeinschaft ist ein Begriff, eine Abstraktion, etwas, was es gar nicht gibt, eine Null.

2) Irgendwo muß es eine Eins geben, die mich, die alle, die wir Nullen sind, sich hinzufügt und so vermehrt, die zum eigenen Nutzen wächst.

Aber es könnte auch ein Drittes möglich sein:

Ich werde nicht erlauben, daß mich jemand im Nichts ertränkt, denn ich bin eine Eins, eine Einzelperson (und das bedeutet: ich bin).

 

* * *

 

Heute, da der so genannte Humanitarismus alle Herzen erobert hat, da sogar Vogelschutzvereine gegründet werden, da die Herzen also geradezu weich werden vor lauter Humanitarismus, wird bestimmt auch das Herz der Repräsentanten der höchsten Obrigkeit bis hinunter zum Henker von ihm nicht verschont bleiben. Keiner der Repräsentanten der Obrigkeit, von den höchsten bis zu den niedrigsten, keiner als Persönlichkeit, als Privatperson, könnte von sich aus kalt und völlig leidenschaftslos einen Menschen in seiner Nähe umbringen. Und dennoch: der König und ihm Ähnliche und alle Minister... und alle Richter... und der direkte Straffollzieher, der Henker mit eigener Hand, bringen Menschen um. Sie würden also nicht von sich aus jemanden umbringen, tun es aber im Namen von etwas „Höherem“.

Dieses „Höhere“, dieses Unpersönliche befiehlt, verurteilt, bringt um. Der Staat, das öffentliche Gut...

Ja, einst war der Staat ein Mensch oder mehrere Menschen... und die Unergebenen maßen diesem Menschen überirdische, nicht menschliche, übermenschliche Eigenschaften bei... und unterwarfen sich: die Kindheit des Menschengeschlechts.

Da wir uns (besser gesagt ihr euch) in unserer Individualität heute – d. h. die Menscheit im Erwachsenenalter – auflehnen, weil wir erkannt haben, daß dieser Mensch oder diese Menschen, die herrschen, nicht überirdisch sind, wollen wir uns nicht mehr jemandem, der uns gleich ist, einer Persönlichkeit, einem Menschen unterwerfen. Die Menschheit hat die Gewalt über sich entmenschlicht, hat sie zu etwas Unpersönlichem gemacht, zu etwas, was nicht besteht.

Diejenigen, in deren Händen die Gewalt liegt, waren damit allzu schnell einverstanden. Die Gewalt lag weiterhin in ihren Händen und gleichzeitig entzogen sie sich der Verantwortung. Denn was sie tun, tun sie nicht als Privatpersonen sondern nur als Werkzeug von etwas Höherem. Oft sind sie von sich als Werkzeug sogar überzeugt.

„Es ist mir gleichgültig, was und wer der Staat ist, Hauptsache, er schützt meinen Besitz, meinen Kopf und meine Rechte“, denkt der Bürger und schickt mein sozialistisches Philisophieren zum Teufel...

 

* * *

 

Jeder (ich oder ein anderer), der zu euch kommt mit dem Anspruch, von euch zu verlangen, ihr solltet so oder so sein, hält unter der Maske, die „Recht“ heißt, die Lüge oder die Fiktion eines Irrsinnigen versteckt. Das einzige Recht – o, dieses Wort ohne rechten Inhalt, wie so viele andere auch! – wäre das Recht von jemandes Macht über andere. Jeder, der euch retten will, trägt in seinen Händen mehr eigene Eitelkeit als gute Absichten euch gegenüber – erst aus Eitelkeit oder aus etwas anderem, was der Eitelkeit Bruder oder Schwester ist, entstehen die guten Absichten euch gegenüber.

Aber was geht uns jemandes Eitelkeit an, Hauptsache, daß er gut über uns denkt – sagt ihr. Und völlig zu Recht. Das sagt ihr jedoch nicht von allen, die (natürlich aus Eitelkeit oder etwas Ähnlichem, z. B. aus „Pflicht“ oder „Mitleid“) gut über euch denken.

Diese haben also absolut kein recht, sich über euch zu ärgern, weil ihr ihrer Eitelkeit nicht Genüge leistetet. Hat ein Verliebter recht – in jeglichem Sinne des Wortes – ärgerlich über seine Frau zu sein, weil sie seine Begierde nicht befriedigte?

(Aber alle diese Ausreden beweisen nicht, daß ihr kein – Vieh seid.)

Eure Schuld besteht darin, daß ihr dennoch immer von diesem oder jenem Reformator oder Idealisten betrogen wurdet. Immer werdet ihr gegängelt, immer seid ihr ein Opfer, von dem sich die bewußte oder unbewußte Eitelkeit des Idealisten nährt. Ihr meint (vielleicht völlig berechtigt), daß ihr nicht alleine mit eurem Gehirn auskommen könntet und immer ein fremdes brauchtet.

 

* * *

 

Ja, wirklich, ihr müßtet für mich ganz anders sein, ganz anders als ihr jetzt seid, mir zur Freude, vielleicht müßte ich auch für mich selbst anders sein. (Jeder von uns scheint Gott sein zu wollen: ein wahrlich ehrgeiziges Streben.) Ob meine Kraft, mit der ich euch blenden, betrügen, überlisten, kurz: besiegen werde, genügen wird, ist eine andere Frage.

Jedenfalls werden wir kämpfen.

Nur so und nicht anders sollte man leben.

Und wenn ich euch einmal nach meinem Wunsch verändert hätte, möchte ich vielleicht, daß ihr wieder anders wärt, z. B. so wie jetzt.

Vielleicht möchte ich schon jetzt manchmal,

daß ihr so seid wie ihr heute seid.

Widersprüche sind nötig.

Wenn ich euch aber dennoch nach meinem Wunsch verändern möchte, es mir aber nicht gelänge, wäre es ein Trost für meine Schwäche, daß ich euch als Veränderte in meiner Kunst haben kann.

Meine Liebe gehört dem Leben. Das Leben ist ein Geheimnis.

Meine Liebe gehört dem Geheimnis Leben.

 

Aus dem Kroatischen

von Hedi Blech-Vidulić 

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Essay

Ivo Frangeš: Die Stellung des Dialektes in der Kroatischen Literatur

Der Grundwortschatz des Standardkroatischen besteht ebenso wie derjenige der kroatischen Dialekte überwiegend aus Erbwörtern gemeinslawischer Herkunft. Auf dialektaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede im Erbwortschatz zwischen den štokavischen, čakavischen und kajkavischen Varietäten, jedoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Der Grundwortschatz des Standardkroatischen ist weitgehend štokavischer Herkunft.

Der Lehnwortschatz der kroatischen Dialekte unterscheidet sich regional stark: im Küstenraum gibt es viele Entlehnungen aus dem Dalmatischen und Italienischen, im nördlichen Landesinneren aus dem Ungarischen und Deutschen, in allen ehemals osmanischen Gebieten aus dem Türkischen.

Der Aufbauwortschatz des Standardkroatischen ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Bestrebens, neue (Fach-)Begriffe fremdsprachiger, vor allem lateinischer Herkunft mit den Mitteln des Slawischen wiederzugeben. Dieses begann im Mittelalter im Kroatisch-Kirchenslawischen, setzte sich in der frühen Neuzeit in den regionalen Schriftsprachen und ihren Lexikographien fort und fand eine offizielle Kodifizierung in den maßgeblich am tschechischen Vorbild orientierten Werken des standardkroatischen Lexikographie des 19. Jahrhunderts. Ein großer Teil der im Laufe der Jahrhunderte geprägten Neologismen ist zwar wieder verschwunden oder von Anfang an nie über die Werke seiner Urheber hinausgelangt, ein anderer Teil ist jedoch zu einem festen Bestandteil der kroatischen Standardsprache geworden.

Rezensionen

Epochal: Miroslav Krlezas fünfbändiger Mammut-Roman "Die Fahnen"

Als Martin Kusej 2013 bei den Wiener Festwochen die Trilogie „In Agonie“ von Miroslav Krleza präsentierte, war dies für viele die erste Begegnung mit diesem kroatischen Autor. Sein fünfteiliger Roman „Die Fahnen“, dessen erste deutsche Übersetzung nun im Wieser Verlag erschienen ist, behandelt ebenfalls den Ersten Weltkrieg samt Vorgeschichte und Auswirkungen. Ein gewaltiges, imponierendes Werk.

Autoren

Ivan Kozarac

Der kroatische Schriftsteller Ivan Kozarac erschien in der Literatur im Jahr 1902 mit dem Gedicht in der Zeitung. In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit (1902-1910) schrieb er etwa 60 Gedichte, 40 Kurzgeschichten und Novellen, den Roman und eine Autobiografie.
Der Roman "Đuka Begović" ist seine literarische Spitzenleistung.

Lyrik

Hanibal Lucić: Lyrik

DIE ÄLTERE KROATISCHE LITERATUR

Hanibal Lucić (* um 1485 in Hvar; † 14. Dezember 1553 in Venedig) war einkroatischer Schriftsteller der Renaissance. Der Sohn wohlhabender und entsprechend einflussreicher Eltern war als Richter und Rechtsanwalt tätig und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Heimatinsel Hvar. Ein Großteil seiner Werke (vor allem der frühen) ist nicht erhalten, da er sie verwarf und vernichtete.
Das bekannteste und am weitesten rezipierte Werk von Lucić ist Robinja (Die Sklavin), das erste weltliche Schauspiel in der kroatischen Literatur überhaupt. Es wurde, zusammen mit Versen Lucićs, 1556 in Venedig veröffentlicht, also erst nach seinem Tod, erlebte jedoch bis in jüngste Zeit etliche Ausgaben. Im Mittelpunkt dieses eher „handlungsarmen“ und streckenweise „weitschweifigen“ Liebesdramas stehen der Aristokrat Derenčin und eine in Budapest von Türken geraubte Schöne, die er auf dem Sklavenmarkt vonDubrovnik trifft. Am Ende wird sie seine Braut. Auch in seinen Liedern kreiste Lucić vorwiegend um das Thema Liebe. In allen Werken Lucićs vereinten sich italienische Einflüsse (Francesco Petrarca, Pietro Bembo) mit seiner Leidenschaft für die Alltagssprache kroatischer Bauern und Schafhirten. Sie hinderte ihn freilich nicht daran, seine in den Jahren 1510–1514 gegen die venezianischen Beherrscher Hvars rebellierenden Landsleute einen „Haufen von Dummköpfen“ zu nennen.

Prosa

Mirko Božić: Körper und Geister (Fragment aus dem Roman)

Mirko Božić (1919 - 1995) war ein kroatischer Schriftsteller. Božić war ein ebenso begabter Dramatiker wie Prosaist der Nachkriegszeit. Er verfasste auch Drehbücher und Hörspiele. Es existieren nur wenige Übersetzungen ins Deutsche.

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3, 1981) erschienen.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Authors' pages

Književna Republika Relations Quorum Hrvatska književna enciklopedija PRAVOnaPROFESIJU LitLink mk zg