Prosa

Dunja Matić: Ströme von Menschen stehen morgens auf und gehen zur Arbeit

Dunja Matić Benčić (geb. 1988) ist eine Prosaistin. Sie studierte Kuturologie und arbeitet als Assistentin an der Abteilung für Cultural Studies an der Philosophischen Fakultät in Rijeka, wo sie auch lebt. Sie veröffentlichte den Roman "Troslojne posteljine" ("Dreilagige Bettwäsche") (2017) und den Erzählungsband "Sinestezija" (2019) ("Synästhesie"). Sie ist Mitbegründerin und ehemalige Redakteurin der interdisziplinären Kulturzeitschrift "Drugost" (2009-2012). Ihr Roman "Mirovanje" ("Ausruhen") befindet sich in Vorbereitung. Sie war Mitglied des Vereins Katapult und Redakteurin des Onlinemagazins Književnost uživo (Literatur live). Seit 2018 ist sie Mitglied der informellen Literaturgruppe Ri Lit. Die Prosa von Dunja Matić Benčić vibriert in Spannungsräumen zwischen dem Intimen und dem Gesellschaftlichen, summiert Erfahrungen des Aufwachsens und des Formierens gesellschaftlicher Rollen, vor allem weiblicher. Ihr Schreiben ist geprägt von einem fragmentarischen Stil und einer diskret poetischen Qualität.



 

 

Dunja Matić

Ströme von Menschen stehen morgens auf und gehen zur Arbeit

(Auszug aus dem Roman Mirovanje – 'Rast')

 

© der Übersetzung: Klaus Detlef Olof


Wenn der Vater vom Schiff nach Hause kam, lagen drei volle Monate wie ein Gummiband vor ihm, bereit, die ganze Fülle der freien Zeit in sich aufzunehmen. Es folgten Spaziergänge in der Natur, das Klicken seines Fotoapparats, lange Telefongespräche mit den in anderen Straßen, Städten und Ländern lebenden Verwandten, Pläne für selten verwirklichte Besuche, Umgang mit den Kindern, immer seltener, je größer sie wurden. Drei Monate des durch sein Wegsein bestimmten Lebens, das er, mit jeder Heimkehr immer ungeschickter, auf seine ursprünglichen Positionen zurückzuführen versuchte. Nachts, vor dem Schlafen, spulte er voller Eindrücke lange mit seiner Frau das Knäuel seiner Gedanken ab. Sie bemühte sich wach zu bleiben und kämpfte mit der Last der erfüllten und auf sie wartenden Pflichten, die ihre Augen zufallen ließ. Wenn Vater weg war, blieb die Tradition der nächtlichen Gespräche mir überlassen.

Ich war am meisten dann wach, wenn es galt einzuschlafen. Die Mutter war geneigt, es allen recht zu machen, und verzichtete auf ein paar Stunden Schlaf, um auf die Plejaden meiner Fragen zu antworten, die gewöhnlich weitschweifige Erklärungen verlangten. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, begreife ich, dass meine Erinnerungen an sie, an uns, sich auf diese Gespräche reduzieren. Die Tageszeit ist nicht wichtig, nicht wichtig ist auch, was wir taten, das war nie etwas Besonderes. Meine Erinnerungen sind eingewebt in ein Netz alltäglicher Details: Mittagessen kochen, Kuchen backen, Sachen bügeln, einkaufen gehen. Worüber haben wir in der Zeit so viel geredet, wenn nicht über alles? Alles, was ich sah, hörte, fühlte und überlegte, ging durch das Sieb ihrer Erklärungen und ließ mit der Zeit immer mehr Klumpen zurück, die zu hart waren, um von ihr zerlegt zu werden. Wir redeten und zerlegten trotzdem. In einer Zeit, in der Eltern beginnen, unwidersprochen strengere Regeln aufzustellen, gegen die ihre Kinder zu revoltieren lernen, beharrten wir beide noch immer darauf, uns aneinander anzupassen und uns gegenseitig zu erklären. Mit sechzehn bot mir eine Psychiaterin im städtischen Krankenhaus eine Zigarette an, wälzte sich in ihren Sessel und sagte: "Deine Mutter kann nicht deine beste Freundin sein."

Aber sie war es. Vor allem war sie das in den Nächten, in denen ich nicht einschlafen konnte. Obwohl von innerer Unruhe unbekannter Ursache erschöpft, marschierte der Körper stundenlang gehorsam von einem Ende des Zimmers zum anderen, mal beschleunigt, mal verlangsamt, solange bis sich das abgegangene Rechteck des Raums in einen Kreis verwandelte, in einen Strudel, der mich aus sich hinauswarf aufs Bett. Sie setzte sich hinter mich, umschlang mich mit den Beinen, als wäre ich in diesem Augenblick, schwer und übergroß, gerade aus ihr herausgekommen. Sie malte Kreise auf meinen Rücken, schrieb Buchstaben, die allmählich zu Wörtern wurden. Sie nahm all meinen, aus der Hilflosigkeit aufquellenden Schmerz in sich auf. Ihrer blieb unsichtbar und stumm, irgendwo hinter meinem Rücken. Wenn euch jemand von hinten umarmt, könnt ihr es nicht erwidern.

Hätte ich mich umdrehen können, wen hätte ich gesehen?

Eine Frau in den Vierzigern, deren graues Haar sie älter machte, als sie war. Das politische System, dem sie angehört hatte, war zersprungen wie das Glas des Fensters, durch das sie die Welt sah. Jetzt sieht sie zu, wie diese ganze Welt zusammenstürzt, rasch, schmerzhaft und laut, wie ein Körper, der aus großer Höhe herabstürzt, und sie stürzt sich ihm nach. Ein ganzes Jahrzehnt Stürzen. Irgendwo in der Mitte dieses Sturzes hat sie auch ihre Arbeit verloren, die Geschwindigkeit des Sturzes hat all ihre Schichten abblättern lassen. Sie versuchte etwas anderes zu finden, aber ihr Mann sagte, das brauchst du nicht, mach es dir leichter, lass es sein, du wirst der Mutter helfen, du wirst dich den Kindern widmen. Ich werde für uns sorgen. Sie hörte auf ihn. Einmal sagte sie zu mir, ohne Arbeit bleibst du ohne Gefühl für dich selbst, ohne Zweck. Nein, sie hätte nicht Sinn gesagt, sondern Zweck, denn für sie, für uns, ist der Zweck der Sinn. Nützlich sein, von jemand oder von etwas gebraucht werden. Morgens steht sie trotzdem früh auf und sieht eifersüchtig den Menschen nach, die irgendwo hingehen.

Wenn ich sie heute danach frage, was ihr das System bedeutet hat, warum sie es so sehr geliebt hat, zählt sie mir nur Wörter auf: Illegale, Kampf, Brüderlichkeit und Einheit, Partisanen, Idole. Nach ein paar Folgen dieser Schlüsselwörter verirrt sich manchmal eine Erinnerung herein, zumindest eine Erinnerung an ihren Vater. Dida, mein Großvater, mit Namen Golub, Begründer der Partisanenbewegung auf der Insel Ugljan, hat mit ihr verschiedene Geschichten aus seinem Leben geteilt, und sie hat diese an mich weitergegeben: Als junger Mann hat er bei einer reichen Familie, Österreicher, auf einem Schiff Dienst getan. Er war verantwortlich für alles, von kleineren Reparaturen bis zum Kochen und Bettenmachen. In Leinenhandschuhen hat er den Fisch filetiert. Als er weg ging, hat er von den Österreichern als Belohnung etwas Kleingeld bekommen, die Mutter sagt, ein Almosen. Und ihr Vater, erzählt sie mir, wirft dieses Kleingeld über die Reling, ins Meer. Er hat seine Arbeit korrekt, fleißig verrichtet, er hat verdient, anständig bezahlt zu werden. Sein Vorgesetzter meldet ihn dem Kapitän, und der Kapitän ruft ihn zum Gespräch zu sich. Ihr Vater gibt alles zu, er sagt, ja, ich habe es weggeworfen, und wiederholt, erklärt, ich habe alles erledigt, wie es zu sein hat. Danach habe der Kapitän dafür gesorgt, dass er für seine Verdienste anständig bezahlt wurde. Der Österreicher gab ihm persönlich ein solches Trinkgeld, wie er es verdient hatte. Als er ihr diese Geschichte erzählte, war die Mutter in Tränen ausgebrochen.

Wenn ich sie heute danach frage, antwortet sie mir mit sozioökonomischen Begründungen, in entflammten politischen Reden. Sie sagt zu mir, ich bin wütend, dass die Wirtschaft zugrunde gegangen ist, die Wirtschaft musste nicht zugrunde gehen. Von dem Staat, in dem es alle Tätigkeiten gab, in dem Ströme von Menschen morgens aufgestanden und zur Arbeit gegangen sind, was ist von all dem geblieben? Nur manchmal ziehe ich ein Detail aus ihr heraus, eine Geschichte, die, anstatt Teil eines nie geschriebenen Lehrbuchs zu sein, ihr persönlich gehört. Dann begreife ich, dass auch diese Erklärungen etwas Persönliches sind, sie sind unsere Grundlage. Mein Bruder und ich lehren und unterrichten heute, wir erklären. Er für Geld, ich für mein Wohlgefühl. Denn manchmal ist Arbeit auch Lohn für sich selbst. Unsere Mutter wusste das, während sie eifersüchtig vom Fenster aus den Menschen nachsah, die irgendwo hingingen, nachdem sie mit ihrem kleinen Mädchen schwer im Schoß einen weiteren Morgen erwartet hatte.

Auf einer der Fotografien von der Hochzeit leuchten unsere zwei Lächeln nebeneinander wie der Reflex in einem Spiegel. An dem Abend sagte sie, während wir darauf warteten, nach Hause gefahren zu werden, und die Gäste vor der Tür des Restaurants verabschiedeten: Früher haben wir uns viel erzählt, jeden Tag haben wir uns gehört, auch mehrere Male am Tag. Wir hören uns nicht mehr so viel, manchmal bin ich böse, aber dann sage ich mir, es ist gut, sie braucht dich nicht mehr. 

 

 

 

 

proza

Philippe Lançon: Zakrpan

Philippe Lançon (1963.) novinar je, pisac i književni kritičar. Piše za francuske novine Libération i satirički časopis Charlie Hebdo. Preživio je napad na redakciju časopisa te 2018. objavio knjigu Zakrpan za koju je dobio niz nagrada, među kojima se ističu Nagrada za najbolju knjigu časopisa Lire 2018., Nagrada Femina, Nagrada Roger-Caillois, posebno priznanje žirija Nagrade Renaudot. Knjiga je prevedena na brojne jezike te od čitatelja i kritike hvaljena kao univerzalno remek-djelo, knjiga koja se svojom humanošću opire svakom nasilju i barbarizmu.

proza

Sándor Jászberényi: Najljepša noć duše

Sándor Jászberényi (1980.) mađarski je novinar i pisac. Objavio je knjige Vrag je crni pas: priče s Bliskog istoka i šire (New Europe Books, 2014.) i Najljepša noć duše, koja je 2017. dobila mađarsku književnu nagradu Libri. Kao ratni dopisnik za mađarske medije, New York Times, Egypt Independent izvještavao je o Arapskom proljeću, sukobima u Gazi, Darfurskoj krizi itd. Živi između Budimpešte i Kaira.

proza

Sheila Heti: Majčinstvo

Sheila Heti (1976.) jedna je od najistaknutijih kanadskih autorica svoje generacije. Studirala je dramsko pisanje, povijest umjetnosti i filozofiju. Piše romane, kratke priče, dramske tekstove i knjige za djecu. U brojnim utjecajnim medijima objavljuje književne kritike i intervjue s piscima i umjetnicima. Bestseleri How Should a Person Be? i Women in Clothes priskrbili su joj status književne zvijezde. New York Times uvrstio ju je na popis najutjecajnijih svjetskih književnica koje će odrediti način pisanja i čitanja knjiga u 21. stoljeću, a roman Majčinstvo našao se na njihovoj ljestvici najboljih knjiga 2018. godine. Hvalospjevima su se pridružili i časopisi New Yorker, Times Literary Supplement, Chicago Tribune, Vulture, Financial Times i mnogih drugi koji su je proglasili knjigom godine. Majčinstvo je tako ubrzo nakon objavljivanja postao kultni roman. Sheila Heti živi u Torontu, a njezina su djela prevedena na više od dvadeset jezika.

poezija

Selma Asotić: Izbor iz poezije

Selma Asotić je pjesnikinja. Završila je magistarski studij iz poezije na sveučilištu Boston University 2019. godine. Dobitnica je stipendije Robert Pinsky Global Fellowship i druge nagrade na književnom natječaju Brett Elizabeth Jenkins Poetry Prize. Nominirana je za nagradu Puschcart za pjesmu ''Nana'', a 2021. uvrštena je među polufinaliste/kinje nagrade 92Y Discovery Poetry Prize. Pjesme i eseje na engleskom i bhsc jeziku objavljivala je u domaćim i međunarodnim književnim časopisima.

proza

Ines Kosturin: Izbor iz poezije

Ines Kosturin (1990., Zagreb) rodom je iz Petrinje, gdje pohađa osnovnu i srednju školu (smjer opća gimnazija). Nakon toga u istom gradu upisuje Učiteljski fakultet, gdje je i diplomirala 2015. godine te stekla zvanje magistre primarnog obrazovanja. Pisanjem se bavi od mladosti, a 2014. izdaje svoju prvu samostalnu zbirku poezije, ''Papirno more''. Krajem 2020. izdaje drugu samostalnu zbirku poezije, ''Herbarij''. Pjesme objavljuje kako u domaćim, tako i u internacionalnim (regionalno i šire) zbornicima i časopisima. Na međunarodnom natječaju Concorso internazionale di poesia e teatro Castello di Duino 2018. osvaja treću nagradu. Poeziju uglavnom piše na hrvatskom i engleskom jeziku.

proza

Luka Ivković: Sat

Luka Ivković (1999., Šibenik) je student agroekologije na Agronomskom fakultetu u Zagrebu. Do sada je objavljivao u časopisu Kvaka, Kritična masa, Strane, ušao u širi izbor za Prozak 2018., uvršten u zbornik Rukopisi 43.

poezija

Bojana Guberac: Izbor iz poezije

Bojana Guberac (1991., Vukovar) odrasla je na Sušaku u Rijeci, a trenutno živi u Zagrebu. U svijet novinarstva ulazi kao kolumnistica za Kvarner News, a radijske korake započinje na Radio Sovi. Radila je kao novinarka na Radio Rijeci, u Novom listu, na Kanalu Ri te Ri portalu. Trenutno radi kao slobodna novinarka te piše za portale Lupiga, CroL te Žene i mediji. Piše pjesme od osnovne škole, ali o poeziji ozbiljnije promišlja od 2014. godine kada je pohađala radionice poezije CeKaPe-a s Julijanom Plenčom i Andreom Žicom Paskučijem pod mentorstvom pjesnikinje Kristine Posilović. 2015. godine imala je prvu samostalnu izložbu poezije o kojoj Posilović piše: ''Primarni zadatak vizualne poezije jest da poeziju učini vidljivom, tj. da probudi kod primatelja svijest o jeziku kao materiji koja se može oblikovati. Stoga Guberac pred primatelje postavlja zahtjevan zadatak, a taj je da pokušaju pjesmu obuhvatiti sa svih strana u prostoru, da ju pokušaju doživjeti kao objekt. Mada pjesnički tekst u ovom slučaju primamo vizualno, materijal te poezije je dalje jezik.'' Njezine pjesme objavljivane su u časopisima, a ove godine njezina je poezija predstavljena na Vrisku – riječkom festivalu autora i sajmu knjiga.

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Iva Sopka: Plišane lisice

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista “Ranko Marinković” 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade “Sedmica & Kritična Masa” 2016., 2017. i 2019. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine, a kratka priča joj je odabrana među najboljima povodom Mjeseca hrvatske knjige u izboru za književni natječaj KRONOmetaFORA 2019. godine. Kao dopisni član je pohađala radionicu kritičkog čitanja i kreativnog pisanja "Pisaće mašine" pod vodstvom Mime Juračak i Natalije Miletić. Dobitnica je posebnog priznanja 2019. godine žirija nagrade "Sedmica & Kritična masa" za 3. uvrštenje u uži izbor.

proza

Ivana Caktaš: Život u roku

Ivana Caktaš (1994., Split) diplomirala je hrvatski jezik i književnost 2018. godine s temom „Semantika čudovišnog tijela u spekulativnoj fikciji“. Tijekom studiranja je volontirala u Književnoj udruzi Ludens, gdje je sudjelovala u različitim jezikoslovnim i književnim događajima. Odradila je stručno osposobljavanje u osnovnoj školi i trenutno povremeno radi kao zamjena. U Splitu pohađa Školu za crtanje i slikanje pod vodstvom akademskih slikara Marina Baučića i Ivana Svaguše. U slobodno vrijeme piše, crta, slika i volontira.

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Marija Skočibušić: Izbor iz poezije

Marija Skočibušić rođena je 2003. godine u Karlovcu gdje trenutno i pohađa gimnaziju. Sudjeluje na srednjoškolskim literarnim natječajima, a njezina poezija uvrštena je u zbornike Poezitiva i Rukopisi 42. Također je objavljena u časopisima Poezija i Libartes, na internetskom portalu Strane te blogu Pjesnikinja petkom. Sudjelovala je na književnoj tribini Učitavanje u Booksi, a svoju je poeziju čitala na osmom izdanju festivala Stih u regiji.

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