Prosa

Mirko Božić: Körper und Geister (Fragment aus dem Roman)

Mirko Božić (1919 - 1995) war ein kroatischer Schriftsteller. Božić war ein ebenso begabter Dramatiker wie Prosaist der Nachkriegszeit. Er verfasste auch Drehbücher und Hörspiele. Es existieren nur wenige Übersetzungen ins Deutsche.

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3, 1981) erschienen.



An diesem Morgen dröhnte es dunkel aus der Ferne, vom Südlichen Küstengebirge, von Biokovo her. Silvestar hatte sich nie an das Gröhlen der Kanonen gewöhnen können, wie wohl kein einziges Lebewesen an das Grollen des Donners. Nur dulden und gären muss er.

Wann immer ihn Sorgen befallen, falls er nur irgendwie kann, flüchtet er aus dem lärmenden Hof unter den kronigen Nussbaum, dort, unter die Häuser. Dort gibt es Schatten im Sommer, „gesunde Kälte im Winter, vor allem aber Einsamkeit. Silvestar weiss, dass die Einsamkeit ein nur irrsames Heilmittel ist, doch da, unter dem Nussbaum, da scheint ihm als würde er Augenblicke eines verständlicheren Dauerns verbringen, freier ist er im Fluchen und friedlicher in der Qual, doch auch dies alles noch verkrampft, voller Unglauben und Bangigkeit, selten auch mit nur einem Funken Hoffnung. Und dann, es ist gut, dass sich so ein altes Wesen manchmal dem Blick der Jüngeren entzieht. „Eine Erleichterung für ihn und auch für sie“, haucht er, und gleitet dabei mit dem Rücken am Stamm des Nussbaumes langsam hinunter, bis zu seinem alten Baumstumpf.

Der Nussbaum ist nun kahlgeworden, tief im Stein eingegraben, mit seinen hurndertfingrigen Ästen ruhig im Gebet verharrend. Es kommt die Zeit der Säfte und der Blätter.

Silvestar aber scheint es, als sei ihm die Haut abgezogen worden und er sie wieder übergestreift hätte, von der verkehrten Seite noch dazu, so dass er sogar vor Einatmen und Betasten Angst hat. Seine Augen glühen verengt und trocken, nach Schlaf dürstend, der Tag scheint ihm taub und die Nacht schieläugig zu sein; der Hunger ungesalzen und die Krankheit lächerlich und afufdringlich wie die Fliegen; die Arbeit ungeeignet, wenn sie gefordert wird, und unförmig, wenn sie getan werden muss. Frauen beschäftigen ihre Hände zumindest mit dem Strickzeug, sie entflechten und verflechten es immer wieder, und wenn es ihnen mangelhaft erscheint, schämen sie sich. Alles hat sich umgestellt. Jetzt scheint ihm alles, ein blosser Augenblick zu sein: es gibt nichts ausser dem hinterhältigen Tod, dem du kopfschwindelnd ausweichst, wie in jener Kindernarretei: trockenbleiben indem man zwischen den Regentropfen hindurchläuft; und gleich danach wird die Zeit wieder langwierig und schmerzvoll, und alle Wünsche gelten nur ihrem schnelleren Verlauf, würde es sich dann nicht zum Besseren oder Schlechteren wenden?

„So muss es auch der gekreuzigte Jesu empfunden haben, falls er ein Mensch war!“

Man sollte die Kartoffeln und Zwiebeln im Garten umgraben, die Hennen noch vor Ostern aufsetzen, die Frauen ins Städtchen schicken, ins Risiko hinein, um Chinin und Aspirine zu holen, eine Tasche voll Gerste, einen Tropfen Öl, ein Korn Salz und, falls sie Glück haben und ein wenig Gummi für Flechtschuhe auftreiben können, noch Garn und Nadel für ihre weiche Bearbeitung, doch vor allem einen Würfel Zucker für die Kinder, für Garin auf jeden Fall. Man sollte die Dächer bedecken, Spargel und Pilze sammeln, falls es sie gibt, man sollte der Ziege beim Abwerfen helfen, heilig sei ihr Euter, man sollte noch einen Behälter aus Stein meisseln und das Regenwasser in ihn leiten, es wird Dürre geben, das wird uns auch nicht erspart bleiben. Man sollte... man sollte... laute Wunder der Bauernarbeit! Nur, Wunder gibt es keine, aber Sorgen um so mehr. Der Herr ruht, uns lässt man nicht. Als wären uns die Hände gelähmt und der Wille verhext, dass uns die schwere Zeit zur Fäulnis zersetzt...

„Es ist nicht so, Silvestar. Sprich nicht über die anderen! Beschäftige dich mit etwas Klügerem! Arbeite!“

Aber, wenn man auch jenes, das getan werden muss, tun würde, so wäre es doch nur kleinlich, jämmerlich und kümmerlich verglichen mit Silvestars ehemaligem Wohlstand. Nicht mal ein Ochsengespann mehr! O Traurigkeit! Von allem ist es zu wenig, zu wenig für so viele Münder, wenn du noch die Partisanen dazu rechnest!

Wo haben sich nur die Wildtauben verstreut, in welch ein abgründiges Loch, brächen sie doch ihre klappernden Flügel!

Kannst sie nicht einmal mehr mit dem Auge erspähen, wie solltest du sie dann noch mit dem Gewehr erwischen? Haben sich in Fledermäuse verwandelt, was!? Die Natur mit ihren Gerüchen und ihrer Gelöstheit, die gibt es für ihn auch nicht mehr, auch keinen Adler, der mit Seiner Beute rauft, und keine Drossel, die von Ast zu Ast flattert, nicht einmal Wölfe, ihre Spuren sind alle verwischt, Menschen haben sich im Gebirge angesiedelt.

„Die Zunge soll dir versiegen, Silvestar! Wirst hoffentlich nicht auch noch den Wölfen nachtrauern?! In was für einem Strudel werden die Menschen gewirbelt, was für ein Ungewitter ist denn da in die Welt gesetzt Worden, du hast  es noch gut, und wenn du dieses Gute noch so oft als dein Kreuz bezeichnest! Gestern hast du es wieder einmal herausbekommen. In letzter Zeit hört man glücklicherweise weder Kanonen noch Flugzeuge, und dabei haben sie noch unlängst, den ganzen Tag über, sogar auf die Esel im Gebirge geschossen. Ein Wunder, dass sie dir das Haus mit deinen Leuten darin nicht in den Rauch gejagt haben! Passiert ist es, bei Gott, sogar nachts, wenn es regnete und hagelte, da konntest du nur die Hosen hochziehen, und ab in die Höhlen! Schweig also lieber und klopfe ans Holz! Vergiss deine Jahre nicht, genügend hast du ja, für zwei Leben würde es ausreichen! Schweige also! Der Kummer der Menschen vergeht bereits!“

(Das sind Sie, das ist ihre Art, diese verrücktmachende Heiterkeit. „Rück mal, noch ein wenig, bis zum Ton!“ „Besser wird es.“ „Am schlimmsten sind die ersten zehn Jahre.“ „Und danach?“ „Danach wird es wieder gleich sein!“ „Besser wird es.“)

Er hat sich immer zurückgezogen, vor jeder regulären Armee, der eigenen wie der fremden (vor Macht und Gewalt, vor ihrer Disziplin und ihrer Militärjustiz, weit sei ihr das schöne Haus) und erst recht vor den bewaffneten, zornerfüllten Seelen, die er am Anfang des Krieges als Blitzableiter der donnernden Gewalt erblickt hat. Tag und Nacht klettern sie über das Gestein, ziehen, gleiten, fegen vorbei; schlafen im Stehen, sind durstig, hungrig, barfüssig, krank und verfolgt, tot und verwundet. Erschiessen so manchen unter sich wegen einer heimlich ausgegrabenen Kartoffel oder abgepflücktem Apfel, verfolgen die Weichen, trennen die Liebenden und empfinden nur den Kampf als sündenlos und heilig. Verletzen einander ohne zu überlegen, bewundern voller Seligkeit, urteilen voreilig, behalten jede Beleidigung voller Rachsucht im Gedächtnis, bestrafen den Verrat tödlich, lachen völlig unverhofft und weinen ein trockenes Weinen, singen aus vollem Halse, wenn sie jemand sehen oder hören kann, so stolz und eitel, und sammeln dann später, in toter Stille die umsonst verbrauchte Kraft. Einige ziehen sich in sich zurück, wie in das eigene Grab, Hass und Rachlust wiegen bei ihnen mehr als Liebe und Sanftmut, andere sind wie fromme Brüder gesprächig, durchschaubar in der Schläue und grosszügig im Versprechen; manche der Grünschnabel werden vorzeitig, mit noch unreifem Verstand zu ausgewachsenen Stieren, während andere sichtbar eingehen und vertrocknen, ohne die Frauen je gekostet zu haben; manche sorgen sich oft und ohne hinterhältiger Absichten, während andere eine geheimnissvolle Glut in den Augen und unendlich viel Geduld mit der Zeit haben - und all dies zu einem bestimmten Zweck, für irgendeine andere Welt.

„Unsere Religion hat keine Orgeln“, sagen sie, „unsere Religion ist für den Menschen auf der Ende und nicht im Himmel bestimmt“, sagen sie, „alle Menschen sind gleich“, sagen sie, „was ihre Rechte und ihre Pflichten betrifft“, sagen sie, „der Mensch ist der Maßstab“, sagen sie, „wir fragen nicht nach der Konfession, Rasse oder Nationalität, wir fragen ob du ein ehrlicher Mensch bist, für das Wohl der Menschen und des Volkes und gegen den Okkupanten und die eigenen Verräter“, sagen sie, „dies ist ein volksfbefreiender Kampf, aber auch ein Kampf für die soziale Justiz und Volksregierung“, sagen sie, „auf unserer Seite sind alle fortschrittlichen Menschen der Welt“, sagen sie, „lang ist dieser Kampf, leicht ist es nicht, aber es wird besser, wir sind für den Sozialismus“, sagen sie, „Tod den Faschisten und Freiheit für das Volk“, sagen sie, „nicht einen Korn Weizen dem Okkupanten“, sagen sie... und reden, häufen die Worte, herzhaft, feurig, beharrlich, starrsinnig...

Es ist nicht schwer, Mängel in dieser Lehre zu finden. Was ist eine Religion ohne Orgeln und wer kann ganze Jahrhunderte während eines ,kurzen Lebens vernichten? Werden es diese unerfahrenen Klugredner und Wichtigtuer, die all jene Bücher, so dick wie Baumstämme, gelesen haben - da kann man nichts sagen, werden es die also schaffen können? Alle Menschen sind nicht gleich und sie werden auch niemals, was ihre Rechte und Pflichten betrifft, gleich sein, jeder Mensch ist eine vom Schicksal gekettete Welt für sich. Diesen ehrlichen Menschen alle Achtung, doch auch unter den ehrlichen gibt es jene, die es mehr, und jene, die es weniger sind, und so ist das Allgemeine dem Einzelnen nicht angemessen. Warum wird dann der Krieg geführt, wenn alle Klugen auf der einen Seite sind? Soll es etwa bedeuten, dass die Dummen stärker sind? Was ist das: Sozialismus, ist es der Staat oder die Ordnung und die Art unter den Menschen? Wenn es der Staat ist, der kennt seine Ordnung, wenn nicht - wer wird denn die Ordnung einführen? Wie sollen wir von Luftschlössern reden, wie sollen wir das verheisste und versprochene Land suchen, was haben sie uns nicht alles über die Russen erzählt, und die Deutschen sitzen ihnen im Nacken, so gross ist ihre Macht, dass sie sogar in diesem hungrigen Gebirge mit ihrer Armee prahlen, glauben aber kann man nur den eigenen Augen und der eigenen Erfahrung. Was ist denn eine Welt ohne Sünden? Ein Körper ohne Sinne. Wie viele Menschen leben von der Sünde, die Welt ist nur sündig möglich, denn auch jene sündenlose sind für die Sünder sündig. Schlagfertigkeit gewinnt auch gegen Weisheit. Wer wird das Korn dem Okkupanten nicht geben, wenn er in den Ebenen, und wir in den Bergen sind? Entreissen! Man muss es! Und das ist auch Sünde, in einer Hinsicht? Dreh es um, wie immer du willst, aber all dies erscheint doch irgendwie halbfertig und unerklärlich. Dazu sind sie noch unverständlich, verschliislseln alles, viele von ihren Aufführern geniessen gerade diese Verschlüsselungen. Mit den Popen soll man beten, mit den Seemännern fluchen, mit den Kaufleuten ausführlich sein, aber mit den Bauern soll man sich kurz und klar fassen. Doch bei ihnen gibt es das nicht, sie häufen vor dich eine Menge ihnen gibt es so allerlei, von jeder Sorte, der einen wie der anderen. Unsereiner, mein Guter, so zäh und wie aus Stein gehauen, der knurrt, beisst und tötet. Dem Italiener hat man das Ende bereitet, und dabei hat er seine grosse Armee schon bis nach Sinj geführt. Fertiggemacht hat man ihn, das bittere Glas haben ihm auch unsere angefüllt. Unsere Dörfer hat man vor Feuer, Raub und Morden bewahrt, alle Achtung. Die Kriegsordnung eingeführt, nun regelt man, fällt Urteile...

Auf’s Wort! (In der Seele glaubte er dem festen Wort immer mehr als irgendeinem bunten Papier.)

... zuerst berührte man, dann berauschte man, und endlich raucherte man unlser Kurlanisches Wespennest aus.

„Ihr wollt Brüder sein, und dabei streitet ihr schon seit über zehn Jahren und jagt einander von Gericht zu Gericht?“ - begann halb lächelnd der Genosse Mlađ. „Ihr schadet einander anstatt einander zu helfen! Nagt aneinander wegen so einem Stückchen Land! Wie hiess es doch noch?“ – „Strmenduša!“ – fiel Mrko sofort ein. - Ihr werdet beide darauf sähen!“ (»Mir gehört es, mir gehört Strmenduša!“ - wollte Silvestar hinausschreien, während Mrko schadenfreudig den Bart zupfte.) „Ich werde weder graben noch sähen!“ stiess Silvestar rauh hervor. „Wirst du auch nicht, bist nämlich zu alt, aber deine Söhne werden schon!“ - sagte Mlađ. „Deine auch!“ – er wandte sich jenem armen Schlucker von Mrko zu. „Ihr habt genug gestritten! Was war, ist vorbei! Habt ihr gehört, ihr beide?“ - beendete der Brigadenkommandant das Verfahren, und ihnen klingelte die Gerichtsgewalt noch lange in den Ohren. Ganz niedergedrückt und wie begossen wurden sie hinausbegleitet. Hast eben keine Wahl, musst es einfach, ist noch Krieg, wirst zwar auf Strmenduša ein wenig herumstochern, aber nicht so, wie du es für dich oder jemanden von den deinen tun würdest. Verstelle dich, „nehme das Amen“ des Kommandanten schweigend „zur Kenntnis“ und denk dir dabei, was immer du willst. Auch über dem Popen gibt es noch Popen, Gott und Blut. Ändern können sich die Kurlanen nicht, sie können sich nur verstellen, den Streit unter Asche begraben und auf „bessere Tage“ warten - denn nur die schwarze Erde kann ihre Glut löschen. Das ist so und anders kann es nicht sein! (Nur, Hand aufs Herz Silvestar! Vielleicht ist alles Trübe gerade aus diesem trüben Matsch der Kurlanen gekomme? Auf Gottes Welt sind die Ursachen unergründlich, und so hat auch dieses ganze Kriegsgedonner vielleicht mit den Kurlanen angefangen, um sich dann auf die ganze Menfschheit niederzulassen?)

„Du plätscherst und wirfst dich herum, Silvestar, wie ein Fisch im seichten Netz. Bist von deinen Narrheiten ganz besessen. Wenn dich noch die junge Sonne erwischt und drei Märzgewitter auswringen, wirst du nicht mehr von dir selbst wissen. Und bedenkt man letztlich, dass alte Tage wie verrückte Jahre sind, so ist dir das Ende nicht mehr fern!“

- Alter! - unterbrach ihn auf einmail Andrijas Stimme. - Döst du?

- Das Alter übermannt . . _ - antwortete er noch benommen, aus seinen Träumerein gerissen, und fing sofort an, mit der leeren Pfeiffe zu spielen, dem Sohn dabei heimliche Blicke zuwerfend.

Mager ist Andrija geworden, knochig und schwarz wie Kohle, alles von lauter Arbeit und Schlafmangel. Abgebrannt ist jenes russige Muttermal auf dem Backenknochen, weg ist auch jener rot blaue Ausschlag unter dem rasierten Kinn, seine Männlichkeit verblühte an der Schwelle des Lebens. Der Nordwind weht ihm unter den zusammengezogenen Brauen, und die schwarzen Augen hat er wie Stecknadeln in den grauen Kopf des Vaters gebohrt: ist in ihnen noch eine Spur von Liebe oder ist es die Öde der Kriegsbegeisterung, die ihn dem eigenen Blut entfremdet? Und doch dreht er vor dem Vater die Partisanenkappe in den Händen, gut, dass ihn das Gedächtnis nicht im Stich gelassen hat. Italienische, grasgrüne Uniform, goldene Bänder und einige Sterne am Ärmel, ein Gürtel aus Leder, durch den Revolver erschwert, hohe Stiefel - bist du damit zufrieden, war es das, was du gewünschst und gebrauchst hast, du trotzköpfiger Bursche?

- Was bringt dich her... du, Krieger? - hüstelt der Alte. .

- Ach, ich wollte dich nur mal besuchen.

- Besuchst du auch deine Frau? Und die Kinder? - fragte der Alte bissig. - Es wäre schon notwendig... fügte er dann leise hinzu.

Andrija verhärtete sich, schweigt, stiert in die Ferne. Hört ihm zu, und hört doch nichts von dem, das ihm nicht passt. („Dem Vater ist er nachgeraten“, spöttelte Gara regelmässig.) Vor dem Vater kann er sich schwer verstecken. Unbehaglich ist es für den Krieger, der Vater nimmt ihm kostbare Zeit ab. „Na, da wollen wir es ihm ein wenig erleichtern.“

- Es wird was von Mobilmachung gemunkelt -, fängt Silvestar an. - Mir tut es nicht Leid. Krđo wird immer fauler. Täte ihm gut, die Beine ein wenig zu strecken.

- Weiss nicht -, murmelt Andrija.

- Wer soll es denn wissen, wenn nicht das Kommando? - geift Silvestar.

Lange bläst er in die Pfeiffe, zerbeisst sie, pafft mit dem welken Mund. Fühlt das Strömen der kalten Luft. Der Nussbaum quietscht in der Krone.

Andrija hockt nieder, nimmt einen Klumpen Erde und fängt an, ihn zwischen den Fingern zu zermalmen.

- Wir ziehen um mit dem Kommando!

- Wohin?

- Hinauf, in die Oberen...!

Angst durchströmt den Alten. Warum ziehen sie um? Warum verlagern sie das Kommando in die Oberen Kurlani? Mrko hat doch sicher kein Schloss oder gar Arsenal erbaut? Vor dem Fall Italiens näherte sich unser Kommando dem Ort Sinj, und nun entfernen sie es von den Orten und den Wegen? Hängt eg vielleicht mit den Deutschen und jenem frühmorgentlichen Kanonengedonner zusammen?

- Was hört man so...? - beginnt er.

- Man hört immer was! - versetzt Andrija und knetet den Klumpen weiter, bis er ihn zwischen den Fingern völlig zermürbt.

Nun zuckt Silvestar zusammen. Im Alter sind alle Ängste und bange Vorahnungen anwesend, immer sind sie auf der Lauer, warten nur, bis eine von ihnen geweckt wird, dann schleichen sie alle gleich zum Herzen.

Dann fing auch jene eingebildete Haut, die er an diesem Morgen von der verkehrten Seite angezogen hat, zu erschauern und zu verletzen. Die Kriegsgefahr, die sie dauernd bedrohte, bedrückte ihn nicht so sehr wie die Heftigkeit, mit der es ihm sein Sohn angekündigt hatte, und mehr noch als Andrijas Grobheit verletzte ihn sein Schweigen, seine Unzulänglichkeit und sein Mangel an Vertrauen. „Doch er kam, um es dir zu sagen...?!“ Aber würde es Andrija pflichtgemäss nicht auch anderen, allen sagen? Andrija erschien ihm plötzlich Wie ein Junge, der einen Ameisenhaufen aushebt, aus dem sich dann schwarze Gedanken und Ahnungen in alle Richtungen zerstreuen, dass es den Jungen und die Ameisen erstaunt.

- Und wo ist die Truppe? - haucht er.

- Wo sie auch gewesen ist.

Der Alte zog sich wieder in sein Schneckenhäuschen zurück und beruhigte Augen und Hände, als bereite er sich wieder auf ein seliges Dösen vor.

- Hier, da hast du ein wenig Tabak -, sagte Andrija auf einmal, in seiner Tasche wühlend. - Und bleib dem Feuer nahe! Der Nordwind kommt!

Als er sich umsah, war er wieder allein. Nein, er hatte nicht geträumt, auf seinem Schoss lag das Päckchen mit dem Tabak. Er wollte ihn gleich kosten, doch fühlte er eine solche Schwere in den Händen und wünschte auch, den Genuss noch ein wenig hinauszuschieben, als wäre er seiner asketischen Einsamkeit noch was schuldig geblieben.

Jede Sippe hat ihre feinfühligen und ihre launischen Gemüter, die einander helfen und schaden, die sich nach seltsamen Gesetzen der Kindheit anziehen und abstossen, egal wie alt der Träger ihres Körpers ist. Sein und Andrijas Gemüt waren Freunde, sie sagten nie was sie füreinander fühlen, trennten sich mit den Gesichtern und vereinten mit den Herzen.

Genauso war es mit Garin: ihn kost und küsst der Grossvater auch nicht, als fürchte er, damit nur dem städtischen Getue nachzumachen, das die kindliche, zarte Hilflosigkeit seiner selbstsüchtigen Aufdringlichkeit einordnen möchte, eine Art, die sich für die Würde der Älteren und die Erziehung der Jüngeren in keiner Weise ziemt. Seine Liebe zu Garin verbirgt der Grossvater hinter ernstem, zuweilen sogar mürrischem Gesicht, obwohl er in seinem Innern von Glück förmlich zergeht, und hinter einer gewissen Zurückhaltung, die ein Geschenk für die kindliche Freiheit und die wahre Hilfe in seiner Erziehung bedeutet. Ausserdem wird man von allem viel zu schnell überdrüssig (von der Malediktion, dem bösen Blick, der seine gierige Zunge schnell ausstrecken würde, wie der Kater auf den Speck, davon wollen wir gar nicht reden). In den Kindern sieht Silvestar nicht nur die Beständigkeit der Zeit, sondern auch die Bewusstheit der Menschen: Kinder sind der Menschen Spiegel, sie sind Sorge und Bedürfnis, Altar und Opfer, erwarte von ihnen nie etwas, was du nicht selbst hast und was ihnen Gott nicht gegeben hat. Höhne in dir selbst, sie aber verhöhne nie.

Garin ist neun Jahre alt, doch ist er missgestaltig gewachsen, und sieht wie ein Fünfjähriger aus. Man nennt ihn „der Däumling“ und wenn er mal alt wird - wie Gara sagt - werden sie ihn „Ellenbart, zollhoher Mann“ nennen, nach jener Geschichte. Andere Kinder der Kurlanen sind kräftiger und mürrischer, aber Garin - ein wahres Kuckucksei im Kurlanennest -, dieser Bengel, dieser Zwerg, der überragt sie alle an Verstand, Witz und einer noch nie gesehenen Lebendigkeit, wie auch der Geist den Körper in den Schatten stellt. (Alle haben sie Adlernasen, und der „Kleine“ eine Stupsnase!) Leicht ist er wie eine Feder und geschickt wie ein Eichhörnchen, dem Klettern und Aufsteigen so geneigt, dass sie ihn ewig auf dem Fels, Dach oder Baum suchen, ihn ewig von seinem Himmel herunterholen müssen, dabei jedes mal einen seiner spöttischen Witze erwartend. Silvestar wäre auch diesmal überhaupt nicht verwundert, wenn von den Nussbaumästen Garin plötzlich hinunterschreien würde: „Grossvater, Grossvater ich werde dich von oben bepissen!“ „Nur zu, Kleiner! Pisse ruhig! Ich ärgere mich nicht! Ich habe das selbe getan in deinem Alter! Vielleicht ist es nur gerecht, dass ich es jetzt zurückbekomme.“

So harrt der Alte und wartet auf das Gewünschte, doch der Nussbaum raschelt nur in seiner Krone, wie versteinert, und fröstelt von der Kälte im Geäst.

„Das 'Morgengebet' ist zu Ende, und er erhebt sich langsam, die Abgestumpftheit in allen Adern fühlend.“

 

 

Aus dem Kroatischen von Sonja Đerasimović

 

o nama

Eva Simčić pobjednica je nagrade "Sedmica & Kritična masa" (6.izdanje)

Pobjednica književne nagrade "Sedmica & Kritična masa" za mlade prozaiste je Eva Simčić (1990.) Nagrađena priča ''Maksimalizam.” neobična je i dinamična priča je o tri stana, dva grada i puno predmeta. I analitično i relaksirano, s dozom humora, na književno svjež način autorica je ispričala pamtljivu priču na temu gomilanja stvari, temu u kojoj se svi možemo barem malo prepoznati, unatoč sve većoj popularnosti minimalizma. U užem izboru nagrade, osim nagrađene Simčić, bile su Ivana Butigan, Paula Ćaćić, Marija Dejanović, Ivana Grbeša, Ljiljana Logar i Lucija Švaljek.
Ovo je bio šesti nagradni natječaj koji raspisuje Kritična masa, a partner nagrade bio je cafe-bar Sedmica (Kačićeva 7, Zagreb). Nagrada se sastoji od plakete i novčanog iznosa (5.000 kuna bruto). U žiriju nagrade bile su članice redakcije Viktorija Božina i Ilijana Marin, te vanjski članovi Branko Maleš i Damir Karakaš.

o nama

Natječaj ''Sedmica & Kritična masa'' - uži izbor

Nakon šireg izbora slijedi uži izbor nagrade ''Sedmica & Kritična masa'' za mlade prozne autore. Pročitajte tko su sedmero odabranih.

proza

Hana Kunić: Vidjela sam to

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Hana Kunić (Varaždin, 1994.) završila je varaždinsku Prvu gimnaziju nakon koje upisuje studij Glume i lutkarstva na Akademiji za umjetnost i kulturu u Osijeku, gdje je magistrirala 2017. godine. Kao Erasmus+ studentica studirala je Glumu i na Faculty of Theatre and Television u Cluj-Napoci u Rumunjskoj. Glumica je pretežno na kazališnim (HNK Varaždin, Kazalište Mala scena Zagreb, Umjetnička organizacija VRUM, Kazalište Lutonjica Toporko), a povremeno i na filmskim i radijskim projektima. Kao dramska pedagoginja djeluje u Kazališnom studiju mladih varaždinskog HNK i u romskom naselju Kuršanec u sklopu projekta Studija Pangolin. Pisanjem se bavi od osnovne škole – sudjelovala je na državnim natjecanjima LiDraNo (2010. i 2012.), izdala je zbirku poezije „Rika“ (2018.), njena prva drama „Plavo i veliko“ izvedena je na Radiju Sova (2019.), a njen prvi dječji dramski tekst „Ah, ta lektira, ne da mi mira“ postavljen je na scenu lutkarskog Kazališta Lutonjica Toporko (2021.). Suosnivačica je Umjetničke organizacije Favela. Živi u Zagrebu, puno se sunča i alergična je na banalnost.

proza

Saša Vengust: Loša kob

NAGRADA "SEDMICA & KRITIČNA MASA" - ŠIRI IZBOR

Saša Vengust (Zagreb, 1988.) završio je školovanje kao maturant II. opće gimnazije. Nakon toga je naizmjence malo radio u videoteci, malo brljao na Filozofskom fakultetu po studijima filozofije, sociologije i komparativne književnosti. U naglom i iznenadnom preokretu, zaposlio se u Hladnjači i veletržnici Zagreb kao komercijalist u veleprodaji voća i povrća. Trenutačno traži posao, preuređuje kuću, savladava 3D printanje, boja minijature, uveseljava suprugu i ostale ukućane sviranjem električne gitare te redovito ide na pub kvizove da se malo makne iz kuće.

proza

Sheila Heti: Majčinstvo

Sheila Heti (1976.) jedna je od najistaknutijih kanadskih autorica svoje generacije. Studirala je dramsko pisanje, povijest umjetnosti i filozofiju. Piše romane, kratke priče, dramske tekstove i knjige za djecu. U brojnim utjecajnim medijima objavljuje književne kritike i intervjue s piscima i umjetnicima. Bestseleri How Should a Person Be? i Women in Clothes priskrbili su joj status književne zvijezde. New York Times uvrstio ju je na popis najutjecajnijih svjetskih književnica koje će odrediti način pisanja i čitanja knjiga u 21. stoljeću, a roman Majčinstvo našao se na njihovoj ljestvici najboljih knjiga 2018. godine. Hvalospjevima su se pridružili i časopisi New Yorker, Times Literary Supplement, Chicago Tribune, Vulture, Financial Times i mnogih drugi koji su je proglasili knjigom godine. Majčinstvo je tako ubrzo nakon objavljivanja postao kultni roman. Sheila Heti živi u Torontu, a njezina su djela prevedena na više od dvadeset jezika.

poezija

Selma Asotić: Izbor iz poezije

Selma Asotić je pjesnikinja. Završila je magistarski studij iz poezije na sveučilištu Boston University 2019. godine. Dobitnica je stipendije Robert Pinsky Global Fellowship i druge nagrade na književnom natječaju Brett Elizabeth Jenkins Poetry Prize. Nominirana je za nagradu Puschcart za pjesmu ''Nana'', a 2021. uvrštena je među polufinaliste/kinje nagrade 92Y Discovery Poetry Prize. Pjesme i eseje na engleskom i bhsc jeziku objavljivala je u domaćim i međunarodnim književnim časopisima.

proza

Ines Kosturin: Izbor iz poezije

Ines Kosturin (1990., Zagreb) rodom je iz Petrinje, gdje pohađa osnovnu i srednju školu (smjer opća gimnazija). Nakon toga u istom gradu upisuje Učiteljski fakultet, gdje je i diplomirala 2015. godine te stekla zvanje magistre primarnog obrazovanja. Pisanjem se bavi od mladosti, a 2014. izdaje svoju prvu samostalnu zbirku poezije, ''Papirno more''. Krajem 2020. izdaje drugu samostalnu zbirku poezije, ''Herbarij''. Pjesme objavljuje kako u domaćim, tako i u internacionalnim (regionalno i šire) zbornicima i časopisima. Na međunarodnom natječaju Concorso internazionale di poesia e teatro Castello di Duino 2018. osvaja treću nagradu. Poeziju uglavnom piše na hrvatskom i engleskom jeziku.

proza

Luka Ivković: Sat

Luka Ivković (1999., Šibenik) je student agroekologije na Agronomskom fakultetu u Zagrebu. Do sada je objavljivao u časopisu Kvaka, Kritična masa, Strane, ušao u širi izbor za Prozak 2018., uvršten u zbornik Rukopisi 43.

poezija

Bojana Guberac: Izbor iz poezije

Bojana Guberac (1991., Vukovar) odrasla je na Sušaku u Rijeci, a trenutno živi u Zagrebu. U svijet novinarstva ulazi kao kolumnistica za Kvarner News, a radijske korake započinje na Radio Sovi. Radila je kao novinarka na Radio Rijeci, u Novom listu, na Kanalu Ri te Ri portalu. Trenutno radi kao slobodna novinarka te piše za portale Lupiga, CroL te Žene i mediji. Piše pjesme od osnovne škole, ali o poeziji ozbiljnije promišlja od 2014. godine kada je pohađala radionice poezije CeKaPe-a s Julijanom Plenčom i Andreom Žicom Paskučijem pod mentorstvom pjesnikinje Kristine Posilović. 2015. godine imala je prvu samostalnu izložbu poezije o kojoj Posilović piše: ''Primarni zadatak vizualne poezije jest da poeziju učini vidljivom, tj. da probudi kod primatelja svijest o jeziku kao materiji koja se može oblikovati. Stoga Guberac pred primatelje postavlja zahtjevan zadatak, a taj je da pokušaju pjesmu obuhvatiti sa svih strana u prostoru, da ju pokušaju doživjeti kao objekt. Mada pjesnički tekst u ovom slučaju primamo vizualno, materijal te poezije je dalje jezik.'' Njezine pjesme objavljivane su u časopisima, a ove godine njezina je poezija predstavljena na Vrisku – riječkom festivalu autora i sajmu knjiga.

proza

Iva Sopka: Plišane lisice

Iva Sopka (1987., Vrbas) objavila je više kratkih priča od kojih su najznačajnije objavljene u izboru za književnu nagradu Večernjeg lista “Ranko Marinković” 2011. godine, Zarezovog i Algoritmovog književnog natječaja Prozak 2015. godine, nagrade “Sedmica & Kritična Masa” 2016., 2017. i 2019. godine, natječaja za kratku priču Gradske knjižnice Samobor 2016. godine te natječaja za kratku priču 2016. godine Broda knjižare – broda kulture. Osvojila je drugo mjesto na KSET-ovom natječaju za kratku priču 2015. godine, a kratka priča joj je odabrana među najboljima povodom Mjeseca hrvatske knjige u izboru za književni natječaj KRONOmetaFORA 2019. godine. Kao dopisni član je pohađala radionicu kritičkog čitanja i kreativnog pisanja "Pisaće mašine" pod vodstvom Mime Juračak i Natalije Miletić. Dobitnica je posebnog priznanja 2019. godine žirija nagrade "Sedmica & Kritična masa" za 3. uvrštenje u uži izbor.

proza

Ivana Caktaš: Život u roku

Ivana Caktaš (1994., Split) diplomirala je hrvatski jezik i književnost 2018. godine s temom „Semantika čudovišnog tijela u spekulativnoj fikciji“. Tijekom studiranja je volontirala u Književnoj udruzi Ludens, gdje je sudjelovala u različitim jezikoslovnim i književnim događajima. Odradila je stručno osposobljavanje u osnovnoj školi i trenutno povremeno radi kao zamjena. U Splitu pohađa Školu za crtanje i slikanje pod vodstvom akademskih slikara Marina Baučića i Ivana Svaguše. U slobodno vrijeme piše, crta, slika i volontira.

poezija

Marija Skočibušić: Izbor iz poezije

Marija Skočibušić rođena je 2003. godine u Karlovcu gdje trenutno i pohađa gimnaziju. Sudjeluje na srednjoškolskim literarnim natječajima, a njezina poezija uvrštena je u zbornike Poezitiva i Rukopisi 42. Također je objavljena u časopisima Poezija i Libartes, na internetskom portalu Strane te blogu Pjesnikinja petkom. Sudjelovala je na književnoj tribini Učitavanje u Booksi, a svoju je poeziju čitala na osmom izdanju festivala Stih u regiji.

proza

Philippe Lançon: Zakrpan

Philippe Lançon (1963.) novinar je, pisac i književni kritičar. Piše za francuske novine Libération i satirički časopis Charlie Hebdo. Preživio je napad na redakciju časopisa te 2018. objavio knjigu Zakrpan za koju je dobio niz nagrada, među kojima se ističu Nagrada za najbolju knjigu časopisa Lire 2018., Nagrada Femina, Nagrada Roger-Caillois, posebno priznanje žirija Nagrade Renaudot. Knjiga je prevedena na brojne jezike te od čitatelja i kritike hvaljena kao univerzalno remek-djelo, knjiga koja se svojom humanošću opire svakom nasilju i barbarizmu.

Stranice autora

Književna Republika Relations PRAVOnaPROFESIJU LitLink mk zg