Prosa

Damir Pilić: Als wäre alles normal

Damir Pilić wurde 1969 in Šibenik geboren. Er absolvierte ein Magisterstudium der Psychologie und ein Studium des Journalismus an der Philosophischen, bzw. der Fakultät der Politikwissenschaften in Zagreb. Er veröffentlichte die Romane „Đavo prvo pojede svoju majku“ („Der Teufel frisst zuerst die eigene Mutter“) (2001), „Splitting: kako sam tražio Srbe po gradu“ („Splitting: wie ich in der Stadt nach Serben suchte“) (2014), und „Kao da je sve normalno“ („Als wäre alles normal“) (2018); sowie die Sachbücher „Marx nije mrtav“ („Marx ist nicht tot“) (2016) und „Samoubojstvo: oproštajna pisma“ („Selbstmord: Abschiedsbriefe“) (1998). Von 1994 bis 2001 schrieb er für die satirische Wochenzeitung Feral Tribune, seit 2001 schreibt er für die Tageszeitung Slobodna Dalmacija. Er lebt in Split.



  

Auszüge aus dem Roman „Als wäre alles normal“.

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof.

 

 

Als ich durch Kupres kam, musste ich an die gleiche Szene denken, an die ich mich jedes Mal erinnere, wenn ich durch Kupres komme, und die mich in meiner frühen Jugend mit dem konfrontierte, was die Ausländer in jenen Jahr 1984 in Sarajevo als Geist Bosniens und der Herzegowina wahrnahmen. Es war das ein, zwei Jahre nach der Olympiade, als meine Gymnasialklasse auf einen eintägigen Winterausflug nach Kupres fuhr, damit wir, die Kinder des Mediterran, den Schnee sehen könnten. Das Bild ist mir heute so lebendig wie damals: wir werfen Schneebälle und fahren Schlitten neben einem Hotel, bis Tatjana, meine damalige Freundin, vor Zahnschmerzen aufheult – mit dem Reflex eines verliebten Pennälers gehe ich zum Schanktisch des Hotelcafés und frage den Kellner, ob er eine Schmerztablette habe.

Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen, aber diese Szene steht mir genauso lebendig vor Augen wie an jenem Tag. Der Kellner hört sich meine Bitte aufmerksam an und sagt, dass er leider keine Tabletten habe, dass aber sein Freund, der am Ausschank eines anderen Hotels arbeite, sicher welche habe, das sei zehn, fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt: ich bitte ihn, mir auf der Stelle den Weg zu diesem Hotel zu zeigen.

„Ach, was wirst du gehen, dass du dich noch verläufst und dich die Bären fressen. Pass du auf meinen Schank auf, hier hast du die Preise, wenn jemand was bestellt, dort ist die Kasse, in einer halben Stunde bin ich zurück“, war die Antwort des Kellners.

Dieser Mensch ging tatsächlich in den Schneesturm hinaus und kam nach einer halben Stunde ganz weiß und vollgeschneit mit den Zahnschmerztabletten zurück. Und ich habe in dieser halben Stunde tatsächlich hinter dem Schanktisch des Hotels gekellnert: die Leute haben bestellt, ich habe ausgeschenkt und kassiert.

Als ich später in Split dieses Erlebnis meinen Freunden erzählte, sahen sie mich ungläubig an, als hätte ich diese Geschichte erfunden. Wer würde wegen irgendwelcher unbekannten Leute in einen Schneesturm hinausgehen? – sagten sie mit zweifelnden Blicken. Aber auf dieser Geschichte beruht zu einem Gutteil auch mein persönliches Erleben Bosniens und meine Einstellung gegenüber diesem Land. Es war mein erster Besuch in Bosnien und der Herzegowina, und diese Reaktion des Kellners, die meinen Freunden aus Split so unglaubhaft vorkam, hat mich so sehr fasziniert, dass sie mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Jedesmal wenn ich „Bosnien“ sage, denke ich praktisch an diesen Kellner und seine Bereitschaft, unter schwierigen meteorologischen Bedingungen zu einem fünfzehn Minuten entfernten Hotel zu laufen und Tabletten für jemanden zu besorgen, den er nie zuvor gesehen hat. Vielleicht wäre es treffender zu sagen, dass dieser Kellner und sein Verhalten für mich das Wesen Bosniens und der Herzegowina personifizieren.

Heute bin ich vierzig, und diese halbe Stunde in dem Hotel in Kupres stellt noch immer die einzige Zeit als Kellner in meinem Leben dar, aber ich erinnere ich nicht an sie wegen der Kellnererfahrung und auch nicht wegen der ungewöhnlichen Tatsache, dass ich als Minderjähriger den ganzen großen Schanktisch zur Verfügung hatte, einschließlich der Kasse. Nein, an diese Szene erinnere ich mich deshalb, weil mir bis dahin noch nie in meinem Leben – und ich erinnere mich weiß Gott auch an keine spätere Situation – ein absolut Fremder ein solches Vertrauen geschenkt hätte. Soweit ich mich erinnere, war der Geist Bosniens und der Herzegowina bei dieser Gelegenheit etwa fünfunddreißig Jahre alt, hatte ein schmales Gesicht mit einem dünnen Oberlippenbärtchen, dunkles Haar mit einem Mittelscheitel und lebhafte schwarze Augen: er erinnerte mich an meinen Technik-Lehrer aus der Grundschule. Sollte er den Krieg überlebt haben, könnte er heute an die sechzig Jahre alt sein. Ich würde gern wissen, ob er noch lebt und wie seine Augen heute sind.

*

Im September 1998 komme ich nach Sarajevo, um eine politische Reportage über die lokalen Wahlen zu machen, gerade so wie Pamuks Held Ka aus dem Roman Schnee. Und damals gehe ich gegen fünf Uhr nachmittags in die Stadt, genau wie dieses Mal, aber an dem Tag geht alles glatt: schon beim ersten Versuch finde ich die Akademie der dramatischen Künste und einen Parkplatz direkt am Eingang, und der lokale Intellektuelle, mit dem ich zuvor das Interview verabredet habe, ansonsten ein Professor an dieser Fakultät und markanter Aktivist der NGO-Szene, erwartet mich in seinem Arbeitszimmer mit einem vollen Slibowitz-Glas.

Nach dem Interview komme ich genau um acht Uhr ins Hotelzimmer, gerade rechtzeitig, um mir im Sender der Föderation eine politische Sendung mit den Hauptkandidaten der anstehenden Wahl anzusehen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: ich schalte den Fernseher ein, finde den Kanal mit der Sendung, die gerade beginnt, und lege Notizbuch und Kugelschreiber aufs Bett, um mir Notizen zu machen, als, circa gegen acht Uhr fünf, der Hotelportier – der mir zuvor an der Rezeption das Eingeständnis abnötigt zum ersten Mal in Sarajevo zu sein – wie eine Furie ins Zimmer stürzt und mit einem Schritt zum Fernseher geht und ihn ausschaltet. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren, kann ich nicht vergessen, wie er sich danach zu mir umdreht und böse schreit: "Willst du mich etwa verarschen?"

Ich muss ihn ganz bleich angesehen haben, perplex und voller Angst wie ein Hase im Dschungel, denn schon fährt er fort, und ich bin bis heute imstande seinen Monolog zu reproduzieren.

„Das erste Mal in Sarajevo, und da hast du nichts besseres zu tun als fernzusehen, he? Wieso bist du dann nicht in Split geblieben, wozu bist du dann hergekommen? Das ist ja dasselbe, als würde ich zum ersten Mal nach Split kommen und im Zimmer bleiben um fernzusehen. Los, sieh mir in die Augen und sag ehrlich: würdest du dich da nicht auch aufregen? Sag schon, los, würdest du dich da nicht auch aufregen?“

Ich stammle etwas in dem Stil, vermutlich würde ich mich nicht aufregen, und ich erinnere mich, dass das den Menschen überhaupt nicht beeindruckt.

„Einen Scheiß würdest du dich nicht aufregen, klar würdest du dich aufregen! Wir machen es so, lieber Freund: jetzt ist es acht Uhr fünf, und du gehst jetzt direkt auf die Baščaršija. Das ist nicht weit, ich zeige es dir. Dort hast du heute Abend ein Konzert, guckst du dir das an, guckst du dir das nicht an, interessiert mich einen Scheiß. Du muss Tschewape essen bei Željo, da kannst du jemanden fragen, dass er dir zeigt, wo das ist, und du musst ein paar Bier trinken, oder was du trinkst, verdammt noch mal. Und wenn du dir eine Bordsteinschwalbe aufgabelst, ist mir das scheißegal. Das ist alles, mein Schöner, und jetzt geh!“

*

Aber jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich genau, warum mir vor elf Jahren in Sarajevo nichts passiert ist.

Aber ja doch, ich schlage mir an die Stirn – hrkljuš, hrkljuš![1] – wieso habe ich das nicht sofort miteinander verbunden?

Ich sehe auch das Display, als würde ich mich selbst in einem psychologischen Spiegel sehen: im September 1988 bin ich noch nicht reif für die Konfrontation mit Sarajevo. In diesem Augenblick habe ich Besuche von Škabrnja, Vukovar und Mostar hinter mir, aber offensichtlich mussten noch Jahre, Städte und Dörfer, noch Gräber vorbeigehen. Es musste einen Grund höherer Ordnung geben, meinem bisherigen Begreifen unzugänglich, wegen dem mich der Weg im Jahre 2000 ins Lašva-Tal und ins Dorf Ahmići führte, wegen dem ich mich 2003 in den albanischen und mazedonischen Dörfern um Tetovo wiederfand und wegen dem ich 2007, ein paar Monate vor Srebrenica, in Städten und Dörfern des Kosovo nächtigen und aufwachen musste, auf meinen Weg von der Richtstätte des albanischen Stammes Jašari zu den niedergebrannten serbischen Dörfern und Kirchen.

Wie passen die Würfel doch so gut zusammen in diesem warmen Hotelzimmer, wie ist die ganze Sache doch so unendlich einfach: um heute Abend in Sarajevo den Dämonen, deren Name Legion ist, gegenübertreten zu können, musste ich zuvor auf Erkundung nach Ahmići und Srebrenica. Ich konnte die Baščaršija nicht bewusst wahrnehmen, bevor ich mir nicht Potočari klargemacht hatte.

Jetzt verstehe ich, es handelt sich nicht nur um Kriegsverbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung – es handelt sich auch um geteilte Städte. Um heute Abend die Wut und Trauer Sarajevos erleben zu können, musste ich offensichtlich zuvor die Wut und Trauer Mostars, Kosovska Mitrovicas und Skopljes erlebt haben.

Oder um es mit einer Flussmetapher zu sagen: um heute Abend ein Steinchen des Erbarmens in die Miljacka werfen zu können, musste ich zuvor in die kalten und undurchdringlichen Wasser der Neretva, des Ibar und des Vardars blicken.

Endlich ergreife ich die Schlangenwahrheit am Schwanz: der Kreis schließt sich in Sarajevo. Um mir den Todesschmerz des Herzens des ehemaligen Jugoslawien bewusst zu machen und zu akzeptieren, musste ich mir zuvor alle jugoslawischen Wunden ins Bewusstsein rufen, vor allem die schwersten und tödlichsten.

   

 



[1]          Nonsense-Kultwort bzw. „bosnischer Volkssport“ aus dem Umfeld der bosnischen Gruppe Top Lista Nadrealista, bei dem man sich an die Stirn schlägt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

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Krka-Wasserfall, Zrmanja-Fluss, der Gipfel Tulove Grede: Die Drehorte von "Winnetou" sind spektakulär... Der kroatische Schriftsteller Edo Popovic hat in seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ ausführlich über seine Wanderungen in diesem Gebiet berichtet – und dem Velebit eine Liebeserklärung gemacht. Aber im südlichen Teil, dort, wo die Winnetou-Filme einst gedreht wurden, müssen Bergtouristen aufpassen.
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Was willst du in Senj, Thilo?

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Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

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Rijeka – Industriestadt mit Kultur

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Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

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