Prosa

Neven Ušumović: Das goldene Brandmal

Neven Ušumović wurde 1972 in Zagreb geboren und wuchs in Subotica (Vojvodina, Serbien) auf. Er studierte Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Hungaristik in Zagreb. Von 1996 bis 2002 arbeitete er als Bibliothekar in Zagreb, ab 2002 in der Stadtbibliothek Umag. Er veröffentlichte die Erzählungsbände „7 mladih“ („7 junge [Menschen]“) (1997), „Makovo zrno“ („Mohnsamen“) (2009), „Rajske ptice“ („Paradiesvögel“) (2012), sowie den Roman „Ekskurzija“ („Exkursion“) (2001). „U stočnom vagonu“ („Im Viehwagon“), eine Auswahl seiner Erzählungen, wurde 2014 in Belgrad veröffentlicht. Seine Erzählungen erschienen auch in den US-amerikanischen Anthologien „Best European Fiction“ und „Zagreb Noir“.



 

Auszug aus der unveröffentlichten Erzählung „Das goldene Brandmal“.

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. 

 

 

In meiner Geburtsstadt Graz, zusammen mit meiner letzten Generation Studenten der Italianistik, bearbeitete ich das Werk Fulvio Tomizzas, dessen Heimat längst auch mein wahres Zuhause geworden ist. Meine Šferki, dann Juricani, und dann Richtung Meer, Petrovija, Umag; in der anderen Richtung: Materada, Buje (mit seinen Höhen) ... sie bildeten meinen intimsten Lebensraum.

Ich konnte mein letztes Jahr vor dem Eintritt in den Ruhestand nicht nur so abarbeiten, mit der linken Hand, und ich hatte den Studenten dieses Mal als Vorbereitung für die selbstständige Lektüre von “I rapporti colpevoli”, dem für mich wichtigsten Roman Tomizzas, zwei Umag-Führer gegeben: den von Travaš von 1970 und den von Fachin von 2002.

 

Si sente sempre meno il leggero rumore della legna che arde sul fuoco e il fumo che delicatamente serpeggia nelle vie donando all'ambiente un aroma particolare.

Sve se rjeđe čuje pucketanje vatre između cjepanica i osjeća specifičan miris koji se polagano širi ulicama.

Heute ist das Prasseln des Herdfeuers immer weniger zu hören und der einstmals so charakteristische, leichte Rauchgeruch aus den Gassen verschwunden.

Hardly ever can nowadays one hear the soft sound of firewood crackling in the flames and the smoke that gently spreads trough the alley, permeating the air with peculiar scent.

 

Als Einstieg gab ich den Studenten diesen Satz aus Fachins italienischem Führer, damit sie den Unterschied schnuppern sollten, damit wir sofort die „Leichtigkeit” problematisieren konnten, mit der seine Übersetzer das Original verlassen und ihn der eigenen Sprache aussetzend veruntreuen. Erbarmungslos führte ich sie immer wieder zu diesem Satz zurück, damit sie ganz von innen das Gewicht dessen spüren sollten, was im touristischen Milieu, wie es Umag eines ist, unaufhörlich, tagtäglich in der Übersetzung verloren geht.

Letztlich wollte ich ihnen zeigen, dass der touristische Diskurs alle Sprachen, einschließlich der lokalen, vereint, wegen der Schaffung einer einzigartigen Ikonographie, in der die lokale Realität auf ein Feuerwerk der Attraktionen reduziert wird – entleert und gereinigt von allen Konnotationen, von allen Unklarheiten, von allem unlösbaren, aber langwierigen Streiten, von jenem mehrdeutigen heimlichen Flüstern der Vergangenheit, das nicht aufhört und das einen untrennbaren Teil der hiesigen Gegenwart darstellt.

Wie also entsteht eine “touristische Destination”.

Die Schlüsselfrage ist natürlich, wer braucht diesen “Diskurs” und wer steuert seine Logistik. Nun, diese Wendung führt uns zum Marxismus, der schon vergessenen Philosophie dieses Landes.

Die Studenten waren fleißig, böse auf die Übersetzer, aber noch mehr auf mich, der ich mich statt mit Literatur mit Tourismus beschäftigte. Die deutsche Übersetzung, darin waren sie sich sofort einig, war eine Katastrophe. In der englischen, der besten unter den Übersetzungen, ging alles in die Luft, in the air, wie es dort hieß. Bei der kroatischen zeigte ich ihnen, dass die Übersetzung auf dem Niveau der deutschen war, nur noch schlimmer: ihr fehlte das Äquivalent für zwei Schlüsselwörter: für il fumo und für l'ambiente.

Als ich schließlich diese Goldkörner aus dem durch die Übersetzungen getrübten Satz herausgelöst hatte, konnte ich die Analyse abschließen.

Das Ambiente ist das, was fehlt, aber nicht nur diesen Übersetzungen, sondern allen touristischen Führern insgesamt, den Broschüren, den Internetseiten der Fremdenverkehrsagenturen. Denn das Ambiente ist der rote Lehm, der den Umager Asphalt annagt, wie Tomizza schrieb, das ist jener Dorn, mit dem sich der Busch verteidigt, “inhuman” über diesen Raum gestreut, das ist jenes klebrige Bindegewebe, das man bei den chirurgischen Eingriffen des Großkapitals herauszuschneiden bestrebt ist.

Der Tourismus abstrahiert und simplifiziert, erklärte ich meinen Studenten. Die Tourismusunternehmen unterschätzen die Bedürfnisse und die Sensibilität der Besucher.

“Warum liebe ich zum Beispiel Umag?” Ich erlaubte mir diese pathetische Frage vor den Studenten (es war ja mein letztes Jahr!).

Wegen dem Ambiente.

Ambiente, sagte ich zu ihnen, ist nicht nur die Landschaft, die Fachin so außerordentlich beschrieben hat, indem er Stuparichs Satz über das Umager Umland zitiert: “…avevamo sentito la campagna compenetrarsi tanto col mare” (und wieder unübersetzbar, würde ich es wörtlich, ohne Poesie, wiedergeben mit: „… wir spürten, wie das Hinterland vollständig vom Meer imprägniert wurde”).

Das Ambiente ist zugleich auch der soziale Kontext, der sich uns entzieht und den wir nur wie den feinsten Geruch erahnen.

Oder wie Rauch, wie jenen il fumo, an dem wir ersticken und nicht wissen weshalb.

 

***

 

Seltsamerweise zeigten die Nachbarshühner keinen Unmut, wie sie es gewöhnlich tun, als Michael mit unserem Passat in den Hof des Hauses in Šferki einbog. Unmut zeigte lediglich Elke, weil sie glaubte, dass sich ihr lieber Mann wieder einmal unnötig aufhalte; murmelnd schielte sie, um dann die Augen weit zu öffnen und laut aufzuatmen, endlich war sie bei ihrem zweiten Haus angekommen.

Den istrischen Boden habe dann aber doch ich als erster betreten, der frisch pensionierte Universitätsprofessor für italienische Literatur. Der Mandelbaum war fast am Erblühen, die Schlüsselblumen im grünen Gras bildeten schon gelbe Inseln. Februar in Istrien; der Plan war aufgegangen. Das Mittagslicht reflektierte von allen Seiten und verstärkte die taube Stille ringsum.

Aber Mama Elke nahm die Sache in die Hand. Michael, mach endlich den Motor aus! Jakob, nimm die Koffer heraus, hilf wenigstens dabei, dann bist du frei!

Ich half bei den Koffern, aber ich war nicht frei. Das Haus war eisig. Michael, immer aufmerksamer Gatte und Vater, hatte geplant, dass wir um die Mitte des Tages in Kroatien ankommen würden, eben deshalb, damit wir das Haus bis zum Abend zumindest einigermaßen warm kriegten. Da er bald das achtundachtzigste Jahr seines Lebens begehen wird, war die Fahrt von Graz nach Istrien wirklich sein Maximum. Ohne jeden Kommentar schloss er die Eingangstür auf und verschwand im Haus. Das Ziel seiner Fahrt war die Flasche mit dem klaren Grappa gewesen, die er zurückgelassen hatte und die im Keller auf ihn wartete.

Da ich nicht trinke und die wahren Lebensgenüsse nicht kenne, fiel es mir zu, Holz zu spalten. Den Rhythmus gab ich der Axt, in dem ich laut jenen delikaten Satz vor mir hersagte:

 

            Si sente sempre meno il leggero rumore della legna /

            che arde sul fuoco e il fumo /

            che delicatamente serpeggia nelle vie donando /

            all'ambiente un aroma particolare.

            Si sente sempre meno il leggero rumore della legna /

            che arde sul fuoco e il fumo /

            che delicatamente serpeggia nelle vie donando /

            all'ambiente un aroma particolare.

 

            Si sente sempre meno il leggero rumore (...)

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