Prosa

88. Minute

JURICA PAVIČIĆ
Der Roman 88. Minute (2002) von Jurica Pavičić spielt im Spliter Fußballmilieu. Sport ist für viele Menschen in der von sozialen Problemen zerrissenen Stadt eine letzte Bastion des Stolzes, und die Spieler des Klubs werden wie Helden verehrt. Aber die glorreichen Tage des Vereins sind längst vergangen, und gewinnsüchtige Manager, zwielichtige Geschäftsleute und machtbesessene Lokalpolitiker unterwandern mittlerweile die traditionelle Vereinskultur und ihre sportlichen Ideale.



 

 

Der Kleine war in Prgins Augen das größte Problem. Er erholte sich nicht mehr von dem Täuschungsmanöver, mit dem Plovak ihn ausgetrickst hatte. Aus Angst, es könnte ihm noch einmal passieren, hielt er Abstand zu Plovak, und der konnte ungestört Bälle annehmen und weiterschicken. Der Kleine war völlig durcheinander. Beim Eckball döste er vor sich hin, verpasste die Aufstellung zur Abseitsfalle und nach zwei Fehlpässen begann er sich hinter dem Rücken der Stürmer zu verstecken, damit sie ihn ja nicht mehr anspielten. Die Zuschauer bemerkten es und reagierten gereizt auf seine Fehler, worauf er noch schlechter spielte. Aber nicht nur der Kleine wurde ausgepfiffen, das Publikum hatte die Geduld verloren, und die Pfiffe galten mittlerweile allen.

Prgin sah auf die elektronische Anzeigetafel. Fünf eckige Nullen reihten sich zur 80:00 – noch zehn Minuten bis zum Schlusspfiff. In diesem Augenblick fielen ihm Vušković, Vlado Duspor und der Polizist wieder ein. “Was immer du tun wirst, es macht sowieso keinen Unterschied. Außer für uns und für dich”, hatte Zvonko gesagt, während er unter der Markise mit seinem Regeschirm kämpfte.

 

Vier oder fünf Minuten lang geschah gar nichts. Die Gastspieler versuchten das Spiel langsam zu machen und spekulierten auf die Verlängerung. Sie schlugen hohe Bälle ins Aus und wälzten sich bei jedem Foul dramatisch im Gras. Prgin wünschte, der Schiedsrichter würde abpfeifen und sie alle kurzerhand nach Hause schicken. Das wäre nach dieser Schande das Beste, bevor es noch schlimmer käme.

Aber dann bot sich den Gästen eine Chance mit einem schnell ausgeführten Freistoß aus ihrer Spielhälfte: Der lange diagonal von der linken auf die rechte Seite gespielte Ball landete bei Plovak. Der Kleine versuchte an ihm dran zu bleiben, aber ohne Erfolg. Leichtfüßig zog Plovak an dem nächsten Verteidiger vorbei und erreichte ungestört den Sechzehnmeterraum. Da grätschte der Kleine mit ausgestrecktem Bein in Plovaks Schusslinie. Prgin, alle seine Mitspieler und das ganze Stadion wussten, dass Plovak, wenn ihn der Fuß auch nur streifen sollte, professionell fallen, und der Schiedsrichter dann ohne Zögern einen Elfmeter geben würde. Aber der Kleine traf weder den Ball noch Plovaks Knöchel, und nun stand zwischen dem Blonden und dem Tor nur noch Prgin.

 

Aber Plovak schoss nicht. Er spielte den Ball in die Mitte zu dem Langen, mit dem Prgin in der ersten Spielhälfte zusammengegeprallt war. Der Stürmer mit der Bandage nahm ihn an und schubste unbemerkt seinen Manndecker, der ins Leere fiel. Nun stand der Lange allein vor Prgin, sieben oder acht Meter vom Tor entfernt, der Ball lag ruhig vor seinem verletzten Bein. Es war zu spät, um ihn abzublocken, und aus dieser Entfernung konnte er unmöglich das Tor verfehlen. Wie schon so oft blieb es Prgin überlassen, nun einen Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen und einmal mehr einen sicheren Treffer abzuwehren, um wenigstens das Unentschieden zu retten.

Prgin sah nur auf das Bein mit dem dick verbundenen geschwollenen Knie, das den feucht glänzenden Ball unter Kontrolle hielt. Ihm war als zöge sich die ganze Szene Minuten lang hin: Der Stürmer legte sich den Ball zurecht, gab ihm einen leichten Tick zur Seite, stoppte ihn wieder mit dem Fuß. Dann streckte sich das Bein zum Schuss, und Prgin konnte sehen, wohin er zielte. Der Lange war wütend, er wollte seine Rache, er wollte den Ball unbedingt ins Netz hauen. Prgin musste sich nach links werfen, hoch springen und er hätte ihn gehalten.

 

Aber er warf sich in die rechte untere Ecke. Mit einer Parade landete er auf dem Rasen, und der Ball flog dorthin, wohin er es erwartet hatte: hoch in die linke Ecke, ins Netz.

 

 

Übersetzung: Dagmar Schruf

Mehr Informationen zu diesem Buch: www.schruf.de/pavicic_minuta.html

 

 

Autoren

Gewinner-Duo Ivana Sajko und Alida Bremer

Die Autorin Ivana Sajko und ihre Übersetzerin Alida Bremer erhalten für "Liebesroman" (Voland & Quist) den 10. Internationalen Literaturpreis − Haus der Kulturen der Welt 2018 für übersetzte Gegenwartsliteraturen.

Autoren

Daša Drndić (1946 - 2018)

Der Stil von Dašsa Drndic war eine einzigartige Mischung aus Fakt und Fiktion. In ihren Arbeiten vermischte sie eine nüchterne Sprache und zurückhaltend poetische Miniaturen mit historischen Tatsachen.
So auch in dem Roman "Sonnenschein", der vom Holocaust erzählt und mit Fakten und Fotos genauso arbeitet wie mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Ihr Roman "Belladonna" erschien im Februar 2018.

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

Von Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander / Deutschlandfunk kultur

Berichte

Winnetou-Kulissen

Krka-Wasserfall, Zrmanja-Fluss, der Gipfel Tulove Grede: Die Drehorte von "Winnetou" sind spektakulär... Der kroatische Schriftsteller Edo Popovic hat in seinem Buch „Anleitung zum Gehen“ ausführlich über seine Wanderungen in diesem Gebiet berichtet – und dem Velebit eine Liebeserklärung gemacht. Aber im südlichen Teil, dort, wo die Winnetou-Filme einst gedreht wurden, müssen Bergtouristen aufpassen.
Von Hella Kaiser / Der Tagesspiegel

Berichte

Was willst du in Senj, Thilo?

"Und du willst nach Senj, Thilo?“

Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

Berichte

Original-Kulissen von “Game of Thrones” in Kroatien (Galerie)

Andrea David, eine deutsche Bloggerin und großer Film-Fan, bereiste alle Locations in Kroatien, an welchen „Game of Thrones“ gedreht wurde.
Diese Fotos verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Grund hierfür ist nicht nur, dass die Fotografin berühmte Filmkulissen bereist, sondern diese auf eine ganz besondere Art und Weise festhält.

Berichte

Rijeka – Industriestadt mit Kultur

Rijeka in Kroatien wurde im Frühjahr 2016 zur europäischen Kulturhauptstadt 2020 ernannt.

KM Extensions

Moderna Galerija: Moderne Kunst in Zagreb

Wenn man moderne Malereien und Skulpturen mag und wissen möchte, was für Werke kroatische Künstler vom 19. bis zum 21. Jahrhundert erschaffen haben, sollte man auf einem Städtetrip nach Zagreb die Moderna Galerija besuchen.

Authors' pages

Književna Republika Relations PRAVOnaPROFESIJU LitLink mk zg