Lyrik

Ivan Goran Kovačić: Das Massengrab

Ivan Goran Kovačić (1913 - 1943) war ein kroatischer Schriftsteller. Kovačić verfasste Gedichte, Erzählungen und Essays. Am bekanntesten wurde sein Poem Jama (Das Massengrab), eine leidenschaftliche Anklage gegen die Schrecken des Krieges, und das in viele Sprachen übersetzt wurde. Auch Pablo Picasso wurde durch das Werk inspiriert. An seinem Geburtshaus in Lukovdol befindet sich eine Gedenktafel und daneben ein Denkmal. Hier findet alljährlich am Geburtstag des Schriftstellers die Veranstaltung Goranovo proljeće statt.



  

I

IN BLUT gebadet sind mir Licht und Dunkel.

Die traute Nacht, ich muss sie jetzt vermissen.

Es tropft der Tag ins blutige Gefunkel

der Augenhöhlen. Licht ward mir entrissen.

In meinem Hirne brennt der Wunde Brand.

Mein Augenpaar erlosch auf meiner Hand.

 

Ein Vogelflattern noch in ihnen zittert.

Noch muss darin des Himmels Umkreis blinken.

Mein blutges Antlitz, fühle ich erschüttert,

mit seinem Blau im Augenstern versinken.

Auf meiner Hand lacht noch der Augen Schimmer,

und meine Tränen, versiegt sind sie für immer.

 

Nur von des Henkers Fingern tropft' es warm,

als er, die Qual zu mehren, dort gewühlt,

wo tief mich der dolchbewehrte Arm,

den ich an meiner Kehle schon gefühlt.

Mir aber sind entgegen seinem Wähnen,

die Tropfen so vertraut, als wären's Tränen.

 

Der letzte Lichtstrahl vor der Urnacht Grauen

war noch des Dolches blitzgeschwindes Zücken,

ein Aufschrei! grell in Blindheit zu erschauen

der Henker weisse Haut, die weissen Rücken:

nackt bis zum Gürtel standen sie im Freien

die Augen auszustechen uns in Reihen.

 

O Licht voll Weh, wie du — mit solchem Gluten —

ist keine Sonne jemals aufgegangen.

In Feuertränen fühlt' ich mich verbluten,

da sie aus leeren Höhlen glühend sprangen.

Das Schreien anderer Gequälter gellte

durch diese Unterwelt, die blitzerhellte.

 

Nicht weiss ich mehr, wie lang der Brand gedauert,

da wuchsen Knorren aus den Augenwänden,

— zwei harte Kugeln —, und ich stand durchschauert,

die Augen, schleimig, fühlt' ich in den Händen:

„Blind! Liebe Mutter! Wie vor dir erscheinen?

Wie kann ich Blinder, Mutter, dich beweinen?“

 

Doch Licht — wie weisser Türme Glockenklanggedröhn —

durchbrach die Wirrsal meiner Finsternis.

Licht! Herrlich wie ein Glanz aus Sions Höhn!

Licht, das da leuchtete und Wege wies!

So hell sind Baum und Vogel, Mond und Fluss!

So weiss wie Muttermilch ist euer Gruss!

 

Doch neuer Schmerz durchfuhr mir jah die Glieder:

„Die Augen!“ rief der Henker — „zerdrücke sie!“

Fast brach ich überwältigt vor ihm nieder.

Und meine Faust umkrampfte Schleim — ich schrie.

Die Sinne schwanden mir, ein dumpf Verhallen.

In Grabestiefen fühlte ich mich fallen.

 

II

MIT Harn begossen, sollte ich erwachen,

durch Schlag und Brandmal die Besinnung finden.

Mit stumpfer, dicker Ahle dann durchstachen

die Henker reihweis unsre Ohren. — „Lachen!“

befahlen sie bei jedem Stich. — „Wir machen

Ohrringelchen zum Taufgeschenk euch! — Lachen!“

 

Ein grauses Greinen, Grinsen und Gelächter:

es ist als heulten grabentstiegne Leichen;

vor diesem Wahnsinn schaudern selbst die Schlächter.

Die Knute saust: kein Opfer kann entweichen.

Aus Todesbitternis tönt unser Gröhlen,

als weinten wir aus leeren Augenhöhlen.

 

Doch plötzlich fallen wir in totes Schweigen,

verstummt vielleicht aus Angst, dass wir noch leben.

Am Ohr gezerrt im dumpfen Schmerzensreigen

nach einer Seite, harren wir und beben.

Ein Vogellied kommt aus dem Wald geflogen.

Durch unsere Ohren wird ein Draht gezogen.

 

Fiel sich zu regen einem von uns ein,

gleich stöhnt er auf, von wildem Schmerz gepeinigt.

„Schweigt!“ — brüllt der Henker — „Wisst, das musste sein:

So bleibt ihr fluchtbehindert eng vereinigt!“

Nun rührt sich keiner mehr aus unsern Scharen,

vor neuer Qual uns Blinde zu bewahren.

 

Beruhigt ruht — wir konnten nicht entlaufen! —

der Henker Haufe müd im kühlen Schatten.

Kalt gluckst das Wasser, und man hört sie saufen,

den Frass zerkaun, den sie ergattert hatten,

Arbeitern gleich, die im Beisammensitzen

sich gern erlustigen an derben Witzen.

 

Bald schien es fast, als seien wir vergessen:

sie liessen schamlos Winde streichen, gähnten, —

„Heut sah ich eine, die wär' euch ein Fressen…“ —

erfanden Zoten zu den längst erwähnten.

Und Wein- und Wasserglucksen, das nicht endet…

Uns zerrt der Draht, sooft sich einer wendet.

 

III

IN meiner Reih, erfasst von Wahnsinnsgraus,

schreit gellend auf ein Weib: „Es brennt! Es brennt!

Ihr Männer! Männer auf! Es brennt das Haus!“

Das Drahtseil bohrt und schneidet, sticht und trennt

die blutgen Ohrenklumpen fast vom Knochen,

zu Boden stürzt das Weib, erstickt, gebrochen.

 

„Ihr Totenschädel! Eulen! Blinde Tröpfe!

in eure Augen pressen wir noch Glut,

damit ihr seht! Ihr blinden Katzenköpfe!“

ein Tier, ein trunkner Schlächter, schnaubt voll Wut.

Ein Dolch blitzt auf an eines Blinden Wangen:

dann blieb ein Ohr am Drahtseil zitternd hangen.

 

Ein Schrei heult auf: schon rast durch Nacht und Grauen

das blinde Opfer; Schritte stampfen, hallen...

Der Häscher rennt. Sien Dolch ist nicht zu schauen.

Man hört des Flüchtlings Leib zu Boden fallen.

„Der ist befreit!“ — O Irrsinn meiner Worte!

Zum Massengrabe schleift uns die Eskorte.

 

Dumpf klopft des Herzens Schlag in hohler Brust,

und durch den Draht der andern Herzen klingen.

Fort treibt uns dieses Pochen unbewusst.

(Wie Herzen springen, die im Dunkel singen!)

Jäh macht mich dieses Pochen sehend: innen,

da sammelt sich zu hellem Glanz mein Sinnen.

 

Das Massengrab, erschaut im Morgenblinken,

bereitet gestern, seh' ich jählings wieder;

erhorche, wie die ersten Opfer sinken,

sie stürzen, Stoss um Stoss, zur Tiefe nieder.

Mit klarem Denken will ich nunmehr zählen,

bis sie als Fünfzigsten — mich auserwählen.

 

Ich zählte sie, die Opfer, die verschwanden,

genau, ich wusste, wer dort rückwärts fehlte,

wieviele dort vor mir ihr Ende fanden.

Denn Schlag und Stoss verhehlten nichts. Ich zählte:

muss meines Hirnes Kraft zusammenfassen,

um keins der Zeichen ausser acht zu lassen.

 

Ein zages Grillenzirpen. Hochgeschichtet

beschatten Wolken weithin alles Land.

Ich höre, wie er Notdurft hier verrichtet,

ein anderer Schlächter übt die Mörderhand.

Das alles im Gehör wird mir Gesicht,

des Messers Schneide blitzt im Sommerlicht.

 

IV

DER ersten Opfer Röcheln, todesmatt;

ein dumpfer Aufschlag folgt dem Niedergleiten:

Ein Gurgelschnitt, ein Stich ins Schulterblatt.

Ich kenne alle diese Schaurigkeiten.

Und eine Hand stösst roh das Opfer ab:

Verwesung harrt im tiefen Massengrab.

 

Ob vor mir einer wankt, zusammensackt,

ob hinter mir ein neuer Angstschrei gellt:

ich zähl' hinzu die jetzt der Henker packt,

ich zähle ab, die er durchbohrt, gefällt,

ob eines jeden Tod und dies mein Wissen

mir auch das Herz mit spitzem Zahn zerrissen.

 

Da aus der Grube tönt's wie Kindergirren:

zerrissner Kehlen Stimmband noch vibrierte.

Oh, könnte ich im Zählen mich nicht irren?

Da kracht es: eine Bombe explodierte

im Abgrund. Da ich's schwankend überwunden,

fühl ich die letzte Hoffnung mir entschwunden.

 

Nur eines hält mich noch, verwandelnd alles

in meinem Ohr, dass ihm kein Laut entwiche.

Ich zählte einunddreissig dumpfen Falles

Verstummte, — zweiundsechzig Messerstiche.

Doch Henkershände werden mählich müder:

schon glimmt ein Hoffnungsfunke in mir wieder.

 

Wehlaute, die von unten uns erreichen,

erstickt der zweiten Bombe Donnerkrachen.

Gedämpft der Aufschlag immer neuer Leichen

im Brei der Leiber unter blutgem Lachen.

Da gleit auf Blut ich aus und steh gebannt:

auch ich nun an des Massengrabes Rand!

 

V

UND wieder sah ich, deutlich, immer besser,

— als hätt ich wieder Augen, die da sehen —

des Henkers weisse Haut, die Hand, das Messer,

die Opfer: — Lämmer, die im Schlachthof stehen,

erstarrt und still — die, eines nach dem andern,

gelassen dann zum Metzgermesser wandern.

 

Beständig rückt im Gleichmass vor die Reihe

— als ob dort vorne jemand Gaben teilte. —

Kein Jammern, Zucken, keine Klageschreie,

wie Ähren, die der Sense Hieb ereilte;

sie rascheln kaum im Sonnenbrand. Was klingt,

ist unser Blut, das aus der Kehle springt.

 

Voran geht's Schritt für Schritt, von Qual getragen.

Geröchel, Schlag und Fall. Gerinnsel, Klopfen.

Erstarrt steh' ich, ans Kreuz der Angst geschlagen,

verspüre bitter fremden Blutes Tropfen

auf meinen Lippen. Jetzt bin ich der Dritte

am Grubenrand aus meiner Reihe Mitte.

 

Ein Dunkel, ärger als der Blindheit Nacht,

raubt den Verstand mir, lähmt die Sinne jäh.

Dann Helle! Grell wie Morgensonnenpracht.

O Funke! Pfeil! O Flamme! Weisser Schnee!

O Überlicht allum, von nah und fern,

wie Nadelstich in eines Auges Stern.

 

Vor mir ein Taumelnder, kaum noch am Leben,

der jetzt im Todeskampf zusammenknickt,

durchschüttelt von der letzten Seufzer Beben;

aufstöhnend leis, er röchelt, er erstickt.

Ein Wurf! Aufklatschend wie ein Fisch im Meere

versinkt er. Vor mir hoffnungslose Leere.

 

Haltlos — noch seh' ich alles in Gedanken —

steh ich an Abgrunds Schwelle nun, durchschauert

Bald vorn und bald zurück, ein wirres Wanken,

knapp hinter mir ein zweiter Abgrund lauert.

Vom weissen und vom schwarzen Pfeil durchstochen

stürz' zuckend ich hinab, im Mark gebrochen.

 

VI

VON Todeskälte angerührt, geschüttelt,

fühl' eines Leichnams Last ich ber mir.

Aus Ohnmacht jäh durch Grauen aufgerüttelt,

vernehm' ich eines Weibes Schreien. — Hier?

Doch wo? - Vom Schlund verschlungen, kein Entweichen,

Geopferte, die toten Fischen gleichen.

 

Ein Leib liegt unter mir, weich wie Gallerte,

die schleimig in des Blutes Lauge zittert.

Was mich aus eisiger Erstarrung zerrte,

war jenes Weibes Weh. Zutiefst erschüttert

tast' ich dorthin, woher der Schrei erschallte:

die Hand befingert eine Wundenspalte.

 

Da raffen sich all meine Lebenskräfte

zum ersten Male auf, hier unter Leichen.

Nur leere Augenhöhlen zu erreichen,

gelang mir: nacktes Flesch, gestockte Säfte.

Es war, als sei im Schrei, dem all der Toten,

der Qualkreis einer Hölle überboten.

 

Fällt eine Bombe? Aufgescheucht von Schrecken,

umkrampft die Hand aufs neue Grässlichkeiten,

stört auf im Haufen Leiber, die sich recken,

mit mir sich balgen, auf mich niedergleiten.

Noch röcheln Kehlen nach dem Messerschnitte,

von draussen hör' ich Stimmgewirr und Schritte.

 

Um Gott! Sind's Frauenarme, die mich halten?

Umschlingung nach dem zwiefach bittern Sterben,

auf greisem Antlitz runzeln sich die Falten.

Die Hände, Mütterchen, die harten, herben,

ich will sie reiben, will sie kosen, küssen.

„Töt' ich dich, Mutter?“ hab ich denken müssen.

 

Ich hörte noch der Greisin letztes Stöhnen,

verzweifelt wünschend: möge sie doch leben!

Mit allen Toten wollt' ich mich versöhnen,

noch fühlte ich die kalten Lippen beben . . .

Umnachtun . — Dann vernehm' ich kaum bewusst

mein Schluchzen. Und es sprengt mir fast die Brust.

 

VII

VERSTUMMT. Allein. Allein mit kalten Leichen,

Des Todes Kälte rüttelt mich, den Wachen.

Mich dürstet. Eisesflammen fühl' ich streichen:

es brennen Gaumen, Zunge, brennt der Rachen.

Aus Eis bricht Höllenglut. Kein Laut zu hören,

kein Todesschrei, die Einsamkeit zu stören.

 

Die Schreckensbürde, unter der ich ächze,

sie kältet nicht, die Kehle mir zu laben.

Stets ärger Last und Durst, je mehr ich lechze.

Da schrei' ich fast: — Strömt Wasser in den Graben?

Ich hör's — o Kühlung! — über Leichen gleiten.

Doch wie? Es brennt! Es brennt von allen Seiten.

 

Auf nackter Haut, durch kältestarre Schichten,

den Bauch entlang, die Brust, die Schenkeln, Weichen,

das kalte Bächlein brennt! Wohin mich flüchten?

Rinnsale bohrt's ins Fleisch, im Weiterschleichen.

Da das Gerinnsel heiss den Mund berührt,

erbebt die Zunge, weil sie Kalk verspürt.

 

Auf uns ward Kalk gegossen, wo wir lagen;

wir Toten könnten sonst die Luft verpesten.

Dank für die Wärme, für das Wohlbehagen,

das ihr geschenk den Leichenüberresten!

Ich taste Leichen, zuckende, gleich Fischen,

bestreut man sie mit Salz auf Küchentischen.

 

Vom Zucken, da sich Menschen — sterbend — regen,

vom Zittern, das mich schwebend trägt ins Weite,

seltsam gepackt, wünsch' ich dem Frevler Segen.

Noch lebt ein Leichnam hier an meiner Seite.

Noch streicheln mich der Greisin tote Hände:

sie weiss, dass meine Qual noch nicht zu Ende.

 

VIII

ALS sie verebbt, des letzten Lebens Welle,

vernahm ich Schritte wie aus Echoweiten.

Ein Scherge ging wohl um die Grubenstelle.

Und Stille ward, die Stille toter Zeiten.

Ellbogen stemm' ich, Erde zu erfassen,

wie Totengräber, die ein Grab verlassen.

 

Entsetzen packt mich. Leichen, die sich neigen,

die weinen, lachen, wüten, niedergleiten;

sie zerren röchelnd mich in ihren Reigen,

mit Nägeln mich zu würgen Fingerspreiten

und nackte Hinterteile, Bäuche, Krallen,

Gebein — mich Lebenden zu überfallen.

 

Hielt ich an mich, dann hielten still auch sie.

Die Last wird leichter. Fällt auch noch im Wanken

ein Fuss auf mich — nicht drückt er mich ins Knie. —

Nichts hält mich mehr zurück. — Durch Klettern sanken

die Toten — sag ich mir. — Den Hals umschlungen

von Frauenhaar, war ich noch nicht bezwungen.

 

Ein kalter Luftstrom drang mir in den Mund,

dem Aufstieg nahend durch die Schicht der Leichen;

und gierig schluckt' ich ihn. In meinem Schlund

bricht aus den Wunden Blut: ein Rettungszeichen!

Ich lache: doch kein Lachen ist's — ein Greinen.

Wer solch ein Lachen hört, der müsste Weinen,

 

erstarrte er in Schweigen nicht und Schrecken

vor mir — dem Scheusal. — Trost? — Ich habe keinen.

Aus meinem Weinen wird nun Lachen blecken,

aus meinem Lachen aller Herzen Weinen.

In meiner Augenhöhlen leerem Innern,

da nistet stumm ein Massengrab-Erinnern.

 

Und mich bedrückt wie einer Schuld Gewicht,

dass ich die Toten in dem Grab verlasse.

Denn Luft ist Leben… und ich lebe nicht.

Ergeb' zu neuem Mord ich mich dem Hasse?

Da sagt: du lebst! — das Weh aus meiner Wunde.

Ich fasse mich. — Feucht naht die Abendstunde.

 

IX

OH, NIE so fieberndheiss wie damals habe

die Dämmrung ich ersehnt. Der Tau — gib acht! —

fällt tropfenweis auf Leichen, tief im Grabe.

Die Zunge brennt, sie sucht nach Labung sacht,

beleckend Arm und Bein, als wär's ein Rohr:

ich lang nach ihnen, wind' mich so empor.

 

In lange Haare angstlos mich verkrampfend,

begann ich wild zu klettern, stiess und rang,

auf Brüste tretend, über Brüste stampfend,

nicht schaudernd mehr, wenn Luft aus Leichen drang,

ganz ohne Scheu vor Menschenfleisch und Blut,

vom Durst gestachelt fast zu Wahnsinnswut.

 

Vermag nicht Schmerz noch Furcht noch Scham zu fühlen,

die Leiber stürz' ich dreister, trete fester,

als würden Tritte Erdengrund zerwühlen;

vielleicht zertrat ich meine tote Schwester,

ein zartes Lieb. Den Nachbar stiess ich nieder.

Durst gab mir Mut und alle Kräfte wieder.

 

Gleich einem Tier, das jählings ausgebrochen,

vergass ich jede Vorsicht. War es Abend?

Den Spuren Blutes bin ich nachgekrochen.

Mein Trunk — der Gräser Tau — war tierisch labend;

warf gierig mich darüber, ass nud trank,

— ein Wrack, das in der Wiesen Meer versank.

 

Voll Gras den Mund, ich hab' es ausgespien,

von Glut und Frost, von schwerem Alp befallen.

Gerettet! Doch wohin, wohin entfliehen?

Ich zittre, denn der Henker Lieder halllen

von fernher, höhnend unser Qualen Nacht.

Grell lodert Hass. Die Trauer gibt ihm Macht.

 

X

DA SPUR' ich Brandgeruch herüberwehen

vom Dorf, dem meinen, Qualm, o süss und bitter ,

Erinnerungen daraus auferstehen

an Hochzeit, Weinlesfeste und Gesänge,

Begräbnis, Klagelieder, Kultgepränge:

des Lebens Aussaat, — Tod der Ernteschnitter.

 

Ach, wo ist, kleines Glück, dein Glasgefunkel,

Der Schwalben Nest, des Gartens Blütenduft,

Der Wiege Schaukeln in vertrautem Dunkel,

Die Schwelle goldbestreut vom Glanz der Luft.

 

Und wo der Spindel Surren? Wo der treue

Geruch des Brotes, Heimchens Dank dafür?

Und Fenster für ein Stückchen Himmelsbläue?

Des Hauses heilge Schwelle, Laut der Tür?

 

Und wo vom Stall her das Geläut der Rinder,

Gebälk durchdringend, klang's mir in den Traum,

da Sterne über Dörfer, über Kinder

dem Frieden strahlten bis zum Bergessaum.

 

Kein Lied, kein Fluch, kein Lachen, kein Gewimmer —

Im Talgrund ist des Brunnens Laut versiegt,

der Wandermond beschaut den Schutt, die Trümmer,

den Hundskadaver, der am Wegrain liegt.

 

Gibt's einen Ort der Tränen, Qualen, Plagen,

wo Lebende noch leiden, Not beweint?

Gibt's einen Ort, wo du, Wenn auch geschlagen,

noch weiterlebst mit einem, der dir feind?

 

Den Ort, wo Kinder jauchzen, Väter scherzen

mit Töchtern noch, den Sohn die Mutter hegt?

Der Bruder nach der Schwester Todesschmerzen

ihr auf die Brust die weisse Lilie legt?

 

Wo Fensterblumen, Freude nach zu künden

und Leid zu lindern, blühen farbenfrisch?

Gibt es noch einen grössren Schatz zu finden

als Väter-Hausrat, Truhe, Bank Und Tisch?

 

Gigantisch dröhnt aus dem Gehölz ein Prasseln,

Ein Krachen, Splittern, Kugelpfeifen, Rasseln:

des Donners Kinder! In den Lüften oben

verebbt der Lärm, allmählich stirbt das Toben.

Noch wogt der Kampf. Schon rückt der Rächer vor.

Und Freude macht mich stark wie nie zuvor.

 

Herdstätte mir im Herzen neu entbrannt!

Vergossnen Blutes Recht und Ruf nach Rache

am Tag der Glorie, der die Schatten bannt,

durchfiebern mich, dass Freiheit sich entfache.

Und vom Ruinenrauche angezogen,

wank' ich zu euch, woher die Kugeln flogen.

 

Nun habt am Wegrain ihr mich aufgefunden,

ihr unbekannten Helden ohnegleichen.

Und euer Lied, wie Licht in Morgenstunden

durchströmt es mich, o Licht, du Gotteszeichen.

Träum ich? Ertastend will ich es erkunden.

„Wer sang? Und wer verbindet meine Wunden?“

 

Und meine Stirne kühlen Frauenhände.

Sie haucht: „Wir sind's, Genosse. Partisanen!

Du bist gerächt. Dein Leiden ist zu Endel“

Die Stimme lässt ein zartes Antlitz ahnen.

Ich fasse wortlos, tastend hin und her,

der „Schwester“ Handgranate und Gewehr.

 

Ich schluchze auf, erschüttert muss ich weinen,

doch mit der Kehle, denn ich bin ja blind,

nur mit des Herzens Tränen, da die meinen

auf Henkers Dolch in Qual verblutet sind.

Ich schau' euch nicht, ein Blinder ohne Macht:

gern trät' ich an mit euch zur letzten Schlacht.

 

Wer ihr auch seid, woher auch eure Lieder,

ich weiss sie nicht, doch atme ich jetzt wieder,

ich fühl' mich leben, wenn auch todbereit,

erahne Freiheit — der Vergeltung Zeit...

Durch eure Weisen, wie die Sonne hehr,

stark wie das Volk, bin ich kein Blinder mehr.

 

 

(Aus dem Kroatischen von ZLATKO GORJAN)

 

 

 

Autoren

Gewinner-Duo Ivana Sajko und Alida Bremer

Die Autorin Ivana Sajko und ihre Übersetzerin Alida Bremer erhalten für "Liebesroman" (Voland & Quist) den 10. Internationalen Literaturpreis − Haus der Kulturen der Welt 2018 für übersetzte Gegenwartsliteraturen.

Autoren

Daša Drndić (1946 - 2018)

Der Stil von Dašsa Drndic war eine einzigartige Mischung aus Fakt und Fiktion. In ihren Arbeiten vermischte sie eine nüchterne Sprache und zurückhaltend poetische Miniaturen mit historischen Tatsachen.
So auch in dem Roman "Sonnenschein", der vom Holocaust erzählt und mit Fakten und Fotos genauso arbeitet wie mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Ihr Roman "Belladonna" erschien im Februar 2018.

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Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

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Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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